Gottesdienst – Jes. 49, 13-16

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1.Sonntag nach dem Christfest, 30.12.2007 Jes. 49, 13-16

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen.

Wir wollen in der Stille um den Segen des Wortes Gottes bitten …

Verse aus dem 49. Kapitel Propheten Jesaja sind heute unser Schriftwort für die Predigt. Sie passen genau zum Predigttext vom 4. Advent. Ich hab es am letzten Sonntag schon geschildert: das Volk Israel war noch in großer Not. Teile der Bevölkerung in babylonischer Gefangenschaft, Jerusalem halb zerstört, der Tempel in Trümmern, die Angst und Hoffnungslosigkeit der Menschen groß. Zu viel Leid hatten sie in den Jahrzehnten zuvor erfahren. Niemand wusste, wie es weitergehen sollte. In diese Niedergeschlagenheit hinein kommt die Botschaft des Propheten von der großen Freude und Hilfe. Jes.49,13-16:

Jauchzet ihr Himmel; freue dich, Erde! Lobet ihr Berge mit Jauchzen! Denn der Herr hat sein Volk getröstet und erbarmt sich seiner Elenden.

Zion aber sprach: „Der Herr hat mich verlassen, der Herr hat meiner vergessen!

Doch der Herr antwortet: „Kann eine Mutter ihren Säugling vergessen? Bringt sie es übers Herz, das Neugeborene seinem Schicksal zu überlassen? Selbst wenn sie es vergessen würde, – ich vergesse dich niemals!“

Unauslöschlich habe ich deinen Namen auf meine Handflächen geschrieben, deine zerstörten Mauern habe ich ständig vor Augen.

Haben Sie Weihnachten gut überstanden? Wie war das
Weihnachtsfest 2007 für Sie? Wenn wir jetzt in kleiner Runde im
Wohnzimmer zusammensitzen würden, könnte jeder ein bisschen
erzählen. Manche würden vielleicht mit strahlenden Augen von
ihrem ersten Weihnachtsfest als jung Verliebte erzählen oder
andere von ihrem ersten Weihnachtsfest mit dem Kind, das ihnen im Jahr
2007 geboren wurde. Oder von einem anderen besonders erfreulichen
Umstand, der ihnen das Weihnachtsfest 2007 besonders schön in
Erinnerung hält. Wenn das so ist, dann danken Sie dafür und
freuen sich daran

Für viele war es vielleicht auch ein ganz normales Weihnachtsfest, das in gewohnten Bahnen verlief und nicht von besonderen Stimmungen und Ereignissen geprägt war. Dann ist auch das noch ein Grund dankbar zu sein, denn „normal“ heißt ja, dass nichts Unangenehmes oder Schlimmes passiert ist. Ihr Christbaum hat nicht gebrannt, die Weihnachtsgans ist nicht verschmort und es musste niemand ins Krankenhaus aus der Familie. Auch das sollten wir dankbar wahrnehmen, wenn wir verschont geblieben sind von Traurigem oder Belastendem.

Da werden mir alle die zustimmen, für die das Weihnachtsfest heuer anders war als sonst, weil sie mit einer Not, einer Krankheit, einer Enttäuschung oder Traurigkeit zu kämpfen hatten. „Uns ist nicht zum Feiern zumute“, sagte kürzlich ein Ehepaar zu mir, das im Augenblick mit gesundheitlichen Problemen, mit Schmerzen und Ängsten zu tun hat.

In den Tagen vor Weihnachten verschicken die Behörden zwar keine Bußgeldbescheide, aber bedrückende Ereignisse geschehen genauso wie zu anderen Zeiten des Jahres. Es passieren Unfälle im Straßenverkehr und in den Häusern, wir lesen von schlimmen Verbrechen, schrecklichen Anschlägen, wie dem in Pakistan, bei dem die Oppositionsführerin Benazir Bhutto und 20 andere ums Leben kamen. Es wird gestritten, gestohlen und gestorben, auch an Weihnachten. Ja sogar gemordet, Kinder im Schlaf von ihrer eigenen Mutter oder vom eigenen Vater, vielleicht aus Verzweiflung oder in schwerer psychischer Erkrankung.

Es macht uns betroffen und ratlos, wenn wir in den Medien davon hören. Am liebsten schieben wir es schnell wieder weg. Es will nicht recht zu unseren festlichen Gedanken und Gefühlen passen. Obwohl ja so Entsetzliches auch zu den weihnachtlichen Geschichten der Bibel gehört. Der 28. Dezember heißt auch der „Tag der unschuldigen Kindlein“ und erinnert daran, wie der herrschsüchtige König Herodes, nach der Geburt des Jesuskindes, in und um Bethlehem ein Blutbad anrichtete, indem er alle kleinen Jungen ermorden ließ, um nur ja den vermeintlichen Rivalen aus dem Weg zu schaffen. Die Heilige Familie musste auf die Flucht und ins Exil um dem Anschlag zu entgehen.

Auch die Heilige Nacht war ja geprägt von unerfreulichen Umständen und Erlebnissen. Wenn man müde und hungrig sein Reiseziel erreicht und trotzdem kein Quartier findet. Wenn die einzige Tür, die aufgeht eine Stalltür ist und man unter solch unwürdigen Umständen sein erstes Kind zur Welt bringen muss, dann ist das weder rührselig noch romantisch. Wir haben sicher in diesen Tagen alle heiß und herrlich gespeist, für Maria und Josef war das Essen sicher kalt und karg.

Unser bürgerliches Weihnachtsklischee hat wohl mit der harten Realität des Lebens nicht viel zu tun. Der Sohn Gottes ist auch nicht deshalb geboren, damit wir mal ein paar Tage nett zueinander sind und es uns so schön wie möglich machen. Dass Gott sich die Mühe macht Mensch zu werden, hat einen ganz anderen Grund: Er sieht die Not. Er sieht, wie wir oft nicht zurechtkommen mit unserem Leben, mit uns selbst, mit dem Leid und mit dem, was nicht gelingt. Er sieht, wie wir einander oft das Leben schwer machen, wie wir aus unseren Ängsten nicht herausfinden und wie wir uns sorgen um die Zukunft.

Er hört die lauten oder leisen Gebete, die aus verzagten und traurigen Herzen kommen. Er sieht nicht nur die offenen Tränen, sondern auch die verborgenen, heimlich vergossenen. Er weiß um unsere Schuld, mit der wir selbst zu unserer Lage beigetragen haben. Seien Sie sicher: Da ist nichts übersehen, nichts überhört.

Gott sieht uns Arme und Elende, uns Trotzige und Verbitterte, uns Zweifelnde und im Selbstmitleid Versinkende und sieht nur noch eine Möglichkeit um uns zu helfen: Da muss ich hin! Die lassen sich nicht mehr aus der Ferne trösten mit guten Worten. Die schaffen es allein nicht mehr. Die finden nicht mehr ohne mich raus, aus dem Labyrinth ihres Leids. Die brauchen mich. Die brauchen mein Mitleiden und mein Helfen, mein Erbarmen, meine Kraft.

Wenn ich da nicht bald komme, so sagt sich der barmherzige Gott, dann denken die doch tatsächlich, ich hätte sie vergessen. Stimmt doch auch! Wie oft denken wir so! Wie oft höre ich das in meinen Gesprächen und bei meinen Besuchen: „Herr Pfarrer, ich glaub wirklich, der liebe Gott hat mich vergessen!“ Wenn eins zum andern kommt, wenn die Kette der schlechten Nachrichten nicht abreißt und ein Unglück dem anderen folgt, dann denken wir ja schnell so: Entweder hat Gott mich vergessen oder er ist ungerecht oder es gibt ihn vielleicht gar nicht. Manchmal verschlägt es selbst mir die Sprache, wenn ich höre, was Einzelne oder Familien alles durchmachen müssen.

Die Antwort Gottes durch den Propheten Jesaja hier ist kein Donnerwetter, sondern eine Liebeserklärung. Gott nimmt die an seiner Liebe Zweifelnden Verzweifelten in den Arm, drückt sie an sich und sagt ihnen: Ich vergess’ dich doch nicht! Denk doch nicht so was! Eine Mutter vergisst doch ihr Neugeborenes auch nicht einfach. Normalerweise nicht! Aber in Kenntnis dessen, was doch auf dieser Welt an Schrecklichem geschieht fügt Gott hinzu: Selbst wenn so was doch geschehen kann, dass eine Mutter ihr Kind vergisst: Ich vergesse Dich nicht!

Das ist die Weihnachtsbotschaft: Ich hab Euch doch nicht vergessen! Das ist der Trost für alle denen Weihnachten schwer gefallen ist, denen nicht zum Feiern zumute war, die mit Sorgen in die Zukunft schauen und die mit ihrer Hoffnung und Kraft am Ende sind: Gott sagt ihnen, sagt uns: Ich hab Euch doch nicht vergessen!

Noch mehr! Ich werd’ Euch auch nicht vergessen! Und ich hab Euch auch nicht verlassen! Schaut in die Krippe hinein und seht, wie ich zu Euch komme! Ich nehm’ Euch so an wie diese Maria ihr Kind angenommen hat und ich sorge so treu für Euch, wie es der Josef für das Jesuskind getan hat, der doch nicht einmal der Vater war.

Der Herr hat sein Volk getröstet und erbarmt sich seiner Elenden. So verkündete es der Prophet Jesaja gut 500 Jahre vor der Geburt des Heilands in Bethlehem den Menschen seiner Zeit. Da war noch alles kaputt in Jerusalem. Da waren die Besatzungssoldaten noch da, die Steuern hoch und das Einkommen gering. Da waren liebe Angehörige noch weit weg in Babylon und die Sorgen um das Auskommen drückten.

Trotzdem galt diese Zusage: Der Herr erbarmt sich seiner Elenden. Das heißt doch: Die Hilfe ist bereits eingeleitet. Die Rettung kommt. So haben es Schiffbrüchige auf hoher See erlebt, Durstige in Wüsten, Frierende in Gletscherspalten, Verunglückte in Straßengräben: Die allererste Hilfe und der erste Lichtblick war die Nachricht: Du bist gefunden, entdeckt, deine Not ist gesehen worden. Ein Winken aus der Ferne, ein Ruf, ein Lichtsignal: Wir haben dich gehört, wir haben wahrgenommen, dass du Hilfe brauchst. Schon daran kann man sich klammern, schon das gibt Kraft. Da hat jemand gesehen, in welcher Not ich bin und dass ich mir selbst nicht helfen kann.

Das gibt dann wieder Kraft und Ausdauer zu warten, bis die Hilfe da ist und wirksam wird.

Wenn einer der große Schmerzen hat, vom Arzt eine Spritze bekommt, dann lässt der Schmerz schon etwas nach, bevor das Mittel wirken kann. Paul Gerhard sagt es in seinem Adventslied so:

Das schreib dir in dein Herze, du hochbetrübtes Heer,
bei denen Gram und Schmerze sich häuft je mehr und mehr;
Seid unverzagt, ihr habet die Hilfe vor der Tür;
Der eure Herzen labet und tröstet steht allhier.

Das gilt auch uns in den letzten Tagen des alten Jahres: Seid unverzagt, ihr habet die Hilfe vor der Tür! Der eure Herzen labet und tröstet steht allhier.

Es gibt keine tröstlichere Botschaft, keine bessere Nachricht als die: Es ist Hilfe da! Vielleicht siehst du sie noch nicht, vielleicht spürst du sie noch nicht, aber sie ist da. Vielleicht kommst du dir noch verlassen und vergessen vor, aber du bist es nicht. Gott hat dich auf seinem Merkzettel, auf seiner Prioritätenliste und vergisst dich nicht.

Wenn wir etwas nicht vergessen wollen, dann schreiben wir es uns auf. Ich mach’s jedenfalls so. Ich muss dann nur aufpassen, dass ich den Zettel nicht verlege oder dass er nicht unter irgendwelchen Stapeln verschwindet. Ich such mir dann einen Platz, wo ich den Merkzettel immer wieder vor Augen habe, bis die Sache erledigt ist.

Gott ist zwar nicht vergesslich, wie wir, aber um uns zu zeigen, wie sehr er sich um uns kümmert, sagt Jesaja uns in seinem Namen: „Unauslöschlich habe ich deinen Namen auf meine Handflächen geschrieben.“ Oder wie es Martin Luther übersetzt hat: „Siehe, in die Hände habe ich dich gezeichnet.“

Manchmal haben Liebende sich den Namen des/der Geliebten in die Haut der Unterarme oder der Handrücken geritzt um zu zeigen, was einem der geliebte Mensch wert ist und dass das für immer gilt, um den Namen und damit den Menschen immer vor Augen zu haben. – Ich meine nicht, dass man nur so seine Liebe zeigen kann. – Es geht bestimmt auch anders als mit Tätowierung, aber Gott greift dieses Bild auf und will damit zeigen: So wertvoll, so wichtig bist Du für mich!

Auf den großen Händen des Heilands haben viele Namen Platz, auch Deiner und meiner und die Namen aller Armen und Elenden, aller Sünder und all derer, die sich verloren vorkommen. Die Liebe des Heilands hat unsere Namen nicht nur oberflächlich in seine Haut geritzt, sondern mit großen Nägeln am Kreuz eingeschlagen. Für Dich!

Damit wir nicht mehr an seiner Liebe und Treue zweifeln. Damit wir nie mehr denken, er hätte uns verlassen oder vergessen. Vielleicht ist das Bild des Gekreuzigten deshalb so drastisch von Gott gewählt, dass wir es nicht vergessen und es für immer vor Augen haben: Das habe ich für Dich auf mich genommen. Dazu bin ich als Mensch geboren, um Dir meine Liebe und Nähe zu zeigen und groß u machen.

auchzet ihr Himmel; freue dich, Erde! Lobet ihr Berge mit Jauchzen! Denn der Herr hat sein Volk getröstet und erbarmt sich seiner Elenden.

Je elender eines ist um so mehr wird es getröstet. Je größer die Traurigkeit war umso tiefer soll die Freude zu spüren sein. Es wird nicht dunkel bleiben! Wir dürfen uns jetzt schon freuen und jubeln, denn unsere Hilfe ist schon organisiert, unsere Rettung aus allen Unglücken und Tiefen ist schon eingeleitet.

Noch einmal Paul Gerhard, ein Vater der Glaubenszuversicht:

Die ihr schwebt in großem Leide, sehet, hier ist die Tür
zu der wahren Freude; fasst ihn wohl, er wird euch führen,
an den Ort, da hinfort euch kein Kreuz wir rühren.

Die ihr arm seid und elende, kommt herbei, füllet frei
eures Glaubens Hände. Hier sind alle guten Gaben
Und das Gold, da ihr sollt euer Herz mit laben.


(EG 36, 7+9)

Amen.

 

 

 

Verfasser: Martin Schöppel , Dr.-Martin-Luther-Str.18, 95445 Bayreuth, Tel. 0921/41168