Gottesdienst – Jesaja 40, 1-11

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3.Advent, 17.12.2006, Jesaja 40, 1-11

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Wir beten in der Stille um den Segen für diese Predigt. … Herr, wir bitten dich, erhöre uns. Amen.

Eigentlich haben wir unser heutiges Bibelwort für die Predigt
gerade schon gesungen mit diesem etwas weniger vertrauten
Adventslied(EG 15, 1-6), aber vielleicht waren Sie so mit der Melodie
beschäftigt, dass Sie sich nicht auf den Text konzentrieren
konnten. Ich lese die Verse aus dem 40. Kapitel des Propheten Jesaja
noch einmal in der Übersetzung M. Luthers:

Tröstet, tröstet mein Volk! spricht euer Gott. Redet mit Jerusalem freundlich und predigt ihr, dass ihre Knechtschaft ein Ende hat, dass ihre Schuld vergeben ist; denn sie hat doppelte Strafe empfangen von der Hand des Herrn für alle ihre Sünden. Es ruft eine Stimme: In der Wüste bereitet dem Herrn den Weg, macht in der Steppe eine ebene Bahn dem Herrn, unserem Gott! Alle Täler sollen erhöht werden und alle Berge und Hügel sollen erniedrigt werden, was uneben ist soll gerade und was hügelig ist soll eben werden. Denn die Herrlichkeit des Herrn soll offenbart werden und alles Fleisch miteinander wird es sehen: Denn des Herren Mund hat’s geredet. Es spricht eine Stimme: Predige! Und ich sprach: Was soll ich predigen? Alles Fleisch ist Gras und alle seine Güte ist wie eine Blume auf dem Felde. Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt; denn des Herrn Odem bläst darein. Ja, Gras ist das Volk! Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt, aber das Wort unseres Gottes bleibt ewiglich.  Zion, du Freudenbotin, steig auf einen hohen Berg! Jerusalem, du Freudenbotin, erhebe deine Stimme mit Macht, erhebe sie und fürchte dich nicht! Sage den Städten Judas: Siehe, da ist euer Gott! Siehe, da ist Gott, der Herr! Er kommt gewaltig und sein Arm wird herrschen.  Siehe, was er gewann, ist bei ihm und was er erwarb, das geht vor ihm her.  Er wird seine Herde weiden, wie ein Hirte. Er wird die Lämmer in seinen Arm sammeln und im Bausch seines Gewandes tragen und die Mutterschafe führen.

Jesaja spricht von einem Weg, den wir für den Herrn frei
machen sollen. Hindernisse müssen ausgeräumt werden,
Gräben überbrückt, Steigungen und Neigungen beseitigt
und krumme Strecken begradigt werden. Für uns Menschen einer
mobilen Gesellschaft klingt das fast nach Autobahnbau.

Wir können uns heute vielleicht noch besser vorstellen, wie eine
Landebahn in der Wüste beschaffen sein muss, damit ein hoher Gast
landen kann. Übersichtlich, gerade, eben und frei von
störenden Hindernissen. Dann kann der Raumgleiter sicher landen.
Auf einer solchen Piste wird der deutsche Astronaut Reiter in ein paar
Tagen hoffentlich sicher landen um nach fast einem halben Jahr im All
dann Weihnachten wieder auf der Erde und bei seiner Familie zu feiern.

Es geht aber der Stimme, die hier spricht nicht um eine Nasa-Mission,
nicht um die Beseitigung von Bäumen und Felsen, scharfen Kurven
und tiefen Schluchten in der Landschaft, sondern um unser Leben und die
Wege, die wir in unserem Alltag benutzen. Kann auf diesen Wegen der
Herr kommen, der sein Volk, der uns erlösen will, der mit uns,
seiner Familie, seinen Schwestern und Brüdern, mit den Kindern
Gottes Weihnachten feiern will?

Wenn die Landebahn für einen Raumgleiter nicht total frei ist,
dann kommt es zur Katastrophe. Schon ein kleiner Gegenstand, ein Stein,
ein Ast oder ein Metallteil könnten sie auslösen. Aber die
für die sichere Landung und Ankunft Verantwortlichen tragen Sorge,
dass da nichts im Weg ist.

Für Menschen und Maschinen halten wir alles bereit und sind
optimal vorbereitet. Aber für Gott? – Sicher, er kommt nicht mit
dem Raumgleiter aus dem All, nicht von einem anderen Stern oder aus
einem fernen Sonnensystem. Aber er kommt! Und auf sein Kommen sollen
wir vorbereitet sein, sonst könnte seine Ankunft für uns zur
persönlichen Katastrophe werden.

Zur Katastrophe für eine Christenheit, die zwar pro Forma noch
betet: Dein Reich komme! Komm, Herr Jesus…, aber sein Kommen gar
nicht erwartet, gar nicht vorbereitet. In der Mitte unserer Lebenspiste
ist doch gar kein Platz mehr für Gott. Da drängt sich alles
zusammen, was wir lieben, woran wir hängen, was wir nicht aufgeben
wollen.

Geht es Ihnen nicht auch so: Wir können uns so schwer trennen von
Vielem. Unsere Schränke und Räume, Keller und Regale sind
voll mit Dingen, die wir gar nicht mehr brauchen, die uns hindern und
belasten. Manche wecken Erinnerungen, nicht nur gute. Ordnerweise
belastende Briefe und Notizen werden aufgehoben, damit wir ja nicht
vergessen… Manche Bilder, Bücher, Filme, Gegenstände,
die uns nicht gut getan haben. Wir kommen solange nicht davon los, wie
wir sie nicht hergeben, loslassen, vernichten. Blicken Sie Ihre
Lebensbahn zurück! Stehen da noch solche Kisten herum, nicht
ausgeräumt, belastend, bedrückend? Wir sollten sie nicht
einmal im Hinterstübchen unserer Erinnerung belassen, sondern
abgeben, entsorgen lassen von dem, der vergibt und vergeben hilft.

Bereitet dem Herrn den Weg, denn siehe der Herr kommt gewaltig.
Viel gewaltiger, viel überwältigender als so ein technisches
Wunderwerk der modernen Raumfahrt. Der Herr kommt mit gewaltiger
Vollmacht in jeder Beziehung. Für das Volk Israel war er mit
gewaltigem Gericht gekommen. Nachdem alle mahnenden Prophetenstimmen
über Jahrhunderte nicht gehört wurden, entzog Gott seinen
Schutz. Jerusalem wurde zerstört, ein Teil des Volkes verschleppt
und im fernen Babylonien versklavt. Von doppelter Strafe ist hier die
Rede.

Aber nun ist die Zeit des Leidens vorbei und der Herr kommt wieder
gewaltig. Mit gewaltiger Gnade und Liebe, die alles Gericht aufheben,
die Hoffnung schenken, neuen Lebensmut und Zukunft. Rückkehr steht
bevor, Heimkehr ist in Sicht! Aufbau und Neuanfang! Dazu soll der
Prophet Mut machen.

Drei Aufrufe ergehen an Jesaja in den Versen, die am Anfang des
Trostbuches stehen, so nennt man die Kapitel ab dem Vierzigsten. Der
erste Auftrag, den er von Gott erhält:

Tröstet, tröstet mein Volk! Sie brauchen Trost,
diese verängstigten Israeliten in der Fremde. Man hat sie
ausgebeutet, unterdrückt und gedemütigt. Sie haben Verluste
erlitten, Enttäuschungen erlebt und Schmerzen ertragen. Gott hat
ihre Gebete gehört und ihre Tränen gesehen. Er erbarmt sich
und ruft: Tröstet, tröstet mein Volk!

Brauchen wir den nicht alle? Besonders in den traurigen Zeiten unseres
Lebens? Den der trösten kann, wie eine Mutter tröstet. Zwei
Kapitel vor unserem Trostspruch betet der todkranke König Hiskia: Siehe,
um Trost war mir sehr bange. Du aber hast dich meiner Seele herzlich
angenommen, dass sie nicht verdürbe; denn du wirfst alle meine
Sünden hinter dich zurück.


Hiskia hatte sich in seinem Kummer und in seiner schweren Krankheit an
Gott gewendet, hatte lange betend mit Gott gerungen. Schon bevor er
gesund wurde hatte er gedankt und trotz der tödlichen Bedrohung
vertraut. Er sagt nicht mit vorsichtiger Hoffnung: Du wirst dich meiner Seele annehmen, sondern mit blindem Vertrauen: Du hast dich meiner Seele herzlich angenommen.

So dürfen das alle Trostbedürftigen tun: Blind vertrauen,
auch wenn noch keine Hilfe in Sicht, wenn noch nichts vom Trost zu
spüren ist: Du aber hast dich meiner Seele herzlich angenommen, dass sie nicht verdürbe; Der Herr lässt keine arme Seele, die sich so an ihn wendet, ohne Trost und Hilfe.

Bei Hiskia spüren wir, dass die Trosterfahrung auch etwas mit
Vergebungserfahrung zu tun hat. Ja er begründet sie sogar damit: denn du wirfst alle meine Sünden hinter dich zurück.
Hiskia hat in seinem Gebet auch seine Schuld vor Gott gebracht und
Vergebung erfahren. Damit begann der Trost in seiner Krankheit. Mit der
Erfahrung: Gott hat mir meine Sünden vergeben. Wenn er das tut,
dann lässt er mich nicht verderben. Wenn er mich aus
Sündennot befreit, dann befreit er mich auch aus allen anderen
Nöten. Er nimmt sich unserer Sache an nicht halbherzig, sondern
herzlich und ganz.

Was es auch ist, das uns um Trost bange sein lässt, also, wo wir
keinen Ausweg und keine Hilfe sehen, bringen wir es mit kindlichem
Vertrauen schon im Voraus zu Gott, dann muss auch uns um Trost nicht
bange sein, denn er nimmt sich auch unserer Seelen herzlich an. Wie
liebevoll und mit was für einem schönen Bild wird das am Ende
unseres Predigttextes beschrieben: Er wird seine Herde weiden, wie
ein Hirte. Er wird die Lämmer in seinen Arm sammeln und im Bausch
seines Gewandes tragen und die Mutterschafe führen.
Getröstet und „endlich heimgetragen in des Hirten Arm und Schoß. Amen, ja mein Glück ist groß! So singen wir dann in der letzten Strophe des Liedes: Weil ich Jesu Schäflein bin (EG593, 3).

Die Bibel und auch unser Gesangbuch sind voller Trostworte und
Trostverse. Die Boten Gottes, die da zu Wort kommen, haben sich diesen
Auftrag an den Propheten Jesaja zu Eigen gemacht: Tröstet, tröstet mein Volk!
Erinnern Sie sich noch, wie Sie mal jemand in einer Not getröstet
hat? Das vergisst man nicht. Trost schafft eine tiefe Verbindung.
Jemand, der Sie als Kind oder auch als Erwachsener mal wirklich
einfühlsam getröstet hat, der wird ihnen immer lieb und
wertvoll sein. Wer sich von Jesus und vom Wort Gottes trösten
lässt, der wird auch Vertrauen und Liebe zu beiden im Herzen haben.

Ganz anders die Worte, die ein Trauernder in diesen Tagen in die
Todesanzeige für einen früh verstorbenen Freund schrieb: „Ich
frage nicht nach einem Sinn, nicht nach Gerechtigkeit, nicht nach dem
Warum, denn die Antwort ist nur Leere, die sich füllt mit
Bitterkeit.“
Das ist die Alternative zum Trost des Wortes Gottes:
„Leere, die sich füllt mit Bitterkeit.“ Dazu hat Gott uns bestimmt
nicht berufen! Er sagt uns und da ist niemand ausgenommen: Ihr seid
mein Volk und ich bin euer Gott! Und wenn ihr noch so elend und
zerschlagen seid: Ich tröste euch! Ich vergebe euch! Ich helfe
euch! Ich fange neu mit euch an!

Da schließt dann der zweite Aufruf an den Propheten an: Predige!
Ein kurzer Auftrag! Nur ein Wort, aber Gott muss nicht viele Worte
machen um viel zu sagen. Predige! Was soll das heißen? Das Wort
„predigen“ kommt vom lateinischen „praedicare“ und das heißt
wörtlich übersetzt: ‚Etwas öffentlich sagen’.
Predige! Das ist also der Auftrag, öffentlich zu sagen, was wir
von Gott wissen, was wir mit ihm erlebt haben, was er für uns
bedeutet.

An wen geht der Aufruf? Zunächst an Jesaja, sicher an die
Geistlichen, auch an die Lektoren und Kirchenvorstände in
besonderer Weise. Aber das genügt nicht! Jede und jeder ist dazu
aufgerufen öffentlich weiterzusagen, dass Jesus lebt und dass Gott
Realität ist. Viel zu oft halten wir unseren Glauben geheim und
mit unseren Überzeugungen hinter dem Berg. Dabei wäre
vielleicht mancher neben uns froh, wenn wir ihn durch ein
persönliches Reden von Gott zum Glauben einladen würden.

Es hat mir vor Jahren großen Eindruck gemacht, was ich bei einer
missionarischen Aktion in der Bayreuther Bundeswehrkaserne erlebte: Da
stellte sich ein Hauptmann vor die jungen Leute seiner Kompanie hin und
erzählte von seinem Glauben. Davon, dass er Vergebung bekommen
habe für seine Sünden, davon, dass er Gottes Hilfe erfahren
habe, in persönlichen Notlagen und davon, dass er täglich im
Gespräch mit Jesus seine Anliegen im Gebet vor Gott bringe. Und
die Soldaten hörten ihm aufmerksam zu. Das war mehr, als jeder
berufsmäßige Prediger hätte erreichen können.

Jeder Christ ist anderen Menschen solche Zeugnisse, solche Predigt
schuldig. Wir haben doch nicht saures Bier anzupreisen oder stinkende
Socken zu verteilen, sondern eine gute Botschaft weiterzugeben, ein
Evangelium zu verkünden. „Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird“(Luk.2, 10), werden wir heute in einer Woche als Botschaft des Engels in der heiligen Nacht hören.

Genauso ist auch der dritte Auftrag an den Propheten und sein Volk gemeint: Freudenboten sollt ihr sein!
Boten, die mitten in Leid, Angst und Bedrückung von einer
unzerstörbaren Freude berichten. Freudenboten sind wir, wenn wir,
selber von der Freude Gottes angesteckt, andere darauf aufmerksam
machen: Seht! Da ist euer Gott!

Überall lassen sich seine Spuren entdecken. Schau, da ist Gott! Im
Sternenmeer einer klaren Nacht, im wunderbaren Leben eines einzigen
Wassertropfens. Im ersten Schrei eines neugeborenen Kindes. Beim
letzten Atemzug eines Sterbenden. Überall ist er zu spüren:
Schaut doch hin! Seht, da ist euer Gott! Auch da in Deinem Leben! Da wo
Du morgen stehst oder hin musst, wo Du gefordert bist, wo Du gebraucht
wirst. Er ist auch da, wo Du ratlos bist und nicht weiter weißt
und wo Du Fehler machst.

Unser Gott ist auch im Leid und in der Traurigkeit da mit seinem Trost,
mit seiner Hilfe und mit seiner Freude. Darum dürfen wir die
Freudenbotschaft für uns hören und annehmen und sie
hinaustragen als Freudenboten für unsere Umgebung. Niemand muss
traurig aus diesem Gottesdienst gehen. Schau, hör doch, Dein Gott
ist da, auch für Dich.

Vertraut, ihr angefochtnen Herzen, seht da ist euer Gott!

Er trug all eure Schmerzen und hilft aus aller Not.

Auf rechter Straße führt er dich, du gehst niemals allein.

So sehr liebt Jesus dich und mich. Was brauchst du noch ängstlich sein!

Er ist bei dir, verlässt dich nie an jedem neuen Tag.

Er hält dich und bringt dich ans Ziel, wie schwer dir’s auch scheinen mag. (Text u. Mel. Karin Dietz, aus Freizeitlieder Gruppe Luther Bayreuth V5)

Amen.

Verfasser: Martin Schöppel, Dr.-Martin-Luther-Str.18, 95445 Bayreuth, Tel. 0921/41168