Gottesdienst – Jesaja 43, 1 -7

Zur PDF

6. Sonntag nach Trinitatis, 15.07.2007 Jesaja 43, 1 -7

Gnade sei mit euch und Friede, von Gott, dem Vater, und unserem Herrn Jesus Christus. Stilles Gebet

Unser Predigttext steht im 43. Kapitel des Propheten Jesaja:

So spricht der Herr, der dich geschaffen hat, Jakob und dich gemacht hat Israel:

Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst, ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein!

Wenn du durch Wasser gehst, will ich bei dir sein, dass dich die Ströme nicht ersäufen sollen und wenn du ins Feuer gehst, sollst du nicht brennen und die Flamme soll dich nicht versengen.

Denn ich bin der Herr, dein Gott, der Heilige Israels, dein Heiland. Ich habe Ägypten für dich als Lösegeld gegeben, Kusch und Seba an deiner Statt, weil du in meinen Augen so wert geachtet und auch herrlich bist und weil ich dich lieb habe. Ich gebe Menschen an deiner Statt und Völker für dein Leben.

So fürchte dich nun nicht, denn ich bin bei dir. (Ich will vom Osten deine Kinder bringen und dich vom Westen her sammeln, ich will sagen zum Norden: Gib her! Und zum Süden: Halte nicht zurück! Bring her meine Söhne von ferne und meine Töchter vom Ende der Erde, alle, die mit meinem Namen genannt sind, die ich zu meiner Ehre geschaffen und zubereitet und gemacht habe.)

Gott sagt: Fürchte dich nicht! Wir sagen: Ich habe Angst. Wie oft hat uns schon das beklemmende Gefühl irgendeiner Angst gepackt, ohne dass wir darüber gesprochen oder nachgedacht hätten. Manchmal wissen wir nicht einmal wovor wir Angst haben. Sie ist einfach da. In der Welt habt ihr Angst.

Angst gehört zum Leben. Oder? Noch bevor wir das Licht der Welt erblickten, hatten unsere Mütter Angst vor der Geburt: Wird alles gut gehen? Wird unser Kind leben und gesund sein? Wird die Geburt schwer werden? Und wir wissen nicht, ob nicht der erste Schrei eines neugeborenen Kindes auch ein Schrei der Angst ist. Der Angst vor dem Leben: Jetzt muss ich selber atmen, mich selber warm halten, mich anstrengen um Nahrung aufzunehmen.

Im Lauf des Lebens verändern sich die Ängste. Aber sie verlassen uns nie völlig. Die letzte Angst ist die Angst vor dem Sterben. Angst gehört zum Leben. Oder? Auch zum Leben eines Christen. Sogar zum Leben eines Propheten. Bei seiner Berufung hat Jesaja seine Angst vor dem heiligen Gott hinausgeschrieen: Weh mir, ich vergehe, denn ich bin unreiner Lippen und wohne unter einem Volk von unreinen Lippen. Angst vor Gott?! – Vor dem heiligen und zugegeben gerechterweise zornigen und strafenden Gott? Ich glaube dass viele Menschen diese Angst tief in sich haben und sie ständig zu verdrängen suchen, anstatt sie vor Gott zu bringen.

Auch Dr. Martin Luther lebte viele Jahre in Angst vor Gott. In der Angst Gott nicht gerecht werden zu können. In seiner Auslegung zu den Zehn Geboten fordert er sogar: Wir sollen Gott fürchten und lieben, ja über alle Dinge fürchten, lieben und vertrauen.

Geht das? Manche sagen: Ich kann einen Gott nicht lieben, den ich fürchten soll. Beim Propheten Jesaja kann man sehr gut entdecken, wer Gott fürchten muss und wer ihn lieben kann:

Fürchten muss ihn und sein Gericht jedes Volk, jeder Mensch, der sich seinen Ordnungen und seinem Willen widersetzt. Fürchten muss ihn, wer sich von ihm nicht abbringen lässt von falschen Wegen, wer nicht bereit ist, umzukehren, Schuld einzugestehen und sich vor ihm zu beugen. Alle, die Gott die Herrschaft über ihr Leben verweigern müssen ihn und sein Gericht fürchten.

Wer sich aber unter Gott stellt, sich von ihm korrigieren und leiten lässt, der lernt Gott bald von einer anderen Seite kennen. Wunderbare, tröstliche, liebevolle Sätze sind es, die der Prophet in Gottes Namen den Geängsteten zuruft: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst, ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein!

Eines der schönsten und bekanntesten Worte des Alten Testaments. Vielleicht war es auch Ihr Konfirmationsspruch oder sie haben diese Verheißung bei anderer Gelegenheit zugesprochen bekommen. Immer wieder wird es auch bei der Taufe einem Kind oder Erwachsenen zugesprochen.

An der Wand neben meinem Schreibtisch hängt in einem schlichten Holzrähmchen auch dieser Vers aus dem Jesajabuch. Es ist auch mein Taufspruch und je öfter ich ihn lese und bedenke, umso wertvoller wird er mir. Da steckt so viel drin an Kraft und Trost, an Fürsorge und Zuwendung Gottes. Dieser eine Vers fasst die übrigen Verse, nicht nur unseres ganzen Abschnitts, sondern eigentlich der ganzen Bibel zusammen. Er sagt uns mit wenigen schlichten Worten, wie Gott uns sieht und wie er mit uns umgeht.

Wir wollen uns die vier Teile heute genau ansehen:

1. Fürchte dich nicht!

2. Ich habe dich erlöst.

3. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen.

4. Du bist mein!

 

1. Fürchte dich nicht!

Gott sieht den Menschen, er sieht das Volk Israel, den Propheten, er sieht die Ängste in denen sie leben, er sieht deine und meine Angst und sagt erst einmal beruhigend und tröstend: Fürchte dich nicht! Du brauchst dich nicht zu fürchten, was es auch ist, was sich vor dir aufbaut, was dir den Schlaf raubt, was dir unüberwindlich und bedrohlich erscheint. Fürchte dich nicht, du bist nicht allein. Du bist nicht ausgeliefert, nicht ohne Hilfe, nicht ohne Schutz. Ich bin bei dir. Wenn es hier heißt: Ich bin der Herr, dein Gott, der Heilige Israels, dein Heiland, dann ist das Gottes liebevoller Trost in unsere Ängste hinein.

Der Herr, dein Gott! Wie oft rufen Menschen aus: O, mein Gott! Wenn das nicht gedankenlos wäre, sondern ganz bewusst, vertrauensvoll, glaubend, welche Geborgenheit würde davon ausgehen: Mein Gott! Ich hab ja einen Gott, der sich meiner annimmt, einen mächtigen Beschützer, Helfer, Retter und Ratgeber. Er hat die drei Männer im glühenden Ofen vor dem Feuer bewahrt, dass kein Haar versengt wurde, die Tiere und Menschen in der Arche vor den Fluten gerettet. Er gebietet dem Sturm und den Wellen und sie müssen ihm gehorchen. Er teilte das Meer, dass sein Volk durchziehen konnte und er ließ es zurückkommen um die verfolgenden Feinde zu vernichten.

Was muss der fürchten, der ihn zum Heiland hat? Nichts! Nicht einmal den Tod, denn er ist besiegt. Da kam ein Vater zu Jesus, der um das Leben seines kranken Töchterleins fürchtete und Jesus sagt zu ihm: Fürchte dich nicht, glaube nur! Und als kurz darauf Leute kamen, die dem Vater die Nachricht brachten: Gib’s auf, sie ist gestorben, da steht dieses Wort immer noch da: Fürchte dich nicht, glaube nur! Und er glaubt, dass Jesus stärker ist als der Tod und sein Kind lebt.

Der Glaube an den eingreifenden Herrn ist unsere Waffe gegen die Angst. Wenn bei jedem Schmerz die Angst vor einer schlimmen Krankheit aufsteigen will. Wenn wir Angst haben zu versagen oder allein zu sein oder unseren Aufgaben nicht gewachsen zu sein; wenn Prüfungsangst den Glauben lähmt oder irgendeine andere Angst, dann dürfen wir uns Gottes „Fürchte dich nicht!“ vor Augen halten und glauben: es gilt mir! Es gilt ganz allein mir!

Das ‚fürchte dich nicht’ Gottes wird getragen und begründet von der anderen großartigen Aussage Gottes: „Ich habe dich erlöst!“ Damals, zu Jesajas Zeiten war das auch eine politische Aussage. Gott löst sein Volk aus der Gefangenschaft der Perser und gibt dieser damaligen Weltmacht andere Völker dafür. Das reiche Ägypten, Kusch und Seba, das sind Nubien und Äthiopien. Und so verlieren die Mächtigen der Weltpolitik das Interesse an den armen geplagten Israeliten. Sie werden freigelassen und dürfen heim in ihr Land. Aus allen Himmelsrichtungen kommen sie zurück in das Land, das Gott ihnen einst gegeben hatte. Sie sind frei, sind erlöst.

Ja bis in die Weltpolitik setzt Gott seinen Willen durch. Da fallen Mauern, verschwinden Stacheldrähte und Diktaturen, werden Machtverhältnisse umgekehrt. Ich habe dich erlöst, das heißt im ursprünglichen Sinn Ich habe ein Pfand, ein Lösegeld, einen hohen Wert für dich bezahlt und damit deine Gefangenschaft beendet und das Urteil, das über dir stand, abgewendet. Das bist du mir wert, sagt Gott zu seinem Volk. Vor meinen Augen bist du wertvoll, geachtet, liebenswert.

Was ist das für ein Gott, der das zu einem treulosen Volk sagt, das ihn immer wieder gegen Götzen ausgetauscht, enttäuscht, vergessen und verraten hat! Du bist wert geachtet und ich habe dich lieb!

Zu Jesajas Zeiten hat Gott Völker als Lösegeld für Israel gegeben, einige Jahrhunderte später hat er seinen Sohn als Lösegeld, als Erlöser gegeben. Durch ihn gilt die Erlösung auch für uns. Und was uns in der Taufe grundsätzlich persönlich zugesagt wird, dürfen wir uns im Glauben immer wieder nehmen: Jesus Christus ist mein Erlöser, mein Heiland. Weil ich in Gottes Augen wertvoll, geachtet und geliebt bin. Das dürfen wir glauben. Darauf dürfen wir uns verlassen. Das gilt auch dann noch, wenn wir wieder schuldig geworden sind, wieder versagt haben, wieder falsche Wege gegangen sind.

Hier werden ja keine Bedingungen gestellt. Es heißt nicht: wenn du endlich alles richtig machst, werde ich dich erlösen, sondern: Ich habe dich erlöst! Ich habe schon bezahlt für deine Schuld. Jesus hat sein Blut schon vergossen für uns, damit wir erlöst sind und es nicht erst werden. So groß war seine Liebe zu uns schon, als wir noch gar nichts von ihm wussten.

Liebe ist was Wunderbares, aber auch etwas Rätselhaftes. Man kann sie nicht einfach erklären und begründen. Schon Menschen können zueinander sagen: Ich kann nicht verstehen, warum du mich liebst. Ich bin doch gar nicht liebenswert. Und das Gegenüber sagt. Doch, du bist mir unendlich wertvoll und ich habe dich lieb. Und auch wenn der so geliebte Mensch das nicht verstehen kann, kann er es doch spüren und erfahren: Ich bin geliebt.

Genau so ist das auch mit der Liebe, die Gott uns schenkt und mit der Liebe, die Jesus zu uns hat. Wir können sie nicht verstehen. Es gibt keine nachvollziehbare Begründung dafür, aber wir können sie erfahren, spüren, nehmen. Im Glauben annehmen, immer wieder.

Als ich gerade sechzehn war, hab ich das zum ersten Mal erlebt und es hat mich seitdem nie mehr losgelassen. Auf einer Jugendfreizeit war mir in den Bibelarbeiten von Tag zu Tag deutlicher geworden, dass in meinem Leben ganz viel nicht stimmt und gegen Gottes Gebote ist. Der Heilige Geist, der da am Werk war, hat mir gezeigt, wie ich wirklich war. Da bin ich sehr erschrocken und hab gedacht, dass Gott mich eigentlich gar nicht lieb haben kann, sondern nur zornig sein kann über mich. Wie soll der mir vergeben? Warum sollte er das tun?

Nach der Abendmahlsfeier am Ende der Freizeit wurde ein Körbchen mit Karten herumgegeben auf denen Verse aus der Bibel standen, Worte Gottes und der Pfarrer sagte, dass wir vorher darum beten sollten, dass genau das Wort Gottes auf dem Kärtchen steht, dass jeder braucht. Hab ich gemacht. Und erwartet, dass Gott mir eine scharfe Antwort geben würde. Eine Mahnung, ein ernstes Wort. Das hätte ich ja auch verdient gehabt. Zögernd zog ich einen Zettel heraus, drehte ihn um und las: Ich habe dich lieb, spricht der Herr.

Das ging mir durch und durch. Diese Liebe des Herrn Jesus hat mich so überwältigt, dass mir die Tränen gekommen sind. Ich konnte seine Liebe nicht verstehen, aber ich habe sie erfahren und gespürt und das geht mir bis heute immer wieder so.

Und seine Liebe gilt nicht nur mir. Sie gilt allen, die sich unter dem Wort Gottes als Sünder erkennen und sich für gar nicht liebenswert halten. Die, die wissen, dass sie eigentlich Gottes Zorn verdient hätten, werden von ihm geliebt. Sie werden mit seiner Liebe überschüttet. Zu denen sagt Gott das Dritte hier:

Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Wer gerufen wird, den kennt man und der soll kommen. Der soll näher kommen, dem möchte man etwas sagen, etwas anvertrauen, etwas geben vielleicht.

Wenn man in einer Gruppe wandern geht, dann muss man manchmal jemanden rufen, der falsch abgebogen ist. Eine Mutter ruft ihr Kind, das zu nah an den Abgrund gegangen ist oder an die Bahnsteigkante, wo gleich der Zug einfährt. Man ruft einen Menschen, den man lieb hat, damit er einem nahe ist. So ruft Gott. Er ruft beim Namen. So wie er uns bei Namen kennt, kennt er auch unser Inneres, unsere Ängste, Nöte, Probleme, Sorgen, auch unsere Schwächen und Fehler, unseren Eigensinn. Und weil er uns lieb hat und helfen will, ruft er uns immer wieder. Du, komm wieder zu mir! Du bist so weit weg. Lass dir doch helfen! Lass dir doch was sagen! Lass dich doch trösten! Lass dich doch warnen!

Jeder Gottesdienst ist so ein Ruf, ein namentlicher Liebesruf Gottes an uns. Wenn ein Gerufener den Ruf hört und kommt, dann fragt er: Warum rufst du mich? Und Gott antwortet und das ist das Vierte: Du bist mein! Du gehörst zu mir. Du gehörst in meine Nähe, unter meinen Schutz, unter meine segnende und führende Hand. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, weil du zu mir gehörst. Wenn du nur kommst, dann sorge ich dafür, dass dich nichts und niemand aus meiner Hand reißen kann. Nichts darf dir schaden! Wenn du durch Wasser gehst, will ich bei dir sein, dass dich die Ströme nicht ersäufen sollen und wenn du ins Feuer gehst, sollst du nicht brennen und die Flamme soll dich nicht versengen.

Was es auch ist, das uns bedroht, wir müssen uns nicht fürchten, nur kommen. Mit dem Vertrauen eines Kindes zu unserem Heiland kommen, dann sind wir gerettet und geborgen. Fürchte dich nicht, glaube nur!

Amen.

Verfasser: Martin SchöppelÓ , Dr.-Martin-Luther-Str.18, 95445 Bayreuth, Tel. 0921/41168