Gottesdienst – Jes. 63,15-19. 64, 3

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2.Advent, 04.12.2005, Kreuzkirche, Jes. 63,15-19. 64, 3

Bitte lassen Sie Ihre Gesangbücher mit dem eben gesungenen Lied (EG
Nr. 7) noch aufgeschlagen oder schlagen Sie es noch einmal auf.
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, dem Vater und unserem Herrn
Jesus Christus. Wir wollen in der Stille um den Segen Gottes für diese
Predigt bitten: …
Herr, wir bitten dich, gib uns deinen Heiligen Geist zum Reden und
zum Hören.

„Zeig dich, Gott!“ Mit diesem ungeduldigen Ausruf könnten wir dieses
Adventslied „O Heiland reiß die Himmel auf“ überschreiben. Zeig
dich Gott! Endlich! Wir warten darauf! Wir wollen sehen, was wir glauben.
Heiße Adventssehnsucht steckt dahinter. Da betet jemand mit ungestümem
Verlangen:

Reiß den Himmel auf, Gott. Zieh endlich den Vorhang weg
zwischen uns und dir. Wir ahnen dich dahinter. Wir hören deine Stimme.
Zeig dich doch!

Wie ein Kind, das im Theater erwartungsvoll vor dem geschlossenen Bühnenvorhang
sitzt und gespannt darauf wartet, dass der Vorhang aufgeht.

Zeig dich Gott! Lass dich sehen! Lass dich spüren, hautnah, wie
ein warmer Regen: O Gott, ein Tau vom Himmel gieß, im Tau herab,
o Heiland fließ.
Fast erinnert diese Bitte an den Nürnberger
Trichter, mit dem man Wissen und Klugheit einflößen wollte.
Wenn es so etwas doch auch für Glauben, für Gottvertrauen, für
Hoffnung gäbe.

Ich will ja, Gott, an dich glauben! Zeig dich doch endlich! Jesus, von
dem sie sagen, dass du alle Tage bei uns bist. Tritt doch heraus aus deiner
Unsichtbarkeit. – So wie der Jünger Thomas, der den auferstandenen
Herrn auch erst mit eigenen Augen sehen wollte, bevor er glaubte.

Fast wie im Fantasy-Film die Formulierung in der dritten Strophe: „O
Heiland aus der Erden spring
.“ – Warum tut sich jetzt hier nicht
der Boden auf oder die Decke oder die Wand und dieser Heiland lässt
sich mitten unter uns sehen?

Würden wir ihn nicht herzlich empfangen, feiern und dann im Triumphzug
der Welt vorführen: Schaut her! Hier ist er, der Herr der Welt. Es
gibt ihn wirklich! Ihr könnt ihn sehen! Jetzt wird alles anders. Was
hat dieser Liederdichter, Friedrich von Spee, für eine Adventssehnsucht
im Herzen! Da ist nichts zu spüren von gelangweiltem Girlandengefühl
mit Glühweinduft.

Mitten im dreißigjährigen Krieg ruft dieser Mann so leidenschaftlich,
ja fast verzweifelt nach Gott. „Komm doch endlich! Mach all dem Elend,
dem Grauen, dem Schrecken, der Ungerechtigkeit und Not dieser Zeit ein
Ende. Komm und wehre der Gotteslästerung, der Unzucht, der Anmaßung!

„Hier leiden wir die größte Not, vor Augen steht der
ewig Tod. Ach komm, führ’ uns mit starker Hand vom Elend zu dem Vaterland
.“
So betet er in der sechsten Strophe. Und Friedrich von Spee betet nicht
nur. Er hat auch ganz konkret gehandelt und sich gegen Not und Unrecht
eingesetzt. Obwohl er Jesuit war, hat er gegen die damals weit verbreiteten
Hexenprozesse protestiert. Hat für Recht und Leben von hilflosen Angeklagten
gekämpft.

Aus der großen inneren und äußeren Not seiner Zeit
heraus kommt sein flehendes Adventsgebet: Zeig dich, Gott! “ O Heiland,
reiß die Himmel auf, herab, herab vom Himmel lauf!“
Er hat
Gott seine Not und die Not seiner Zeit im Gebet geklagt. Sehnsüchtig
und fast vorwurfsvoll klopft er bei Gott an: Wo bleibst du, Trost
der ganzen Welt, darauf sie all ihr Hoffnung stellt?

Ja, darf man denn mit Gott so reden? Ist es möglich seine Hilfe,
und sein Eingreifen so einzufordern? Der Liederdichter hat sich in seiner
Bedrängnis an Propheten des Alten Testaments erinnert. Weil er seine
Bibel kannte, wusste er: So kann und darf ein angefochtener Mensch beten.
Ja eigentlich wartet Gott darauf, dass ihn solche Herzensschreie erreichen.
Er wartet darauf viel mehr als auf lange salbungsvolle liturgisch wohlausgewogene
Gebetslitaneien.

Verse aus dem 63. Kapitel des Propheten fallen dem Liederdichter ein
und er macht sie zum Thema seines Adventsliedes. Diese Verse sind unser
heutiger Predigttext (Jes.63,15-19):

Herr, schau doch herab vom Himmel, von deinem heiligen und majestätischen
Thron! Warum setzt du dich nicht mehr mit ganzer Kraft für uns ein?
Wo sind deine großen Taten? Warum hältst du dich zurück?
Schlägt dein Herz nicht mehr für uns? Ist deine Liebe erloschen?
Du bist doch unser Vater!

Abraham weiß nichts von uns, auch Jakob kennt uns nicht. Du,
Herr, du bist unser Vater. „Unser Erlöser“ – so hast du von jeher
geheißen. Warum lässt du uns vom richtigen Weg abirren? Warum
hast du uns so eigensinnig werden lassen, dass wir keine Ehrfurcht mehr
vor dir haben? Bitte, wende dich uns wieder zu! Wir sind doch immer noch
deine Diener, das Volk, das dir gehört. Für kurze Zeit haben
die Feinde dein heiliges Volk vertrieben und dein Heiligtum zertreten.

Es geht uns so, als hättest du nie über uns geherrscht,
als wären wir nie das Volk des Herrn gewesen! Ach Herr, reiß
doch den Himmel auf und komm zu uns herab! Lass vor deiner Erscheinung
die Berge ins Wanken geraten!

Kein Ohr hat gehört, kein Auge hat gesehen einen Gott außer
dir, der so wohl tut denen, die auf ihn harren.

Was für ein gewaltiges Gebet! Tut uns der Prophet Jesaja mit seinem
gewagten Gebet nicht einen notwendigen Dienst? Er holt uns aus einer sentimentalen
Adventsduselei heraus in die harte Wirklichkeit des Lebens. Advent, das
heißt ja nicht, die Not unserer Zeit übersehen und mit Lebkuchen
und Plätzchen überspielen. Advent heißt: Die Not sehen
und anpacken. Der Adventsfreude geht eine große Adventsnot voraus.
Und es ist gut, wenn jemand das noch merkt und Gott sagt und klagt.

Können Sie noch so von ganzem Herzen beten? „Komm Gott, schau mich
an, du kennst mich doch, meine Not, meine Angst, meine Sünde. Zerreiß
den Himmel, zerreiß dein Schweigen, zerreiß den Vorhang hinter
dem du dich verbirgst!“ Können Sie Gott noch so suchen? „Gott, wo
bist du? Wo bleibst du, Herr? Ich brauch’ dich doch so dringend! Warum
bist du wie ein Fremder geworden in unserem Land? Warum stellst du dich,
als wärst du tot?“

Warum lässt du all das mit dir machen, was die Christen an Advent
und Weihnachten und auch sonst mit dir und deiner guten Botschaft veranstalten?
Warum hast du uns, Gott, so träge und gottlos werden lassen? Warum
lässt du es zu, dass wir deine Wege verlassen? So fragt der große
Prophet Jesaja.

Sein Gebet ist eine gewagte Herausforderung Gottes. Aber hinter solchem
Gebet steckt echter, tiefer, ehrlicher Glaube. Einer, der so betet, redet
Gott als reales mächtiges persönliches Gegenüber an: Du
Gott! Mein Gott!
Und er traut dem Heiland zu, dass er alles ändern
kann. Dass sein Eingreifen und Helfen möglich und wirksam ist. Kein
Ohr hat gehört, kein Auge hat gesehen einen Gott außer dir,
der so wohl tut denen, die auf ihn harren.

Darum geht es im Glauben: Gott etwas zutrauen, alles zutrauen, ihn persönlich
und wichtig zu nehmen. Diese Fragen und Bitten Jesajas und auch Friedrich
von Spees kommen nicht aus dem Unglauben sondern aus dem Glauben. Sie versuchen
Gott bei seiner Ehre, bei seiner Treue und bei seiner Barmherzigkeit zu
packen.

So dürfen, so sollen auch wir Gott kommen. Egal, wie die Not heißt.
Ob es die Not ist mit Advent nichts mehr anfangen zu können. Oder
die Not sich auf Weihnachten nicht mehr freuen zu können. Die Not,
in der Sie gerade stecken oder irgendeine persönliche Not unseres
Lebens. Was ist ihre Not?

Lasst uns Gott in den Ohren liegen“, sagte Martin Luther einmal.
So wie es Kinder tun, wenn sie etwas Besonderes auf dem Herzen haben.
Solche Bitten sind dem Vater im Himmel angenehm und er höret!“

Jesaja scheut sich nicht so zu bitten, obwohl er weiß, dass die
Not seines Volkes selbst verschuldet ist. Sie geht auf eigene Ungerechtigkeit
und Gottlosigkeit zurück. Er sagt es ja ganz offen: Wir sind
abgeirrt, wir haben die Gottesfurcht verloren. Wir sind geworden wie Leute
über die Gottes Name nie genannt wurde.
– Getauft auf den
heiligen Gottesnamen und dann gelebt als ob es diesen Gott nie gegeben
hätte. Ist das nicht die Not unserer Zeit? Unserer Kirche?

Aber darf man dann so bitten? Wir sind dir zwar selber weggelaufen,
Gott, wir haben dich verachtet und überhört, aber jetzt komm
doch und hilf uns! Tröste uns! Heile uns! Hilf uns!

Kommt nicht der Prophet Jesaja genauso für sein Volk zu Gott? Willst
du, Gott, uns nicht endlich wieder trösten und helfen? Ist es nicht
dein Amt, das Amt eines „gnädigen und erbarmenden Gottes“, wie man
dich von alters her nennt, sein Volk zu trösten und seinem Volk zu
Hilfe zu kommen? Auch wenn die Not selbst verschuldet ist und Strafe verdient
ist?

Ach, zeig dich doch wieder gnädig, Gott! Du bist doch der einzige
an den wir uns wenden, auf den wir noch hoffen können. Einzigartiger
Gott! „Kein Ohr hat gehört, kein Auge hat gesehen einen Gott
außer dir, der so wohl tut, denen, die auf ihn harren
.“

Wir haben doch keinen anderen Heiland, als den der unsere Schuld ans
Kreuz trägt, der sich erbarmt, der uns gnädig ist und immer wieder
hilft.

Freilich hätte es der Jesaja am liebsten gesehen, dass mit Donner
und Blitz, Sturm und Erdbeben der gewaltige und allmächtige Gott aus
seiner Unsichtbarkeit getreten wäre. Dass kein Zweifel mehr möglich
wäre und jede Lästerung auf der Stelle verstummen müsste.

So wie wir uns das vielleicht auch manchmal wünschen, wenn wir
himmelschreiende Gotteslästerung sehen oder mit verbohrten Atheisten
diskutieren. Jetzt mach doch mal selber was, Gott! Lass dir nicht gefallen,
was da geschieht. Schlag doch endlich drein, wenn deine Gebote und Ordnungen
mit Füßen getreten werden, wenn sich Menschen zu Göttern
machen oder wenn Gott zu einem Angeklagten gemacht wird.

Aber es geschieht nicht, was wir uns wünschen. Auch bei Friedrich
von Spee im dreißigjährigen Krieg ist der Himmel nicht zerrissen,
hat Gott nicht von seiner letzten Möglichkeit Gebrauch gemacht.

Hat Gott geschwiegen damals? Schweigt er heute, wenn wir so beten? Nein!
Er kommt. Er greift schon ein. Er hilft, er tröstet, er vollzieht
Gericht und er übt Barmherzigkeit. Gott handelt schon. Auch in unserer
Zeit. Nicht nur strafend, oft auch helfend und erbarmend, er rettet und
tröstet. Er tut wohl denen, die auf ihn harren. Manchmal lässt
er Menschen zu Engeln werden. Nach unseren adventlichen Paketaktionen nach
Siebenbürgen in den vergangenen Jahren, haben wir manchen dankbaren
Brief erhalten von Menschen, die das Gefühl hatten ein Engel vom Himmel
hätte ihnen die Kostbarkeiten des Pakets gebracht.

Gott kann die Herzen von Menschen erweichen, dass sie von ihrem Überfluss
abgeben und in seinem Namen und aus Erbarmen helfen. Auch was in diesen
Wochen in die braunen Tütchen von „Brot für die Welt“ gesteckt
wird, kann andernorts von den Empfängern als sichtbares Erbarmen Gottes
mit großer Not verstanden werden.

Gott zeigt sich schon. Nicht mit Getöse, Blitz, Donner, Laser und
Lichteffekt, Er zeigt sich leise und verborgen. Er will sich dem Nächsten
auch zeigen durch Sie und mich. Wenn wir anderen helfend, vergebend, freundlich
begegnen.

Er zeigt sich, wenn er in den Gaben des Abendmahls, in Brot und Wein,
in Leib und Blut Christi zu uns kommt um uns zu stärken, zu trösten
und uns zu sagen: Ich habe dir vergeben, ich habe mich längst erbarmt
über dich Ich bin bei dir, dass ich dir helfe! Plötzlich wendet
sich das Blatt. Es wird hell.

Ganz besonders hat er sich damals gezeigt, als er über den Feldern
von Bethlehem seinen Himmel aufschloss und mit Jesus Christus sichtbar
mitten in unsere Welt kam. Auch da nicht mit Heer und Gewalt. Nicht mit
Lärm und Aufsehen. Heimlich, nur vor Hirten, bescheiden, unbemerkt
von der großen Weltpolitik in einem Stall in Bethlehem. Ganz anders
als Menschen das erwarteten. Sanftmütigkeit ist sein Gefährt,
sein Königskron ist Heiligkeit, sein Zepter ist Barmherzigkeit.

So will er auch in diesem Advent kommen. Zu uns wirklich kommen. Wenn
wir ihn von ganzem Herzen suchen, wird er sich von uns finden lassen. Er
zeigt sich, wenn wir ihm klagend und fragend, bittend und flehend, glaubend
unsere selbstverschuldete Adventsnot vorlegen. Er verwandelt sie dann in
große Freude: Mein Herr kommt. Mein König kommt zu mir.

Gott hat sich in Jesus gezeigt, er zeigt sich immer wieder in unserem
Leben und einst wird er sich zeigen in seiner ganzen Macht und Herrlichkeit.
Dann können wir mit Friedrich von Spee sagen:

Da wollen wir all danken dir
unserm Erlöser für und für.
Da wollen wir all loben dich
zu aller Zeit und ewiglich.

Amen.
 
 
 
 
 
 

Verfasser: Martin Schöppel, Pfarrer, Dr.-Martin-Luther-Str.18,
95445 Bayreuth, Tel. 0921/41168