Gottesdienst – Hebräer 4, 12-13
Zur PDFSonntag Sexagesimae,
07.02.2010, Hebräer 4, 12-13
Heute, wenn ihr seine Stimme hört, so verstockt euere Herzen nicht. Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.
Lasst uns in der Stille um den Segen Gottes für diese Predigt bitten … Herr, wir bitten dich um deinen Heiligen Geist zum Reden und zum Hören. Amen.
Vor zwei Wochen schrieb ich in der 6.Klasse Gymnasium eine Ex. Es ging um Jesus Christus und seine Botschaft und wir hatten uns mit dem sechsten Kapitel des Matthäusevangeliums beschäftigt, einem Teil der Bergpredigt Jesu. Da spricht Jesus vom Beten und da findet sich auch das Vateruser, das der Herr damals an seine Gemeinde gegeben hat. Das Vaterunser ist ja nun elementares Grundwissen eines Christen und das sollte jeder kennen und können. Also ließ ich neben einigen anderen Fragen auch das Vaterunser schreiben. Die meisten Schülerinnen und Schüler konnten es auch richtig oder fast richtig wiedergeben. So auch ein Mädchen, das alles ganz korrekt hatte, bis auf den Schluss. Sie schrieb: „Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Ehrlichkeit, in Ewigkeit. Amen.
Zuerst war ich etwas entsetzt und hab es natürlich mit meinem Rotstift angestrichen, dann musste ich schmunzeln und dachte: Falsch ist es ja eigentlich nicht: Gott ist ja wirklich die Ehrlichkeit. An ihm ist nichts unehrlich oder unecht. Und alles, was an Menschen nicht echt ist, durchschaut er. Da bleibt nichts verborgen oder geheim. Vor einigen Wochen haben die sogenannten Nacktscanner Schlagzeilen gemacht. Sie durchleuchten die Kleidung eines Menschen, ja den ganzen Menschen und zeigen, wenn er eine Waffe oder Sprengstoff bei sich hat. Alles wird durchschaut. Nichts bleibt verborgen.
Gottes Blick geht noch tiefer. Er kennt auch unsere Gedanken und Motive. Vor ihm liegen unsere Absichten offen. Wir haben in der Sakristei seit einiger Zeit diese Dose. Da steckt unser Mesner alles rein und sammelt es, was sich außer gültigem Geld in unseren Büchsen und Klingelbeuteln so findet. Der Nachbar hat’s nicht gemerkt, weil die wertlose Metallscheibe genauso geklappert hat, wie eine echte Münze, aber Gott?
In diesen Wochen werden manche schlecht schlafen, die unversteuerte Millionen auf einem Schweizer Bankkonto gebunkert haben, denn sie müssen damit rechnen, dass sie auf der Liste stehen, die die Bundesregierung jetzt kauft. Ehrenwerte Bürger, angesehene Personen und doch nichts anderes als Betrüger. Auch wenn sie ihr Vermögen ordentlich versteuert hätten, wären sie immer noch wohlhabend gewesen – und ehrlich. Mit den Worten der Schülerin kann man von Gott sagen: sein ist das Reich und die Kraft und die Ehrlichkeit. Um Ehrlichkeit und um Gottes Durchblick geht es heute und die unglaubliche Aktualität und Kraft seines Wortes.
Es sind nur zwei Verse aus dem vierten Kapitel des Hebräerbriefs, die für heute als Predigttext vorgesehen sind. Aber die haben es in sich:
Das Wort Gottes ist lebendig und kräftig
Und schärfer als jedes zweischneidige Schwert
Und dringt durch, bis es scheidet Seele und Geist,
auch Mark und Bein
und ist ein Richter der Gedanken und Sinne des Herzens.
Und kein Geschöpf ist vor ihm verborgen, sondern es ist alles bloß und aufgedeckt vor den Augen Gottes, dem wir Rechenschaft geben müssen.
So alt die Worte der heiligen Schrift auch sind, sie haben nichts verloren von ihrer Aktualität, ihrer verändernden Kraft und von ihrer Wirkung.
Das Moskauer Staatstheater brachte zur Zeit des kommunistischen Staatschefs Chrustschow, als in der Sowjetunion Christen massiv verfolgt wurden, die Uraufführung der Posse “Christus im Frack”. Das Stück sollte während des ganzen Sommers gespielt werden. Alle Schulen und alle jungen Arbeiter wurden aufgefordert, dieses Theater zu besuchen. Allerdings: Wenig später sprach kein Mensch mehr von dem Stück, denn es wurde nicht mehr gespielt. Verschuldet hatte das der Schauspieler Alexander Rostowzew. Er sollte den Christus spielen. Bis zur Premiere galt er als großer Star und überzeugter Kommunist. Danach verschwand sein Name.
Folgende Szene hat sich nach Augenzeugenberichten abgespielt: Auf der Bühne stand ein Altar. Er glich eher der Theke einer Bar. Wein- und Schnapsflaschen waren in Form eines Kreuzes aufeinandergeschichtet. Beleibte Priester und Mönche umtänzelten den Altar. Ihr versoffenes Gegröle ahmte das Gebet der Litanei nach. Hysterischer Augenaufschlag sollte religiöse Gefühle darstellen. Auf dem Boden wälzten sich fette Nonnen, die sich Wodka in die Kehle gossen, Karten spielten und ordinär redeten.
Im zweiten Akt betrat Rostowzew in der Rolle des Jesus Christus die Bühne. In der Hand hält er die Bibel. Daraus sollte er die ersten zwei Seligpreisungen der Bergpredigt vorlesen. Dann sollte er das Buch wegschleudern und in den Ruf ausbrechen: „Reicht mir Frack und Zylinder!“ Aber es kommt anders. Alexander Rostowzew liest würdig und laut: „Selig sind die geistlich Armen, denn ihrer ist das Himmelreich. Selig sind, die da Leid tragen, denn sie sollen getröstet werden.“ Hielte er sich an seine Rolle, müsste er jetzt das Buch wegschleudern. Stattdessen liest er weiter: “Selig sind die Sanftmütigen, denn sie werden das Erdreich besitzen.”
Rostowzew schweigt plötzlich. Der Souffleur wird ratlos und erblasst. Das Publikum spürt, wie in Rostowzew eine tiefe Bewegung vorgeht, die sicher nicht seiner Rolle entspricht. Jeder hält den Atem an, und Grabesstille beherrscht das Haus. Nach einer Pause unheimlicher Spannung liest der Schauspieler weiter: „Selig sind die da hungern und dürsten nach Gerechtigkeit, denn sie sollen satt werden.“
Voller Ergriffenheit liest er schließlich von jenen, die selig sind, weil sie um des Namens Jesu willen Verfolgung leiden. Im großen Saal des Moskauer Staatstheaters herrscht atemlose Stille. Niemand protestiert. Alle horchen gespannt und warten, was nun wohl geschehen würde. Das Ende der Szene ist ebenso überraschend wie ihr Beginn: Rostowzew schlägt das Kreuz in orthodoxer Art über Kopf und Brust und bricht in den erschütternden Ruf des Schächers am Kreuz aus: „Herr, gedenke meiner, wenn du in deinem Reiche sein wirst!“ Niemand schrie oder pfiff oder protestierte. Stumm verließen alle das Theater. Es war wie nach einem Gewitter: Der Blitz hatte eingeschlagen und alle getroffen. Das Stück aber kam nie mehr zur Aufführung. Was nach diesem Abend mit Rostowzew geschah, ist nicht bekannt. Er war nach dem Premierenabend für immer verschwunden. (nach idea 30.10.02)
Äußerlich ist die Bibel ein Buch wie viele andere. Ziemlich dick, ziemlich alt. Sie enthält Beiträge und Berichte aus ganz verschiedenen Zeiten und unterschiedlichsten Situationen. Man könnte denken, was soll der moderne Mensch mit diesem alten Buch anfangen? Aber hinter diesem Buch steht die ganze Autorität Gottes. Seine Vollmacht. In der Schöpfungsgeschichte heißt es immer wieder: „Gott sprach … und es geschah.“ Gottes Wort ist kein leeres Wort. Es ist Geschehen, Dynamik. Es ist Kraft, wie es keine andere Kraft im Universum gibt. Zugleich ist dieses Wort von einer Ehrlichkeit und Liebe, von einer Tiefe und Weisheit, wie kein anderes Wort.
„Das Wort Gottes wurde Fleisch, wurde Mensch aus Fleisch und Blut, wie wir – und es wohnte unter uns – und wir sahen seine Herrlichkeit. Herrlichkeit, wie die des einzigen Sohnes Gottes, voller Gnade und Wahrheit.“ (Joh.1, 14)
Es ist heiliges, erhabenes, schöpferisches Gotteswort und zugleich das zutiefst menschliche, menschennahe Wort. Es kann den Fernstehendsten und Gottlosesten erreichen, treffen, und verändern. Es kann den Traurigsten unter uns trösten; den Stolzesten unter uns auf die Knie zwingen und gering machen;
den Niedergeschlagensten unter uns aufrichten; den Schuldigsten unter uns frei sprechen; Das Wort Gottes macht dem Klügsten unter uns klar, dass er mit all seinem Wissen nichts ist und vor Gott nicht bestehen kann. Wort Gottes stärkt die Schwächsten, ermutigt die Hoffnungslosesten und lässt Einsamste Geborgenheit erfahren.
Wie ein schützender Wall umgibt es alle, die es hören, annehmen und glauben. Es bewahrt vor den zerstörenden Angriffen, die von allen Seiten heranrollen und uns bedrohen. Gottes Wort, einst dem kleinen Volk Israel durch Mose und die Propheten gesagt, später durch Jesus Christus für alle Menschen in der Welt vertieft und erneuert, ruft Ihnen und mir zu: Fürchte dich nicht; denn ich habe dich erlöst, ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein. (Jes.43, 1)
Wir sind gemeint. Es ist ganz sicher niemand unter uns hier den das Wort Gottes nicht meint. Jede, jeder ist von Gott beim Namen genannt und daran erinnert, dass wir nicht uns selbst gehören, sondern Gott. Wir sind nicht nur uns selbst verantwortlich, sondern ihm. Er ist ein Richter der Gedanken und Sinne des Herzens.
Vom Wort Gottes werden wir aber nicht geknechtet, eingesperrt, unterdrückt, sondern erlöst und zur Freiheit der Kinder Gottes berufen. Das Wort vom Kreuz ist unsere Rettung. Am Kreuz hat Jesus unsere Schuld getragen, unsere Strafe bezahlt, hat Gottes Gericht über uns in Gnade und Güte verwandelt.
>Wenn ich vom Wort Gottes getroffen erkenne, wie schuldig und verloren ich bin, darf ich zum Kreuz Christi kommen und dort alle Schuld abgeben, loslassen, fallen lassen, was mich bedrückt hat. Die Antwort Gottes auf ehrliches Schuldbekenntnis lautet: Ich habe dich je und je geliebt, darum habe ich dich zu mir gezogen aus lauter Güte. (Jer. 31, 3)
Kein glimmender Docht wird ausgeblasen, kein geknicktes Rohr wird zerbrochen. Wort Gottes heilt. Es heilt die Seele und manchmal auch den Leib. Wer sich darauf einlässt – tun Sie es doch – der erfährt, dass es nichts Treueres, nichts Stärkeres gibt als die erbarmende Liebe Gottes. Was meinen Sie, warum ich hier stehe? Weil das mein Beruf ist? Weil ich das so gelernt habe? Studieren Sie mal Theologie, da lernen Sie viel anderes. Da lernt man leider häufig das Wort Gottes in seine Bestandteile zu zerlegen und zu zerpflücken und zu kritisieren und in Frage zu stellen und dann scheint es auf einmal sehr zweifelhaft und wirkungslos. Nein, ich stehe hier, weil ich Wort Gottes eben auch so erfahren habe in meinem Leben: Lebendig und kräftig, manchmal scharf, manchmal liebevoll, zärtlich, tröstlich. Ich stehe heute hier weil ich durch das Wort Gottes und durch Boten Gottes, die es unverfälscht verkündigt haben, die wunderbare erbarmende Liebe Gottes in Jesus Christus erfahren habe.
Selbst wenn wir immer wieder schwach werden und Gott die Treue brechen, bleibt er doch treu und steht zu seinem Wort und zu denen, die seinem Wort trauen. Er hält, was er verspricht: Wenn du durch Wasser gehst, will ich bei dir sein, dass dich die Ströme nicht ersäufen sollen; und wenn du ins Feuer gehst, sollst du nicht brennen und die Flamme soll dich nicht versengen. (Jes.43, 2) Darauf darf sich jeder, der dem Wort Gottes glaubt, verlassen.
Ich weiß nicht, durch welche Fluten Sie in der nächsten Zeit müssen, in welches Feuer Sie schon Morgen wieder gestellt sind. Vertrauen Sie, der Herr lässt Sie nicht untergehen, er lässt sie nicht verbrennen. Gott ist treu. Er sagt Ihnen und mir: Verlass dich ganz auf mein Wort. Ich lass dich nicht zuschanden werden. Halt dich fest an meinem Wort. Ich bring dich durch alle Nöte, Sorgen, Aufgaben und Schwierigkeiten. Du hast mein lebendiges kräftiges Wort! Halt dich dran!
In den letzten Wochen habe ich ein hochinteressantes und sehr lesenswertes Buch von dem Theologen Christian Trebing gelesen mit dem Titel: „Und ER schrieb doch“. Darin führt er viele Beweise an, dass die Worte und Berichte von Jesus nicht erst Jahrzehnte später, sondern sehr zeitnah aufgeschrieben und teilweise sogar von Hörern mitgeschrieben wurden. Mit den historisch-kritischen Theologen der vergangenen Jahrzehnte geht er hart ins Gericht. Er fordert, dass wir dem Wort Gottes und seiner Kraft wieder viel mehr zutrauen müssen.
Zugleich warnt er davor, dass das Wort Gottes jeden aus der Bahn werfen kann und völlig verändern. Er schreibt am Ende seiner Ausführungen: „So kann es jedem gehen, der die Bibel mit wachem Menschenverstand liest: Die lebendigen Geschichten berühren Herz und Geist und verändern die eigene Welt. Das kann jedem passieren. Selbst bei dem Versuch den historischen Jesus auf ein handliches Glaubenskonstrukt zu reduzieren. Selbst Magazinredakteuren beim Versuch dem Glauben an Jesus Christus den Rest zu geben. Vorsicht meine Herren (und Damen), die Worte des Messias sind brisant und können das überhebliche Ego treffen…“
Ja, hoffentlich treffen sie es. Bei uns und bei denen, die sich arrogant über die Bibel stellen und ihre Botschaft als alt und überholt abtun. Wir sollten nicht vergessen: Himmel und Erde werden vergehen, sagt Jesus, aber meine Worte werden nicht vergehen. Sie reden von Gottes Reich, von seiner Kraft und von seiner Herrlichkeit. Oder um es mit den Worten der Schülerin zu sagen, die wohl doch nicht ganz falsch waren: Dein ist das Reich und die Kraft und die Ehrlichkeit in Ewigkeit.
Herr, mach uns durch dein Wort ganz ehrlich
vor Dir, vor den Menschen und vor uns selbst.
Amen.>
Verfasser: Martin Schöppel, Pfarrer, Dr.-Martin-Luther-Str.18, 95445 Bayreuth, Tel. 0921/41168