Gottesdienst – 2.Tim 1, 7-10
Zur PDF16. Sonntag nach Trinitatis, 19.09.2010, 2.Tim 1, 7-10
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen.
Wir wollen in der Stille um den Segen des Wortes Gottes bitten …
Unser Schriftwort für die Predigt ist heute ein Abschnitt aus
Dem 2. Brief des Paulus an Timotheus im 1. Kapitel:
Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit. Darum schäme dich nicht des Zeugnisses von unserem Herrn noch meiner, der ich sein Gefangener bin, sondern leide mit mir für das Evangelium in der Kraft Gottes.
Er hat uns selig gemacht und berufen mit einem heiligen Ruf, nicht nach unsern Werken, sondern nach seinem Ratschluss und nach der Gnade, die uns gegeben ist in Christus Jesus vor der Zeit der Welt. Jetzt aber offenbart ist durch die Erscheinung unseres Heilands Christus Jesus, der dem Tod die Macht genommen und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht hat durch das Evangelium.
Hoffnungsvolle Sätze, Mut machende Worte! Was der Apostel hier an seinen jungen Mitarbeiter Timotheus schreibt, sind nicht Urlaubsgrüße oder die Schlusssätze einer Erfolgsstory, sondern Zeilen eines Häftlings, geschrieben in einem dunklen unbequemen antiken römischen Gefängnis. Paulus weiß nicht, wie es mit ihm weitergehen wird, ob er jemals wieder in Freiheit kommt und wie sein Prozess vor dem Kaiser Nero ausgehen wird. Und doch ist er es, der Gefangene, der dem Freund in Freiheit wieder Hoffnung schenkt.
Timotheus war niedergeschlagen und ängstlich. Er spürt zunehmend die Feindschaft, die echten Christen entgegenschlägt, in einer Zeit, in der Sieger bejubelt, Helden verehrt werden und ein Gekreuzigter Gott verachtet wird. Ja, Timotheus glaubt an Jesus als seinen Retter, aber manchmal hat er einfach nicht den Mut sich öffentlich dazu zu bekennen. Die Leute lachen mich ja doch nur aus. Sie verstehen gar nicht worum es geht. Sie halten mich für etwas beschränkt und rückständig, wenn ich Gottes Gebote achte und von Sünde rede. Sie denken, ich bin ein verbohrter Fundamentalist, wenn ich die Heilige Schrift ernst nehme.
Timotheus weiß nicht, wie es weitergehen soll, mit der Gemeinde, mit dem Evangelium, mit ihm selbst. Und wenn er daran denkt, dass sie seinen Freund und geistlichen Vater Paulus jetzt schon jahrelang ohne Prozess im Gefängnis in Rom festhalten, dann packt ihn die Angst. Wann werden sie kommen und ihn holen? Wenn die Verfolgung noch mehr zunimmt, wer wird dann bestehen? Wird er die Kraft haben standhaft zu bleiben, wenn sie ihn vor den Kaiseraltar stellen? Wird er den Widerständen in der eigenen Gemeinde standhalten? Oder werden die noch mehr Einfluss gewinnen, die sich anpassen an die gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse? Sorgen und Ängste quälen den jungen Christen und er weiß nicht, wie er dem Freund im Gefängnis helfen oder ihn wenigstens trösten kann. Da kommt dieser Brief von Paulus und tröstet ihn.
Ich habe in der vergangenen Woche auch einen Brief erhalten, der mich getröstet hat und der mir Mut gemacht hat. Es war in den letzten Tagen meines Urlaubs. Vielleicht kennen Sie das auch. Wenn man mal für zwei drei Wochen raus ist aus dem Dienst und langsam die Anspannung nachgelassen hat und man sich erholt, dann kommt am Ende des Urlaubs wieder der Blick nach vorn: Noch drei Tage, – noch zwei Tage… Und dann geraten auch wieder die Aufgaben, Probleme und Baustellen in den Blick. Wie wird das werden, mit unserem 50-jährigen Jubiläum im Oktober? Werden sich genügend Helferinnen und Helfer finden für die vielen Aufgaben? Wird das Wetter schön werden und warm genug? Wird die Kirchenrenovierung im nächsten April beginnen können? Werden da die nötigen Genehmigungen erteilt werden? Werden wir die Finanzierung hinkriegen? Was für Schulklassen werde ich bekommen im neuen Schuljahr?…
Wenn man dann erst einmal angefangen hat sich auf solche Gedanken einzulassen, dann kommen immer mehr von diesen Sorgen und Ängsten und sie bauen sich immer größer vor einem auf. Es scheint eigentlich unmöglich, das alles zu bewältigen. Kennen Sie solche Gedanken, kennen Sie diese Verzagtheit auch? So ging’s mir also am Urlaubsende und da öffne ich meinen elektronischen Briefkasten und finde einen Gruß aus der Werderau in Nürnberg von unserem ehemaligen Vertrauensmann und Kirchenvorsteher Diakon Frisch vor, der im vergangenen Jahr wegen einer sehr schweren Erkrankung nach Nürnberg in die Nähe seiner lieben Verwandten gezogen ist. Ich will Ihnen einige Zeilen aus seinem Brief vorlesen:
„Lieber Herr Schöppel, die letzten Stunden Ihres Urlaubs haben geschlagen und Sie sind in Gedanken sicherlich schon in Kreuz. Wir auch. Und so wollen wir Sie daheim herzlich begrüßen und hoffen, dass Sie beide einen erholsamen und sonnigen Wohnmobil-Urlaub hinter sich haben.
Gottes Segen für den nun wieder beginnenden Dienst. Der Wochenspruch ist uns dafür ja ein wichtiger Fingerzeig:
„Alle eure Sorge werft auf Ihn; denn Er sorgt für euch“.
In diesem Sinne –so fährt Herr Frisch in seinem Brief fort – bin ich ein großer Werfer und wohl olympiareif. Dankbar können wir feststellen, dass Er immer wieder für uns sorgt. Über Bitten und Verstehen hinaus. Das gilt auch für die letzte Zeit, bis heute. So will ich ganz kurz von uns berichten…“
Da hatte ich die Antwort auf meine verzagten und sorgenvollen Gedanken. Da möchte ich auch ein großer Werfer werden und täglich alle Sorgen auf ihn werfen. Fast hätte ich es vergessen, auch ich darf ja alle meine Sorgen auf ihn werfen, auf Jesus. Er sorgt für mich und für unsere Gemeinde. Hab ich es nicht schon oft genug erlebt? Wie oft hat er schon gelingen lassen, was unmöglich schien. Hat er uns nicht auch zum 40-jährigen damals Sonnenschein und gutes Wetter beschert? Ist nicht auch bei der Renovierung unseres Gemeindehauses alles gut gefügt worden und zum Abschluss gekommen.
So wie die Zeilen des Paulus für Timotheus Worte Gottes waren, wurden auch die Zeilen von Herrn Frisch Antwort Gottes an mich und vielleicht, wenn Sie sich diese zu Eigen machen auch an Sie. Wer mit Gottes Macht rechnet, muss sich nicht im Sorgen verlieren. Und wer an den Sieger Jesus Christus glaubt muss nicht furchtsam auf das eigene Unvermögen blicken.
Die Schülerinnen und Schüler Lehrerinnen und Lehrer sind in ein neues Schuljahr gestartet. Es wird manchem bange sein vor dem Druck und vor den Anforderungen, die da auf sie zukommen. Zwei Jahrgänge Abiturienten. Das Semester beginnt bald wieder, manche gehen auf Prüfungen und Examina zu, andere haben auf der Arbeit große Projekt zu bewältigen. Vielleicht sind es auch besondere Aufgaben in der Familie mit schwierigen Kindern oder pflegebedürftigen Angehörigen.
Immer will uns dieser Geist der Furcht befallen, der uns niederdrückt, um den Schlaf bringt und den Glauben lähmt. Wie gut dass es da Worte der Heiligen Schrift gibt und Lieder und Glaubenszeugen, die uns mit ihren Worten herausreißen aus unseren trüben Gedanken. Menschen, die uns mit ihren Worten Gottes Worte übermitteln und uns neuen Mut machen, nicht nur auf uns zu schauen, sondern auf den der alle Macht hat im Himmel und auf Erden.
Paulus erinnert Timotheus an all das, was er schon im Glauben an Jesus erlebt hat. Und mich hat der Brief von Herrn Frisch daran erinnert, welche Macht dieser Herr hat. Er kann auch in schwerer Krankheit helfen und in menschlich aussichtslosen Lagen. Ist das Loch noch so tief in dem einer steckt, sieht die Zukunft noch so finster aus, mit Jesus gibt es Hoffnung. „und ob ich schon wanderte durchs finstere Tal, fürchte ich kein Unglück, denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich!“
Selbst wenn es da Menschen gibt, die nur darauf warten, mir eins auszuwischen oder die sich dran freuen, wenn mir etwas nicht gelingt, werde ich doch nicht zuschanden, denn: „Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde, du salbst mein Haupt mit Öl. Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang…“.
Solange wir mit diesem Herrn rechnen, sind wir keine armen Schlucker, die keine Chance haben, sondern Herren. Wie es Martin Luther einmal mit mutigem Glauben gesagt hat, damals lateinisch, weil er das genauso gut konnte wie deutsch: Sumus domini, domini sumus. „Wir gehören zum Herrn, darum sind wir Herren.“
Und Martin Luther King hat es so ausgedrückt, als er in seinem Kampf für die Rechte der Schwarzen oft Demütigungen und Ungerechtigkeit erfuhr: „Komme, was mag, Gott ist mächtig! Wenn unsere Tage verdunkelt sind und unsere Nächte finsterer als tausend Mitternächte, so wollen wir stets daran denken, dass es in der Welt eine große segnende Kraft gibt, die Gott heißt. Gott kann Wege aus der Ausweglosigkeit weisen. Er will das dunkle gestern in ein helles Morgen, zuletzt in den leuchtenden Morgen der Ewigkeit verwandeln.“
Als diese Glaubensboten solche Sätze gesprochen haben, war nicht schon alles vorbei. Paulus schrieb seinen Brief an Timotheus im Halbdunkel seines Kerkers, er war noch nicht freigesprochen. Martin Luther war zu jener Zeit vom Kaiser geächtet und vom Papst gebannt. Martin Luther King wurde bespitzelt, bedroht, verhaftet. Die äußere Bedrohung war noch da. Die große Aufgabe ist vielleicht noch da. Das Schuljahr ist noch nicht bewältigt, die Prüfung noch nicht bestanden, das Studium noch nicht beendet. Aber der Geist Gottes ist da und der ist kein Geist des Jammers und er Mutlosigkeit, sondern ein Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit.
Der Geist Gottes nimmt die Angst. Als die Jünger an Pfingsten Gottes Geist empfingen, haben sie den Schlüssel der verschlossenen Tür wieder rumgedreht, die Türe aufgemacht und sind rausgegangen. Sie haben nicht mehr ängstlich und verschämt von ihrem Glauben geschwiegen, sondern sie hatten die innere Freiheit, darüber zu reden. Sie waren stolz auf ihren Herrn und haben andere mit ihrem Glauben angesteckt und eingeladen zu diesem Herrn zu gehören.
Warum sind wir denn ängstlich? Warum schämen wir uns unseres Glaubens? Warum graut uns vor der Zukunft? Wenn wir doch zu dem Herrn gehören, der dem Tod die Macht genommen und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht hat durch das Evangelium.
Wenn wir das für uns festhalten, dann sind wir getrost und geborgen, auch wenn die Bedrohung noch da ist, wenn die Arbeit noch nicht beendet, die Krankheit noch nicht überstanden, die Operation noch vor uns liegt. Wir dürfen unsere Aufgaben Stück für Stück anpacken in dem Vertrauen, dass unser Herr uns zur rechten Zeit genau so viel Hilfe und Kraft schenken wird, wie wir brauchen.
Christen müssen nicht angstgesteuert leben, sondern dürfen kindlich vertrauen: „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln!“ Das ist eine Tatsache, die im Glauben zur Gewissheit wird. Unsere Zweifel wollen uns das immer wieder nehmen. Das Wort Gottes gibt uns diese Geborgenheit immer wieder zurück. Nicht so, dass wir das für alle Zukunft sichern könnten. Es gibt nicht den Glauben auf Vorrat. Er will immer neu gelebt werden, in jeder neuen Bedrohung, in jeder neuen Situation. Glaubensgewissheit gibt es nicht auf Vorrat.
Tief unten in dem Bergwerk in Chile sitzen jetzt diese dreiunddreißig Bergleute in 700 Metern unter der Erde und haben die Rettung vor Augen. Dass man sie gefunden hat, war schon ihre Rettung, aber doch sitzen sie noch in dem tiefen dunklen Loch und warten, dass sich die Zusage ihrer endgültigen Rettung erfüllt. Sie müssen noch geduldig ausharren, wahrscheinlich bis Dezember. Sie selbst können nichts oder nicht viel zu ihrer Rettung beitragen. Sie können nur warten und die Hilfen und Wohltaten, die ihnen von oben in ihre Tiefe geschickt werden dankbar annehmen. Warten und denen oben zutrauen, dass sie alles tun, was nötig ist.
So dürfen wir unserem Herrn zutrauen, dass er alles tun wird, was nötig ist um uns durch die vor uns liegenden Aufgaben und Bedrohungen durchzubringen. Wir haben keinen Grund uns zu schämen für diesen Herrn, sondern allen Grund ihn zu bekennen und zu bezeugen vor der Welt und vor den Menschen um uns herum.
Der Herr ist treu, er hält sein Wort.
Er enttäuscht uns nicht, was sein Wort verspricht,
das wird geschehn.
Sein Wort tut gut, sein Wort macht Mut, macht alles neu.
Sein Wort ist wahr, sein Wort sagt klar: Der Herr ist treu!
Sein Wort macht reich,denn es macht euch von Ängsten frei.
Amen.
Wir hören dieses Lied von Jörg Streng, gesungen vom Jugendchor
Verfasser: Martin Schöppel© , Dr.-Martin-Luther-Str.18, 95445 Bayreuth, Tel. 0921/41168