Gottesdienst – 4. Mose 21, 4-9

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Predigt zu 4. Mose 21,4-9 am Sonntag Judika 2.4.06 – Pfarrerin Birgit Ilse Bauer

Mose richtet die eherne Schlange auf

Da brachen die Israeliten auf von dem Berge Hor in Richtung auf das Schilfmeer, um das Land der Edomiter zu umgehen. Und das Volk wurde verdrossen auf dem Wege und redete wider Gott und wider Mose: Warum hast du uns aus Ägypten geführt, dass wir sterben in der Wüste? Denn es ist kein Brot noch Wasser hier, und uns ekelt vor dieser mageren Speise. Da sandte der HERR feurige Schlangen unter das Volk; die bissen das Volk, dass viele aus Israel starben. Da kamen sie zu Mose und sprachen: Wir haben gesündigt, dass wir wider den HERRN und wider dich geredet haben. Bitte den HERRN, dass er die Schlangen von uns nehme. Und Mose bat für das Volk. Da sprach der HERR zu Mose: Mache dir eine eherne Schlange und richte sie an einer Stange hoch auf. Wer gebissen ist und sieht sie an, der soll leben. Da machte Mose eine eherne Schlange und richtete sie hoch auf. Und wenn jemanden eine Schlange biss, so sah er die eherne Schlange an und blieb leben.

Liebe Gemeinde,

der ein und die andere von uns schütteln vielleicht den Kopf: eine seltsame Erzählung bietet uns die Bibel da. Doch lassen wir uns auf ihre tiefe Symbolhaftigkeit ein, so werden wir staunen, wie lebensnah sie noch heute zu uns spricht.

Die Israeliten befanden sich auf ihrem Weg durch die Wüste. Jahrelang schon, jahrzehntelang. Natürlich, alle wussten: Gott hatte sie durch die Hand des Mose aus der Gefangenschaft in Ägypten befreit. Im Freudentaumel war man damals ausgezogen. Inzwischen aber taumelte man nicht mehr vor Freude, sondern vor Müdigkeit und Ungeduld, erschöpft und verzweifelt.

Es gibt weder Brot noch Wasser. Magere Kost verdirbt den Appetit. Endlos scheint die Mühe. Feindliche Stämme zwingen zum Ausweichen und werfen weit zurück. Immer wieder verliert man das Ziel aus den Augen. Umwege, Aufenthalte, Gefahren zermürben.

Die Wüste – ein oft gebrauchtes Wort in der Heiligen Schrift – ist Inbegriff der leiblichen und seelischen Not von Menschen. Auch in unserer Zeit erleben viele ihr Dasein als ein Wandern durch die Wüste. Ihr und ich, kennen wir das nicht selbst?

Wie mancher Tag dehnt sich gähnend und schwierig vor uns. Widrige Umstände treiben uns Tränen in die Augen. Wenig geht vorwärts. Man tritt auf der Stelle. Pläne, die man hat, lassen sich nicht verwirklichen. Eine weitere Woche im Klinikum. Zusätzliche Gebühren und unerwartete Ausgaben. Keine Chance auf eine Stelle. Verlassen vom Partner, abserviert vom Festtisch. Man seufzt und resigniert. Man scheitert und stöhnt. Krank oder arbeitslos, ohne Geld oder ohne Glück, ohne Sinn oder ohne Verstand scheint alles nichts.

Haben wir uns nicht alle unser Leben einmal in bunten und satten Farben ausgemalt? Was ist aus unseren Träumen geworden? Wie viele Wünsche mussten wir sterben sehen und haben wir längst begraben? Einst fröhlicher Aufbruch – und dann?

Ihr Jüngeren und Jungen tanzt wahrscheinlich noch zuversichtlich in die Zukunft, die ihr verheißungsvoll erhofft wie ein Versprechen – und wir Älteren und Alten? Hat sich unser Schritt verlangsamt? Sind wir gar irgendwo im Sand steckengeblieben?

Leicht verklärt sich in düsterer Gegenwart die Vergangenheit. War sie nicht gut, die alte Zeit? War sie nicht viel besser, die verlorene Ära? „Warum hast du uns aus Ägypten geführt?“ klagt das Volk. Hätten wir nicht lieber dort bleiben sollen, im Gewohnten und Vertrauten? Was wird nun aus uns?

„Und das Volk wurde verdrossen auf dem Wege“, heißt es in unserer Übersetzung. Wörtlich steht da: „dem Volk wurde der Atem, die Seele kurz“. Menschen schnürt es die Kehle zu. Erstickt sind Mut und Lust auf Leben. Bald haben sie angefangen zu hadern, zu murren, zu jammern.

Der Glaube an den rettenden Gott wird auf eine harte Bewährungsprobe gestellt. Lässt er sich trotzdem durchhalten oder neu gewinnen? Zunächst sieht es nicht so aus. Gott wird angeklagt, und auch sein Handlanger Mose kriegt sein Fett weg. Denn die Spannung zwischen Wunsch und Wirklichkeit, zwischen Erwartung und Enttäuschung zerreißt schier das Herz.

Und was geschieht? Folgende Antwort erhalten die Widerstrebenden: „Da sandte der Herr feurige Schlangen unter das Volk; die bissen das Volk, dass viele aus Israel starben.“ Führte ihr Murren ursprünglich zu göttlicher Hilfe, zu wunderbarer Rettung, zu Manna vom Himmel und Nass aus dem Felsen, – nun endet ihr Aufbegehren in göttlicher Bestrafung!

Schlimmer als bisher werden sie niedergeschlagen. Geht es überhaupt noch tiefer? Was denn alles noch? Reicht es nicht dicke? „Du hast uns ja bloß aus dem Sklavenhaus gelotst, damit du uns unterwegs verderben kannst!“ Stimmt es nicht tatsächlich, was sie erbost behauptet hatten?

Nein. Es stimmt nicht. Gott bringt nicht Menschen auf seinen Weg, um sie umzubringen, im Stich zu lassen, ein böses Spiel zu spielen. Gott betrügt uns zynisch? Wer solches denkt und vermutet, wird schuldig! Der lehnt Gottes gesamtes Heilsbemühen ab. Der produziert Gift wie eine tödliche Schlange. Gift, das ihn selbst durchdringt und vergiftet.

Oft straft Gott genau mit dem, worin wir sündigen, liebe Gemeinde, so dass wir uns eigentlich mit unserem Bösen selbst bestrafen. Man sage jedenfalls nicht, der Gott des Evangeliums sei der Gott, der sich alles gefallen und uns ewig-lächelnd gewähren lässt. Er wahrt die Heiligkeit seines Namens und wacht über seinem Recht. Auch sein geliebtes Volk nimmt er, wenn es sein muss, hart ran.

Kriechende und geflügelte Schlangen ringsum. Kein Entrinnen. Unheimliches, Urmächtiges macht wehrlos. Das Böse beißt zu und fällt auf uns zurück. Menschen halten inne, erstarren und spüren es wie Feuer in ihren Gliedern. Jetzt brennen sich die Worte zerstörerisch in sie ein, die ausgestoßen wurden: „Gott, du bist gegen uns.“ Der Tod packt die Gelegenheit beim Schopf.

Doch da endlich kommt es zum Erkennen der Sünde und zum Bekennen der Schuld: „Wir haben gesündigt, dass wir wider den Herrn und wider dich, Mose, geredet haben. Wir haben gesündigt mit Gedanken, Worten und Werken.

Wir haben vergessen, was der Herr uns Gutes getan hat. Wir haben die frühere Unterdrückung im fremden Land golden verbrämt. Wir haben nach rückwärts gelebt, statt unseren Schritt vorwärts zu richten. Wir haben nicht gesehen, wie du uns täglich wohl versorgst. Wir haben zu wenig geglaubt und vertraut – deiner Liebe, deinem Erbarmen, deinem Versprechen, Gott. Wir behaupten unser Recht und verleugnen des Herrn Recht.“

Mose möge Fürbitte üben: „Bitte den Herrn, dass er die Schlangen von uns nehme. Und Mose bat für das Volk. Da sprach der Herr zu Mose: Mache dir eine eherne Schlange und richte sie an einer Stange hoch auf. Wer gebissen ist und sieht sie an, der soll leben.“

Gott befiehlt, das rettende Zeichen zu setzen. Gott schenkt noch einmal – wie oft noch? – Zeit. „Dein Erbarmen hört niemals auf! Es ist neu jeden Morgen, neu jeden Morgen. Groß ist deine Güte, o Herr, groß ist deine Güte!“

Weshalb aber das Bild einer ehernen Schlange? Weil, wer das Bedrohliche bildhaft darstellt, es in seine Gewalt kriegt? Oder bedeutet die Schlange das Symbol einer heilenden Gottheit – denken wir nur an den Äskulapstab, das Standessymbol der Ärzte?

Dietrich Bonhoeffer erklärt das Zeichen folgendermaßen: „Nicht das Siegeszeichen wird errichtet, sondern ein Zeichen des Todes. Nicht herrliche Zukunft sollen sie ansehen, sondern die ihnen von Gott geschickte Strafe, ihren Tod, ihre Schuld, zum Zeichen erhöht und aufgerichtet. Davor sollen sie nicht fliehen, sondern in diesem Zorn und Gericht grade Gott wieder finden.“

Als Christen denken wir sofort an ein anderes Bild: das Bild des Gekreuzigten. Der Evangelist Johannes zog ausdrücklich die Parallele, wenn er schreibt: „Und wie Mose in der Wüste die Schlange erhöht hat, so muss der Menschensohn erhöht werden, damit alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben.“ (Joh 3,14f)

Das Angebot zur Rettung vom Biss des Bösen finden wir im erhöhten Christus, Jesus am Kreuz zwischen Erde und Himmel. Aufsehen auf ihn, heißt es für uns. Nein, Gott lässt die Schlangen nicht verschwinden. Er schafft das Kreuz nicht aus der Welt. Dazu müssen wir lernen, Ja zu sagen. Vielleicht würden wir sonst Gott und seine Hilfe schnell vergessen.

Darum: Nicht erst Plagen weg – dann Glauben an Gott. Vielmehr: Im Glauben aufsehen auf Jesus – und uns wird geholfen sein. Denn in dem Kreuz Christi erblicken wir nicht Tod und Untergang, sondern Heil und Leben. In der Wüste unseres Lebens richten wir den Blick entschlossen auf das Gotteszeichen.

Von Woche zu Woche bewegen wir uns in der Passionszeit mehr auf das Kreuz von Golgatha zu. Je mehr wir uns innerlich darauf zubewegen, umso eher werden wir das Heil Gottes erfahren. Wir weichen nicht aus: Gottes Gerechtigkeit, unserer Schuld, dem Tod. Wir stellen uns all dem und befolgen den Rat: „Sieh nicht an, was du selber bist in deiner Schuld und Schwäche. Sieh den an, der gekommen ist, damit er für dich spreche.“

Weil uns nichts mehr von Gottes Liebe scheiden kann, werden auch die noch bestehenden Leiden gering, oder nicht? Eines Tages werden sie enden. Eines Tages wird jede Wüste hinter uns liegen. Eines Tages werden wir anlangen im Land der Verheißung, darin Milch und Honig fließen. Bis dahin lasst uns unseren Weg gehen, nicht konfliktfrei, doch konstant. Nicht wunschlos glücklich, doch weiter glaubend.

„Das Kreuz ist aufgerichtet, der große Streit geschlichtet. Dass er das Heil der Welt in diesem Zeichen gründe, gibt sich für ihre Sünde der Schöpfer selber zum Entgelt.

So hat es Gott gefallen, so gibt er sich uns allen. Das Ja erscheint im Nein, der Sieg im Unterliegen, der Segen im Versiegen, die Liebe will verborgen sein.“ (EG 94,1+4) Amen.