Gottesdienst – Jesaja 40, 26 bis 31
Zur PDFQuasimodogeniti, Kreuzkirche, 30.03.2008, Jesaja 40,26-31
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen.
In der Stille bitten wir um den Segen Gottes für diese Predigt …
Das Schriftwort für diese Predigt steht beim Propheten Jesaja im 40. Kapitel. Mit diesem Kapitel beginnt das Trostbuch, nachdem in den ersten 39 Kapiteln, sehr viele mahnende und Gericht androhende Worte des Propheten zu lesen waren.
Der Prophet schreibt hier von Israels unvergleichlichem Gott, der für sein abtrünniges Volk immer noch Erbarmen hat:
Hebet euere Augen auf in die Höhe und seht! Wer hat dies geschaffen? Er führt ihr (Sternen)-Heer vollzählig heraus und ruft sie alle mit Namen; Seine Macht und starke Kraft ist so groß, dass nicht eins von ihnen fehlt. Warum sprichst du denn, Jakob und du Israel sagst: „Mein Weg ist dem Herrn verborgen und mein Recht geht vor meinem Gott vorüber?“ Weißt du nicht? Hast du nicht gehört? Der Herr, der ewige Gott, der die Enden der Erde geschaffen hat, wird nicht müde noch matt, sein Verstand ist unausforschlich. Er gibt dem Müden Kraft und Stärke genug dem Unvermögenden. Männer werden müde und matt und Jünglinge straucheln und fallen;
aber die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.
Da kann einer nicht schlafen. Nach den ersten zwei Stunden Erschöpfungsschlaf liegt er wach. Sorgen drücken, Gedanken wälzen sich durch sein Bewusstsein. Er weiß nicht, wie es weitergehen soll. Er sieht sich nicht in der Lage alles zu bewältigen. So viele ungelöste Probleme, so viele schwierige Aufgaben. Irgendwann steht er auf tritt ans Fenster, geht hinaus auf die Terrasse und atmet tief durch. Der Himmel ist klar, der Mond scheint, Sterne glitzern.
Auf einmal fängt Gott an mit ihm zu reden mit diesen Worten des Propheten:
„Schau doch mal nach oben! Was meinst du? Wer hat die unzähligen Sterne geschaffen? – Er ist es! Er ruft sie und sie kommen hervor; jeden kennt er mit seinem Namen. Kein einziger fehlt, wenn der starke und mächtige Gott sie ruft.
Und du denkst immer, Gott weiß nicht, wie es dir geht. Oder es macht ihm nichts aus, wenn es dir schlecht geht. Begreif doch endlich! Hör doch! Der Herr, der den Kosmos geschaffen und geordnet hat, der Sonnen ihre Leuchtkraft und ihren Planeten die Bahn gegeben hat, der wird nicht müde. Der hat genug Kraft und ordnende Übersicht auch für Dich und Dein Leben.
Seine Weisheit stößt nicht an Grenzen. Vertrau doch darauf, dass er solchen Erschöpften wie Dir neue Kraft gibt und dass er Schwachen, wie Dir hilft.
Jeder Mensch stößt an seine Grenzen, auch die jungen. Alle werden müde und kraftlos, stolpern irgendwann, brechen unter Lasten zusammen.
Aber alle, die ihre Hoffnung auf den Herrn setzen, bekommen neue Kraft.“
Was ist das für ein wunderbarer Gott, der so liebevoll, einfühlsam und aufbauend mit Leuten redet, die nicht mehr weiter wissen!
Damals waren diese Worte an die Israeliten im babylonischen Exil gerichtet. Sie hatten zwar Hoffnung auf Freilassung und Rückkehr in ihre Heimat. Aber welche Strapazen lagen da vor ihnen! Die beschwerliche Reise zurück in zerstörte Städte und Dörfer. Keine Vorräte, keine Reserven. Wovon sollen sie leben? Womit sollen sie ihre Häuser wieder aufbauen, ihre Felder bestellen und neu anfangen. Dabei waren sie doch einfach nur müde, am Ende von den zurückliegenden Strapazen.
Kennen wir das nicht auch? Stunden, Zeiten, in denen einen alles zu überrollen droht. Wo man hinschaut, Hindernisse, Probleme, Widerstände:
– Wie soll ich den Stoff noch lernen vor meiner Prüfung?
– Womit sollen wir all die Rechnungen bezahlen?
– Wie soll ich mein Arbeitspensum schaffen? Ich schufte, aber jeden Tag werden die unerledigten Dinge mehr!
– Wer zeigt mir, wie ich es machen soll?
– Wer packt mit an und hilft mir?
– Wo finde ich geeignete Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen?
Ich bin doch so müde! Ich hab einfach keine Kraft, keinen Antrieb, keine Motivation mehr. Es gibt ja verschiedene Formen von Müdigkeit: Körperliche Müdigkeit, psychische Müdigkeit, geistliche Müdigkeit.
Dabei ist die körperliche Müdigkeit noch die, mit der man am ehesten umgehen kann. Wenn man 18 Stunden auf den Beinen war und ständig gefordert, konzentriert, angespannt, dann braucht es halt einfach mal tiefen Schlaf um wieder zu Kräften zu kommen, damit man sich wieder konzentrieren kann und was leisten. Auch das ist ein Geschenk Gottes, wenn man schlafen kann und es ist ein Wunder Gottes, was unser Körper in den Stunden tiefen Schlafs wieder an neuen Kräften sammelt. Auch dazu ist uns der Sonntag von Gott gegeben, das wir guten Gewissens mal länger und mehr schlafen, als uns das die Woche über möglich ist. Trotzdem kann und soll noch genug Zeit bleiben für Gottesdienst und Gottes Wort, denn das hilft uns gegen die psychische und geistliche Müdigkeit, die uns oft zu schaffen machen.
Psychische Erschöpfung spüren wir ja meist dann, wenn wir seelischem Druck ausgesetzt sind. Wenn wir ständig von Menschen umgeben sind, die undankbar sind oder unentwegt fordern, die uns ständig manipulieren und kritisieren. Wenn wir über lange Zeit immerzu mit Leid konfrontiert werden, eigenem und fremden. Das kann im Beruf sein, als Krankenschwester oder Altenpflegerin, in der Beratung, als Sachbearbeiter auf einem Amt, der helfen möchte, aber doch aufgrund der Vorgaben und gesetzlichen Bestimmungen nicht kann.
Das kann im familiären und persönlichen Bereich sein, wenn man einen angeschlagenen oder schwer kranken Menschen neben sich hat, mit leidet, helfen will und doch dem anderen die Ursache seiner Not nicht nehmen kann.
„Rühret eigner Schmerz irgend unser Herz,
kümmert uns ein fremdes Leiden,
o, so gib Geduld zu beidem“,
betet Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf in seinem bekannten Lied „Jesu geh voran auf der Lebensbahn“. Er hat die Erfahrung gemacht, dass solche Gebete in psychischer Erschöpfung und Müdigkeit immer wieder erhört werden.
Jesus lädt uns geradezu ein in solchen Zuständen betend zu ihm zu kommen (Matth. 11,28): „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken!“ Ich will euch wieder frisch machen und stark. Unbestritten können auch ein paar Stunden in der Lohengrintherme gut tun oder ein Spaziergang an der frischen Luft. Aber sie können nicht den Trost und Zuspruch geben, den das Wort Gottes gibt. „Er erquickt meine Seele“, stellt David im 23. Psalm (Vers 3) fest und im Psalm 138 bezeugt er (Ps.138, 3): „Wenn ich dich anrufe, so erhörst du mich und gibst meiner Seele große Kraft.“
Wir kennen alle solche Nächte, dunkel und schwer. Aber an so einem dunklen Nachthimmel unseres Lebens funkeln auch Sterne. Lichtblicke, Hoffnungszeichen, die uns aufrichten wollen und Mut machen. Es sind Verheißungen Gottes, wie sie hier dem Volk Israel gegeben werden und mit diesem heutigen Predigttext auch uns: Die auf den Herren harren, kriegen neue Kraft! Dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden!
Es gibt wohl kaum etwas, was gegen psychische Müdigkeit mehr und besser hilft als Worte Gottes. Wie oft hab ich das schon erlebt, dass ich auch am Ende war und keine Kraft mehr hatte. Und dann hab ich manchmal nur wenige armselige Sätze beten können, wenige Minuten innehalten und aufschauen auf die funkelnden Sterne, diese Lichtblicke der Kraft Gottes. Und wie oft stand dann ein unsichtbarer „Prophet“ neben mir und gab mir einen Gedanken, einen Satzfetzen, einen Halbsatz aus einem Lied, ein Wort der Heiligen Schrift, von dem ich nicht einmal wusste, wo es stand und schon war wieder Kraft da.
Da ist das Bild des Adlers sehr anschaulich, das hier verwendet wird. …„auffahren mit Flügeln wie Adler“. Sind ja mächtige Vögel, die Adler, etliche Kilo schwer. Man wundert sich, dass die überhaupt fliegen können und wie leicht das oft aussieht. Wir haben das schon mehrmals gesehen auf der Adlerwarte in Österreich, auf Burg Hohenwerfen zum Beispiel. Da pfeift immer ein kräftiger Wind. Der Falkner hat den großen Adler auf seinem Lederhandschuh sitzen und gibt ihm nur einen kleinen Schwung nach oben. Der Adler breitet seine Flügel aus, macht zwei drei Schläge über die Burgmauer hinaus und dann trägt der Wind den mächtigen Vogel schnell, wie an unsichtbaren Fäden gezogen nach oben. Hoch oben zieht er bald lautlos und ohne jeden Flügelschlag seine Kreise.
Der Adler macht dabei gar nichts! Der breitet nur seine Flügel aus und lässt sich von der großen Kraft des Windes tragen. So dürfen wir es auch machen: Von der unsichtbaren Kraft Gottes uns hochheben lassen aus unser Tiefe und uns tragen lassen. Auf den Wind warten, der uns trägt oder wie es hier der Prophet sagt „auf den Herrn harren!“ Das Wort, das da im Urtext steht, kommt eigentlich aus einem ganz anderen Bereich. Es wird für einen Bogenschützen verwendet, der den Pfeil in seinen Bogen gelegt hat und damit das Ziel anvisiert. Das Ziel in Blick nehmen, sich ganz darauf konzentrieren, das ist harren, auf den Herrn harren.
Das Ziel unseres Lebens und Glaubens sich wieder vor Augen halten, das einem im Alltag völlig aus dem Blick geraten ist. Wir sollen wegschauen von dem, was uns Angst oder Sorge macht, was uns niederdrückt oder belastet hinschauen auf den, der unser Ziel ist, Jesus Christus. Nicht das Fadenkreuz eines Zielfernrohres, aber das Friedenskreuz des Gottessohnes macht uns frei. Da fallen Lasten von uns ab, an diesem Kreuz ist unsere Schuld bezahlt, unser Versagen zugedeckt, unser Leid getragen. Mag dieses Kreuz manchen ein Rätsel, ja eine Torheit sein, unverständliches Relikt frommer Vergangenheit, uns aber ist es eine Gotteskraft, die uns selig macht, weil wir daran glauben. Das ist die unsichtbare Kraft, die uns in einem Augenblick aus der Tiefe herausholt und empor trägt, wenn wir nur unsere müden Glaubensflügel ausstrecken.
Das Kreuz, das in der Matthias-Claudius-Kapelle über dem Altar hängt, aus zwei Balken eines alten abgebrochen Bauernhofs irgendwo in Norddeutschland, hat den Namen, den der Künstler, Walter Green, unten auf den Fuß des Balkens geschrieben hat: „Des Glaubens Flügel.“ Die alten Balken sind so belassen, wie sie waren, gebrochen, gesplittert, verwittert, zu nichts mehr zu gebrauchen. Nur in der Mitte hat sie der Künstler bearbeitet. Da hat er das Holz ganz glatt geschliffen, eine Halbkugel hinein gearbeitet, die er dann vergoldet hat. Wie das Blut Christi, der am Kreuz sein Leben hingibt, läuft das Gold am Kreuzbalken herunter. Für uns vergossen. Das ist der Zielpunkt eines Christen. Mitte des Kreuzes, Mitte des Glaubens, Jesus Christus, der uns mit seinem Kreuz Flügel des Glaubens gibt, die uns heraufholen aus der Tiefe unserer Not, auch aus aller Müdigkeit unseres Glaubens.
Nimm doch dieses Ziel wieder in den Blick! Harre doch auf diesen Herrn, der dort am Kreuz seine blutigen, seine wertvollen Spuren hinterlassen hat. Er hat dort für deine und meine Sünde bezahlt. Auch für deine und meine Müdigkeit im Glauben und deine und meine Ängstlichkeit im Bekennen und für alle Versäumnisse unseres Lebens. Er hat dort den Tod besiegt, der ja eigentlich nichts anderes ist, als die letzte und größte Müdigkeit. Seine Auferstehungskraft ist die neue Kraft, an der wir teilhaben dürfen und von der wir uns täglich so viel erbitten und nehmen dürfen wie wir brauchen.
Vor der Predigt haben wir das Lied gesungen:
Harre, meine Seele, harre des Herrn,
alles ihm befehle, hilft er doch so gern.
Sei unverzagt, bald der Morgen tagt,
und ein neuer Frühling folgt dem Winter nach.
In allen Stürmen, in aller Not
wird er dich beschirmen, der treue Gott.
Der Mann, der dieses Lied Mitte des 19. Jahrhunderts gedichtet hat, Friedrich Räder, war weder Pfarrer noch Schriftsteller, sondern Kaufmann in Elberfeld, heute Ortsteil von Wuppertal. Durch großen Fleiß hatte er sich ein kleines Vermögen zusammengespart, das er dann als Dreißigjähriger durch Investitionen in indisches Indigo, das man damals zum Färben von Stoffen brauchte, vermehren wollte. Er hat also, würde man heute sagen, spekuliert. Damals, zu Kolonialzeiten wie heute ein riskantes Geschäft.
Die Kurse gingen rauf und runter. Mal sank ein Schiff mit einer Ladung des kostbaren blauen Farbstoffs, mal fielen die Kurse aus anderen Gründen. Räder verfolgte das gespannt, er konnte nachts nicht mehr schlafen so sehr sorgte er sich, ob er sein Geld jemals wieder sehen würde. Er war sich auch unsicher, ob er in dieser Sache überhaupt beten dürfe, wo er sich doch auf so eine riskante Spekulation eingelassen hatte.
Mit solchen Gedanken und Ängsten saß er eines Nachts an seinem Schreibtisch und Gott redete mit ihm, indem er ihm die Zeilen dieses Liedes in den Sinn gab, das seither vielen Menschen zum Trost und zur Hilfe geworden ist. Während er dieses Lied niederschrieb, wich die Angst von ihm. Die Angst um sein Geld machte ihn von da an nicht mehr verrückt. Es dauerte zwar noch lange, bis er durch die Hilfe seines Chefs wieder ohne Verlust aus diesem riskanten Geschäft heraus kam. Finanziell hatte er weder etwas gewonnen, noch verloren. Das Lied und seine Botschaft war der Gewinn, den er aus dieser nervenaufreibenden Zeit gehabt hatte.
Harre, meine Seele, harre des Herrn,
alles ihm befehle, hilft er doch so gern.
Wenn alles bricht, Gott verlässt uns nicht;
größer als der Helfer ist die Not ja nicht.
Ewige Treue, Retter in Not,
rett auch unsre Seele, du treuer Gott.
(EG 396,2)
Wer so auf den Herren harrt, kriegt ganz gewiss neue Kraft für all das, was es zu tun gilt und der verliert dabei das Ziel nicht aus den Augen. Amen.
Verfasser: Martin Schöppel @, Dr.-Martin-Luther-Str.18, 95445 Bayreuth, Tel. 0921/41168