Gottesdienst – Jeremia 20, 7 – 11a
Zur PDFOkuli, 11.03.2007, Jeremia 20, 7 – 11a
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Wir beten in der Stille um den Segen für diese Predigt. … Herr, wir bitten dich, erhöre uns. Amen.
„O, wie ist das schön, so was hat man lange nicht geseh’n, so schön!“ So ähnlich haben sie gesungen, am späten Mittwoch Abend in der Münchener Allianz Arena, nach dem Sieg des FC Bayern gegen Real Madrid. Begeisterte Fans feierten den Einzug ihrer Mannschaft ins Viertelfinale der Champions-League. Das beruhigende Eins zu Null gleich in der ersten Minute. Und am Ende als es noch einmal spannend wurde die nötige Portion Glück. Manchmal läuft’s eben einfach.
Ja, wir kennen das glücklicherweise auch: Tage an denen alles nach Wunsch läuft. Wenn die Arbeit vorangeht, wenn gleich der erste Versuch gelingt. Wenn man die Leute erreicht, die man braucht, gerade noch recht kommt zum Zug oder zum Flieger oder vor Ladenschluss noch das passende Teil findet. Dann sind wir fröhlich und vergnügt, haben Spaß am Leben und genießen den Erfolg.
Aber leider läuft es nicht immer so. Da gibt es auch die Tage, an denen gar nichts klappt, an denen wir immer einen Tick zu spät dran sind und stets knapp daneben liegen. Oder Zeiten in denen alles umsonst scheint. Computer- Nutzer kennen das. Wenn man fast fertig ist mit seiner Arbeit und dann ist plötzlich alles weg. Ein falscher Tastenbefehl oder ein unerklärlicher Absturz des Systems. Man könnte heulen, die Wand hoch gehen, ist verzweifelt, resigniert.
Solche Misserfolge und schwarze Tage gibt es nicht erst seit dem Computerzeitalter: Es hat alles keinen Sinn! Alle sind gegen mich! Ich mag nicht mehr! Ich schmeiß alles hin! Derlei Ausrufe sind wohl so alt wie die Menschheit. Wahrscheinlich hatte sie schon der Neandertaler in seinem Repertoire, wenn er sein Feuer nicht angebracht hat oder der letzte Pfeil die Beute wieder knapp verfehlt hat.
Misserfolg gehört halt zu unserem Leben, wird mancher, im Augenblick glücklichere Zeitgenosse, jetzt vielleicht denken. Aber wenn man selber grad drin steckt, sieht es anders aus. Und wenn man gar den Eindruck hat, dass Gott mit im Spiel ist und einem in einer guten Sache nicht weiterhilft; wenn er zulässt, dass einen die anderen auslachen; wenn er nichts zu unternehmen scheint, gegen die bösen Spielchen der Mitmenschen, dann kann einem schon die Freude am Leben vergehen.
So lesen wir es von einem Mann Gottes im Alten Testament.
Jeremia, der von Gott im 7. Jahrhundert vor Christus zum Propheten berufen wurde, der sich um dieses Amt nicht gerissen hatte, sondern es eigentlich lieber nicht übernommen hätte, musste erleben, wie er von allen Seiten abgelehnt wurde. Man spottete über ihn, hielt ihn für einen Nestbeschmutzer und ewigen Miesmacher, man schlug ihn, vertrieb ihn, wollte ihn sogar töten. Dieser Bote Gottes kommt an einen Punkt, wo er nicht mehr mag. Er hat es satt! Es ist die große Ehrlichkeit der Bibel, dass sie uns auch das nicht verschweigt. Sie lässt uns die Klage und den Zorn des Propheten mithören. Es ist unser Schriftwort für die Predigt heute, Jeremia 20, 7-11:
Herr, du hast mich überredet und ich habe mich überreden lassen. Du bist mir zu stark gewesen und hast gewonnen; aber ich bin darüber zum Spott geworden und jedermann verlacht mich.
Denn sooft ich rede, muss ich schreien: „Frevel und Gewalt!“ muss ich rufen. Denn des Herrn Wort ist mir zu Hohn und Spott geworden täglich.
Da dachte ich: Ich will nicht mehr an ihn denken und nicht mehr in seinem Namen predigen. Aber es ward in meinem Herzen wie ein brennendes Feuer, in meinen Gebeinen verschlossen, dass ich’s nicht ertragen konnte; ich wäre schier vergangen.
Denn ich höre, wie viele heimlich reden: „Schrecken ist um und um!“ “ Verklagt ihn!“ “ Wir wollen ihn verklagen!“
Alle meine Freunde und Gesellen lauern, ob ich nicht falle. „Vielleicht lässt er sich überlisten, dass wir ihm beikommen können und uns an ihm rächen.
Aber der Herr ist bei mir wie ein starker Held, darum werden meine Verfolger fallen und nicht gewinnen.
Er kann einem wirklich leid tun, der Prophet. Nach anfänglichem Zögern und Widersprechen übernimmt er den Auftrag, den Gott ihm gibt. Es nützt ihm nichts, dass er sich für zu jung und völlig ungeeignet hält. Gott lässt nicht locker. Er zwingt Jeremia in die Rolle des Propheten: Herr, du hast mich überredet und ich habe mich überreden lassen. Du bist mir zu stark gewesen und hast gewonnen; So empfindet es jedenfalls Jeremia im Nachhinein. Und die Worte, die er wählt bedeuten eigentlich äußeren Zwang und beinahe Gewalt.
Jeremia hat mit diesem Auftrag Anteil am Leiden Gottes in der Welt. Es ist ja auch erschütternd, was Gott sich alles gefallen lassen muss von den Menschen. Sie ignorieren seine Liebe einfach. Sie pfeifen auf seine Gebote und Lachen über seine Warnungen. Viele nehmen ihr Leben als eine Selbstverständlichkeit hin, so, als ob sie sich selber erschaffen hätten und für immer am Leben erhalten könnten.
Da wird rücksichtslos umgegangen mit Natur und Rohstoffen, mit Völkern, Arbeitskräften und den Grundbausteinen des Lebens. Als ob wir in einer Einwegwelt leben würden, die nach dem Gebrauch durch eine oder höchstens zwei Generationen auf einem kosmischen Müllhaufen landen würde.
Forscher, Machthaber und Wirtschaftsbosse spielen sich zu Schicksalsmächten auf, die über das Leben, die Freiheit und die Lebensgrundlagen der Generationen entscheiden. Und wer warnt oder mahnend seine Stimme erhebt, wird ausgelacht, in die Ecke gedrängt, beschimpft. Fundamentalist! Religiöser Fanatiker! Verführer!
Damals hat man Jeremia aus dem Tempel verbannt, von Marktplätzen verjagt, sogar Mordanschläge gegen ihn geplant. Heute wird in den Medien Jagd gemacht auf Leute, die es wagen im Namen Gottes ihren Mund aufzumachen und vor falschen Wegen warnen. Da kriegt ein Bischof Kontra, wenn er sich traut für die Familie und gegen zu frühe Betreuung von Kleinkindern in Krippen zu reden.
Wagen Sie es einmal öffentlich etwas gegen Abtreibung oder Homosexualität zu sagen oder Forschung an Embryonen abzulehnen oder die Manipulation an Genen. Da geht der Sturm der Entrüstung los. Denken Sie an die Aufregung, die die Journalistin und Moderatorin Eva Herman im vergangenen Herbst mit ihrem Buch „Das Eva Prinzip“ auslöste, in dem die selbst berufstätige Mutter sich für eine neue Weiblichkeit einsetzt.
Oder was muss sich der ZDF Heute Moderator Peter Hahne für böse Kritiken gefallen lassen, weil er bekennender Christ ist und immer wieder in seinen Schriften zur Umkehr zu Gott aufruft.
Zu allen Zeiten hatten die Bußprediger und Mahner für Gott einen schweren Stand, wurden verfolgt, verlacht, nicht ernst genommen, an den Rand gedrängt und konnten zu Lebzeiten meist keine sichtbaren Erfolge verbuchen. Sie hatten Anteil am Leiden Gottes an der Welt, Anteil am Leiden Christi für diese Welt. Leiden ist kein Spaß und Mit-Leiden auch nicht. Da geht es durch Tiefen, durch Anfechtung und Selbstzweifel bis hin zur Verzweiflung. Man kann an den Punkt kommen, wo man alles hinschmeißen möchte, auch den Glauben oder wo man wie Jeremia einige Verse nach unserem Predigttext sagt: „Verflucht sei der Tag an dem ich geboren bin!“(Jer.20, 14)
So was sagt ein großer Prophet? Einer den Gott berufen und beauftragt hat? Und die Bibel hält das auch noch über Jahrtausende schriftlich fest, für uns alle nachzulesen! Diese Verse sind vielfach zum Trost geworden für Menschen in ähnlichen Situationen. Martin Luther haben diese Worte sehr getröstet, als er mit seinen Thesen und seiner Aufforderung zur Buße und Umkehr selbst von der Kirche bittere Feindschaft erntete. Er sagt einmal das gewagte Wort: „Gott ist das Fluchen seiner Heiligen angenehmer als das Halleluja seiner Heuchler.“
Jedem Beter ist das Klagen genauso erlaubt, wie dem Jeremia dem Jona, vielen Psalmschreibern und anderen Propheten oder Martin Luther. Selbst Jesus hat geklagt und Weherufe über falsche Fromme, über Jerusalem und die kommenden Geschlechter ausgestoßen. Auch die Klage ist eine Form des Gebets, sogar des kindlichen vertrauensvollen Gebets. Klagende wenden sich ohne salbungsvolle Worte an Gott. Sie machen aus ihrem herzen keine Mördergrube, sondern schütten es aus, vor Gott – vielleicht auch einmal vor einem Seelsorger, weil es ihnen wirklich schlecht geht und weil der Himmel für sie wie mit Brettern vernagelt scheint.
Auch als Pfarrer kommt man immer wieder an solche Punkte, wo man aufhören möchte. Da gibt es Tage an denen man mit Gott hadert und fragt: Warum hast du ausgerechnet mich an diesen Platz gestellt? Hättest du dir nicht einen anderen suchen können, der es besser macht? Man macht dann leicht Gott verantwortlich für Erfolglosigkeit und Stillstand in der Gemeinde.
Ist er nicht schuld? Er könnte es doch verhindern,
– dass Konfirmanden nach der Konfirmation wegbleiben;
– dass viele Veranstaltungen nicht angenommen werden;
– dass Evangelisationen, Bibelwochen und Einladungen zu Gruppen nicht zum erhofften Erfolg führen.
Was man auch tut, man hat den Eindruck, die Gottlosigkeit greift immer mehr um sich und selbst in der Kirche gehen die Grundlagen des Glaubens verloren.
Diese Jeremia-Gefühle und Gedanken kennen wohl alle, die im Reich Gottes mitarbeiten. Kindergottesdiensthelferinnen und -helfer, Jugend- und Jungscharleiterinnen und -leiter die dann mit nur zwei Kindern dasitzen oder allein. Sie haben sich mit viel Zeit und Liebe vorbereitet und es scheint niemanden zu interessieren. Sammlerinnen und Sammler, die von Haus zu Haus gehen und für diakonische Projekte einige Euros erbitten müssen sich dumm anreden lassen, ernten mitleidige Blicke oder man schlägt ihnen die Türe vor der Nase zu. Selbst die Gemeindehilfen, die unseren Blickpunkt oder Bayreuth Evangelisch in die Häuser bringen, ernten manchmal mehr Unwillen als Dankbarkeit.
Teilhaben am Leid Gottes und am Leiden Christi hat viele Formen. Es kann in einem Kirchenvorstand geschehen oder in einer Synode, in einem Jugendkonvent, auch in einem Kirchen- oder Posaunenchor. Man kann als Schreiber eines Leserbriefes gegeißelt werden oder weil man nicht alles mitmacht im Betrieb oder in der Klasse zu Außenseiter abgestempelt werden. Da kann unsere Gesellschaft sehr unchristlich mit Leuten umgehen, die sich zu Christus bekennen und bekennende Christen haben es oft in der Kirche und in den Gemeinden schwer. Aber das war bei Jeremia nicht anders. Seine erbittertsten Feinde waren die Priester und Schriftgelehrten. Bei Jesus war es nicht anders.
Das dürfen und das sollen wir Gott klagen. Er erkennt auch ein: Ich mag nicht mehr! Ich kann nicht mehr! als ein ehrliches Gebet an. Und wenn es auch manchmal so scheint, als würde er solches Beten nicht einmal hören und keine Reaktion auf die geklagte Not zeigen, ist er doch ganz Ohr und lässt den verzweifelten Beter nicht allein.
Über dem Klagen verändert sich etwas bei Jeremia. In seine Klage kommt wie ein Lichtstrahl ein Trost, ein „Aber“. Wie aus heiterem Himmel kommen ihm plötzlich ganz andere Worte über die Lippen. Eben noch hat er sich beschwert über die Übermacht der Gegner, über ihr Mobbing und ihre Heimtücke, da ist plötzlich eine ganz andere Erkenntnis da. Er ruft trotz seiner Verzweiflung aus: „Aber der Herr ist bei mir wie ein starker Held!“
Macht, was ihr wollt, wenn ihr auch alle gegen mich seid, bei mir ist doch der Stärkere, der am Ende siegt. Auch wenn es jetzt so aussieht, als hätte ich verloren, als wäre ich ein einsamer Narr, am Ende werde ich doch recht behalten. Zuletzt wird es einmal für alle sichtbar sein, dass Gott siegt und dass er zu seinen Boten steht.
Vielleicht erleben wir diesen Triumph nicht mit, wie auch Johann Hus, Martin Luther, Paul Gerhard, Dietrich Bonhoeffer, Martin Luther King und viele andere den Sieg ihrer Sache nicht erlebt haben, aber das ist auch nicht das Entscheidende. Es geht ja um die Sache Gottes! Es geht um den Herrn Jesus Christus, der für uns am Kreuz gescheitert ist um für uns zu siegen. Wenn wir mit ihm leiden und für seine Sache leiden, werden wir auch an seinem Sieg Anteil haben.
In jeder Verzweiflung und Tiefe dürfen wir nach allem Klagen auch diese trotzige „Aber“ des Jeremia nachsprechen:
„Aber der Herr ist bei mir wie ein starker Held!“
Und wir werden dabei getröstet, gestärkt und bekommen wieder so viel Kraft, wie wir an unserem Platz und in unserer Lage brauchen.
Jeremia nennt Gott einen starken Held. Er weiß trotz seiner Klagen, dass Gott seinen Willen zum Ziel bringt. Alle Spötter und Kritiker, alle Feinde des Evangeliums werden am Ende unterliegen, wenn Gott seine Sache vollendet und seine Leute ans Ziel gebracht hat. Dort, im Reich Gottes, wird die letzte Klage verstummt und die letzte verzweifelte Träne abgewischt sein. Bis dahin sind wir unterwegs auf einem Weg, der wie bei Jesus auch immer wieder durch Leid und Tiefen geht.
Bei jedem Schritt auf dem Weg des Glaubens dürfen wir ihn bitten:
Herr Jesus, lass mich nicht allein! Gib mir Mut und Kraft durchzuhalten und nicht abzuweichen von deinem Weg, auch wenn mir viel Widerstand begegnet. Viele sind gegen mich, „Aber du, Herr, bist bei mir wie ein starker Held!“
Amen.
Verfasser: Martin Schöppel, Dr.-Martin-Luther-Str.18, 95445 Bayreuth, Tel. 0921/41168