Gottesdienst – Jeremia 9,22-23

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Septuagesimae, 12.02.2006, Jeremia 9,22-23

Gnade sei mit euch und Friede, von Gott, dem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Amen.

Wir wollen in der Stille um den Segen Gottes für diese Predigt bitten: … Herr, wir bitten dich um deinen Heiligen Geist zum Reden und zum Hören. Amen.

Die Olympischen Winterspiele in Italien haben für Deutschland richtig gut begonnen. Gleich im ersten Wettbewerb, 20 Kilometer Biathlon der Herren haben wir die Goldmedaille geholt. Wir? Natürlich war es einer. Aber einer von uns. Michael Greis besiegte sogar den großen Ole Einar Björndalen. Kurz darauf gab s dann noch die zweite Goldene durch Georg Hettich in der Nordischen Kombination. Die Deutschen in den Stadien, samt Bundespräsident Köhler waren ebenso begeistert, wie die Fans an den Fernsehern daheim.

Wir haben gewonnen! So sagt man doch, oder? Auch wenn man nur vom Wohnzimmersessel aus zugeschaut hat. Mit Siegern identifiziert man sich gern. Das ist ein gutes „Wir-Gefühl“. Wenn Deutsche verlieren, beim Fußball, bei einer Staffel, beim Tennis, dann sind wir nicht so schnell mit dem „Wir“.

Es wird sich zeigen, wie es mit Erfolg und Misserfolg bei den Olympischen Winterspielen in den nächsten Wochen weitergeht. Ob es am Ende heißt: Wir waren super oder ob man in den Medien enttäuscht feststellen wird: Die deutschen Athleten sind hinter den Erwartungen zurück geblieben. Eins steht jedenfalls fest: Es geht um Ruhm und Ehre und um viel Geld bei den Spielen in und um Turin. Damit richtig umzugehen, ist den Menschen schon immer schwer gefallen.

Der Prophet Jeremia hat im Namen Gottes schon vor Jahrtausenden davon geredet, wie sich die Besten verhalten sollten. Die Weisen, die Starken, die Reichen.

Ich lese unser heutiges Schriftwort für die Predigt, Jeremia im 9. Kapitel, Verse 22+23:

So spricht der Herr:
Ein Weiser rühme sich nicht seiner Weisheit,
ein Starker rühme sich nicht seiner Stärke,
ein Reicher rühme sich nicht seines Reichtums.
Sondern wer sich rühmen will, der rühme sich dessen, dass er klug sei und mich kenne,
dass ich der Herr bin, der Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit übt auf Erden; denn solches gefällt mir,
spricht der Herr.

Gott sagt uns durch den Propheten, wie wir mit unseren Erfolgen, unseren Leistungen, unseren Stärken und unserem Besitz umgehen sollen. Niemand soll sich rühmen. Niemand hat sich Können und Sieg allein zuzuschreiben. Als der gestrige Sieger Michael Greis, kurz nach seinem Zieleinlauf interviewt wurde und der Reporter ihm hohes Lob zollte, da dankte der frischgebackene Sieger erst einmal den vielen Menschen, die ihm auf seinem Weg zum Olympiasieg geholfen hatten. Den Trainern und Freunden, der Familie, den Betreuern. Er vergaß auch in der Stunde des größten Triumphes nicht die Menschen, die mit daran beteiligt waren. Erstaunlich und sympathisch.

Und doch hat er einen vergessen, dem eigentlich der größte Anteil an seinem Erfolg zustehen würde. Der, der das Wunderwerk Mensch so konstruiert hat, dass ein trainierter Sportler solche Leistungen vollbringen kann. Eine Stunde lang durch den Schnee rennen, mit einem Puls von etwa 200 Schlägen in der Minute. Auf den zwanzig Kilometern vier mal stehen bleiben und mit ruhiger Hand präzise auf kleine Zielscheiben schießen. Tausende von Litern Luft jagen durch die Lungen, die den Sauerstoff daraus entnehmen, über den Blutkreislauf und ein kilometerlanges Aderngeflecht in jede Muskelzelle schicken. Koordination, Präzision, Kondition. Wunderwerk Mensch! Steht die Goldmedaille nicht Gott zu?

Ein Weiser rühme sich nicht seiner Weisheit,
ein Starker rühme sich nicht seiner Stärke,
ein Reicher rühme sich nicht seines Reichtums.
Sondern wer sich rühmen will, der rühme sich dessen, dass er klug sei und mich kenne.

Wenn Sportler auf Podeste steigen, wenn Nobelpreisträger im Blitzlichtgewitter strahlen, Künstler tosenden Beifall erhalten, müssten sie nicht abwinken und nach oben zeigen und sagen: Diese Gaben hat mir der Allerhöchste gegeben. Ihm gebührt die Ehre!

Soli Deo Gloria! Gott allein die Ehre! So lautete das Lebensmotto des großen Komponisten und Kantoren Johann Sebastian Bach. Er hat es über alle seine Werke geschrieben: Soli Deo Gloria! Es sollte nicht zu seiner Ehre, sondern zur Ehre Gottes dienen. Dabei war doch auch er wirklich ein ganz Großer.

Mit welcher Einstellung nehmen wir unsere Medaillen und Siege, unsere Erfolge und Belohnungen, unsere Zeugnisse und Urkunden entgegen, auch wenn sie kleiner und bescheidener ausfallen? Lassen wir uns nicht gerne auf die Schulter klopfen und loben? Vergessen wir nicht oft den total, der uns alle Gaben und Kräfte gegeben hat, der uns „Leib und Seele, Augen Ohren und alle Glieder, Vernunft und alle Sinne gegeben hat und noch erhält.“ (Martin Luther, Auslegung zum ersten Glaubensartikel)

Es geht nicht darum, dass man sich über Erfolg nicht freuen dürfte, dass man nicht Lob entgegen nehmen dürfte, sondern dieses Gotteswort ist eine Warnung, den nicht zu vergessen, der über und hinter allem steht. Den, der uns Gaben und Talente gibt.

Es ist wunderbar, wenn am Ende dieser Woche, wenn die Zwischenzeugnisse in den Schulen verteilt werden, jemand viele Einser und Zweier bekommt. Der darf sich von Herzen freuen. Aber er sollte darüber nicht vergessen, zu danken und Gott die Ehre zu geben. Waren da nicht vor den Schulaufgaben und Exen manche Gebete um Hilfe?

Es gehört mit zu den besten Nachrichten, die man bekommen kann, wenn der Arzt nach einer Gewebeentnahme oder Blutprobe die Ergebnisse mitteilt und sagen kann: der Befund ist gutartig. Wie viele flehende Gebete sind da vorausgegangen? Folgt genauso innig der Dank? Oder wird er vergessen.

Wie viele vom Schneechaos Betroffene werden in den vergangenen Tagen zu Gott gefleht haben, Lieber Gott, hilf, dass mein Dach die Schneelast aushält. Herr, lass die Schneefälle doch endlich aufhören! Wie viele von ihnen werden nach überstandener Gefahr Gott die Ehre geben? Man wird den Einsatz der Helfer loben, wird vielleicht von den eigenen Leistungen erzählen, wie viele Stunden man geschaufelt hat und wie hoch die Schneeberge waren.

Wie viele Gebete um Schutz mögen bei katastrophalen Straßenverhältnissen zum Himmel aufsteigen, dass doch der Ehepartner oder die Kinder gut ans Ziel kommen mögen, dass das Auto nicht in den Graben rutscht oder auf der Autobahn kein Lkw die Leitplanke durchbricht und Pkws mitsamt Insassen niederwalzt. Und wie oft wird dann der Dank ausbleiben, wenn alles gut ging?

Allzu oft rühmen wir uns selbst und vergessen den, der alles in der Hand hat. Auch unsere Erfolge, unseren Schutz, unser Leben. Allzu oft verschweigen wir, wem wir den Erfolg und den Segen unseres Lebens zu verdanken haben. Allzu oft schweigen Christen und schreiben das Gute und Gelungene nur ihrer eigenen Leistung zu. Dabei wäre gerade das Bekenntnis und Glaubenszeugnis zur Ehre Gottes, wenn wir öfter davon reden würden, dass es Gottes gnädiges Handeln war, das die Sache gut ausgehen ließ.

Wir erleben zur Zeit mit, wie in vielen Ländern zornige Moslems auf die Straßen gehen und gegen Karikaturen protestieren, die vor Monaten in einer dänischen Tageszeitung erschienen sind. Sie schmähten das Ansehen ihres Religionsstifters Mohammed. Niemand sollte die religiösen Gefühle Andersgläubiger verletzen. Auch dann nicht, wenn das, was einem selbst heilig ist geschmäht wurde. Aber was da an Protest geschieht, ist maßlos überzogen. Es wird damit auch etwas von der Art und Weise deutlich, mit der Mohammed für die Ausbreitung seines Glaubens sorgte. Er zog mit Kriegern los und mordete Gegner. Jesus Christus wurde von seinen Gegnern gemordet. Er starb für sein Volk.

Wer geht bei uns auf die Straße, wenn Christus verspottet wird, wenn auf Bühnen und Bildschirmen, in Büchern und Blättern Gott gelästert, Christus geschmäht und Christen verspottet werden? Ist nicht die Heiligkeit Gottes bei uns längst hinter der Heiligen Kuh Pressefreiheit zurückgeblieben? Wie sieht es aus mit dem öffentlichen Ruhm Gottes?

Man darf in unserer Gesellschaft alles rühmen, aber es wirkt auf viele unserer Zeitgenossen peinlich, wenn in der Öffentlichkeit im Land der Reformation Gott oder gar Jesus Christus, nach dem wir uns Christen nennen, gerühmt wird. Bei Feiern und Jubiläen, selbst bei großen Beerdigungen werden Menschen und ihre Verdienste gerühmt, aber der Ruhm Gottes bleibt blass, wenn er nicht sogar ganz vergessen wird.

Dabei hätten wir doch so viel Grund unseren Gott zu preisen, ihm die Ehre zu geben, von ihm und all seinen Wundern zu erzählen. Wir leben seit über sechzig Jahren im Frieden, in geordneten Verhältnissen, wir hungern und frieren nicht, auch wenn der Winter mal wieder ein bisschen kälter ist. Wir sind hygienisch und medizinisch besser versorgt als jede Generation vor uns. Die durchschnittliche Lebenserwartung steigt ständig. Wir stehen am Morgen unter einer warmen Dusche, sitzen am Abend in einem bequemen Sessel und legen uns zur Nacht in ein weiches Bett.

Wir haben Bibeln in verständlicher Sprache, beheizte Kirchen, großzügige Gemeindehäuser, gute Andachtsbücher und werden wegen unseres Glaubens nicht verfolgt. Bei uns werden keine Kirchen angezündet oder in die Luft gesprengt, wie in anderen Ländern, in denen Christen in der Minderheit sind. Wie gehen wir mit diesen Vorzügen und Freiheiten um? Nützen wir sie oder verschlafen wir sie träge.

Eines Tages kann es auch bei uns wieder anders sein. Dann wird uns jede Stunde leid tun, die wir nicht genutzt haben, jeder Gottesdienst, den wir nicht besucht haben, jedes Dankgebet, das wir nicht gesprochen und jedes Loblied, das wir nicht angestimmt haben.

Wenn wir den vergessen, der Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit übt auf Erden, dann nützen uns alle anderen Erfolge und Preise, Erkenntnisse und Fähigkeiten nichts. Dann geht es trotzdem in den Untergang. In einigen Jahrzehnten werden die Olympiasieger von heute am Stock gehen, vielleicht in einem Pflegebett liegen, die Trophäen in der Vitrine zeugen noch von früheren Kräften. Die Klugen und Weisen unserer Tage werden in wenigen Jahren als gestrige belächelt, die ja noch so wenig wussten und die Reichen werden ihren Besitz den streitenden Erben überlassen müssen. Als klug werden sich dann nur die erweisen, die in ihrem Leben immer wieder die Ehre Gott gegeben haben.

Wer nach dem Motto Bachs, „Soli Deo Gloria“ lebt, nicht aufhört ihn zu rühmen, von ihm zu erzählen, ihm zu vertrauen, der hat auch am Ende eines kurzen oder langen Lebens eine wunderbare Zukunft vor sich. Nur bei unserem Gott erfahren wir Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit.

Die Barmherzigkeit, dass wir trotz unserer Fehler und Sünden nicht verstoßen werden, dass wir auch wenn wir nicht siegen, auch wenn wir scheitern und versagen, dennoch von ihm geliebt und bei ihm geborgen sind. Bei Jesus finden nicht nur die Beachtung, die auf Bühnen und Podesten stehen, sondern zuerst die, die von anderen übersehen werden, denen die Kraft ausgeht, die sich überfordert fühlen, die am Verzweifeln sind.

Bei Gott werden mit himmlischen Preisen belohnt, die sich selbst nicht geschont haben, um anderen zu helfen. Bei ihm gibt es Kronen für solche, die trotz Spott und Verfolgung den Glauben durchgehalten haben und Herrlichkeiten für Sünder, die Buße getan und neu angefangen haben. Er macht in seinem Reich die zu Großen, die hier bescheiden und hilfsbereit gedient haben ohne großes Lob zu erwarten.

Wir haben wirklich keinen Anlass unseren Gott und den Glauben an ihn beschämt zu verstecken. Das geschieht leider viel zu oft, dass Christen ihre Überzeugungen und ihren Glauben sorgsam verbergen. Manchmal sitzen Schüler lange nebeneinander, arbeiten Kollegen Jahre zusammen, wohnen Nachbarn Tür an Tür, Zaun an Zaun und lassen den anderen nicht wissen, welchen starken Halt, welchen großen Gott, welchen gnädigen Heiland sie haben.

Wir dürfen mit viel mehr Selbstbewusstsein, ja mit viel mehr Stolz von unserem Herrn und Heiland erzählen. Nicht nur unser neues Auto rühmen, unseren neuen Computer, das teuere Medikament, sondern unseren Herrn und Gott. Wenn andere darüber lachen, lass sie lachen! Einmal werden sie nicht mehr lachen, wenn unser Mund voll Rühmen und Lachen sein wird, wenn Gottes Reich anbricht und seine Macht und Herrlichkeit für alle sichtbar wird.

Selbst wenn es jemandem unter uns heute ganz besonders schlecht geht, darf er doch mit einstimmen und sagen: Aber ich habe den Gott, der Barmherzigkeit übt und der stellt sich auf meine Seite und hilft mir.

Nun danket Gott, erhebt und preiset
Die Gnaden, die er euch erweiset
Und zeiget allen Völkern an
Die Wunder, die der Herr getan.
O Volk des Herrn, sein Eigentum,
besinge deines Gottes Ruhm.

(Johannes Stapfer)

Amen.

 

Verfasser: Pfarrer Martin Schöppel, Dr.-Martin-Luther-Str.18, 95445 Bayreuth Tel.O921/4l168