Gottesdienst – Hebr. 12, 1 -3

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Gottesdienst am Palmsonntag, den 1. April 2007 in der Kreuzkirche Bayreuth
Predigt zu Hebr. 12, 1 -3, Gotthart Preiser

Liebe Gemeinde!

Wahrscheinlich wird es uns meist gar nicht mehr bewusst, dass wir bei jeder Abendmahlsfeier an den ersten Palmsonntag erinnert werden. Nämlich dann, wenn wir singen: „Hosianna, gebenedeit sei der da kommt im Namen des Herrn. Hosianna in der Höhe.“ Seit 2000 Jahren hat die Christenheit diesen Lobgesang der Menge vor dem Stadttor von Jerusalem lebendig gehalten. Für alle Zeiten fest verankert in der Abendmahlsliturgie und wunderbar vertont in den großartigen Messen von Bach und Mozart und all den anderen begnadeten Komponisten. Und immer noch soll es geschehen, wenn man in den Lobgesang einstimmt, dass man dabei sein Herz öffnet und den begrüßt, der da tatsächlich in unsere Mitte kommen will.

Wahrscheinlich haben es die meisten damals gar nicht mitbekommen, was dort in Jerusalem geschah. So wie wir es oft auch gar nicht richtig wahrnehmen, wenn Gott uns in den Weg tritt und uns besonders nahe ist.. Tausende Pilger waren zum Passahfest unterwegs. Mittendrin ein junger Mann, der auf einem Esel reitet wie viele andere auch. Einige haben ihn gekannt: Das ist Jesus von Nazareth, der Wanderprediger und Wundertäter. Der so vollmächtig predigte und in dessen Taten man etwas von der Nähe Gottes spürte. Einige blickten tiefer. Dunkle Erinnerung aus dem Thora-Unterricht: Beim Propheten Sacharja stand es doch: „Freue dich, du Tochter Zion und jauchze, du Tochter Jerusalem, Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer, arm und reitet auf einem Esel.“ Das könnte er sein. Der da auf dem Esel reitet, das könnte der sein, den Gott uns schickt. Der angekündigte Messias, auf den wir so sehnsüchtig warten. Der Heiland der Welt, der kommt, um die heillose Welt heil zu machen, Gerechtigkeit und Frieden zu bringen, das Ende aller Unterdrückung. Und so haben sie den Lobgesang angestimmt: „Hosianna, gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn, Hosianna in der Höhe.“ Und sie breiteten ihre Kleider aus wie einen roten Teppich. Und schwengten Palmzweige, mit denen man sonst Könige begrüßte. Davon bekam der Sonntag seinen Namen.

Dort in Jerusalem ist die Hochstimmung der Menschen schnell umgeschlagen. Die hohe Erwartung, dass jetzt eine neue wunderbare Segenszeit anbricht, ist umgekippt in eine große Enttäuschung. Die Begeisterung ganz schnell abgekühlt. Der da jetzt hilflos gefesselt in den Händen seiner Feinde ist, der kann nicht der Weltherrscher sei. Und aus dem Hosianna wurde „Kreuzige“. Das ist immer eine menschliche Tragik, wenn jemand eine Begegnung mit dem Heiland der Welt erlebt hat und ihn dann doch verwirft, vielleicht weil er es für eine religiöse Schwärmerei seiner Jugend hält oder weil Gott nicht dem Bild entspricht, das man sich nach eigenem Geschmack zurechtgelegt hat. Vielleicht ist es unser aller Gefahr, dass der erste Schwung des Glaubens erlahmt. Lobgesang wird leiser, Liebe kühlt ab. Hoffnung wird müde. Und Zweifel macht sich breit.

Ein paar Tage nach jenem Lobgesang am Stadttor liegen die Jünger, die so viel Wunderbares erlebt haben, im Garten Gethsemane, sind erschöpft und schlafen. Der Weg des Leidens und Sterbens passt nicht in ihre Vorstellungen. Alle Glaubenskraft ist raus. So muss Jesus seinen Weg ganz allein gehen.

In der Offenbarung des Johannes stehen Briefe an die ersten Christengemeinden Kleinasiens. Da heißt es: Viel Gutes hört man von euch, aber eure erste Liebe ist abgekühlt. In einem anderen: Ihr wart mal heiß in der Begeisterung für Jesus, aber jetzt sei ihr weder kalt noch warm, sondern lau. Und in einem dritten: Man spricht von euch als von einer lebendigen Gemeinde, aber wenn man genau hinschaut, dann ist da vieles abgestorben, es ist tot. Das ist immer wieder die Versuchung der Gemeinde Jesu, dass sie müde wird. Ein Eindruck, den eine afrikanische Christin aus Kenia, die jetzt bei uns in der Nähe Haßfurts lebt, vor drei Wochen bei unserem Dekanatskirchentag geäüßert hat. Bei euch in Deutschland spürt man so wenig Begeisterung für euren Glauben an Jesus. Es ist alles so abgenutzt, so mittelmäßig, so abgeschliffen..

Die Begeisterung findet sich dann in unserer Kirche oft nur noch in der Erinnerung an früher, wie ich es oft in Kirchenvorstandssitzungen gehört habe: Ja damals die blühende Jugendarbeit, die Zeltlager und die Freizeiten, die Fahrten nach Taizé und die gute Partnerschaftsbeziehung nach Tansania. Und der Zulauf beim Kirchenchor mit den schönen Darbietungen im Gottesdienst. Und plötzlich war in den Erzählungen solch ein Ton der Wehmut dabei: Ja, damals, das war einmal. Da hat so vieles nicht durchgehalten. Und mancher hat sich selbst so beschrieben. Ja damals, da war ich begeistert dabei, aber inzwischen ist mein Christsein so schwunglos. Es macht mir nichts aus, wenn ich am Sonntag nicht im Gottesdienst war. Es geht auch ohne Gebet und ohne Gottes Wort.

Ungefähr 60 Jahre nach jenem Einzug in Jerusalem war dies eine allgemeine Erfahrung geworden. Das Leben der Glaubenden war beschwerlich geworden. Von allen Seiten Widerstand. Anfeindungen. Christsein war anstrengend und gefährlich. Da blieben viele wieder weg. In dieser Situation schreibt ein unbekannter Christ den sog. Hebräerbrief, wahrscheinlich an die Christen in der Weltstadt Rom gerichtet, aus dem ich jetzt unseren heutigen Predigttext verlese: Kapitel 12.

Darum auch wir: Weil wir eine solche Wolke von Zeugen um uns haben, lasst uns ablegen alles, was uns beschwert, und die Sünde, die uns ständig umstrickt, und lasst uns laufen mit Geduld in dem Kampf, der uns bestimmt ist, und aufsehen zu Jesus, dem Anfänger und Vollender des Glaubens, der, obwohl er hätte Freude haben können, das Kreuz erduldete und die Schande gering achtete und sich gesetzt hat zur Rechten des Thrones Gottes. Gedenkt an den, der soviel Widerspruch gegen sich von den Sündern erduldet hat, damit ihr nicht matt werdet und den Mut nicht sinken lasst.

Ein Wort an Christen, die in der Gefahr sind, müde zu werden, im Glauben nachzulassen. Lasst jetzt den Mut nicht sinken, gebt den müden Stimmungen nicht nach, lebt weiter in der Vorfreude auf das Ziel der Vollendung des Glaubens. Und weil der Briefschreiber von dem großen Stadion in Rom gehört hat, vom Circus Maximus, stellt er ihnen ein Bild vor Augen, wie es da zugeht. Beim Marathonlauf oder einem 10000-Meter-Lauf kommt es nicht darauf an, wie einer losspurtet, sondern darauf, wie er durchhält, ob er die Zielgerade erreicht und nicht vorher aufgibt.

Da laufen die Sportler in der Arena. Sie sind zum Umfallen erschöpft. Aber da außen auf den Rängen feuern andere sie an. Und da geben sie nicht auf, sondern laufen weiter mit aller Kraft. So wie wir das in den letzten Monaten immer wieder erlebt haben: Beim Fußball oder Handball: Da schien es immer wieder, als sei der Sieg verspielt. Aber dann hat das Publikum auf den Rängen angefeuert und da wandte sich die Sache noch einmal. Hinterher am Mikrofon sagen es dann Spieler: Ja, ihr wart es, die ihr uns durch euer Anfeuern zum Sieg geholfen habt.

Vergesst nicht in eurem Glaubenskampf, sagt der Hebräerbrief, dass da auf den Rängen des Weltstadions eine unsichtbare Menge sitzt, die auf euch schaut und euch anfeuert. Die „Wolke der Zeugen“ nennt er sie. Alle die vielen, die vor euch ihren Glaubenskampf ausgefochten und durchgehalten haben. Dort in seinem langen Brief zählt er aus der Geschichte Gottes mit den Menschen einige auf: Noah und Abraham, Isaak und Jakob und Mose und die Richter Gideon und Simson, Samuel und David, Elia und sogar die Hure Rahab, die die israelitischen Kundschafter ins Haus ließ und dadurch dem Gottesvolk weitergeholfen hat. Und wir könnten ergänzen: die Wolke der Zeugen ist immer größer geworden: Paulus und Petrus und Luther und Paul Gerhardt, Johann Sebastian Bach und Blumhardt und Bodelschwingh und Bonhoeffer und dann bis in unsere Tage, die Menschen, die uns selber auf den Glaubensweg geführt haben. Der Pfarrer, der uns vollmächtig den Weg zum Himmelreich gezeigt hat. Und seine Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen. Vielleicht sitzt unsere Großmutter auf der Tribüne oder das Mädchen, das den Kindergottesdienst hielt, oder der, bei dem man in der Jugendgruppe war und der es verstanden hat, das Nachtgeländespiel und das Vertrauen in Jesus zusammenzubringen.

Wir haben nicht nur die Daten, die bei uns im Ausweis stehen und auf dem Standesamt registriert sind. Wir haben geistliche Eltern, Menschen, die uns den Weg zum Heil gezeigt haben. All die Väter und Mütter unseres Glaubens. Sie stehen in jener langen Reihe, dieser unendlich langen Reihe der Geschichte Gottes mit den Menschen. Und das mitten in der Geschichte der Kirche, von der es auch so viel Beschämendes und gar nicht Überzeugendes zu erzählen gibt, immer ausreichend neuer Stoff, lästernd über sie herzuziehen. Und doch ist der Segen und das Angebot des ewigen Heiles durch diese Kirche zu uns gekommen und wir wären heute nicht hier, wenn es sie nicht gegeben hätte.

Die „Wolke der Zeugen.“ nennt der Briefschreiber sie, die den Glauben durch die Zeiten getragen haben. Die Wolke, das war in der Zeit des Wüstenzuges Israels die Gegenwart Gottes, der in Wolke und Feuersäule mit ihnen mitzog, Tag und Nacht. So war Gott später gegenwärtig im Glauben derer, die ihn bezeugt haben und die ihren Weg bei Gott vollendet haben. Lasst euch jetzt noch einmal anfeuern in eurem Glauben von ihnen, die nicht schlapp gemacht haben. Oder doch? Ja, sie haben auch schlapp gemacht. Irgendwann haben sie alle schlapp gemacht. Da hat der Abraham aus Angst gelogen und der Jakob hat seinen Vater und seinen Bruder betrogen und der David ist seiner Frau untreu geworden. Und Elia wollte alles hinwerfen und am liebsten gar nicht mehr leben. Und der Petrus hat seinen Herrn verleugnet. Und Luther hat schlimme Worte über die Juden gesagt. Die ganze Kirchengeschichte ist eine Geschichte der Unvollkommenheit und des Einbruchs der Sünde in das Werk, das Gott an Menschen tut. Und doch sind das alles Väter und Mütter im Glauben, sie alle, die doch voller Fehler waren und irgendwann schlapp gemacht haben. Sie sind es, die uns Mut machen, im Glauben treu zu bleiben. Die Wolke der Zeugen, unsichtbar über den Rängen des Stadions, mit all ihren Fehlern, aber Begnadigte, ein tröstliches Zeichen, dass Gott mit seiner Kirche zurechtkommt, obwohl sie so ist, wie sie ist. Er kommt zurecht. Nicht wir.

Die im Glauben Vollendeten sind durch schwere Not und schlimme Anfechtung und durch Zeiten der Schwäche und des Versagens hindurch treu geblieben. Aber irgendwann haben sie loslassen müssen, mussten gehen, das Werk Gottes anderen überlassen. Und so sind wir jetzt dran mit dem Laufen in Geduld.

Irgendwann in kommender Zeit wird man wieder in der Predigt auf die Wolke der Zeugen zu sprechen kommen, auf die, die trotz allem treu geblieben sind. Und da könnte doch dann unser Name mit dabei sein bei denen, die da dazugehören. Zeugen Jesu Christi, die auch immer wieder schlapp gemacht haben und doch durch die Gnade Christi gewürdigt waren, für Jesus einzutreten und ihm die Ehre zu geben. Jetzt sind wir dran, durchzuhalten. Durchhalten ist immer schwieriger als anfängliche Begeisterung. Oft sind es gar nicht die großen Glaubenskrisen, die einen mürbe machen, sondern die kleinen Dinge: Wenn man sich einsetzt und dafür nur kritisiert wird. Wenn man immer ausbaden soll, was andere verschlampt haben. Wenn die eigene Meinung immer überhört wird. Wenn man immer nachgeben soll. Oder wenn es einfach zuviel ist, was einem aufgeladen ist.

Ja, irgendwann merken wir, dass nicht wir es sind, die das Reich Gottes mit unseren Kräften bauen. Und wenn man dann älter wird, die Kinder aus dem Haus sind, und viele, die mit einem gelebt haben, schon gestorben, dann kommt die Frage: Hast du alles getan, was du hättest tun können an Liebe und Zuwendung und Fürbitte und Wegweisung? Hast du gut genug vorgelebt, was es heißt, im Glauben an Jesus gegründet zu sein? Und schnell spürt man, wie viel man noch hinterher tragen möchte an Liebe und Gutem – und es oft nicht mehr kann.

Und wenn wir dann auf uns schauen möchten und bekümmert ehrlich sagen müssen, also da bin ich nicht der Richtige oder die Richtige, kein Ruhmesblatt für die Sache Jesu, ich habe doch schon so oft schlapp gemacht, bin wieder heraus gefallen aus der Begeisterung und der Liebe zu Jesus und aus einem Verhalten, das er von mir hätte erwarten können. Dann hören wir heute aus dem Hebräerbrief: Schaut nicht so sehr auf euch. Schaut auf Jesus, den Anfänger und Vollender des Glaubens. Auf den, der so viel mehr tragen und aushalten musste als ihr. Er hätte auch schlapp machen können. Hätte es leichter und schöner haben können. Aber er hielt durch. Irgendwann hat er auch uns angeredet und mit uns angefangen. Und nun muss er vollenden, was er mit uns angefangen hat. Lasst uns auf sehen auf Jesus, den Anfänger und Vollender des Glaubens.

Der Hebräerbrief erinnert noch einmal an das Bild vom Wettkampf im Stadion. Wenn da die Sprinter ihre Jacken ablegen und die Schwimmer ihre Bademäntel ausziehen, weiß man, jetzt geht es los. Ja: „lasst uns ablegen, was uns träge macht, was uns beschwert. Lasst uns die Sünde ablegen, die uns nach unten zieht.“ Unser Leben soll zum Ziel passen, auf das wir zugehen. Deshalb legt ab, was euch den Lauf verdirbt. Was euch in etwas verstrickt, was euch nicht gut tut. Wir wissen es ja: jeder Streit, jede Lieblosigkeit, jedes Gerede hintenherum, jede Lüge umgarnt euch wie die Spinne ihr Opfer. Die eigentliche Sünde sind nicht die moralischen Verfehlungen, wenn wir wieder einmal schwach geworden sind, sondern wenn wir vergessen, wes Geistes Kind wir sind, so leben, dass es keinen Unterschied ergäbe, ob wir zu Jesus gehören oder nicht.

Es ist schon viel, was uns da zugetraut ist. Wir kennen uns doch selber. Ablegen, was nicht dazu passt, dass wir zu ihm gehören, was uns hindert, ganz auf seiner Seite zu sein. Mancher weiß auch, was das ganz konkret betrifft. Ablegen, vielleicht auch nur, was einen so überfordert, dass es alle Glaubensfreude nimmt.

Lasst uns ablegen, was uns im Glauben müde macht. Sondern lasst uns weiterlaufen mit Geduld in dem Kampf, der uns verordnet ist. Das ist manchmal ein Kampf gegen sich selbst. Und manchmal gegen etwas, was einem schadet – und lasst uns dabei immer aufschauen auf den Anfänger und Vollender unseres Glaubens und ihm zutrauen, dass er uns durch alle Müdigkeit und Lauheit bis ans große Ziel bringt.

Eine Möglichkeit, auf dem Weg zu bleiben, ist, dass wir nicht ablassen im Loben und Danken. Einzustimmen in das Hosianna der Menschen am Wegrand von Jerusalem: Gelobt sei, der da kommt. Der immer wieder neu kommt, auch mir entgegen, auch jetzt beim Abendmahl. Und darauf vertrauen, dass er uns einmal endgültig entgegen kommen wird. Ja, gelobt sei, der da kommt.

Amen.