Gottesdienst – Hebräer 5, 7-9
Zur PDFJudika, 21.03.2010, Hebräer 5, 7-9
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen.
Wir wollen in der Stille um den Segen des Wortes Gottes bitten … Herr, wir bitten dich um deinen Heiligen Geist zum Reden und zum Hören. Amen.
Voller Freude läuft der Vater ins Kinderzimmer. „Mein
Junge“, ruft er mit strahlendem Gesicht, „ein Engelchen ist
hier gewesen und hat ein wunderschönes Baby in Mamis Bett gelegt.
„Willst Du das süße Baby mal ansehen?“
Der Junge hebt nur gelangweilt den Kopf: „Babys hab ich schon oft
gesehen. Die sehn doch alle gleich aus. Das ist doch nichts Besonderes.
Aber das Engelchen hätt’ ich mir gern einmal angesehen, wenn
Du mir vorher Bescheid gesagt hättest.“
Ein anderer Vater beugt sich über die Wiege seines vor einigen
Tagen geborenen Kindes und ist völlig in den Anblick versunken.
Die Mutter betritt leise das Zimmer und schaut eine Weile unbemerkt auf
den staunenden Vater. Nach einiger Zeit tritt sie von hinten an ihn
heran, legt den Arm um ihn und flüstert ihm ins Ohr: „Ich
kann mir vorstellen, was Dich jetzt bewegt.“ Überrascht
fährt der Vater aus seinen Gedanken hoch und sagt: „Ja, ich
wüsste für mein Leben gern, wie man so eine schöne Wiege
für weniger als 100 Euro herstellen kann. Das ist fast ein Wunder.
Die Ansichten und Gedanken, Vorstellungen und Erwartungen der Menschen
sind schon sehr unterschiedlich. Nicht nur, was kleine Geschwister,
Babys oder Wiegen angeht. Auch über Wunder, über Gott, den
Glauben und das Leben. Auch da kommt es auf Grund völlig falscher
Vorstellungen immer wieder zu Missverständnissen und
Enttäuschungen.
Als der erste russische Kosmonaut vor 50 Jahren knapp über die
Erdatmosphäre hinaus geflogen war und unseren Planeten in nicht
allzu großer Entfernung umrundete, hat er aus seinem Guckloch in
die Weite des Alls geblickt und dann in atheistischer
Überheblichkeit gemeint: Jetzt weiß ich es ganz genau, dass
es keinen Gott gibt, denn sonst würde ich ihn ja sehen.“
Andere stellen hier unten auf der Erde, aber nicht weniger von oben
herab, mit bitterernster Mine fest: Die Kriege und Hungerkatastrophen,
Erdbeben, Stürme und unmenschlichen Grausamkeiten dieser Welt
seien doch wohl genug Beweis dafür, dass es keinen barmherzigen
Gott geben kann. Wenn es überhaupt so etwas wie ein
göttliches Wesen gibt, dann will es nichts mehr mit dieser Welt
und ihren Bewohnern zu tun haben.
Unfälle, Schicksalsschläge und grausame, sinnlose Verbrechen
lassen viele zweifeln an der Existenz und Macht eines liebenden Gottes.
Man fragt: Wie kann Gott das zulassen? Warum hat er Winnenden nicht
verhindert und die jüngsten Erdbeben und Auschwitz und den 11.
September? Die Reihe ließe sich noch lange fortsetzen. Man
hält ob seiner Ratlosigkeit Gott für den Schuldigen. Und
darum will man nichts mehr mit ihm und dem Glauben zu tun haben.
Ein Gott, der Leid zulässt, der Furchtbares nicht verhindert, wenn
er doch könnte, passt nicht in die Vorstellung der Menschen, die
sich zu wenig mit der Bibel und ihren Aussagen über Gott befasst
haben. Auch in den Köpfen vieler Frommer besteht so eine,
„wenn ich brav bin, muss es mir gut gehen“ -Religion. Und
sie mündet nicht selten in eine „wenn Gott nicht auf meine
Wünsche und Gebete reagiert, dann will ich ihn nicht“,
-Ablehnung. Gott, auf dem Prüfstand, des über allem stehenden
Menschen, fällt durch. Er entspricht nicht den Erwartungen und
Vorstellungen. Er wird abgesetzt oder ausgetauscht gegen andere
Götter und Heilslehren, die täuschen oder blenden.
Wenn wir die Welt nicht mehr verstehen, wenn wir Gott nicht mehr
verstehen, weil uns Leid erschreckt oder gar persönlich betrifft,
dann gilt es im Wort Gottes nach Hilfe und Antworten zu suchen. Dann
hilft uns nur das Festhalten an den Aussagen der Bibel und das blinde
Vertrauen, dass Gott keine Fehler macht und trotzdem Gutes im Sinn hat.
Die Passionszeit des Kirchenjahres will uns erinnern immer wieder auch
das Leiden Jesu zu bedenken und daran zu erkennen, dass unser Gott auch
aus dem schrecklichen Geschehen dieser Welt noch Gutes machen kann. Er
kann Niederlagen in Sieg verwandeln, Tod in Leben, Unheil in Heil. Und
wir können nichts Besseres tun als in unseren Schmerzen und
Enttäuschungen auf den leidenden Christus zu sehen und uns von ihm
Kraft, Trost und Hilfe zu erwarten. Er ist durch die Tiefen dieser Welt
gegangen, hat Unrecht erfahren, Leid, Schmerz und schließlich den
Tod erlitten.
Wenige Zeilen aus dem 5. Kapitel des Hebräerbriefes, unser heutiger Predigttext, sind so eine Hilfe (Verse 5-7):
Jesus hat in den Tagen seines irdischen Lebens Bitten und Flehen mit lautem Schreien und mit Tränen dem dargebracht, der ihn vom Tod erretten konnte; und er ist auch erhört worden, weil er Gott in Ehren hielt.
So hat er, obwohl er Gottes Sohn war, doch an dem, was er litt, Gehorsam gelernt.
Und als er vollendet war, ist er für alle, die ihm gehorsam sind, der Urheber des ewigen Heils geworden.
Jesus, der Sohn Gottes, hat das Leid und die Schmerzen seines Lebens
auf dieser Erde mit Bitten und Flehen, mit Tränen und Schreien vor
Gott gebracht. Er ist nicht erhaben und überlegen über den
Nöten der Welt und den Tiefen des Lebens geschwebt, sondern hat
sie am eigenen Leib und an der eigenen Seele gespürt und
durchlitten bis zum grausamen Ende am Kreuz. In Gethsemane hat er vor
Angst gezittert und Blut geschwitzt, hat gefleht, dass ihm das Kreuz
erspart bleiben möge, aber er hat auch hinzugefügt, nicht
mein, sondern dein Wille geschehe. Er war gehorsam und hat Gott auch im
tiefsten Leid die Ehre gegeben.
Vor dem Hohen Rat hat er sich beschimpfen, verleumden, anspucken,
demütigen lassen. Herodes hat seinen Spott mit ihm getrieben,
Pilatus hat ein ungerechtes Urteil über ihn unterschrieben.
Gewalttätige, sadistische Folterknechte haben sich an ihm
ausgetobt. Gleichgültige Soldaten seine Hinrichtung überwacht
und noch bevor er den letzten Schrei getan hat, seine Kleider unter
sich geteilt.
Und Jesus? Jesus hat an dem, was er litt Gehorsam gelernt. Sagt uns
hier der Hebräerbrief. Gehorsam Gott gegenüber ist ein ganz
grundlegendes Element der Gottesbeziehung. Wir haben einen Gott, der
heilig ist. Das heißt auch, dass er in seinem Handeln und in
seinen Entscheidungen unantastbar ist. Er ist nicht zu hinterfragen,
nicht von uns zu prüfen, nicht von uns zu beurteilen, sondern zu
ehren und anzubeten, zu loben und zu preisen, auch wenn wir sein
Handeln manchmal nicht verstehen, auch wenn es uns zu lange dauert, bis
er endlich eingreift. Auch wenn uns der Weg nicht immer gefällt,
den er mit uns geht.
Nicht wir haben ihn geschaffen, sondern er uns. Nicht wir haben ihn auf
den Prüfstand zu stellen und zu richten, sondern er uns. Nicht er
hat sich unserem Willen zu beugen, sondern wir uns seinem
göttlichen Willen. Er ist und bleibt heiliger Gott, auch wenn wir
sein Handeln zu Zeiten in unserem Leben nicht verstehen können.
Nicht wir haben den Zeitpunkt seines Eingreifens zu bestimmen, sondern
er allein weiß, wann die Zeit gekommen ist, in der er das Leid
wendet, den Sieg schenkt, den Schmerz beendet, das Gebet erhört.
Wer nicht anerkennen will, dass Gott die Richtung vorgibt und das
Geschehen bestimmt, der verweigert ihm den Gehorsam und kann die
dahinterstehende Heilsabsicht nicht erkennen. Ohne Beugung unter Gottes
Willen, ohne die Bereitschaft auch Leid zu ertragen, ohne Gehorsam
gegenüber Gott gibt es kein Heil und kein Happy End, kein
fröhliches gutes Ende. In diesen Versen wird uns deutlich gemacht:
Nur weil Jesus den schweren Weg zum Kreuz gehorsam gegangen ist, konnte
er für uns zum Retter werden.
Die Arroganz und Ignoranz mancher Atheisten und leider auch mancher
Theologen unserer Zeit ist nicht zu überbieten, wenn sie das
Geschehen am Kreuz und das erlösende Blut Jesu als Heilsweg
ablehnen. Weil sie dem Weg, den Gott gewählt hat, den Gehorsam
verweigern, werden sie auch das Heil nicht sehen, das daraus
hervorgeht. Sie sehen nur das Unheil und werden, wenn sie in dieser
Haltung bleiben auch das Heil Gottes niemals empfangen. Gott widersteht
dem Hochmütigen, aber dem Demütigen gibt er Gnade.
Es war Gottes unergründliches Erbarmen, das wir nie
begründen, nie verstehen, nie begreifen können, dass er seine
göttliche Überlegenheit ablegt und in unserer Haut steckend
zeigt, was Gehorsam und Glauben ist. Er ist das Vorbild des Gehorsams,
der Anbetung, der Ehrfurcht vor Gott. Er musste den schwersten Weg
gehen, damit er uns auf unseren schweren Wegen nahe sein kann.
Als er vollendet war, ist er für alle, die ihm gehorsam sind, der Urheber des ewigen Heils geworden.
Nun ist es an uns, dem Gehorsamen gehorsam zu sein, wenn er sagt: Meine
Schafe hören meine Stimme und sie folgen mir. Es ist unsere
Aufgabe, zu glauben, auch wenn wir noch nichts von der Hilfe sehen. Es
ist unsere Sache, das Vertrauen auf ihn nicht wegzuwerfen, auch wenn
die Belohnung noch auf sich warten lässt.
Jesus bittet, fleht, schreit unter Tränen um Hilfe. Er ist darin
ganz Mensch. Er ist erhört worden, heißt es hier. Aber doch
nicht so, wie man es ganz menschlich erwartet. Wir hätten uns
vorgestellt, dass er mit einer filmreifen himmlischen Rettungsaktion
gerade noch dem Kreuz entkommen wäre. Aber Gottes Weg ist anders.
Es kommt ein Engel in die tiefste Angst und stärkt Jesus in
Gethsemane. Und auf den nicht verhinderten Kreuzestod folgt die
Auferstehung am Ostermorgen.
Gott erfüllt nicht unsere Vorstellungen und handelt nicht nach
unseren Plänen, sondern er setzt seine Vorstellungen durch und
bringt seine Pläne zum Ziel. Und das klügste und beste, was
wir tun können, ist, dass wir uns unter seinen Willen stellen und
in allen Tiefen unseres Lebens sagen: Dein Wille geschehe auch in
meinem Leben!
Wir dürfen in unserer Not bitten und flehen, auch schreien und
weinen, genauso wie es Jesus in seinen irdischen Tagen getan hat. Und
wir sollen darauf vertrauen, dass wir erhört werden, auch wenn
diese Erhörung ganz anders geschieht und zu einem anderen
Zeitpunkt eintritt, als wir es möchten. Paul Gerhardt bezeugt:
Wird’s aber sich befinden, dass du ihm treu verbleibst
so wird er dich entbinden, da du’s am mindsten glaubst;
er wird dein Herze lösen von der so schweren Last,
die du zu keinem Bösen bisher getragen hast. (EG 361, 10)
Wenn es hier heißt, dass auch wir Gehorsam lernen sollen Gott gegenüber, dann bedeutet das, in der konkreten Erfahrung des Leids nicht an Gottes Liebe zu uns zu zweifeln, sondern noch mehr auf sie vertrauen. Wir sind da ja oft so schnell am Ende. Wenn die Prüfung nicht bestanden ist, wenn man den Auftrag nicht bekommen hat, nicht befördert wurde, die Liebe zu einem Menschen nicht erwidert wurde, wenn die Krankheit nicht besiegt ist, der Schmerz nicht nachlässt, der Erfolg sich nicht einstellt, fangen wir an zu zweifeln. Wir zweifeln an Gottes Existenz, an seiner Macht und seiner Liebe zu uns. Sonst müsste er doch endlich eingreifen. Ja manchmal hat er schon längst eingegriffen, wir sehen’s nur noch nicht.
Manches werden wir bald sehen. Anderes vielleicht unser ganzes Leben lang nicht, sondern erst in der Ewigkeit. Trotzdem ist sicher, dass der Herr uns hört und denen, die nicht aufhören zu bitten und zu flehen und vielleicht unter Tränen zu schreien, seine stärkenden Engel zu schicken, die uns immer neue Kraft und neuen Trost geben.
Matthias Grünewald sollte für eine Krankenhauskapelle einen Altar malen, der Menschen, die von Schmerzen gequält und vom Sterben geängstigt werden, trösten könnte. Was sollte er malen? Einen Weisen mit einem klugen Buch, einen Gelehrten mit einer schönen Robe, einen König mit einer Krone, einen Krieger mit einer blitzenden Waffe, einen Liebhaber mit einer schönen Frau im Arm?
Grünewald malte Jesus, den gequälten und leidenden, entstellten und blutenden, schreienden und sterbenden Mann am Kreuz. Er sollte die Menschen im Leiden und Sterben ihres Lebens erreichen und trösten. Aber Grünewald malte auf denselben Altar auch den auferstandenen Christus in aller seiner Herrlichkeit. Der Christus, der den Tod und das Leid, die Schuld und das Schicksal getragen und überwunden hat, trägt noch die sichtbaren Wundmale des irdischen Jesus.
Das ist die Botschaft des Altars: Jesus der leidet und Jesus, der siegt, sind ein und derselbe. Jesus leidet für uns und überwindet das Leid. Jesus stirbt für uns und besiegt den Tod. Jesus trägt unsere Schuld und erlöst uns von ihr zum ewigen Leben.
Amen.
Wir danken dir, Herr Jesu Christ, dass du für uns gestorben bist
Und hast uns durch dein teures Blut gemacht vor Gott gerecht und gut. (EG 79, 1)
Verfasser: Martin Schöppel© , Dr.-Martin-Luther-Str.18, 95445 Bayreuth, Tel. 0921/41168