Gottesdienst – Hiob 14, 1-6
Zur PDFDrittletzter So. des Kirchenjahres, 12.11.06, Hiob 14 1-6
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen. Wir wollen in der Stille darum beten, dass der Herr diese Predigt segnet. … Herr, wir bitten dich, schenk deinen H. Geist zum Reden und zum Hören. Amen.
Unser Schriftwort für die Predigt heute ist aus dem 14. Kapitel des Buches Hiob:
Wie vergänglich ist der Mensch!
Wie kurz sind seine Jahre!
Wie mühsam ist sein Leben!
Er blüht auf wie eine Blume und verwelkt;
er verschwindet wie ein Schatten und fort ist er!
Und doch verlierst du (Gott) ihn nicht aus den Augen und stellst ihn vor dein Gericht!
Von Geburt an sind wir mit Schuld belastet und bringen nichts Gutes zustande, keiner von uns!
Die
Jahre eines jeden Menschen sind gezählt; die Dauer seines Lebens
hast du festgelegt. Du hast ihm eine Grenze gesetzt, die er nicht
überschreiten kann. So schau jetzt weg von ihm, damit er Ruhe hat
und seines Lebens noch froh wird, wie ein Arbeiter am Feierabend.
Was sind das für trübe Gedanken! Was für ernste Worte, die dieser Mann, mit dem Namen Hiob hier äußert? Das passt so überhaupt nicht zu dem närrisch ausgelassenen Geschrei, das von den Jecken und Närrinnen zu hören war, als sie gestern, am 11.11. um 11 Uhr lautstark den Auftakt zur so genannten fünften Jahreszeit verkündeten.
Ja, die Narren und Närrinnen, die so tun, als ob das Leben nur ausgelassen und fröhlich wäre, als ob man Schwermut und Traurigkeit, Krankheit und Leid mit Geschrei und Kostümen vertreiben könnte. Ich frag mich manchmal, wie sie wohl hinter ihren Masken aussehen? Ob ihnen nicht auch manchmal zum Jammern und Heulen zumute ist? Wie uns allen, wenn es in unserem Leben dick kommt: Was denn noch alles! Denken wir manchmal, wenn eine schlechte Nachricht nach der anderen kommt. Hört das denn gar nicht mehr auf? Es reicht!
Ein Fallschirmspringer war mit dem Flugzeug gestartet zu einem Übungssprung über dem Meer. Er sollte in einer bestimmten Höhe abspringen, den Fallschirm öffnen, im Wasser landen und dann von einem Rettungsboot aufgenommen werden. An der offenen Flugzeugluke wartet er, bis ihm der Pilot an der vereinbarten Position das Zeichen zum Sprung gibt. Er springt, lässt sich ein Stück im freien Fall auf das Meer zu fallen. Dann zieht er die Reißleine des Fallschirms. Nichts passiert. Der Fallschirm öffnet sich nicht. Ein erster Schrecken weicht bei dem Gedanken an den Notfallschirm. Er will ihn öffnen, aber es geht nicht. Mit unverminderter Geschwindigkeit rast er auf die Meeresoberfläche zu, auf der er mit tödlicher Wucht aufschlagen wird. Verzweifelnd suchend blickt er über die graugrüne Wasserwüste: So ein Mist! Das Rettungsboot ist auch nicht da.
Dieser letzte Satz, des zugegeben etwas makaberen Witzes, ist in unsrer Familie zum geflügelten Wort geworden, wenn sich gelegentlich mal Missgeschick an Missgeschick reiht. Das ist ja gar nicht so selten: Glas umgeschüttet, schnell einen Lappen holen, dabei mit dem Kopf gegen die Schranktür gestoßen und beim Zurückrennen über den Staubsauger geflogen. „Und das Rettungsboot ist auch nicht da!“ lautet dann der Kommentar eines grinsenden oder lachenden Familienmitgliedes.
Ein Unglück kommt selten allein, sagt der Volksmund. Und bei der bekannten Fernsehreihe „Pleiten, Pech und Pannen“ lachen wir alle über solche Szenen. Weil wir nichts spüren von dem Schmerz und weil wir genug Abstand haben und annehmen, dass die ganze Sache sowieso harmlos war und gut ausgegangen ist. Aber wenn man drin steckt und wenn es nicht so harmlos ist und man nicht weiß wie es ausgeht, wenn es richtig weh tut und keine Hilfe in Sicht ist, dann ist uns wahrlich nicht zum Lachen zumute. Dann verlieren wir schnell den Mut und die Hoffnung, empfinden es als ungerecht, dass ausgerechnet wir so ein Schicksal erleiden, fühlen uns im Stich gelassen.
Hiob, in der Mitte des Alten Testaments steht für alle, die so leidgeprüft sind und unter Last ihres Schicksals zu zerbrechen drohen. Alles hat er verloren, dieser einstmals wohlhabende, gesunde, erfolgreiche und zufriedene Patriarch. Zuerst wurden seine großen Vieherden, eine nach der anderen, von feindlichen Horden geraubt, er verlor damit seinen ganzen Besitz und Reichtum. Dann kamen alle seine Kinder in einem einstürzenden Gebäude ums Leben. Nicht genug damit, zuletzt büßte Hiob auch noch seine Gesundheit ein. Er wird schwer krank. Eitrige Geschwüre bedecken seinen Körper vom Scheitel bis zur Sohle. Aus Hiob, dem Erfolgsmann ist Hiob, der schwer Leidende geworden.
Hiob, ein Schicksal. Kein Einzelschicksal. Immer wieder geraten Menschen in solche Situationen. Familie bricht auseinander, Ehe geht kaputt, die Firma macht Pleite oder der Arbeitsplatz geht verloren und dann auch noch eine schlimme Diagnose vom Arzt. Das eigene Leben oder das eines nahen Angehörigen von schwerer Krankheit bedroht. Und kein „Rettungsboot“ in Sicht.
Und plötzlich fühlt man sich ganz einsam und verlassen. Von Menschen und von Gott. Viele alte Freunde und Bekannte lassen sich nicht mehr sehn. Sie weichen so einem geballten Leid lieber aus. Da weiß man ja gar nicht, was man sagen soll! Und manche andere kommen mit schnellen Erklärungen, frommen Sprüchen und einfachen Ratschlägen, die es einem auch nicht leichter machen. Die haben leicht reden, denkt man dann, die stecken ja nicht so im Schlammassel wie ich.
Auch das erlebt Hiob. Seine Freunde, Eliphas, Bildad und Zophar besuchen ihn mehrmals und reden auf ihn ein. Auch sie haben Ratschläge und Erklärungen für Hiob, die ihm nicht wirklich helfen. Und Gott schweigt. Dabei war dieser Hiob immer ein frommer und gläubiger Mann, dem man nun wirklich nichts vorwerfen konnte. Selbst in den Augen Gottes erscheint sein Lebenswandel tadellos.
So einfach, wie wir uns das oft vorstellen, ist das offensichtlich nicht: Guter Mensch, schönes Leben, glücklich und gesund. Schlechter Mensch, schweres Leben, Krankheit und Kummer. So denken viele, müsste Gott es machen. Aber Gott hat oft andere Pläne, andre Wege, eine andere Sicht. Glaube muss sich im Feuer des Leids und der Anfechtung bewähren. Manche Lebenswege führen durch anscheinend gottverlassene Wüsten. Haben wir ein Schönwetter-Christentum?
Selbst die Schicksalsschläge und das Leid geht Hiob zunächst mit bewundernswertem Glauben und tiefer Demut an. Bekannt sind seine Äußerungen, die er nach jeder Hiobsbotschaft tat, die ihn erreichte (Hiob 1,21): Der Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s genommen, der Name des Herrn sei gelobt. Mein Gott hat es mir einmal geschenkt, ich durfte es lange haben, jetzt hat er es mir wieder weggenommen. Habe ich das Recht darüber zu zürnen?
Selbst als Hiob schon schwer von Krankheit gezeichnet ist und seine Frau ihm rät dem Glauben abzusagen, ist Hiob noch standhaft und antwortet ihr (Hiob 2,10): Haben wir Gutes empfangen von Gott und sollten das Böse nicht auch annehmen? Was ist das für ein Glaube, der immer nur die Hand aufhält, nehmen und haben will und wenn er mal was hergeben muss, wenn er viel hergeben muss, seinem Gott kündigt?
Nein, so will Hiob das nicht machen. Aber dann dauert es doch lang und tut weh und hört nicht auf und wird nicht besser. Das finstere Tal scheint keinen Ausgang zu haben. Und schließlich geht auch dem Hiob langsam die Glaubenskraft aus. Zu hart erscheint ihm Gott. Er klagt an: Was ist das für ein Spiel, das du, Gott, mit mir spielst! Ich hab doch gar keine Chance! Ich bin doch nur ein Mensch! Ein Nichts vor dir und noch dazu voller Fehler! Von Geburt an sind wir mit Schuld beladen und bringen nichts Gutes zustande, keiner von uns! (Vers 4)
Es ist schon erstaunlich, obwohl Hiob selbst von Gott für seinen Lebenswandel gelobt wird, hält er doch von sich selbst nicht viel. Er beruft sich nicht auf seine guten Taten und seinen Glauben, sondern weiß um seine Fehler und Sünden: Da ist doch keiner in Ordnung vor dir Gott, sagt er. Da hat keiner Grund sich zu rühmen. Aber wir haben doch auch gar keine Chance! Du bist Gott, der Allmächtige, der Ewige. Wir sind nur Menschen. Wir werden geboren ohne gefragt zu werden, ob wir das wollen oder nicht. Und dann rast unser Leben dahin. Es dauert, wenn man so zurückblickt doch eigentlich nur kurze Zeit und die ist voller Unruhe und vieles ist mühsam.
Was für eine Erkenntnis hat dieser Mann des Altertums! Wir denken, dass das Leben damals beschaulich und ruhig war. Damals in einer Zeit ohne Uhren und Terminstress, nur zu Fuß unterwegs oder gemächlich schaukelnd auf dem Rücken eines Kamels oder Esels. Angepasst an den Tages- und Jahreslauf in der Natur. – Und doch, so empfindet es Hiob, auch schon voller Unruhe und Mühsal. Ruhelos im Herzen, immer voller Wünsche und Sehnsüchte, oft unzufrieden und auf der Suche nach mehr.
Was hätte der Hiob wohl erst gesagt, wenn er unsere Zeit erlebt hätte? Wenn er das endlose Band der auf den Autobahnen dahinrasenden Fahrzeuge gesehen hätte? Wenn er die Flut an Worten die Massen an bedrucktem Papier gekannt hätte, die gigantischen Datenmengen, die durch Kabel gejagt oder drahtlos übermittelt werden.
Auch wenn wir heute viel mehr in viel kürzerer Zeit schaffen, ist unser Empfinden der Lebenszeit immer noch so geblieben: Wie vergänglich ist der Mensch!
Wie kurz sind seine Jahre!
Wie mühsam ist sein Leben!
Er blüht auf wie eine Blume und verwelkt;
er verschwindet wie ein Schatten und fort ist er!
Es heißt wohl in manchem Nachruf: Wir werden dich nie vergessen! Aber das ist doch meist nicht wahr. Ein paar Jahre oder Jahrzehnte, dann ist ein Mensch vergessen. Vergessen von Nachbarn, Kollegen, Freunden, manchmal auch von den eigenen Kindern und Verwandten. Manchmal schon zu Lebzeiten vergessen.
Immer wieder erlebe ich es bei Beerdigungen, dass da nur ganz wenige sitzen und Abschied nehmen und manchmal hab ich den Eindruck, dass dieser Mensch schon zu Lseinen Lebzeiten vergessen war. Er verschwindet wie ein Schatten und fort ist er.
In der Kirche von Annaberg-Buchholz, am Rand des Erzgebirges sind an der Emporenbrüstung die Lebensalter des Menschen auf Bildtafeln dargestellt. Auf der einen Seite die des Mannes, gegenüber die der Frau. Vom Knaben zum jungen Mann und ein Jahrzehnt nach dem anderen bis zum gebeugten Greis neben dem schon der Sensenmann bereit steht. Ebenso gegenüber vom Mädchen über die junge Frau durch die Jahrzehnte bis zur Uralten am Stock.
Und wenn man davor steht, fragt man sich: Wo ist mein Bild? Wo stehe ich? Wie viel Zeit bleibt mir noch? Im besten Fall, nach menschlichem Ermessen, nach der statistischen Lebenserwartung. Das wollten die Künstler und Erbauer dieser Kirche wahrscheinlich, dass die Gottesdienstbesucher sich besinnen auf ihrer rastlosen Fahrt durchs Leben. Und dass sie sich fragen: Leb ich richtig? Nütze ich meine Zeit? Bin ich dankbar, wenn’s mir gut geht und wenn ich keine Hiobsbotschaften erhalte? Dass wir erkennen: „Jetzt ist die Zeit der Gnade, heute ist der Tag de Heils!“ (2.Kor. 6,2, Wochenspruch)
Hiob wurde durch das erfahrene Leid herausgerissen aus einer Erfolgsstory und aus seiner Lebensunruhe. Er sitzt in der Asche, schabt seine Geschwüre, muss neben seinen Schmerzen die schlauen Reden seiner Freunde ertragen und ringt mit Gott. Vielleicht merkt er erst jetzt in seinem Elend, wie gut es ihm früher ging und wie groß sein Glück noch vor kurzem war. Erst jetzt denkt er über sein Leben und über Gott nach und seine Gebete sind keine frommen Gewohnheiten mehr, sondern Hilfeschreie, ehrlich und aus tiefstem Herzen.
Gott hat den Hiob ins Visier genommen und sieht genau hin. Er stellt in Frage, was dem Hiob bisher so wichtig war und worauf er sein Lebensglück gegründet hatte: Den Reichtum, die Familie, die Gesundheit. Damals wie heute für viele Lebensbasis. Besitz, Familie, Gesundheit. Aber Gott macht dem Hiob klar: Leben ist mehr. Es verliert seinen Wert nicht mit diesen Gaben. Es ist Geschenk für sich. Und der Mensch, der das alles verliert, hat am Ende nur noch Gott und wenn er den loslässt, hat er nichts mehr.
Schau doch mal weg von mir! Lass mich in Ruhe, Gott! Ich halte deine Blicke nicht mehr aus! Hiob klagt in dieser schweren Prüfung. Er ringt mit Gott, aber er lässt ihn nicht los. Und wenn du mir alles nimmst, weiß ich doch, dass du meine Rettung, mein Leben und meine Zukunft bist!
Hiob wird schließlich wieder gesund, bekommt wieder Kinder, wird wieder reich. Reicher als vorher. Aber es bedeutet ihm nicht mehr so viel. Er weiß, dass das nicht das Wichtigste ist. Gott hat ihn geprüft im Feuer des Leids. Das hat aber sein Vertrauen zu Gott nicht zerstört, sondern gefestigt, denn so wie in den schweren Stunden, hat er vorher Gott nicht gesucht.
Hiob ist auch für uns ganz wichtig. Reichtum, Familie, Gesundheit als Gaben und Geschenke Gottes zu verstehen, aber nicht unser Leben und unseren Glauben davon abhängig zu machen. Hiob holt Schwärmer auf den Boden der Realität zurück: Kinder Gottes müssen nicht immer nur Glück und Erfolg haben. Sie bleiben auch in Leid und Verlust, in Schmerz und Verzweiflung Kinder Gottes, die er nicht fallen lässt.
Hiob ist für uns auch Trost und Hoffnung, selbst in tiefsten Tiefen, denn der Herr hat auch diesen Hiob wieder herausgeholt aus Traurigkeit und Leid, hat ihm wieder Freude geschenkt und Lebensmut. Herr, lass auch uns nicht los.
Amen.
Verfasser: Martin Schöppel, Dr.-Martin-Luther-Str.18, 95445 Bayreuth, Tel.0921/41168