Gottesdienst – Jakobus 5, 7-8
Zur PDF2.Advent, 06.12.2009 Jakobus 5, 7-8
Gnade sei mit euch und Friede, von Gott, dem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Amen. Wir wollen in der Stille um den Segen Gottes für diese Predigt bitten: … Herr, wir bitten dich, erhöre uns. Amen.
Machet die Tore weit und die Türen in der Welt hoch, dass der König der Ehren einziehe! So haben wir vorhin im Introitus mit einem Vers aus Psalm 24 gesungen.
Und gerade vor der Predigt das dazugehörige Lied 1 aus unserem Gesangbuch Macht hoch die Tür, die Tor macht weit, es kommt der Herr, der Herrlichkeit.
Es gibt nicht mehr viele Lieder, die so vielen Menschen bekannt und vertraut sind wie dieses. Es wird sogar noch in den Schulen gesungen und auf dem Christkindelmarkt geblasen oder wenigstens abgespielt. Für viele gehört dieses Lied zum Advent, wie der Duft von Plätzchen, Lebkuchen und Glühwein.
Dabei ist ja die Aussage der Strophen ganz zentrale christliche Botschaft: Wir warten auf den kommenden Herrn. Sehnen uns nach der Wiederkunft Christi am Ende der Zeit. Wir erwarten das endgültige Anbrechen des Gottesreiches und auf das Ende alles Mordens und Sterbens, alles Leidens und Streitens. Unser Auftrag erschöpft sich nicht darin, Gottes Gegenwart im Leid und in der Not der Welt zu verkündigen, sondern wir haben auch das Ende alles Leids und aller Not mit dem Wiederkommen des Herrn Christus vor Augen. Und das damit verbundene Gericht, von dem wir im Glaubensbekenntnis reden: Er wird kommen zu richten die Lebenden und die Toten.
Aus den alten Adventsliedern klingt noch heraus, dass diese Hoffnung unseres Glaubens früher sehr im Vordergrund stand. Mitten im Dreißigjährigen Krieg, dichtete Georg Weissel sein Adventslied. Auch aus Paul Gerhards Liedern jener schlimmen Zeit hören wir die Sehnsucht nach dem Ende alles Bösen und dem Kommen der endgültigen Gottesherrschaft heraus.
Die Schwarzen Sklaven Amerikas sangen mit ganzem Herzen: Ja, wenn der Herr einst wieder kommt, ja dann lass mich auch dabei sein, wenn der Herr einst wiederkommt! Und wenn die Heilgen auferstehn, wenn das Buch geöffnet wird, wenn man Halleluja singt und die Welt wieder neu wird und das Lamm zur Hochzeit kmmt und du uns bei Namen rufst, dann lass mich auch dabei sein. Die wussten wohl trotz ihrer üblen Lebensbedingungen noch von dem kommenden Herrn und seinem Reich.
In unserer Zeit denken nur noch wenige an ein kommendes Gottesreich. Vielleicht liegt das auch daran, dass in der Verkündigung unserer Kirche viel zu wenig von dieser wunderbaren Zukunft gesprochen wird, gegen die alle Herrlichkeiten unserer Konsumgesellschaft verblassen. Wir schwärmen von Autos und Reisen, von Luxus und Speisen, von Siegen und Preisen, aber wer wagt es vom Himmel zu schwärmen?
Woran liegt das? Geht es uns tatsächlich so gut, dass wir uns eine schönere, bessere, gerechtere Welt gar nicht vorstellen können? Sind die Vertreter der Kirche Jesu Christi müde geworden? Haben wir das Warten aufgegeben? Welche Rolle spielt die Naherwartung noch in unserem Glauben und in unseren Predigten? Wohl keine oder nur eine sehr kleine, sonst würden mehr Menschen danach fragen, was sie tun können um im Reich Gottes mit dabei zu sein.
Würde man eine Umfrage machen: Was wünschen Sie sich am allermeisten? Wer würde da sagen: Dass endlich das Reich Gottes anbricht? Kaum einer. Aber wenn dann die Adventszeit kommt, singen viele, ohne zu bedenken, was sie da eigentlich singen. Macht hoch die Tür, die Tor macht weit, es kommt der Herr, der Herrlichkeit.
Wir Sehen die Zeichen der Zeit. Drohende ökologische Katastrophen und ökonomische Krisen, atomare und andere Potentiale haben das Ende dieser Erde und ihrer Bewohner sehr leicht vorstellbar gemacht. Brauchen wir bei diesem Szenario nicht die feste Zuversicht, dass das Ende dieser Welt einmal nicht das Ende überhaupt sein wird?
Advent hat mit einem Kommen zu tun und Kommen immer mit Warten. Warten braucht Geduld.
Davon ist in dem kurzen Predigttext des 2. Advent die Rede, über den ich mit ihnen heute hören möchte: Jakobus 5, 7-8
So seid nun geduldig, liebe Brüder (und Schwestern) bis zum Kommen des Herrn. Siehe, der Bauer wartet auf die kostbare Frucht der Erde und ist dabei geduldig, bis sie empfange den Frühregen und den Spätregen.
Seid auch ihr geduldig und stärkt euere Herzen; denn das Kommen des Herrn ist nahe. Seid Geduldig! Eine alte Ermahnung, die wir von klein auf kennen und nicht lieben.
M. Claudius schrieb ein Gedicht in dem es um Geduld geht
Das Apfeljahr
Apfel ist nicht gleich am Baum,
da war erst lauter Blüte.
Da war erst lauter Blütenschaum.
Da war erst lauter Frühlingstraum
aus lauter Lieb und Güte
Dann waren Blätter, grün an grün
und grün an grün nur Blätter
Die Amsel nach des Tages Mühn,
sie sang ihr Abendlied gar kühn.
Und auch bei Regenwetter.
Der Herbst, der macht die Blätter steif.
Der Sommer muss sich packen.
Hei, dass ich auf dem Finger pfeif:
Da sind die ersten Äpfel reif
und haben rote Backen.
Und haben Backen rund und rot.
Und hängen da und nicken.
Und sind das lichte Himmelsbrot.
Wir haben unsre liebe Not,
dass wir sie alle pflücken.
Und was bei Sonn und Himmel war,
erquickt nun Mund und Magen
und macht die Augen hell und klar.
So rundet sich das Apfeljahr.
Und mehr ist nicht zu sagen
„Und was bei Sonn und Himmel war…“ So kann man das doch auch von dem kommenden Herrn sagen. Er verließ sein Licht und seine Herrlichkeit um uns dieses Licht zu bringen und seine Herrlichkeit in Aussicht zu stellen. Jakobus macht seine Botschaft deutlich: Gib nicht auf in Deinem Vertrauen! Hab Geduld, er kommt wieder und vollendet seine Sache. Geduld im Glauben ist nicht untätig. Sie schläft nicht ein, lässt nicht los, gibt nicht auf, auch unter Schmerzen nicht, sondern reift im Warten und wächst.
Rainer Maria Rilke macht das in seinem Gedicht: „Geduld ist alles“ deutlich und nimmt da auch den Baum als Beispiel für Geduld, die erwartungsvoll und nicht untätig ist:
Geduld ist alles
Nicht rechnen und nicht zählen,
sondern reifen wie der Baum,
der seine Säfte nicht drängt
und getrost in den Stürmen
des Frühlings steht.
So als würde dahinter
kein Sommer mehr kommen.
Er kommt doch!
Aber nur zu den Geduldigen,
die da sind als würde die Ewigkeit
vor ihnen liegen.
Ich lerne es täglich
unter tausend Schmerzen,
denen ich dankbar bin:
Geduld ist alles.
Aktive Geduld, die nicht stehen bleibt, sondern lernt, umdenkt und sich auf das Reich Gottes zu bewegt:
Albert Schweitzer erzählt von einer ganz wichtigen Erfahrung aus seiner Jugend:
Ein alter Jude, Mausche genannt, kam mit seinem Eselkarren zuweilen durch Günsbach. Da bei uns damals keine Juden wohnten, war dies jedes Mal ein Ereignis für die Dorfjungen. Sie liefen ihm nach und verspotteten ihn. Um zu bekunden, dass ich anfing, mich als Erwachsener zu fühlen, konnte ich nicht anders als eines Tages auch mitzumachen.
Mausche aber, mit seinen Sommersprossen und seinem grauen Bart ging gelassen voran (fürbass) wie sein Esel. Nur manchmal drehte er sich um und lächelte verlegen und gütig zu uns zurück. – Dieses Lächeln überwältigte mich.
Von Mausche habe ich zum ersten Mal gelernt, was es heißt in Verfolgung stillzuschweigen. Er ist ein großer Erzieher für mich gewesen. Von da an grüßte ich ihn ehrerbietig. Später nahm ich die Gewohnheit an, ihm die Hand zu geben und ein Stückchen Wegs mit ihm zu gehen. Aber nie hat er erfahren, was er für mich bedeutete. Gerüchte über ihn habe ich nie nachgeprüft. Für mich ist er der Mausche mit dem verzeihenden Lächeln geblieben, der mich noch heute zur Geduld zwingt, wo ich zürnen und toben möchte.
Vielleicht ist das mit Warten und geduldig sein im Advent gemeint: Veränderung im Sinn des kommenden Herrn. Sich erneuern lassen von dem, der verspricht: Siehe, ich mache alles neu! Das Alte macht uns doch immer zu schaffen, das alte Ich, das alte Wesen, der alte Jammer, das alte Gezänk.
Dietrich Bonhoeffer spricht uns aus der Seele wenn er sagt:
Noch will das Alte unsre Herzen quälen, noch drückt uns böser Tage schwere Last. Alte Konflikte in der Gemeinde oder in der Familie, altbekannte Schmerzen oder Sorgen.
Auch bei ihm ist es adventliches Warten, wenn er darüber seufzend betet: Ach, Herr, gib unsern aufgeschreckten Seelen das Heil für das du uns bereitet hast.
In jeder Gemeinschaft und bei jeder Arbeit kommt ja mal der Zeitpunkt oder eine Phase, da hat man es satt, da steht es einem bis oben hin, da meinst du, es nicht mehr auszuhalten. Die Arbeit, die eine doch immer so viel Freude machte wird zur Last und unerträglich und die Leute, mit denen man so begeistert begonnen hat erscheinen einem dann unmöglich. Die Schüler haben die Schule satt und die Patienten die Praxis und die Mütter die Mamapflichten. Die Autofahrer die ewigen Staus und die Bahnfahrer die Verspätungen, die Busfahrer das Gedränge. Das Pflegepersonal die Hetze und die Arbeitslosen das Warten auf langen Fluren und wir alle den Papierkram und die Bürokratie.
Soll man dann aufgeben, wenn man’s satt hat? Nein! Jakobus macht Mut zum Durchhalten: Stärkt euere Herzen! Nicht gegeneinander seufzen, sondern aus dem Warten auf den kommenden Herrn, aus dem Sehen auf den, der alles neu macht neue Kraft schöpfen für unseren Alltag, einander wieder anzunehmen, in Geduld und Liebe.
Wenn man bei einem langen Lauf weiß, dass das Ziel nicht mehr weit ist, dann macht das Mut und gibt Kraft, auch das letzte Stück noch durchzuhalten, selbst wenn jeder Schritt weh tut. Das Ziel ist ja vor Augen! Wenn Christen das große Ziel nicht mehr vor Augen haben, dann geben sie viel leichter auf, steigen aus und verlieren den Mut. Darum ist es elementar wichtig, dass wir in der lebendigen Erwartung des kommenden Herrn bleiben.
Wenn Christen nicht mehr mit leuchtenden Augen und glaubwürdiger Erwartung von der zukünftigen Herrlichkeit Gottes reden können, dann müssen wir uns nicht wundern, wenn immer mehr Menschen die Kirche verlassen und sich andere Heilsboten, Wege und Ziele suchen.
Mit dem 1. Advent am vergangenen Sonntag haben wir den langen Lauf wieder begonnen, der uns über die herrlichen Stationen Weihnachten und Ostern, aber auch durch die schmerzhaften Passagen der Passion und die langen und gleichförmigen Wochen der Trinitatiszeit wieder der Ewigkeit näher und durch Buße und Vergebung dem Ziel entgegenführt. Unser Kirchenjahr ist mit seinen verschiedenen Zeiten auch ein Spiegel unseres Lebens und Glaubens.
Wie bei den langen Läufen und großen Strecken immer wieder Verpflegungsstationen eingerichtet sind, zur Stärkung und zum Erfrischen, so wollen die Sonn und Feiertage mit ihren Botschaften aufbauen und erquicken und Ansporn sein, unterwegs nicht aufzugeben.
Das Heilige Abendmahl ist uns von unserem Herrn an den Weg gebracht als Mut machende Stärkung, die von alten das Herz quälenden Lasten befreit und neue Kräfte freisetzt im Blick auf das Ziel. Am Ziel sind alle Schmerzen überstanden und alles Leiden an uns und anderen vorbei. Tränen werden von Gott abgewischt und die Freude wird kein Ende haben.
Es lohnt sich auf dem Weg zu bleiben, aktiv zu warten, zu reifen, geduldig zu sein und auch da nicht aufzugeben, wo wir keinen Fortschritt sehen. Oft sehen wir wirklich nichts und denken, alles sei umsonst. Aber im Verborgenen und manchmal über längere Zeit lässt der Herr doch etwas wachsen.
Vor einigen Wochen habe ich bei einer Veranstaltungen eine Frau wieder getroffen, aus einer meiner früheren Gemeinden, die zu mir sagte: „Sie haben damals (vor über 20 Jahren) zu mir gesagt… Und dann zitierte sie wörtlich einen Psalmvers, obwohl ich mich überhaupt nicht mehr daran erinnern konnte und fügte hinzu: Das hat mir damals sehr geholfen und das hat mich all die Jahre durch die schwierigen Zeiten begleitet und mir immer wieder geholfen.
Das ist geduldiges Warten: Sich festhalten an den Worten Gottes. Und die Zeit nützen, die uns geschenkt ist, Gnadenzeit, in der Gott uns bereiten will, für seine Zukunft. Amen.
Verfasser: Martin Schöppel, Pfarrer, Dr.-Martin-Luther-Str.18, 95445 Bayreuth, Tel. 0921/41168