Gottesdienst – Amos 5, 21-24

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Estomihi, Kreuzkirche, 26.02.2006, Amos 5, 21-24

Gnade sei mit euch und Friede, von Gott, dem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Amen.
Wir wollen in der Stille um den Segen Gottes für diese Predigt bitten: … Herr, wir bitten dich um deinen Heiligen Geist zum Reden und zum Hören. Amen.

Liebe Gemeinde, ich weiß nicht recht, wie ich heute anfangen
soll. Das Schriftwort für die Predigt an diesem Sonntag Estomihi
geht mir als Pfarrer an die Substanz und es ist bestimmt auch für
Sie als Gemeinde schockierend.

Es geht in den wenigen Sätzen aus dem Alten Testament um den
Gottesdienst. Was soll das eigentlich sein, wenn wir uns hier am
Sonntagvormittag treffen? Und was hat Gott mit dem zu tun, was wir hier
singen, beten, hören oder überhören?

Wir nennen diese Veranstaltung „Gottesdienst“, aber wer dient
hier wem? Dienen wir Gott? Dient Gott uns? Hat das, was wir hier tun,
etwas mit unserem Leben zu tun, wenn wir nachher wieder aus der Kirche
gehen und uns morgen wieder der Alltag im Griff hat oder der
Rosenmontag?

Manche Leute, die eine Kirche höchstens an Weihnachten betreten,
haben von regelmäßigen Kirchgängern keine besonders
hohe Meinung, das wissen wir und das stört uns wahrscheinlich gar
nicht. Aber hier, in den Versen des Propheten Amos spricht Gott selber
ein vernichtendes Urteil über Gottesdienste, und kirchliche
Versammlungen.

Ich lese die Worte des heutigen Predigttextes im 5. Kapitel des Propheten Amos, die Verse 21-24:

So spricht der Herr: Ich bin euern Feiertagen gram und verachte sie und mag euere Versammlungen nicht riechen. Wenn ihr mir auch Brandopfer und Speisopfer bringt, so habe ich kein Gefallen daran und mag auch euere fetten Dankopfer nicht ansehen. Tu weg von mir das Geplärr deiner Lieder; denn ich mag dein Harfenspiel nicht hören!Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach. 

So vernichtend kann Gottes Urteil über einen Gottesdienst
ausfallen, den Gemeinde feiert. Wir könnten es uns jetzt leicht
machen und sagen: Das war damals im Volk Israel vor mehr als 2700
Jahren. Das geht uns doch heute nichts mehr an. Die verantwortlichen
Leute unserer Kirche, die vor einigen Jahrzehnten die Lesungen und
Predigttexte für die Sonntage des Kirchenjahres ausgesucht haben,
waren aber anderer Meinung. Sie hielten es für dringend notwendig,
dass Christen zu jeder Zeit selbstkritisch über ihren Gottesdienst
nachdenken.

Lassen wir uns also drauf ein, auch wenn es keine leichte Kost ist.
Stellen Sie sich vor, heute früh wären die Kirchentüren
verschlossen gewesen und Sie hätten neben der geschlossenen
Tür ein Plakat vorgefunden, auf dem die Worte des Amos in der
Sprache unserer Zeit gestanden hätten. Etwa so:

Heute kein Gottesdienst, denn Gott sagt: Mir missfällt es, wie ihr euere Sonn- und Feiertage gestaltet.
In der Stunde am Vormittag geht es euch doch gar nicht wirklich um meine Ehre, sondern ihr schmort selbstgefällig im Saft euerer eigenen Frömmigkeit. Ihr haltet euch für gerecht und dient nicht mir, sondern dem Geist euerer Zeit Ihr macht alles mit, wie die, die mich gar nicht kennen. Ihr hört mir doch sowieso nicht richtig zu und denkt doch gar nicht daran, an euerem Leben etwas zu ändern, obwohl vieles zum Himmel stinkt.
Ich mag gar nicht hinsehen, wenn ihr euere Almosen als „Opfer“ in die Büchsen und Klingelbeutel werft oder wenn ihr die Spendenüberweisungen ausfüllt. Ihr fühlt euch gut und großmütig dabei und meint, dass ihre damit euere Sünde vertuschen und meine Gnade kaufen könnt.
Das will ich nicht und das brauche ich nicht! Ich möchte, dass ihr euer Leben in Ordnung bringt, dass ihr ehrlich seid, friedfertig und gerecht. Ihr sollt niemanden verachten, nicht so eingebildet und empfindlich sein und das Treiben der Gottlosen nicht mitmachen.
Wenn ihr so weitermacht, wie bisher, bleiben meine Ohren verschlossen vor dieser Art von Gottesdiensten, die keine Auswirkungen auf euer Leben haben. Da könnt ihr alle Register euerer Orgeln ziehen und euere Verstärker und Lautsprecher noch weiter aufdrehen, ich werde nicht hinhören.
Wer mir dienen will, der muss wieder lernen, was Recht und Gerechtigkeit bedeutet.

So ähnlich könnte das Plakat des Amos an unserer
Kirchentüre lauten. Wahrscheinlich müsste noch viel mehr
draufstehen, sollten alle Missstände von Kirche, Kirchenleitung
und Kirchenvolk angesprochen werden. Der Prophet lässt uns hier
wissen, dass Gott längst nicht mit allem einverstanden ist, was in
seinem Namen geschrieben, geredet und getan wird. Gott kann auch
ablehnen. Er kann auch sagen zu einem Volk oder zu Einzelnen: Ohne
mich!

Ja, sollen wir wirklich aufhören Gottesdienste zu halten? Sollen
wir unsere Kirchen zusperren und die Glocken schweigen lassen? Wir
neigen ja manchmal zu Trotzreaktionen, wenn wir kritisiert werden:
Bitte! Dann lass ich es halt ganz sein, wenn es dir nicht passt! Dann
mag ich eben überhaupt nicht mehr!

Wollte Gott durch die Predigt des Amos Gottesdienste und Feiertage
abschaffen? Will er die letzten Gottesdienstbesucher aus der Kirche
treiben? Ich glaube nicht. Er will etwas anderes. Er will, dass hier
wirklich etwas geschieht an uns, dass der Gottesdienst sich segensreich
auf unser ganzes Leben auswirkt. Gott will, dass wir ihm wirklich
dienen.

Jemandem dienen setzt voraus, dass ich ihn als Autorität
anerkenne, dass ich auf ihn höre und ihm gehorche. Dass ich mit
meinem Reden und Handeln vor ihm verantwortlich weiß. Wir
müssen uns verabschieden von der Vorstellung, dass allein der
Besuch einer sonntäglichen feierlichen Versammlung schon rechter
Gottesdienst ist.

Nach biblischem und reformatorischem Verständnis findet
Gottesdienst 24 Stunden am Tag, sieben Tage in der Woche statt. „Unser
ganzes Leben sei ein Gottesdienst“, sagt Martin Luther. Wenn es das
nicht ist, wenn Gott die Woche über nicht in unserem Leben
vorkommt, dann will er auch am Sonntag nichts mit uns zu tun haben.

Vielleicht sind jetzt manche unter uns, denen unter der Schärfe
dieses Prophetenwortes das Herz schwer wird und die mutlos sind. Die
denken: Das möchte ich ja gerade, mit meinem ganzen Leben Gott
dienen, aber ich schaff es einfach nicht. So ein Tag geht so schnell
rum und irgendwann erschrecke ich, weil mir bewusst wird, dass ich
wieder nur gehetzt oder gebummelt habe, dass mich meine Sorgen
niedergedrückt haben oder meine Bequemlichkeit mich gelähmt
hat und dass von Gott wieder keine Rede, ja kein Gedanke an ihn war.

Ist das nicht zum Verzweifeln? Ich möchte Gott dienen, aber lasse
mich immer so schnell ablenken und verführen. Soll ich aufgeben?
Nein, auf keinen Fall! Sondern den Ruf hören, annehmen, umdenken,
umkehren. Wenn nötig immer wieder, unser ganzes Leben lang ist es
nötig, sagt Martin Luther in seiner ersten These.

Das Wort Gottesdienst hat ja noch eine andere Bedeutung. Es meint nicht
nur unseren Dienst vor Gott, sondern auch seinen Dienst an uns.

Beim Kundendienst am Auto in der Werkstatt, wird ja nicht der Kunde
tätig, sondern der Meister und seine Leute. Wenn nur der Kunde
Hand anlegt, wird leicht Pfusch gemacht, dann sind die Pannen hinterher
vorprogrammiert.

So ist das auch mit dem Gottesdienst. Noch bevor wir Gott dienen können, brauchen wir seinen Dienst an uns. Der Herr Jesus Christus ist Gottes Dienst an uns. Seine Rückrufaktionen wollen verhindern, dass wir nach rasender Fahrt mit versagenden Bremsen Leitplanken durchbrechen und im Abgrund landen oder mit blockierter Lenkung nicht auf der rechten Straße bleiben können.

Der Meister allein kann entscheiden, was ausgewechselt oder neu
eingestellt werden muss. Nur dann kann auch unser Leben zum
Gottesdienst werden, wenn wir uns in den sonntäglichen
Gottesdiensten von Jesus neu die Spur einstellen lassen. Der Drang
auszubrechen, zu über- oder untersteuern, aus der Spur zu geraten,
steckt in jedem Menschen drin. Unsere angeborene Gottlosigkeit
würde uns alle unweigerlich ins Verderben führen, wenn Gott
nicht seinen Sohn auf uns angesetzt hätte. Er hat die Aufgabe uns
vor Gott und für Gott zurecht zu bringen.

„Im 4. Artikel des Augsburger Bekenntnisses, einer der wichtigsten Grundlagen unseres Glaubens heißt es:
Bei uns wird gelehrt, dass wir Vergebung der Sünde und Gerechtigkeit vor Gott nicht durch unser Verdienst, Werk und Genugtuung erlangen können, sondern dass wir Vergebung der Sünde bekommen und vor Gott gerecht werden aus Gnade um Christi willen, durch den Glauben.
Nämlich wenn wir glauben, dass Christus für uns gelitten hat und dass uns um seinetwillen die Sünde vergeben und Gerechtigkeit und ewiges Leben geschenkt wird.“

Es kann gar niemand von sich aus Gott dienen. Deshalb geht es
in diesem Amostext darum, endlich Schluss zu machen, mit dem falschen
Gottesdienst. Es ist nicht ein besonderes Verdienst an vielen
Gottesdiensten teilzunehmen, sondern eine besondere Gnade. Damit soll
unsere Zukunft und das Erreichen des Zieles gesichert werden.

Unsere ganze Gottesdienstordnung ist sorgfältig durchdacht
und sinnvoll aufgebaut. Aber man muss natürlich schon mitdenken
und bewusst mitsprechen, damit dabei etwas an einem geschieht. Es
fängt eigentlich schon damit an, dass man am Anfang, bevor man
sich hinsetzt, still für sich betet: Herr, danke, dass ich kommen
darf. Danke, dass ich an diesem Morgen aufstehen und in dies Kirche
gehen konnte. Ich bitte dich, schenk mir deinen Heiligen Geist, rede
mit mir! Bewahre mich vor Ablenkungen…Wenn man freilich schon
abgehetzt, fünf Minuten zu spät hier ankommt, dann ist es
schwer so zu beginnen. Es ist auch schade, wenn man den Gruß am
Anfang verpasst: Der Herr sei mit dir! Und wenn man beim ersten
Lied noch gar nicht in der Lage ist mitzudenken, weil man noch schauen
muss, wer eigentlich alles da ist. – Mal so ganz nebenbei sei
erwähnt, dass das Glockenläuten am Anfang eigentlich ein
Signal ist, die Gespräche mit den Nachbarn jetzt zu beenden, ruhig
zu werden und sich zu sammeln. Dann kann einen das Orgelvorspiel schon
zum ersten Lied einstimmen.

Das Singen geistlicher Lieder schließt uns dann auf
für die Botschaft Gottes. Schon in der ersten Strophe will Gott
Dir vielleicht etwas sagen, Dir vielleicht eine Antwort geben auf Dein
gegenwärtiges Problem oder Dich trösten in Deiner
Traurigkeit. Aber wenn Du gar nicht hörst? Viele Lieder sind
Gebete, in denen wir gleich am Anfang etwas loswerden können.

Ganz wichtig auch das was dann folgt. In unserer Gottesdienstordnung heißt es: Sündenbekenntnis.
Sünde ist Trennung von Gott, dass was uns trennt von seinem Segen.
Diese Trennung soll beseitigt, aufgehoben werden. Ohne große
Bedingungen kann da gleich am Anfang des Gottesdienstes Befreiung
geschehen. Was uns belastet und verklagt soll weggenommen werden. Der
Streit von gestern Abend, die lieblose Art, mit der wir verletzt haben,
die Unehrlichkeit, Unreinheit, die Zweifel. Das alles dürfen wir
hineinlegen in die Bitte des Zöllners: Gott sei mir Sünder gnädig!

Wer die Bitte um Erbarmen und Vergebung wirklich ehrlich
mitspricht, dem gilt Gottes ganzes Erbarmen, der hat umfassende
Vergebung aller seiner Sünden. Schon da, bei der
Gnadenverkündigung müsste eigentlich ein Leuchten über
alle Gesichter gehen und ein herzlicher Jubel auf den Lippen sein: Großer Gott, wir loben dich…Und
dann geht es ja weiter durch den ganzen Gottesdienst. Entweder reden
wir mit dem heiligen Gott oder der Heilige Gott redet mit uns. Wir
hören sein Evangelium
. Wir bekennen unseren Glauben und rufen uns dabei in Erinnerung, was
Gott, was Jesus, was der Heilige Geist für uns bedeuten. Wer nur
die Liturgie eines Gottesdienstes von Herzen mit spricht, singt,
feiert, der kann schon befreit und fröhlich seine Straße
ziehen, selbst wenn die Predigt schlecht ist oder ausfällt.Vor der
Predigt
ist noch einmal eine kurze Stille. Ein Ruf an Gott, doch jetzt
zuhören zu können, nicht zu überhören, was er uns
sagen will. Die wichtigste Bitte überhaupt, die um den Heiligen
Geist, für den, der spricht und für den, der hört. Der Glaube kommt aus der Predigt,
hat schon der Apostel Paulus an die Römer geschrieben (Röm.
10,17). Rechte Predigt will immer Mut machen zum Glauben an die
rettende und helfende Macht des Herrn Jesus. Sie will unseren Blick
weglenken von unserem Unvermögen, hin auf die Macht des Herrn. Ihm
ist nichts unmöglich. Er lässt seine Kinder nicht fallen. Er
schafft das, was uns noch fehlt. Er macht uns zu neuen Menschen.

Er kann es letztlich allein fertig bringen, dass auch in
unserem Leben das Recht wie Wasser strömt und die Gerechtigkeit
wie ein nie versiegender Bach. Wenn wir Gottesdienst so feiern, dann
werden wir uns wohl auch kaum an alten oder neuen Liedern stoßen
oder an Äußerlichkeiten ärgern, sondern erfüllt
sein von der Gnade und Liebe, die uns da begegnet.

Wir werden die Botschaft mit freudigem Herzen mitnehmen in unseren
Alltag und es wird ganz sicher etwas ausgehen von uns. Dann führt
der Gottesdienst in dem Gott uns dient zu einem Leben in dem wir Gott
dienen. Dann heißt es, wie in dem Lied: Er hat dich in seine Gemeinde gestellt

Und macht dich zum Dienen bereit.

Barmherzig, geduldig und gnädig ist er,

viel mehr als ein Vater es kann.

Er warf unsre Sünden ins äußerste Meer,

kommt, betet den Ewigen an.

Amen.

Verfasser: Pfarrer Martin Schöppel, Dr.-Martin-Luther-Str.18, 95445 Bayreuth Tel.O921/4l168