Gottesdienst – Jesaja 49,1-6

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Predigt zu Jesaja 49,1-6 am 17. Sonntag nach Trinitatis 8.10.06

Liebe Gemeinde,

es gibt eine Geschichte über eine bemerkenswerte Beziehung, die während der furchtbaren Bodenkämpfe im Ersten Weltkrieg geschmiedet wurde. In den langen Zeiten im Graben lernten sich zwei amerikanische Soldaten gut kennen. Sie erzählten sich von ihren Familien, was sie vorhatten, wenn der Krieg vorbei wäre, und gelegentlich sogar, wie sie mit der Angst umgingen, dass so viele Männer in ihrer Nähe waren, deren einziges Ziel es war, ihr Leben auszulöschen.

Eines Nachts bekamen die Soldaten Befehl, ihren Graben zu verlassen und den Feind anzugreifen. Der Kampf war brutal und verzweifelt, und die zwei Freunde verloren einander aus den Augen. Nach einer langen, verlustreichen Schlacht kam der Befehl, sich in den Schutz des Grabens zurückzuziehen. Als der eine Soldat zurückkehrte, fragte er die anderen nach seinem Freund. Schließlich erfuhr er, dass sein Freund noch auf dem Schlachtfeld lag, verwundet und blutend. Ohne auch nur an die Gefahr zu denken, verkündete er, dass er zurückgehen und seinen Freund holen wolle.

„Auf keinen Fall!“, verbot ihm der befehlshabende Offizier. „Es ist Selbstmord, noch einmal dort hinauszugehen. Es ist das Risiko nicht wert. Ich habe bereits mehr Männer verloren, als ich mir leisten kann.“

Der Soldat wartete, bis der Offizier wegschaute. Dann sprang er aus dem relativ sicheren Graben und kroch auf seinen verwundeten Freund zu. Sofort hatte er den Preis dafür zu bezahlen – die Explosionen, die die Erde erschütterten, der Rauch, der ihm so stark in der Kehle brannte, dass er einen Hustenanfall bekam, und die Kugeln, die über seinen Kopf flogen und ihn zwangen, sein Gesicht auf den blutgetränkten Boden zu drücken.

Trotzdem kroch er weiter, bis er seinen Freund erreichte. Er wechselte ein paar Worte mit ihm und begann dann, ihn zum Graben zurückzuziehen. Irgendwo auf dem Weg zum rettenden Graben starb der verwundete Freund. Mit großer Trauer zog der Soldat einen geliebten Leichnam in den Graben.

„Und, war es das wert?“, brüllte der Offizier, der wütend war, weil sein Befehl missachtet worden war. „Unbedingt“, antwortete der Soldat. „Die letzten Worte meines Freundes waren es wert.“ „Was kann er denn so Wertvolles gesagt haben, dass du dafür dein Leben riskieren musstest?“, knurrte der Offizier. „Als ich zu ihm kam, sah er mein Gesicht und sagte: ´Ich wusste, dass du kommen würdest.´“

Gary Thomas, in dessen Buch mit dem Titel „Auch Stürme bringen uns ans Ziel. Was den Glauben stark macht“ ich diese Geschichte fand, meint dazu: „In einer Kultur, die das eigene Ich feiert, die uns auffordert, uns selbst treu zu sein, wird eine prophetische Kraft frei, wenn Menschen selbstlos handeln, wenn sie lernen, andere an die erste Stelle zu setzen und sich für einen anderen zu opfern.“

Warum erzähle ich diese Geschichte? Weil sie uns auf ihre Weise etwas von dem zeigt, wovon Jesaja sehr rätselhaft im 49. Kapitel schreibt:

Der Knecht Gottes das Heil Israels und das Licht der Heiden

Hört mir zu, ihr Inseln, und ihr Völker in der Ferne, merket auf! Der HERR hat mich berufen von Mutterleibe an; er hat meines Namens gedacht, als ich noch im Schoß der Mutter war. Er hat meinen Mund wie ein scharfes Schwert gemacht, mit dem Schatten seiner Hand hat er mich bedeckt. Er hat mich zum spitzen Pfeil gemacht und mich in seinem Köcher verwahrt. Und er sprach zu mir: Du bist mein Knecht, Israel, durch den ich mich verherrlichen will. Ich aber dachte, ich arbeitete vergeblich und verzehrte meine Kraft umsonst und unnütz, wiewohl mein Recht bei dem HERRN und mein Lohn bei meinem Gott ist. Und nun spricht der HERR, der mich von Mutterleib an zu seinem Knecht bereitet hat, dass ich Jakob zu ihm zurückbringen soll und Israel zu ihm gesammelt werde, – darum bin ich vor dem HERRN wertgeachtet, und mein Gott ist meine Stärke -, er spricht: Es ist zu wenig, dass du mein Knecht bist, die Stämme Jakobs aufzurichten und die Zerstreuten Israels wiederzubringen, sondern ich habe dich auch zum Licht der Heiden gemacht, dass du seist mein Heil bis an die Enden der Erde.

Liebe Gemeinde, diese Sätze werfen Fragen auf, die kein Ausleger eindeutig und letztgültig zu beantworten vermag. Wer ergreift hier im Buch des Propheten eigentlich das Wort? Spricht Jesaja von sich oder von seinem Volk Israel? Wartet er auf eine irdische Lichtgestalt, einen politischen Führer, und leiht ihm seine Worte, oder meint er den Heiland, den Messias?

Auf jeden Fall gilt: Gott erwählt und beruft den sogenannten Gottesknecht „von Mutterleibe an“ und rüstet ihn aus mit durchdringender und weitreichender Kraft, veranschaulicht im Bild vom Schwert und vom Pfeil. Einen, der ausgesendet wird, Licht und Heil für andere zu sein. Der Menschen zurückbringen soll zum Leben, zum Schöpfer aller Inseln und Völker.

In der Gestalt des „Gottesknechtes“ ereignet und verwirklicht sich Notwendiges, weil Gottgewolltes. Ihr Lieben, Gott will Licht und Heil für die Welt. Zuallererst für Israel, aber nicht weniger leidenschaftlich für alle übrigen, hier bezeichnet als die Heiden, „bis an die Enden der Erde“. Licht und Heil auch für dich und mich.

Gott plant und regiert seit Urzeiten. Und er richtet dafür Knechte, manchmal ein gesamtes Volk, ganz auf sich hin aus. Damit diese Ausgewählten dann ganz auf andere ausgerichtet sind. Wer von Gott voll in Beschlag genommen ist, pflegt kaum mehr die Angst um die eigene Existenz, bloß noch die Sorge um die Rettung der Nächsten und Fernsten.

Es sind Boten mit Haut und Haaren, mit Blut und Tränen. Mahner und Verkünder, die nicht einfach anderen Menschen folgen. Ja, die nicht einmal mehr sich selbst, sondern Gott treu sind. Propheten wie Jesaja – und schließlich der Prophet, „der Israel erlösen werde“ (Luk 24,21). Jesus Christus bezeugt von sich: „Ich bin das Licht der Welt.“ (Joh 8,12) Und er geht dafür hinein in die Finsternis des Todes am Kreuz., damit Menschen bis heute in den Abgründen des Leidens sprechen können: „Ich wusste, dass du kommen würdest.“

Jesus tut das, obwohl alles dagegenspricht. Etwa der gesunde Menschenverstand oder wohlmeinende Angehörige oder ein irdischer Vorgesetzter. Das Heil bringen, das Heil sein – unter Einsatz deines Lebens: „Du bist verrückt. Unmöglich, utopisch, aussichtslos!“ So scheint dieses Unterfangen tatsächlich – nicht wert der unzähligen Mühen und des lebensverzehrenden Wagnisses. Wirklich nicht? O doch. Wert wäre es nur da nicht, wo es unsere Idee, unser Wollen, unser Machwerk wäre. Aber niemals, wenn Gott es verfügt.

Gott treu sein. Auch wenn wir fürchten: vergeblich vielleicht. Auch wenn wir wissen: die Realität brütet Unheil statt Heil. Auch wenn wir sehen: das Recht des Herrn bleibt auf der Strecke. Gesucht ist Glauben gegen alle Erfahrung. Vertrauen im Angefochtensein. Wer im Namen Gottes erfolglos strauchelt und umsonst arbeitet, soll sich sagen lassen:

„Hört mir zu, ihr Inseln, und ihr Völker in der Ferne, merket auf! … ER spricht: Es ist zu wenig, dass du mein Knecht bist, die Stämme Jakobs aufzurichten und die Zerstreuten Israels wiederzubringen, sondern ich habe dich auch zum Licht der Heiden gemacht, dass du seist mein Heil bis an die Enden der Erde.“

Resigniert und gescheitert? Überall Tod und nicht Leben? Alles sinnlos und verkehrt? Entlassung aus dem Dienst? Aber nein! Beförderung im Dienst! „Hört mir zu!“ ruft Jesaja. Ihr seid Mitbetroffene, meine Sache ist eure Sache. Mir ist geholfen worden! So misslich die äußere Lage sein mag, so schwer mir das unnütze Mühen wird: meine Sache steht gut, sie ist aufs beste begründet. Gott spricht ja dafür! Mehr noch als bisher will er durch mich erreichen.

Liebe Gemeinde, der Knecht Gottes hat, wie Christus selbst, – und es hat auch die Kirche dieses Christus – keine Stützen in den Dingen und Kräften der Welt. Ein Knecht Gottes soll und muss sich darum nicht beschäftigen damit, was aus seinem Tun wird. Das verwirrt und entkräftet bloß. Hauptsache, er gehorcht Gott und niemandem sonst. Auf Gott soll er blicken.

Gott wird schon überblicken, was er daraus macht und wie er es macht. Haben wir nicht schon gehört von Wundern über Wundern? In Bedrängnis verteidigt Gott selbst den, der in seinem Auftrag lebt. Vom Tode gar mag er auferwecken. Und er kümmert sich höchstpersönlich um die Wirkkraft dessen, den er gesandt hat.

Mit seinem Wort vollbringt er das. Mit dem geschriebenen und gepredigten Wort. Wer von dieser Kraft nichts weiß, kann sich nur verschätzen. Das Wort macht Geschichte. Es holt uns in dieses Gotteshaus wie Abermillionen vor uns und mit uns. Es führt uns zu Gott, wird uns Licht und Heil.

Ihr Lieben, alles hängt davon ab, dass wir im verkündigten Wort den Einen finden, dem wir gehören. Warum? Weil wir hier Gedanken über Gott vernehmen? Viel mehr: Weil wir da Gott selbst finden. Und indem du und ich Gott finden – der uns längst gefunden hat -, wird Gott herr-lich. Herrlich durch den Tod hindurch. Unser Herr im Leben und im Sterben.

Im Kleinen und Alltäglichen werden wir dann wie von selber Knechte, Diener dieses unseres Gottes. Nicht immer unter Einsatz unseres Daseins. Doch stets mit ganzem Herzen und mutigem Ja. Wo richtet Gott vielleicht heute durch dich sein Werk aus? In der Nachfolge Christi dürfen wir künden – gegen den Augenschein, gegen Niedergedrücktsein, gegen Zerstreuung: Gott will das Heil bis an die Enden der Erde.

Erinnern wir uns an die Syrophönikierin im Evangelium des Sonntags und denken an die vielen, die Christus ebenso nötig haben wie wir. Gott will, dass niemand verloren gehe. Wieso es um Rettung geht, versteht freilich nur der, der gemerkt hat, was es mit einem unbereinigten Verhältnis zwischen Gott und uns auf sich haben müsste. Aber das wäre Stoff genug für eine weitere Predigt.

Darum will ich jetzt schließen mit dem gehobenen Blick auf den Herrn und der gesungenen Bitte an Jesus Christus: „Christus, dein Licht verklärt unsre Schatten, lasse nicht zu, dass das Dunkel zu uns spricht. Christus, dein Licht erstrahlt auf der Erde, und du sagst uns: auch ihr seid das Licht.“

Amen.

Pfarrerin Birgit Ilse Bauer, Kreuzkirche Bayreuth