Gottesdienst – 2.Mose 32, 7-14
Zur PDFRogate, 27.04.2008, 2.Mose 32, 7-14
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen.
In der Stille bitten wir um den Segen Gottes für diese Predigt …
Das Schriftwort für diese Predigt steht im 2.Buch Mose im 32. Kapitel. Mose war schon über fünf Wochen auf dem Berg Sinai und hatte dort von Gott die Steintafeln mit den Zehn Geboten erhalten und weitere Ordnungen und Anweisungen für sein Volk. Er hatte darüber die Zeit vergessen, Zeit die in der Gegenwart Gottes keine Rolle spielt, denn tausend Jahre sind vor ihm wie der Tag, der gestern vergangen ist.
Am Fuß des Berges im großen Lager der Israeliten war inzwischen die Unzufriedenheit gewachsen. Was macht der Mose solange auf dem Berg? Wie soll es denn mit uns weitergehen? Wohin sollen wir? Unsere Vorräte werden mit jedem Tag weniger. Was, wenn Mose überhaupt nicht wieder kommt.
„Der kommt auch nicht wieder!“ meldeten sich die Kritiker zu Wort. „Wenn ein Achtzigjähriger fast vierzig Tage in den Bergen verschwunden ist, dann gibt es wohl keine Hoffnung mehr!“ Sie wollten die Dinge nun selber in die Hand nehmen. Man bedrängte Aaron, den Bruder des Mose, Goldschmied, ein Symbol, ein starkes Zeichen, zu machen, das sichtbar und mächtig vor dem Volk her getragen werden sollte, damit eventuelle Feinde gleich sähen: Die sind reich und stark, mit denen legen wir uns lieber nicht an.
Aaron gab bald nach. Das Volk spendete eifrig und brachte allen Goldschmuck. Die Designer und Künstler unter ihnen machten sich an die Arbeit. Bald glänzte ein vergoldeter, kraftstrotzender junger Stier vom Sockel in der Mitte des Lagers. – Vor der Frankfurter Börse stehen die Symboltiere der Börsianer, Bulle und Bär für Hausse und Baisse. Der Bulle erinnert mich immer an dieses Goldene Kalb der Israeliten. Alles dreht sich ums Geld, um Gewinn um Kapital. Auf dem Altar der Kapitalanleger werden alle Werte der Menschlichkeit geopfert und alle ethischen Grenzen, die Gott gesetzt hat, verbrannt. Ein kapitaler Fehler, der den Zorn Gottes zur Folge hat. –
Auch das Volk Israel verfällt diesem kapitalen Fehler. Sie ersetzen den unsichtbaren, aber lebendigen Gott durch einen sichtbaren, aber toten Gott. Sie tanzen um das Goldene Kalb und vergessen alles, was sie in der Vergangenheit mit Gott erlebt haben: Die Befreiung aus der Sklaverei, den Zug durch das Rote Meer, den Untergang der ägyptischen Verfolger, die Rettung vor Hunger und Durst. Sie vergessen ihren Gott. Ein kapitaler Fehler, der den Zorn Gottes zur Folge hat.
Noch bevor Mose weiß, was da unten im Lager während seiner Abwesenheit geschehen ist, hat Gott Gericht beschlossen über sein Volk:
Der Herr sprach aber zu Mose: Geh, steig hinab, denn dein Volk, das du aus Ägypten geführt hast, hat schändlich gehandelt.
Sie sind schnell von dem Weg gewichen, den ich ihnen geboten habe. Sie haben sich ein gegossenes Kalb gemacht und haben’s angebetet und ihm geopfert und gesagt: Das ist dein Gott, Israel, der dich aus Ägyptenland geführt hat.
Und der Herr sprach zu Mose: Ich sehe, dass es ein halsstarriges Volk ist. Und nun lass mich, dass mein Zorn über sie entbrenne und sie vertilge; dafür will ich dich zum großen Volk machen.
Soweit der erste Teil unseres Predigttextes. Gott sagt: Es reicht! Er hat die Geduld verloren. Er ist zornig über die Menschen, die so schnell vergessen. Was hat er sich um dieses Volk gemüht! Wie oft hat er sie aus den aussichtslosesten Lagen gerettet! Immer wieder hat er ihnen eine neue Chance gegeben, hat ihnen vergeben. Aber jetzt ist das Maß voll.
Muss man das nicht verstehen? Hätten wir nicht schon viel früher diese Konsequenz gezogen? Man kann sich doch schließlich nicht alles gefallen lassen. Wenn man das Gefühl hat, dass Gutmütigkeit ausgenutzt wird, dann wird es Zeit, Zeichen zu setzen. Und das will Gott hier tun. Wer will es ihm verdenken.
Eigentlich hat Gott sich schon von seinem Volk distanziert. Es ist nicht mehr sein Volk. Zu Mose sagt er: Schau mal, was dein Volk gemacht hat, das du aus Ägypten geführt hast. So wie eine wütende Mutter zum Vater ihres Kindes sagt: Schau mal, was dein Sohn angerichtet hat!
Mose ist entsetzt. Er hält die Gebotstafeln in den Händen, die einen Segensweg des Volks begleiten sollen, aber schon am ersten Gebot sind sie vor Beginn dieses Weges gescheitert. Er hat die Heiligkeit und Macht Gottes gerade hautnah erlebt und nun soll er der Einzige bleiben, der Gottes Herrlichkeit schaut? Das kann doch nicht sein! Das darf doch nicht sein!
Mose gilt ja im Alten Testament als der Vorläufer Christi, als einer, der bis zur letzten Konsequenz für sein Volk eintritt. Das wird hier am Berg Sinai ganz besonders deutlich. Er sieht nicht seinen Vorteil. Gott hat ihm ja angeboten, ihn zum großen Volk zu machen, wenn das Volk Israel vernichtet ist. Mose sieht die Menschen und sie tun ihm leid. Und so tritt er hier in den Riss zwischen Gott und seinem Volk und bittet, ja fleht in den folgenden Versen unseres Predigttextes um Gnade für die Verlorenen, die Gott so oft die Treue gebrochen haben. Wir lesen es im 2. Teil unseres Predigttextes:
Mose aber flehte vor dem Herrn, seinem Gott und sprach: Ach Herr, warum will dein Zorn entbrennen über dein Volk, das du mit großer Kraft und starker Hand aus Ägypten geführt hast?
Warum sollen die Ägypter sagen: Er hat sie zu ihrem Unglück herausgeführt, dass er sie umbrächte im Gebirge und vertilge sie vom Erdboden? Kehre dich ab von deinem grimmigen Zorn und lass dich des Unheils gereuen, das du über dein Volk bringen willst. Gedenke an deine Knechte Abraham, Isaak und Israel, denen du bei dir selbst geschworen und verheißen hast: Ich will euere Nachkommen mehren wie die Sterne am Himmel und dies ganze Land, das ich verheißen habe, will ich eueren Nachkommen geben und sie sollen es besitzen für ewig.
Was für ein Gebet! Mose, der ja für das Goldene Kalb wirklich nicht verantwortlich ist, fleht zu Gott für sein Volk. – Die Bibel redet im Zusammenhang mit Gebet oft vom Flehen. Ein Mensch, der fleht, lässt alle Formen und Formeln hinter sich. Der erniedrigt sich, der beugt sich. Der sagt zu seinem Gegenüber: Du hast ja recht, eigentlich musst du meine Bitten gar nicht erfüllen, im Grunde habe ich keinen Anspruch auf das worum ich bitte, aber ich appelliere an deine Großzügigkeit, an dein Erbarmen, an deine Güte.
So fleht Mose hier Gott an. Aber gleichzeitig widerspricht er Gott auch. Er lässt sich nicht auf Gottes zornige Zuordnung ein. Mose sagt nicht: Verschone mein Volk, sondern er betont Gott gegen über: Es ist doch dein Volk! Es ist doch immer noch dein Volk, das du durch deine Verheißung geschaffen hast und durch deine Treue bis hierher gebracht hast. Wenn du dies Volk jetzt hier in der Wüste umkommen lässt, dann erweisen sich deine Versprechen als gebrochen. Dann ist der wunderbare Weg, den du mit Abraham begonnen und über Isaak und Jakob fortgesetzt und durch die Jahrhunderte begleitet hast, zu Ende.
Und Mose schildert auch gleich die Folgen, die das über das Volk Israel hinaus hätte: Was werden dann die anderen Völker sagen? Was werden die Ägypter sagen, die du mit den Plagen in die Knie gezwungen hast? Sie werden triumphieren und sagen: Das haben sie nun davon, dass sie ihrem Gott gefolgt sind, er hat sie ins Verderben geführt. Er ist ein schlechter Gott.
Und dann wagt Mose einen ungeheuerlichen Schritt: Er, der Mensch, fordert Gott auf umzukehren. Gott soll umdenken. Der zornige Gott soll sich auf seine Treue und sein ewig gültiges Wort besinnen. Mose erfleht von Gott, dass er seine Verheißungen erfüllt, obwohl dieses Volk so abtrünnig und so treulos ist.
Gott hätte diesen dreisten Beter, Mose, einfach mitsamt seinem Volk vom Erdboden verschwinden lassen können, aber es geschieht etwas ganz anderes. Im letzten Satz unseres Abschnitts hören wir, wie Gott auf das Gebet des Mose reagiert:
Da gereute dem Herrn das Unheil, das er seinem Volk zugedacht hatte.
Gott kehrt um von seinem Zorn. Gott streicht das Urteil durch, das er schon geschrieben hat. Gerichtspläne werden aufgehoben, weil da einer mutig und demütig zum Herrn gefleht hat.
Was heißt denn das jetzt für uns heute? Es heißt erstens, dass nicht alles in unserem Leben unausweichlich vorherbestimmt ist, sondern unser Schicksal und das der Menschen, die uns anvertraut sind hängt zum Einen von unserem Verhalten und zum Anderen von unseren Gebeten ab.
Hier kommt zweitens ganz klar zum Ausdruck, dass der „Liebe Gott“ nicht immer nur lieb zu sein hat, sondern dass er auch ein zorniger und richtender Gott sein kann. Er lässt sich nicht ungestraft ignorieren, missachten, verspotten, auf die Seite schieben. Er übt auch Gericht und das geht nicht nur aus dieser Stelle der Bibel hervor. Er wird den nicht ungestraft lassen, der seinen Namen missbraucht, heißt es im 2.Gebot.
Obwohl das Volk insgesamt begnadigt wurde, gab es doch als Mose ins Lager zurück kam ein gewaltiges Donnerwetter und dreitausend Aufrührer, die nicht bereit waren umzukehren, wurden getötet. Mose ließ das Goldene Kalb verbrennen, die Asche zu feinem Pulver mahlen und gab es dem Volk ins Wasser gerührt zu Trinken. Auch eine symbolische Handlung, die den Abgefallenen zeigen sollte: Schaut euch an, was von euerem Gott bleibt, wenn er verbrannt ist und seine Überreste den menschlichen Verdauungstrakt durchlaufen haben.
Und drittens wird in diesen Versen deutlich, was das Gebet vermag. Es kann Gott dazu bewegen, dass er seine Pläne ändert, dass er Gericht aufhebt, dass er Zeit und Leben schenkt. So war das schon damals, zu Moses Zeiten. Gilt das nicht noch viel mehr seit Christus Zeiten?
Damals ist Mose in den Riss zwischen Gott und seinem Volk getreten. Er hat erreicht, dass Gott gnädig war. Er hat sich vor Gott gebeugt und für sein Volk gefleht. Über Tausend Jahre später ist Christus in den Riss getreten zwischen Gott und den Menschen, zwischen Gott und uns. Er hat sich unter den Geißeln der Römer gebeugt und dann unter dem Kreuz. Er hat die Strafe auf sich genommen, auf dass wir Frieden hätten und durch seine Wunden sind wir geheilt. Jesus Christus hat uns mit Gott versöhnt und bewirkt, dass Gottes Treue nicht durch unsere Treulosigkeit aufgehoben wird.
Jesus hat für die Seinen gebetet und für die, die ihm den Rücken zuwandten. Für seine Jünger und für alle, die ihm nachfolgen, bittet er im hohenpriesterlichen Gebet im Johannesevangelium (Joh.17, 9): „Vater, ich bitte für die, die du mir gegeben hast, < > dass du sie bewahrst vor dem Bösen, < > heilige sie in deiner Wahrheit; denn dein Wort ist die Wahrheit. < > Vater, ich will, dass, wo ich bin, auch die bei mir seien, die du mir gegeben hast, damit sie meine Herrlichkeit sehen.“
Für seine Verfolger und Peiniger bittet er: Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun. Wie viele wissen nicht, was sie tun, wenn sie über Gott und Christen schimpfen und lästern, wenn sie Gebote übergehen, Grenzen überschreiten und Heiliges in den Dreck ziehen. Dann hält dieses Gebet des Herrn Jesus: Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun, Gottes Gerichte eine Zeit lang auf. Zeit umzukehren, Zeit sich zu besinnen.
Wir alle sind aufgefordert unseren Gebeten solche Macht zuzutrauen, dass sie Gerichte Gottes aufhalten, dass sie seinen Zorn abwenden und Zeit geben zur Umkehr. Für uns und unser Volk. Für unsere Kirche und unsere Gesellschaft. Für unsere Gemeinden und unsere Umgebung.
Es nützt nicht viel, wenn wir uns aufregen und im Verborgenen unter Gleichgesinnten schimpfen über den Abbau von christlichen Werten und die Missachtung von Geboten. Aber es nützt viel, wenn wir uns vor Gott beugen und vor ihm flehen für unser Volk und für unsere Kirche. Manchmal sind es auch einzelne Menschen, die uns vor Augen stehen. Ein Sohn, eine Tochter, ein Freund, eine Freundin, eine Kollegin ein Kollege, ein Mensch, der offensichtlich den Glauben an den lebendigen Gott aufgegeben hat und der nun an einem goldenen Kalb hängt. Jemand, der vielleicht meint, zulange nichts von Gott gespürt und gesehen zu haben.
Natürlich ist es notwendig, dass wir so einem Menschen immer wieder den Glauben bezeugen, dass wir ihm gegenüber nicht schweigen, aber noch wichtiger ist es, dass wir für diesen Menschen beten, dass wir ihn immer wieder Gott ans Herz legen, dass wir Gott bei seinen Verheißungen und bei seiner Treue packen.
Es gibt viele Beispiele dafür, dass solche Menschen nach Jahren, manchmal nach Jahrzehnten dann wieder zurückgefunden haben zum Glauben und zu Gott. Des Gerechten Gebet vermag viel, wenn es ernstlich ist. (Jak.5,16) schreibt Jakobus in seinem Brief und in unserem Wochenspruch macht der letzte Vers des 66. Psalms Mut zum Gebet: Gelobt sei Gott, der mein Gebet nicht verwirft, noch seine Güte von mir wendet. (Psalm 66, 20)
Er verwirft kein ernsthaftes Gebet, auch Ihres nicht. Schon gar nicht, wenn es um die Rettung eines anderen Menschen geht.
Danke, Herr, dass du mit dir reden lässt. Danke, dass du schon manches Mal deine Gerichtspläne über uns geändert hast in Gnadenpläne. Erbarm dich über uns und mach uns zu Betern, die einstehen für Dich und die Welt, für unsere Kirche und unser Land. Wir haben Gericht verdient und bitten doch um deine Gnade. Und du hast versprochen, dass du uns nicht umsonst bitten lässt. Amen.
Verfasser: Martin Schöppel ©, Dr.-Martin-Luther-Str.18, 95445 Bayreuth, Tel. 0921/41168