Gottesdienst – 2. Mose 20, 1-17
Zur PDFPredigt zu 2. Mose 20,1-17 am 18. Sonntag nach Trinitatis 07.10.2007 –
Pfarrerin B. Bauer
Die zehn Gebote
Und Gott redete alle diese Worte: Ich bin der HERR, dein Gott, der ich dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft, geführt habe. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir. Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen, weder von dem, was oben im Himmel, noch von dem, was unten auf Erden, noch von dem, was im Wasser unter der Erde ist: Bete sie nicht an und diene ihnen nicht! Denn ich, der HERR, dein Gott, bin ein eifernder Gott, der die Missetat der Väter heimsucht bis ins dritte und vierte Glied an den Kindern derer, die mich hassen, aber Barmherzigkeit erweist an vielen Tausenden, die mich lieben und meine Gebote halten. Du sollst den Namen des HERRN, deines Gottes, nicht missbrauchen; denn der HERR wird den nicht ungestraft lassen, der seinen Namen missbraucht. Gedenke des Sabbattages, dass du ihn heiligest. Sechs Tage sollst du arbeiten und alle deine Werke tun. Aber am siebenten Tage ist der Sabbat des HERRN, deines Gottes. Da sollst du keine Arbeit tun, auch nicht dein Sohn, deine Tochter, dein Knecht, deine Magd, dein Vieh, auch nicht dein Fremdling, der in deiner Stadt lebt. Denn in sechs Tagen hat der HERR Himmel und Erde gemacht und das Meer und alles, was darinnen ist, und ruhte am siebenten Tage. Darum segnete der HERR den Sabbattag und heiligte ihn. Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren, auf dass du lange lebest in dem Lande, das dir der HERR, dein Gott, geben wird. Du sollst nicht töten. Du sollst nicht ehebrechen. Du sollst nicht stehlen. Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten. Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus. Du sollst nicht begehren deines Nächsten Weib, Knecht, Magd, Rind, Esel noch alles, was dein Nächster hat.
Liebe Gemeinde,
zehn Gebote hören wir. Jedes Kind kann sie sich an den Fingern abzählen. Uralt sind sie und weltbekannt. Martin Luther verbreitete sie durch seinen Kleinen Katechismus auch unter den einfachen Leuten. Indem er Erläuterungen und Beiwerk weitgehend aussparte, lassen sie sich recht leicht auswendig lernen und merken.
„Du sollst – du sollst nicht“ vernehmen wir. Das ist erstens Gebot, zweitens Gottes Gebot, drittens Gottes Gebot für sein Volk. Betrachten wir das Schritt für Schritt.
Zum Ersten: Du sollst – du sollst nicht, das ist Gebot. Nein, es handelt sich hier nicht um Ratschläge und Anregungen, dem Geschmack und Genuss des Einzelnen ans Herz gelegt. Es handelt sich schlicht und ergreifend um Ge- bzw. Verbot. Diskussionslos zu beugen hat man sich darunter wie ein Kind unter das Wort seiner Eltern und Lehrer. Eigentlich. Wenn wir nämlich solche Autorität achten.
Freilich eine glatte Zumutung für Menschen unserer Tage. Darf sich nicht jeder sein eigenes Leben basteln, seine persönlichen Maßstäbe setzen, seine individuellen Ziele verfolgen? Weiß nicht jede selbst am besten, was sie zu tun und zu lassen hat? Brauche ich Gebote, wenn ich gesunden Menschenverstand besitze? Zeigt mir mein innerer Kompass nicht allein die Richtung? Wer hat mir schon etwas vorzuschreiben? Soll es über mir jemanden geben?
Wir haben uns heute an gewisse Beliebigkeiten gewöhnt, an die Vielfalt der Lebensstile, an das vernünftige Ermessen als oberste Instanz. Trotzdem gilt: hier stehen Gebote mit biblischer Macht. Souveräner gebieterischer Wille über uns und vor uns.
Ein ethisches System bauen sie freilich nicht. Keine lückenlose Gesetzlichkeit. Das Nachdenken und Begreifen und Umsetzen in stets neue Situationen erübrigt sich keineswegs. Zum Beispiel beim vierten Gebot: die Eltern ehren. Im einen Fall mag das bedeuten, einen Platz in einem Pflegeheim zu besorgen, im andern Fall Pflege zu Hause, im dritten Fall eine weitere Variante.
Blinder Kadavergehorsam passt da kaum. Stattdessen werden Pflöcke in die weite Landschaft des irdischen Daseins geschlagen, kräftige Bojen in das unruhige Meer menschlicher Tage, die grobe, nichtsdestotrotz klare Orientierung bieten.
Warum überhaupt diese Wegweiser? Warum so absolute – und doch wieder so wenig enge – Feststellungen, die wörtlich übersetzt lauten: „Das gibt es nicht, dass du tötest, die Ehe brichst oder stiehlst“? Eine kleine dramatische Geschichte mag Antwort sein:
Am 3. Februar 1959, um 23.12 Uhr, 10000 Meter hoch über dem Nordatlantik, wirft der Flugzeugkapitän Lynch noch einen Blick auf die Schalttafel der Boeing 707. Sein Copilot Peters studiert die Landkarte. Der Kapitän schaltet den automatischen Piloten ein, legt den Kopfhörer ab und steht auf. Muskulös und stark, will er sich nach einem aufreibenden Aufstieg durch Sturm und Wetter ein bisschen erholen und die Beine vertreten.
Im Passagierraum tragen noch alle ihre Sicherheitsgurte. Der Kapitän läuft freundlich und beruhigend durch die Reihen. Auf einmal kippt das Flugzeug. Lynch wird gegen die Sessel der rechten Seite geschleudert, alle Lichter verlöschen. Sekunden später klebt er am Boden, nein: es ist die Decke. Die Boeing liegt auf dem Rücken und stürzt kopfüber nach unten.
Lynch ist flugerfahren und verfügt über unbändige Kraft. Mit übergroßer Anstrengung ergreift er eine Sessellehne und zieht sich von Reihe zu Reihe dem Cockpit entgegen. Das Flugzeug nähert sich der Schallgeschwindigkeit und dem todbringenden Meer. Wie viele Sekunden bleiben ihm?
Endlich hat er den Pilotensitz erreicht. Mechaniker und Navigator reißen mit ihm zusammen wie Wahnsinnige am Steuerknüppel. Aber im Senkrechtsturz werden sie ständig zurückgeworfen. Plötzlich erwacht der Copilot aus seiner Bewusstlosigkeit. Zu viert schaffen sie es endlich, die Boeing in die Waagrechte zu bringen. Wenige Augenblicke vor der Explosion im Atlantik, vier Minuten nach Beginn des Falls.
Was war passiert? Der Copilot hatte die Landkarte studiert und das Blaulicht auf der Schalttafel nicht gleich bemerkt, das Warnsignal, dass der Auto-Pilot nicht mehr funktioniert. Blaulicht als Warnung: es ist uns gegeben. Zehn Lämpchen für die Reise durchs Dasein sozusagen. Übersehen wir sie nicht! Sie können uns Katastrophen ersparen.
Umgekehrt gilt: das Halten der Gebote bringt irdischen Segen und erhält Leben. Es ist Gottes Art, dass sich zwar Sünden der Väter und Mütter sich noch an Kindern und Enkeln auswirken können. Darüber brauchen wir nicht streiten, das Leben bestätigt es vielfach. Gleichzeitig aber breitet sich Gottes Treue aus über „Tausende“, wo Gottes Gebot befolgt wird. Es bekommt uns einfach gut, wenn wir das tun!
Wird es uns allerdings schwer, den Gehorsam durchzutragen, dann fallen uns immer Gründe ein, es anders zu machen, nicht wahr? Nicht erfinderischer Gehorsam, der durchaus Spielräume auslotet, nicht die Suche nach dem in Gottes Namen Sinnvollen greift da Raum. Sondern besserwisserischer Ungehorsam, der Gott und seinem Gebot nicht mehr trauen will. Zahlreiche Ehetragödien etwa erzählen Bände. Oder der leichtfertige Umgang mit der Wahrheit, den das achte Gebot vereiteln will.
Man tut daher recht, im Konfliktfall dem eigenen Herzen, seinem Begehren, seinem Verwundet- und Enttäuscht- und Verbittert-sein und seinen listigen Winkelzügen zu misstrauen und sich fest auf Gottes gutes Gebot zu gründen, ohne Wenn und Aber. Die Gebote versklaven dabei ja nie, sie rufen zur Entscheidung wach und führen uns sicher über alle Klippen und Untiefen eines Menschenlebens.
Zum Zweiten: Das uns bindende Gebot ist Gottes Gebot. Es ist der Herr, der hier sein Recht ausruft. Nicht irgendwer sonst. Der Herr, der in die Freiheit führt. Gott will als Gott in unserm Tun und Reden, im Denken und Wünschen, im Hoffen und Vertrauen anerkannt sein. Weil er selbst sich seinen Menschen ganz zuwendet, schließlich alles drangibt in Christus, erwartet er unsere ganze Zuwendung zu ihm, unser volles Vertrauen.
Welchen Einwirkungen, Mächten und Kräften des täglichen Daseins schreibst du dagegen vielleicht maßgebliches Gewicht zu? Wie oft sehe ich zum Beispiel Leute dreimal auf Holz klopfen mit dem „Toi, Toi, Toi“. Und wohin richtet sich dein Wollen und Fühlen gemeinhin? Weißt du dich etwa dann sicher, wenn du genug Geld auf der hohen Kante liegen hast? Und was darf dir auf keinen Fall passieren, damit du nicht verzweifeln musst? „Hinter jeder Verzweiflung steckt eine Vergötzung“, erkannte der Psychologe und Arzt Viktor Frankl. Götzendienst noch und noch unter uns, nicht wahr?
Willst du stattdessen „Gott über alle Dinge fürchten, lieben und vertrauen“, wie es Martin Luther in seiner Auslegung formuliert? Gottes Hoheitsrecht umfasst alles und jedes. Wer das akzeptiert, hat hoffnungsvollen Halt. Wo wir das nicht berücksichtigen, kippt unser Dasein bei der geringsten Störung und stürzt. Vielleicht nicht so rasant wie das Flugzeug in der Geschichte vorhin, aber stetig – dem Untergang entgegen.
Im Grunde sind alle anderen Gebote Entfaltungen und Auslegungen des ersten Gebots: „Ich bin der Herr dein Gott.“ Wir sollen Gott fürchten und lieben, dass wir – 2. Gebot – eben deshalb seinen Namen voller Ehrerbietung aussprechen. Dass wir – 3. Gebot – uns auf ihn ausrichten, besonders am Sonn- und Feiertag. Dass wir – 4. Gebot – unsere Eltern wertschätzen. Dass wir – 5. Gebot – fremdes Leben schützen. Dass wir – 6. Gebot – in der Ehe ein verlässliches Fundament finden. Dass wir – 7. Gebot – Eigentum anderer, auch Volkseigentum achten. Dass wir – 8. Gebot – nicht Reden auf Kosten von Mitmenschen führen. Dass wir – 9. und 10. Gebot – dem Nächsten gönnen, was ihm gehört.
„Du sollst – du sollst nicht“: Das ist Gebot. Das ist Gottes Gebot. Das ist drittens und schließlich Gottes Gebot für sein Volk. Gott will mit seinen Menschen verbunden sein. Immer und überall. Indem wir sein Gebot ernst nehmen, annehmen, aufnehmen, empfangen wir Gemeinschaft mit ihm, der dieses Gebot gibt. Dein Gott weist dir den Weg. Wo du diesen Weg gehst, bleibst du sein Mensch. Sein Kind. In seinem Volk.
Nicht dass das Verbundensein mit Gott noch an unserem Gehorsam hinge. Gott sei Dank, denn dann wären wir oft und oft verloren. Jesus Christus ist erschienen, um das Gebot für uns vollkommen zu erfüllen. Wer an ihn glaubt, der ist gerecht, darf sozusagen Jesu vollkommenen Gehorsam für sich selbst beanspruchen. Ja, in Christus bin ich vollkommen.
Aber umso mehr wird es mir wichtig, Gott wirklich gehorsam zu sein, ihm zu gefallen. Der Geist Jesu Christi treibt und lockt und ruft mich dazu. Als Christ darf ich das uralte Gebot Gottes gelten lassen für mich, dankbar und froh. Denn ich erlebe darin Gottes Gegenwart und Nähe und weiß: weil ich dennoch fehle, tritt Christus an meine Stelle. Amen.