Gottesdienst – 2. Samuel 12
Zur PDF11.Sonntag nach Trin. 03.08.2008, 2.Sam. 12,1-10. 13-15a
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen.
Wir wollen in der Stille um den Segen des Wortes Gottes bitten …
Unser
heutiger Predigttext aus dem 12.Kapitel des 2. Samuelbuches hat eine
Vorgeschichte. An die wollen wir uns erinnern, bevor wir den
Predigttext hören:
Am Abend eines heißen Tages lehnt König David an der
Brüstung seiner Dachterrasse und zieht tief die frische Abendluft
ein. Während die rote Sonnenscheibe am Horizont hinter den Bergen
verschwindet, lässt David seinen Blick über Jerusalem
schweifen. An einem Haus unterhalb des Palastes bleiben seine Augen
hängen. Ein unangenehmes Gefühl in der Magengegend stellt
sich ein.
„Das wäre beinahe schief gegangen“, denkt er. „Aber durch mein
Geschick konnte ich gerade noch das Schlimmste verhindern“. Noch einmal
laufen die Ereignisse der letzten Zeit vor ihm ab:
Von hier aus hatte er sie zum ersten Mal gesehen: Batseba. Sie badete
gerade und sie war schön. Sehr schön. Obwohl sie die Frau
eines seiner Offiziere war, hatte er sie noch am selben Abend rufen
lassen. Ihr Mann, Uria, war auf des Königs Befehl gegen die
Ammoniter in den Krieg gezogen. Er musste es ja nicht erfahren.
Nach einem schönen Abendessen zu zweit bei Kerzenschein war
Batseba über Nacht bei David geblieben. Einige Wochen später
hatte dann ein Bote den Brief gebracht:
„Mein König, ich bekomme ein Kind von dir. Mein Mann ist schon
seit Monaten mit dem Heer unterwegs. Was soll ich ihm sagen, wenn er
kommt? Ich bin verzweifelt. Hilf mir“. Batseba.
Lass mich nur machen, hatte David ihr geantwortet. Unter einem Vorwand
ließ er Uria in die Hauptstadt rufen. Ein Soldat, der nach
Monaten vom Kriegsdienst heimkehrt, der wird sicher zu seiner
schönen jungen Frau gehen und mit ihr schlafen. Dann denkt er, es
ist sein Kind. Das war Davids Plan.
Aber Uria, mit Leib und Seele Soldat, schlief, als er kam, bei den
Kameraden in der Kaserne. Und dem König wurde angst. Wenn das
rauskommt, bin ich erledigt. – Wie steh‘ ich dann da? Ein König,
der mit der Frau eines Offiziers schläft, während der
für ihn kämpft. Das darf nicht sein! Dann nennt mich niemand
mehr den König, der für Recht und Ordnung sorgt.
Manchmal kommt ein Soldat ja auch um. Warum sollte es nicht den Uria
erwischen? – Wenn ich ein wenig nachhelfe… Mit solchen Gedanken hatte
David sich kurz entschlossen hingesetzt und einen Brief an Hauptmann
Joab geschrieben. Uria selbst musste ihn als vertrauliche Nachricht
überbringen. Und auf Hauptmann Joab konnte sich der König
verlassen.
Vor ein paar Tagen hatte dann ein Bote gemeldet, dass einige Soldaten
bei einer riskanten Aktion gefallen waren. Auch der Offizier Uria. Mit
äußerem Bedauern und innerer Erleichterung hatte David die
Meldung zur Kenntnis genommen.
Wenn die Zeit der Trauer vorbei ist, werde ich Batseba in mein Haus
nehmen und für sie und das Kind sorgen. Die Leute werden sagen:
„Seht nur, unser König sorgt gut für die Witwen und Kinder
seiner gefallenen Offiziere“. David ist zufrieden, erleichtert, ein
wenig stolz auf sich, weil er die heikle Lage so geschickt gemeistert
hat. Die ersten Sterne funkeln, bald wird es ganz dunkel sein. David
steigt vom Dach in den Palast hinunter.
Ein Diener reicht ihm einen Becher Wein und sagt: „Mein König, der
Prophet Nathan hat sich für morgen angesagt. Er möchte dich
sprechen, wenn du Gericht hältst“. „Nathan?“, fragt David, „den
habe ich lange nicht mehr gesehen. Was der wohl will? Lass ihn nur
kommen, er wird mir’s schon sagen“.
Soweit die Vorgeschichte. Mit dem Besuch des Propheten Nathan am nächsten Morgen setzt unser Predigttext ein:
Der Herr sandte Nathan zu David. Als der zu ihm kam, sprach er zu ihm: „Es waren zwei Männer in einer Stadt, der eine reich, der andere arm. Der Reiche hatte sehr viele Schafe und Rinder, aber der Arme hatte nichts als ein einziges kleines Schäflein, das er gekauft hatte. Und er nährte es, dass es groß wurde bei ihm zugleich mit seinen Kindern. Es aß von seinem Bissen und trank aus seinem Becher und schlief in seinem Schoß, und er hielt’s wie eine Tochter. Als aber zu dem reichen Mann ein Gast kam, brachte er’s nicht über sich, von seinen Schafen und Rindern zu nehmen, um dem Gast etwas zuzurichten, der zu ihm gekommen war, sondern er nahm das Schaf des armen Mannes und richtete es dem Mann zu, der zu ihm gekommen war.“
Da geriet David in großen Zorn über den Mann und sprach zu Nathan: „So wahr der Herr lebt: der Mann ist ein Kind des Todes, der das getan hat! Dazu soll er das Schaf vierfach bezahlen, weil er das getan und sein eigenes geschont hat.“
Da sprach Nathan zu David: „Du bist der Mann! So spricht der Herr, der Gott Israels: Ich habe dich zum König gesalbt über Israel und habe dich errettet aus der Hand Sauls und habe dir deines Herrn Haus gegeben, dazu seine Frauen, und habe dir das Haus Israels und Juda gegeben; und ist das zu wenig, will ich noch dies und das dazu tun. Warum hast du denn das Wort des Herrn verachtet, dass du getan hast, was ihm missfiel? Uria, den Hethiter, hast du erschlagen mit dem Schwert, seine Frau hast du dir zur Frau genommen, ihn aber hast du umgebracht durchs Schwert der Ammoniter. Nun, soll von deinem Hause das Schwert nimmermehr lassen, weil du mich verachtet und die Frau Urias, des Hethiters, genommen hast, dass sie deine Frau sei.“
„Du bist der Mann!“ Diese Worte des Propheten treffen David
mitten ins Herz. – Du bist der Mann, über den du gerade selber das
Urteil gesprochen hast: „Wer so etwas tut, der hat sein Lebensrecht
verwirkt“.
Es ist, als ob im dunklen Herzen des Königs plötzlich ein
grelles Licht angeht. David erschrickt. In diesem Augenblick erkennt er
die Verstrickungen seiner Schuld:
– Begehrt habe ich, was mir nicht gehörte
– Ich habe mit einer Abhängigen die Ehe gebrochen.
– Schamlos missbraucht habe ich das Vertrauen und die
Treue eines Untergebenen.
– Lügen über Lügen
– Der Tod Urias, das war ja Mord.
– Ich habe meine Macht missbraucht.
Mein Gott! Ich habe ja alle Gebote übertreten! Den Menschen konnte ich etwas vormachen, alles vertuschen und beschönigen. Aber Gott?
Liebe Gemeinde, David bricht zusammen unter seiner Schuld. Nicht einmal
über das Urteil kann er sich beschweren, denn er hat es selbst
gesprochen, als gerechter König.
Gott hatte aus dem kleinen Hirtenbuben David einen großen
König gemacht. Er war reich, mächtig und angesehen. Aber auf
dem Höhepunkt seiner Macht hatte er Gott und seine Ordnungen
vergessen. Die Folge war: David fiel in große Schuld.
Wir sind versucht, den Kopf zu schütteln über diesen
König. Es ist ja auch gemein, was er sich da geleistet hat.
Skrupellos und niederträchtig. Er steht den fiesen Typen, den
Bösewichten mancher Fernsehserien um nichts nach.
Doch halt! Spielen wir uns da nicht schon zu Richtern auf? Könnte
es nicht sein, dass sich das Wort des Propheten plötzlich gegen
Sie oder mich richtet? Du bist der Mann! Du bist die Frau!
Gibt es nicht in Deinem Leben auch manches Böse, manche Schuld,
die Du vor Menschen geschickt zu verbergen suchst? Doch vor Gott liegt
sie offen und klagt dich an.
Wenn das Licht Gottes angeht und in die verborgenen Winkel unserer
Herzen scheint, wird sichtbar, was, nicht zu Gott und nicht zu dem Bild
passt, das man sich von uns macht. Dieses Licht Gottes, sein Wort der
Wahrheit, entlarvt. Es nimmt die Maske unserer Unschuld weg und bringt
das finstere Gesicht der Schuld hervor.
Ein Mann regt sich beim Abendessen über einen verheirateten
Kollegen auf, den er in einer Ecke des Betriebes mit einer Angestellten
knutschen sah. Spät abends sitzt er alleine vorm Fernsehschirm und
sieht sich mit lüsternen Blicken einen erotischen Film an. Wie
sagte Jesus in der Bergpredigt: Wer eine Frau ansieht und sie haben
will, der hat schon mit ihr die Ehe gebrochen in seinem Herzen. (Mt. 5,
28)
Eine Frau erzählt im Café ihrer Freundin von ihrem Chef.
„Wenn er mit mir spricht, ist er immer nur freundlich und lobt mich.
Aber hinten herum macht er mich schlecht. Soll er mir doch sagen, was
ihm nicht passt. Der ist ja scheinheilig, vor dem hab‘ ich keine
Achtung mehr“.
Da betritt der Chef das Cafe. Das Gespräch verstummt. Sehr
freundlich begrüßt die Frau ihren Chef: „Das freut mich
aber, dass ich Sie hier treffe, wollen Sie sich nicht zu uns setzen?“ –
Tut sie nicht genau das, wofür sie ihren Chef verachtet?
Du bist der Mann! – Du bist die Frau! – Ob der Prophet Nathan nicht auch bei uns schon manchen Besuch hätte machen müssen?
Es heißt: Wer mit einem Finger auf einen anderen zeigt, der zeigt
mit drei Fingern auf sich selbst. Wenn wir andere beschuldigen, steht
immer zugleich eine Anfrage an uns selbst. Leicht kann sie zur
berechtigten Anklage werden.
Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet, warnt uns Jesus, und
er macht uns aufmerksam: Mit welcherlei Maß ihr messt, werdet ihr
auch gemessen werden. Es ist gefährlich, sich selbst für
gerecht zu halten und nur bei anderen die Schuld zu sehen.
Doch zurück zu David. Was soll er tun? Gott hat ihm durch das
mutige Wort des Propheten die Augen geöffnet für seine
Schuld. Der große König hat erkannt: Ich bin ja viel
schuldiger als mancher, über den ich ein Urteil gesprochen habe.
Wir wollen noch einmal auf unseren Predigttext hören.‘ Einige Verse weiter hören wir Davids Antwort an Nathan:
Da sprach David zu Nathan: „ich habe gesündigt gegen den Herrn.“ Nathan sprach zu David: „So hat auch der Herr deine Sünde weggenommen; du wirst nicht sterben. Aber weil du die Feinde des Herrn durch diese Sache zum Lästern gebracht hast, wird der Sohn, der dir geboren ist, des Todes sterben.“ Und Nathan ging heim.
David sucht nicht nach Ausreden. Er bringt keine mildernden
Umstände vor. Er verdrängt seine Schuld nicht, sondern er
stellt sich Gott mit seiner Schuld: „Ich habe gesündigt gegen den Herrn“. Das
ist seine Beichte: Ich war es und kein anderer. Ich habe Gottes gute
Ordnungen mit Füßen getreten. Kein ‚aber‘ setzt er hinter
sein Bekenntnis. Und so unglaublich das klingt, das rettet ihm das
Leben. Nathan sagt ihm im Namen Gottes: „So hat auch der Herr deine Sünde weggenommen; du wirst nicht sterben.“
David erlebt das Wunder der Vergebung. Er ist begnadigt. Vielleicht
geht Ihnen das zu schnell, und Sie fragen: Ist das so einfach? – Nein,
einfach ist das nicht. Auch nicht selbstverständlich und nicht
menschlich. Zum Wunder der Vergebung braucht es die ganze barmherzige
Liebe Gottes.
Nur göttliche Kraft kann Schuld wegräumen, die Leben
zerstört und belastet. Ein Schuldiger wird frei. Ein Gescheiterter
darf neu anfangen. Wie ist das möglich? Er hat ja gesagt zu seiner
Schuld. Er hat sie bekannt.Jesus hat sie weggenommen.
Weil dieses Wunder der Vergebung so schwer zu glauben ist, hat Gott
1000 Jahre nach David seinen Sohn geschickt, Jesus Christus. Mit ihm
dürfen wir allezeit ein Bild der Gnade Gottes vor Augen haben. Das
Kreuz ist dieses Bild, das uns Gottes Gnade und Liebe anschaulich
macht. Dort am Kreuz hat Jesus die Schuld Davids auf sich genommen.
Auch meine Schuld und Ihre Schuld. Die Schuld jedes Menschen, der sich
wie David zu seiner Schuld stellt und spricht: „Ich habe gesündigt
gegen den Herrn“.
Das kann man still für sich tun, wenn man Schuld erkannt hat:
Herr, vergib mir, das war nicht recht! Wir haben es vorhin, am Anfang
des Gottesdienstes, gemeinsam getan, als wir uns das – Gott sei uns
Sündern gnädig – mit dem Herr erbarm dich über uns – zu
eigen machten.
Manchmal kann es nötig sein, erkannte Schuld im persönlichen
Beichtgespräch einem Seelsorger zu bekennen, wie es David hier
tut. Der persönliche Zuspruch: Im Namen Jesu Christi: Dir sind
deine Sünden vergeben! wird helfen, die Vergebung anzunehmen und
zu glauben.
Die Vergebung Gottes gilt ganz, ohne Abstriche. Was bleibt, das sind
die Folgen der Schuld. Hier bei David: Uria ist tot, das Kind aus dem
Ehebruch gezeugt, wird geboren und stirbt bald darauf. Das
schmälert nicht die Barmherzigkeit Gottes.
Auch bei uns bleiben die weltlichen Folgen menschlicher Schuld, selbst dann, wenn Gott die Schuld vergeben hat.
– Das Kind, das überfahren wurde, wird nicht wieder
lebendig. – Der Betrüger muss seine Gefängnisstrafe absitzen,
auch
– wenn er weiß, Jesus hat meine Schuld ans Kreuz getragen.
Wir müssen mit manchen Folgen menschlicher Schuld leben. Folgen
des Krieges, Folgen einer verschmutzten Umwelt. Vielleicht sind solche
Folgen auch Warnzeichen, die uns daran erinnern sollen, Gottes
Ordnungen nicht zu vergessen. Vielleicht sollen wir an diesen Folgen
lernen, die Vergebung, die wir selber empfangen haben, auch an die
weiterzugeben, die an uns schuldig geworden sind. Wer Gottes Vergebung
für sich in Anspruch nimmt, der soll auch anderen vergeben: Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.
Gott vergibt dem, der sich ihm stellt mit seiner Schuld. Denn er will
nicht den Tod des Sünders, sondern dass er sich bekehre und lebe.
Verfasser: Martin Schöppel© , Dr.-Martin-Luther-Str.18, 95445 Bayreuth, Tel. 0921/41168
Herr, wir danken dir, dass du barmherzig bist und uns zurechtbringen willst durch dein Wort. Bewahre uns davor, andere zu beschuldigen und unsere eigene Schuld zu übersehen.
Danke, dass wir dir alle Schuld bekennen dürfen und dass du sie an dein Kreuz trugst.
Amen.