Gottesdienst – Jeremia 23, 5-8

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1.Advent, Jeremia 23, 5-8, 28.11.2010

Gnade sei mit euch und Friede, von Gott, dem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Amen.
Wir wollen in der Stille um den Segen Gottes für diese Predigt bitten:
… Herr, wir bitten dich, erhöre uns. Amen.

Das Schriftwort für diese Predigt lesen wir beim Propheten Jeremia im 23. Kapitel:

 

Siehe, es kommt die Zeit, spricht der Herr, dass ich dem David einen gerechten Spross erwecken will. Der soll ein König sein, der wohl regieren und Recht und Gerechtigkeit im Lande üben wird.

Zu seiner Zeit soll Juda geholfen werden und Israel sicher wohnen. Und dies wird sein Name sein, mit dem man ihn nennen wird: „Der Herr, unsere Gerechtigkeit“.

Darum siehe, es wird die Zeit kommen, spricht der Herr, dass man nicht mehr sagen wird: „ So wahr der Herr lebt, der die Israeliten aus Ägyptenland geführt hat!“, sondern: „So wahr der Herr lebt, der die Nachkommen des Hauses Israel herausgeführt und hergebracht hat aus dem Lande des Nordens und aus allen Landen, wohin er sie verstoßen hatte.“ Und sie sollen in ihrem Lande wohnen.

 

Schau hin! Er kommt! Er kommt tatsächlich zu uns! Das ist Advent. Das will uns die brennende Adventskerze sagen. Eine Kerzenflamme ist ein Hingucker. Sie bewegt sich, sie flackert, sie ist lebendig.

 

Seht die gute Zeit ist nah, haben wir vorhin gesungen. Und „siehe“ heißt es auch hier in diesen Worten des Propheten Jeremia. Auf was sollen wir denn sehen, warten und unsere Aufmerksamkeit richten? Auf einen, der uns den Sieg bringt und Hoffnung gibt. Auf einen, der etwas kann, was wir nie selbst könnten und der uns teilhaben lässt an seinem Sieg.

Als vor einigen Tagen der überraschende Formel 1 Sieger, Sebastian Vettel, in seine Geburtsstadt Heppenheim kam, da haben ihn Tausende erwartet und jubelnd empfangen. Er hatte etwas vollbracht, was kaum möglich schien. Eine ganze Rennsaison lang war er nie auf dem ersten Platz. Ausgerechnet im letzten Rennen fuhr er als erster ins Ziel und wurde damit auch Formel 1 Weltmeister, als jüngster Rennfahrer der Geschichte.

Viele in Deutschland haben sich mit ihm gefreut. Von der Bundeskanzlerin bis zum kleinen Schüler haben ihm zahlreiche begeisterte Menschen gratuliert. Obwohl ja eigentlich keiner der Fans wirklich etwas davon hat, gab er den Menschen doch das Gefühl, dass auch sie gesiegt hätten. „Wir sind Formel 1 Weltmeister.“ Es ist unser Sieg. Für weniger Rennsportbegeisterte eine fragwürdige Geschichte.

Allerdings ist dem Glauben dieses Denken gar nicht fremd. Ja eigentlich sollten wir alle das im Glauben so machen. Siehe! Auf den schauen, der den Sieg für uns vollbracht hat, Jesus und seinen Sieg für uns in Anspruch nehmen. Niemals könnten wir ihn selber erringen. Dazu sind wir viel zu schwach, viel zu egoistisch, viel zu verkehrt.

Gott weiß es und er erwartet es gar nicht von uns. Darum hat er seinen Sohn in diesen Kampf geschickt, in den Kampf gegen Bosheit und Zweifel, gegen Sünde und Ungerechtigkeit. Und Jesus hat durchgehalten. Zuletzt, als alle dachten, dass er den letzten und schwersten Kampf am Kreuz verloren hätte, war sein Sieg vollbracht. Durch Ungerechtigkeit zur Strecke gebracht, hat er die Gerechtigkeit vollbracht, die vor Gott gilt. Gerechtigkeit aus Glauben.

Das ist die reformatorische Wiederentdeckung Martin Luthers gewesen: Die Gerechtigkeit vor Gott kommt aus dem Glauben an Jesus Christus. Dem, der an ihn als seinen Herrn und Heiland glaubt wird diese Gerechtigkeit, die vor Gott gilt geschenkt.

Die Adventszeit ist ja eine ganz besondere Zeit mit einer doppelten Botschaft: Sie ist einerseits Bußzeit. – Viele wissen das gar nicht mehr. Die violetten Tücher an Altar und Kanzel erinnern daran. Sie ist die Zeit, in der an die Botschaft des Johannes des Täufers erinnert wird, der Umkehr und Buße gepredigt hat. „Bildet euch nur nicht ein“, so hat er damals den Juden gepredigt, „dass ihr allein deshalb in den Himmel Komm, weil ihr Abraham zum Vater habt.“ So hat er den frommen Zeitgenossen am Jordan zugerufen. Das genügt nicht! Kehrt um, ändert Euer Leben! Haltet Euch an die Gebote Gottes und bittet um Vergebung. Lasst die krummen Touren, die unehrlichen Geschäfte, den Machtmissbrauch!

Die erschrockenen Menschen, die damals unter der Predigt des Johannes zugeben mussten, dass wirklich vieles in ihrem Leben nicht in Ordnung war, stellten sich in die Reihe der schuldbewussten Sünder und ließen sich in der Taufe im Jordan von Johannes die Vergebung ihrer Sünden zusprechen.

Sie erfuhren die befreiende Wirkung der Vergebung und dachten: Vielleicht ist der Johannes der gerechte Spross, den Gott dem David erwecken will. Aber Johannes verneinte das. „Ich“, so widersprach er, „bin nur die Stimme eines Predigers in der Wüste. Ich taufe nur mit Wasser, aber der nach mir kommen wird, der wird mit Heiligem Geist taufen und mit Feuer und ich bin nicht wert, dass ich ihm die Schuhe ausziehe.“. Und er wies hin auf Jesus. Er ist schon da, sagte er. Haltet euch an ihn! Und damit nannte er den zweiten Schwerpunkt der Adventszeit: Hoffnung, Erwartung, Sehnsucht, brennendes Verlangen nach dem, der durch seine Gerechtigkeit aufrichtet.

Diese beiden Schwerpunkte der Adventszeit haben sich nicht verändert. Buße und Hoffnung, Umkehr und Erwartung, Ausräumen und vorbereiten. Platz machen für Jesus in unserem Leben. Ihn aufnehmen, neu annehmen mit Freuden, weil wir wissen, dass er uns schenkt, was wir nie schaffen könnten.

So viele wissen es nicht mehr, verstehen es nicht mehr, suchen es nicht mehr. Die Worte tönen manchmal noch über die Adventsmärkte aus den Lautsprechern:

 

Er ist gerecht, ein Helfer wert, Sanftmütigkeit st sein Gefährt,
Sein Königskron ist Heiligkeit, sein Zepter ist Barmherzigkeit;
All unsre Not zum End er bringt, derhalben jauchzt, mit Freuden singt:
Gelobet sei mein Gott, Mein Heiland groß von Tat.

 

Aber mit Freude singen, kann man ja nur, wenn man es verstanden und wenn man es angenommen hat, worum es da geht: Gottes Liebe zu mir. Er schenkt mir, was ich nie erreichen könnte und was ich nie und nimmer verdient hätte. Das ist sein Name sagt Jeremia hier: der Herr, unsere Gerechtigkeit. Er hat sein Leben aufs Spiel gesetzt für uns, nicht in einem 750-Ps-Boliden auf einer kurvigen Rennstrecke, sondern auf einem jungen Esel reitend, unter brutalen Geißelhieben und an einem Kreuz blutend und sterbend. Der Gerechte für die Ungerechten. Durch seine Wunden sind wir geheilt. Das ist das Geheimnis des Glaubens.

Advent ist die tiefe Sehnsucht des Glaubenden, dass die Gerechtigkeit unseres Herrn endlich ganz zur Wirkung kommt. Zuerst in unserem persönlichen Leben. Dass wir frei werden von unserem lieblosen und selbstsüchtigen Wesen, dass wir ganz ehrlich werden und ganz treu. Und dann auch die Sehnsucht, dass die Gerechtigkeit Gottes unsere Welt verwandeln möge. Dass Krieg, Leid und Terror aufhören. Dass nicht mehr die Angst regiert vor Anschlägen und vor körperlicher oder psychischer Gewalt, sondern dass Liebe und Freiheit das Lebensklima bestimmen.

Wer die Welt kennt und auf die Tatsachen sieht, hat wenig Hoffnung darauf: – Kriegsgefahr in Korea, Anschläge in Afghanistan und die Angst davor überall in der Welt, auch bei uns in Deutschland. Hunger und AIDS in Afrika und anderswo. Milliardenlöcher in Euroland, für die Steuerzahler aufkommen sollen, Mordlust in Bodenfelde, Kinderpornographie im Internet, und Streit in der Familie. Die Welt macht uns wenig Hoffnung auf Gerechtigkeit. Ja sie raubt uns die Hoffnung. Und selbst Synoden enttäuschen und verwirren manchmal mit ihren Beschlüssen.

Aber der Herr, der hier „unsere Gerechtigkeit“ genannt wird und der selbst seine Kirche baut, schenkt uns trotzdem Hoffnung durch den Glauben. Er ist das große Licht, das das Volk, das im Finstern wandelt, sieht. Der Herr der Herrlichkeit, dem wir unsere Herzen öffnen dürfen. Wenn es uns auch noch so unmöglich erscheint, ER siegt am Ende. ER richtet sein Reich auf und schafft seine Gerechtigkeit. Alle, die an ihn glauben, dürfen jetzt schon von der Vorfreude darauf leben.

In unserem Text hier aus dem Propheten Jesaja wird ein Beispiel aus der Weltgeschichte angeführt, das uns Mut machen will zum Glauben. Was damals noch Ankündigung des Propheten war ist inzwischen Wirklichkeit geworden: Zu Zeiten Jeremias waren Israel und Juda politisch im Grunde nicht mehr existent. Sie waren besiegt, entmachtet, die eingesetzten Herrscher nur Marionetten, der Mächtigen. Große Teile der Bevölkerung wurden verschleppt, versklavt und schienen verloren. Wieder einmal.

Israel hatte bis dahin über mehr als Tausend Jahre versucht sich mit der Erinnerung an Gottes Macht und Treue vor der Angst und Verzweiflung der Gegenwart zu retten. Es gab immer wieder den Ausspruch: „So wahr der Herr lebt, der uns aus Ägyptenland geführt hat.“ Damit wurde an die Befreiung aus der ägyptischen Sklaverei zur Zeit des Moses erinnert. Eine nach menschlichem Ermessen aussichtslose Sache. Wie sollen unbewaffnete Sklaven der Unterdrückung einer bewaffneten Supermacht entkommen. Sie waren chancenlos. In die Enge getrieben, zwischen Meer und Soldaten. Aber Gott hat das Unmögliche getan. Er hat das Meer geteilt und die verfolgenden Soldaten umkommen lassen.

Gott hatte sein Volk 40 Jahre Wüste überleben lassen. Hatte es gegen Hunger, Durst, Schlangen, Feinde, Aufstand bewahrt und durchgebracht. So wahr der Herr lebt, sollte der denn nicht auch jetzt und heute noch alle Macht haben? So hat man sich immer wieder erinnert und wieder neu Mut im Glauben gefasst. Und der Prophet Jeremia setzt hier noch eins drauf in Sachen Hoffnung: Er ruft den Verschleppten zu, die fürchten für immer aus der Heimat vertrieben zu werden: Der Herr wird die Nachkommen des Hauses Israel wieder aus dem Norden und aus allen Landen zurückbringen. Sie sollen wieder in ihrem Land wohnen. Vertraut ihm und seiner Macht!

Wer diese Worte des Propheten damals nicht vergessen hat, der hatte eine Hoffnung, die ihm Kraft gegeben hat, wenn er fern der Heimat als Sklave und Gefangener Ungerechtigkeit erlebt hat: Gott hat es versprochen, durch seinen Propheten. Und für viele gab es dann auch Jahre später eine Rückkehr.

Aber auf noch ganz andere Weise und in noch größerer Dimension hat Gott seine Macht in der Geschichte seines Volkes bewiesen. Er hat sein in den Norden und in alle Länder der Erde verstreutes Volk nach fast 2000 Jahren wieder zurückgebracht in ihr Land. Was mit der Zionistischen Bewegung unter Theodor Herzl vor gut Hundert Jahren begann wurde mit der Gründung des Staates Israel gegen alle Widerstände der Nachbarstaaten vor 62 Jahren Wirklichkeit.

Es gibt kein vergleichbares Geschehen in der Weltgeschichte, dass ein Volk ohne Land über so lange Zeit seine Identität bewahrt und wieder eine staatliche Existenz bekommen hätte. Aber für den lebendigen Gott sind Jahrtausende keine Zeiträume und politische Machtverhältnisse keine Hindernisse. Er hat seine Kirche trotz blutiger Verfolgungen gebaut und das Evangelium in alle Teile dieser Erde gebracht. Er wird auch die letzte seiner Verheißungen erfüllen, wird wiederkommen zu richten, die Lebenden und die Toten. Er wird sein Reich aufrichten und die Gerechtigkeit schaffen, die Menschen nicht schaffen können.

Das ist Advent, dass wir uns bereit machen lassen für die Begegnung mit dem lebendigen Gott und dem kommenden Herrn und dass wir uns mitten in unserem Alltag neu auf Gottes Zusagen verlassen. Wir sollen uns nicht von den oft traurigen Tatsachen der Welt niederdrücken lassen, sondern uns neu ausrichten auf die Zukunft mit unserem Herrn. Jede Kerze, jedes Adventslicht will uns erinnern und Mut machen: Schau hin! Schau auf ihn! Er kommt!

Er kommt, er kommt mit Willen, ist voller Lieb und Lust,
all Angst und Not zu stillen, die ihm an uns bewusst.
(EG 11,7)

Er kommt auch in unsere Angst und Not, in unsere Schmerzen und Sorgen und tröstet, hilft, stärkt und gibt Hoffnung. Wenn wir ihn nur wieder von ganzem Herzen anrufen. Der Herr ist nahe allen, die ihn anrufen, allen, die ihn ernstlich anrufen. Er hat auch für uns schon gesiegt.

 

Komm, o mein Heiland, Jesu Christ, meins Herzens Tür dir offen ist. Ach zieh mit deiner Gnade ein, dein Freundlichkeit auch uns erschein. Dein Heilger Geist uns führ und leit, den Weg zur ewgen Seligkeit. Dem Namen dein, o Herr, sei ewig Preis und Ehr.

 

Amen.

Verfasser: Martin Schöppel, Pfarrer, Dr.-Martin-Luther-Str.18, 95445 Bayreuth, Tel. 0921/41168