Gottesdienst – 5. Mose 6, 4-9
Zur PDF1.Sonntag nach Trinitatis 25.05.2008, 5.Mose 6, 4-9
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen.
In der Stille bitten wir um den Segen Gottes für diese Predigt …
Das Schriftwort für die heutige Predigt steht im 5.Buch Mose
im 6. Kapitel. Mose ruft das Volk noch einmal zusammen, um den Menschen
vor dem Einzug in das verheißene Land und vor seinem Abschied
noch einmal das Wichtigste zu sagen:
Höre Israel, der Herr ist unser Gott, der Herr allein.
Und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieb haben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit aller deiner Kraft.
Und diese Worte, die ich dir heute gebiete, sollst du zu Herzen nehmen und sollst sie deinen Kindern einschärfen und davon reden, wenn du in deinem Hause sitzt oder unterwegs bist, wenn du dich niederlegst oder aufstehst.
Und du sollst sie binden zum Zeichen auf deine Hand und sie sollen dir ein Merkzeichen zwischen deinen Augen sein. Und du sollst sie schreiben auf die Pfosten deines Hauses und an die Tore.
Auf einem Schild über Türe eines alten Bauernhofs in den österreichischen Bergen stand Folgendes zu lesen:
Schlechte Zier ist meine Hütte, doch ich habe eine Bitte:
Gott gib uns Glück und Einigkeit und auch die Zufriedenheit
Der
Großvater hatte dieses Schild von einem Nachbarhof mitgebracht.
Dort wollte man es wegwerfen. Er hat es dann über seiner eigenen
Eingangstüre angebracht und gab so Zeugnis von seinem Glauben und
seiner Hoffnung. Drinnen im Wohnzimmer der kleinen Ferienwohnung, die
wir vor Jahren dort im Urlaub gemietet hatten, entdeckten wir eine
weitere Wandtafel mit einem Gebet aus Salzburg:
Erfüll mit deinen Gnaden, Herr Jesus, dieses Haus!
Tod Krankheit, Seelenschaden, Brand, Unglück treib hinaus.
Lass hier den Frieden grünen, verbanne Zank und Streit,
dass wir dir fröhlich dienen, jetzt und in Ewigkeit.
Das
war für uns die schönste Begrüßung, die wir uns
vorstellen konnten und hat mit dazu beigetragen, dass wir uns von
Anfang an dort wohl gefühlt haben. Irgendwie war durch diese
beiden Gebete eine Verbindung da, zwischen den uns bis dahin
unbekannten Vermietern und uns.
Was die außen und innen in ihrem Haus angebracht hatten, war
nicht nur ein frommer Wunsch, sondern auch ein Bekenntnis ihres
Glaubens. Anregung für alle, die daran vorbeikommen oder die dort
für einige Urlaubstage wohnen, nicht zu vergessen: Der Herr ist unser Gott, der Herr allein!
Von ihm hängen unser Leben und unsere Zukunft ab. Ihm müssen
wir Rechenschaft darüber geben, wie wir unsere Zeit verbringen,
ihm sind wir verantwortlich. Ihm gehört der erste Platz. Er allein
kann uns reich und stark machen und unser Leben gelingen lassen.
Vielleicht kennen Sie auch solche oder ähnliche Inschriften an Häusern: Der
Herr segne dieses Haus und alle, die da gehen ein und aus. Mit Gott
fang an, mit Gott hör auf, das ist der beste Lebenslauf. Manchmal heißt es auch nur kurz: Das walte Gott! Oder: In Jesu Namen! Gelegentlich ist auch der Anfang des Liedes, das wir nachher noch singen wollen über der Tür zu lesen: Alles ist an Gottes Segen und an seiner Gnad gelegen.
Vielleicht stammen sie sogar aus einem solchen Haus oder wohnen noch
drin. So eine Inschrift ist ein Zeugnis vom Glauben der Menschen die
das einst angebracht haben.
Leider finden wir an neuen Häusern kaum noch solche Inschriften.
Warum eigentlich? Brauchen wir Gottes Schutz und Segen heute weniger
als die Menschen früher? Genügt es unserem
Sicherheitsbedürfnis, wenn eine gute Brand und
Einbruchversicherung abgeschlossen ist und der Blitzschutz der DIN-Norm
entspricht? Über der Türe gibt’s vielleicht eine
Videokamera und einen Bewegungsmelder, aber doch keinen Hinweis auf den
Glauben Vielleicht will man es ja gar nicht, dass Passanten oder
Besucher auf den ersten Blick sehen, hier wohnt ein bekennender Christ?
Was war denn da früher anders, dass Menschen etwas von der
Größe Gottes oder von ihrem Glauben erkennen ließen?
Mag sein, dass der eine oder andere das damals getan hat, um als
frommer Mann zu gelten, und doch wird es wohl den meisten noch um etwas
anderes gegangen sein. Sie wollten zum Ausdruck bringen, dass so ein
Haus nicht das Wichtigste ist, auch nicht der Besitz und der Erfolg,
sondern der Segen Gottes und der Schutz. Es war den Menschen damals
noch eher bewusst, dass wir Gefahren und Bedrohungen ausgesetzt sind,
gegen die wir mit unserer Kraft allein nicht ankommen.
Im alten Israel wurde es, als Folge dieser Worte des Mose, üblich,
über den Türpfosten Gottes Wort anzubringen, wie es hier in
unserem Predigttext geboten wird. „Du sollst diese Worte schreiben auf die Pfosten deines Hauses und an die Tore.
Fromme jüdische Familien haben heute noch die „Mesusa“, die
Türpfostenkapsel an ihrer Türe hängen. In einer kleinen
Lederkapsel ein zusammengerolltes Blatt Papier, auf dem dieses
Bekenntnis geschrieben ist: „Höre Israel, der Herr ist unser
Gott, der Herr allein. Und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieb haben
von ganzem Herzen, von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit aller
deiner Kraft.“
Das soll nicht vergessen werden. Und nicht die großen Aussagen und Zusagen Gottes, die dahinter stehen: Der Herr ist Gott.
Was heißt denn das? Gar nicht so leicht auf Anhieb zu sagen, was
überhaupt das Wort „Gott“ bedeutet. Allein der Friede Gottes, so
sagt der Apostel Paulus, ist höher als alle menschliche Vernunft.
Wo immer kluge Köpfe, Theologen und Philosophen versucht haben
Gott zu fassen, zu beschreiben und festzulegen, ist es ein
klägliches Stückwerk geblieben. Einer der das auch immer
versucht hat, hatte einen Traum. Er sah ein Kind am Ufer des Meeres im
Sand spielen. Es schaufelte eine Grube und lief dann mit einem
Eimerchen immer zum Wasser, füllte den Eimer, trug ihn zur Grube
und leerte ihn hinein. Im Traum fragte der Mann das Kind: Was hast du
denn vor? Was soll den das werden? „Ich schöpfe das ganze Meer in
meine Grube“, antwortete das Kind. „Aber das geht doch gar nicht“,
antwortete der Mann. “ Das Meer ist doch viel zu groß und deine
Grube viel zu klein.“ Und mit der Antwort wurde ihm selber klar: So ist
das mit meinem Verstand und mit Gott auch. Gott ist viel zu groß,
als dass ich ihn mit meinem kleinen Verstand fassen könnte. Ich
das Geschöpf, ihn den Schöpfer, unmöglich!
Er ist allein Gott und viel zu gewaltig, als dass wir uns
auch nur annähernd ein Bild von ihm machen könnten. Es gibt
kein Geschehen, keinen Zusammenhang, keinen Zufall, kein Ereignis bei
dem er nicht seine Hand im Spiel hat. Was wir als ein Unglück
betrachten, kann Teil eines Hilfe- und Rettungshandelns Gottes sein. In
jedem Untergang hat er schon einen neuen Aufgang geplant. Aber wir
sehen’s nicht und wir begreifen’s nicht, weil wir viel zu
klein sind und weil er viel zu groß ist. Er ist Gott.
Nicht irgendein Gott. Nicht einer von vielen! Nicht einer den wir uns aussuchen können. Er ist unser Gott und er hat uns ausgesucht als Empfänger seiner Liebe und Fürsorge. Er ist unser Gott!
Ihr Gott, mein Gott! Er ist noch viel größer und mehr als
wir es je mit tausend Bildern und Vergleichen ausdrücken
könnten. Tröster, Helfer, Retter, Fels, Burg, Sonne, Schild,
Licht und wie ihn die Psalmbeter noch genannt haben.
Gott ist Gegenüber, mit dem ich kleiner Mensch Verbindung
aufnehmen kann. Wo ich auch bin und wie es mir auch geht. Er spricht
mit uns, kennt uns mit Namen und bis in den letzten Winkel unserer
Gefühle. Er meint es gut mit uns und er sorgt für
uns, aus einer unendlich großen Liebe heraus. Wenn wir uns das
bewusst machen, dann kann doch unsere Reaktion darauf nur sein: Dass wir ihn wiederlieben.
Liebe fordert immer Gegenliebe heraus. Wenn ein Kind ein liebevolles
Elternhaus hat, sich geborgen und angenommen fühlt, dann wird es
immer mal wieder kommen und ganz natürlich und unbeschwert sagen:
Mama, Papa, ich hab euch lieb. Auch wenn die Eltern dem Kind nicht
jeden Wunsch erfüllen und manchmal wehren oder manches verbieten
müssen.
Und in der Liebe zwischen Frau und Mann ist das nicht anders.
Erfahrene Liebe fordert Gegenliebe heraus. Wer liebt, wartet auf nichts
sehnlicher, als darauf auch geliebt zu werden. Und es gibt nichts
Schmerzlicheres als abgewiesene Liebe, wenn ein Liebender am Geliebten
nur Gleichgültigkeit oder Ablehnung erfährt. Das ist der
Hintergrund, auf dem Mose hier zum Volk Israel und zu uns sagt: Und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieb haben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit aller deiner Kraft.
Freilich kann man Liebe nicht befehlen, aber Mose meint hier, dass nur
ein von Liebe geprägtes Verhältnis zu Gott seinem Volk helfen
kann, richtig zu leben, wirklich zu leben, die Zukunft zu bestehen. Nur
wer Gott liebt, wird seine Gebote auch halten wollen und nur wer Gott
liebt, kann auch um Gottes Willen auf manches verzichten, was im Augenblick verlockend scheint.
Viele Menschen gebrauchen immer wieder den Ausdruck: „Um Gottes Willen!“
Oft völlig unsinnig. „Ich werde doch um Gottes Willen nicht meine
Brille vergessen haben.“ Das zweijährige Kind malt ein
wunderschönes Bild auf die Tapete und die Mutter ruft entsetzt
aus: „Um Gottes Willen, was machst du denn da!“ Um Gottes Willen, das
ist in den meisten Fällen ein leeres Wort geworden. Schade, denn
es gäbe eine Menge Dinge, die um Gottes Willen dringend geboten
wären. Ein anderer Umgang mit der Natur und mit unseren
Mitmenschen. Um Gottes willen sollten wir das werdende Leben höher
achten und mehr gegen Hunger und Not in der Welt tun.
Wir sollten uns überhaupt mehr Gedanken machen um Gottes
Willen. In ganz einfachen, ja fast möchte ich sagen
selbstverständlichen Lebensfragen sollte uns Gottes Wille leiten.
Hier in diesen wenigen Versen wird ja schon Einiges aufgezählt:
Wir sollen Gottes Willen an unsere Kinder weitergeben und an
die Menschen um uns herum. Davon reden, wenn du in deinem Haus sitzt
oder unterwegs bist, wenn du dich niederlegst oder aufstehst.
Wovon reden wir? Was sind unsere Themen? Die Spritpreise, die
Fußballergebnisse, das Wetter, unsere Wehwehchen? Gibt es nach
einem Gottesdienst auch mal ein Gespräch über die Predigt
oder irgendwann am Tag mal ein gemeinsames Gebet. Womit fängt der
Tag an, wenn wir morgens erwachen? Mit einem Stöhnen, mit dem
alten Jammer, brummig und missmutig? Oder mit einem Dank für den
Schutz in der Nacht und für den Frieden, in dem wir leben? Was
geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie Sich niederlegen? Die
unverschämte Bemerkung der Nachbarin am Vormittag, der Ärger
auf der Arbeit, die Nachzahlung für die Heizkosten? Oder der Dank
für alles, was an diesem Tag geschehen konnte, der Dank für
Gottes Schutz und Bewahrung und für seine große Liebe.
Mose wirbt leidenschaftlich bei seinem Volk um solche Liebe zu Gott: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieb haben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit aller deiner Kraft. Ich
möcht’s euch an die Hand binden, damit ihr’s dauern
vor Augen habt und nicht vergesst: Ich möchte, dass ihr das immer
im Bewusstsein habt. Wenn er ein Bayer gewesen wäre, dann
hätte er wahrscheinlich gesagt: Ihr sollt’s in euerm
Hirnkasterl haben. Oder als Franke hätte er vielleicht davon
gesprochen, dass diese Liebe zu Gott „des bissla Grips“ da oben erst
zum Guten bewegen kann. Weil er weder Bayer noch Franke ist, sagt er in
seiner Sprache, dass das Liebesgebot Merkzeichen zwischen den Augen
sein soll. Also im Zentrum unseres Denkens. Dass es an die Hand
gebunden sein soll, also unser Tun und Lassen bestimmen soll.
Bei den Juden ist es bald üblich geworden, diese Sätze
des Moses ganz wörtlich zu nehmen. Man hat sie aufgeschrieben, in
eine kleine Lederhülle gesteckt und sie sich beim Gebet an den
Kopf gebunden oder um den Arm, damit sie zwischen den Augen und nahe an
der Hand wären. Aber dieser äußere Brauch garantiert
nicht, dass man im Sinne Gottes und im Geist der Liebe denkt oder
handelt. Und wenn jemand einen frommen Spruch an der Wand hängen
hat, ist damit auch noch nicht garantiert, dass es ihm im Alltag
wirklich um Gottes Willen geht. Im Zeichen des Kreuzes und unter dem
Klang von Kirchenglocken ist leider schon viel Unrecht geschehen und
oft gegen den Geist der Liebe und der Wahrheit gehandelt worden.
Wie können wir denn glaubwürdige Christen werden, von
denen eine Gutes ausgeht, die für ihre Umgebung zum Segen werden?
Wie bekommen wir den Geist der Liebe und der Wahrheit? Nur über
den, in dem Gott sich uns Menschen offenbart hat, über den Mensch
gewordenen Gott, über Jesus Christus.
Jesus ist um Gottes Willen und um unsertwillen in die Welt gekommen.
Er hat im Sinn Gottes gedacht und gehandelt, geliebt und geredet. Er
hat uns vor allem die Liebe Gottes zu uns ganz nah gebracht: So hat Gott die Welt geliebt, so hat er dich und mich geliebt, dass er seinen einzigen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben nicht verloren werden, sondern das Ewige Leben haben. (Joh. 3, 16)
Nur wer diese Liebe Gottes, die uns in Jesus begegnet für sich
annimmt, wird auch von ihr erfüllt und setzt dann alles daran,
Gott mit seiner kleinen Kraft und schwachen Liebe wieder zu lieben. Am stärksten und am persönlichsten erfahren wir Gottes Liebe in der Vergebung unserer Schuld.
Da, am Kreuz ist meine Schuld bezahlt, da sind meine Fehler korrigiert,
da ist meine Lieblosigkeit getilgt und die Trennung zwischen Gott und
mir aufgehoben. Nicht weil ich so treu, so gläubig, so ehrlich
bin, hat Gott mich lieb, sondern obwohl ich das alles nicht bin. Seine Liebe in Jesus ist stärker als alle Schuld meines Lebens, größer als alle Schuld der Welt.
Herr, mein Gott, ich danke Dir für deine Liebe, die so
groß, so treu, so gewaltig ist. Ich will aus Liebe zu dir reden,
denken und tun, was dir gefällt. Gib mir bitte deinen Geist und
deine Kraft dazu. Amen.
Verfasser: Martin Schöppel @, Dr.-Martin-Luther-Str.18, 95445 Bayreuth, Tel. 0921/41168