Gottesdienst – 2. Mose 13,20-22
Zur PDFJahresschlussgottesdienst Kreuzkirche 2005 2.Mo. 13,20-22
Gnade sei mit euch und Friede, von Gott, dem Vater und unserem Herrn
Jesus Christus. Amen.
Wir wollen in der Stille um den Segen Gottes für diese Predigt
bitten: â¦Herr, wir bitten dich um deinen Heiligen Geist zum Reden und zum
Hören. Amen.
Jetzt sind wir also angelangt am letzten Abend dieses Jahres 2005. Der
letzte Abend, noch sechs Stunden und ein paar Minuten, dann werden die
Menschen in unserer Zeitzone auf die Zeiger und digitalen Zahlenreihen
schauen und den Augenblick erleben, wenn das alte Jahr 2005 endgültig
vorbei ist und das neue Jahr 2006 beginnt.
Die Uhr wird nicht stehen bleiben. Sie wird unaufhaltsam weiterlaufen.
Gläser werden klirren, Glocken werden läuten, Böller krachen,
Raketen in den schwarzen Nachthimmel jagen, bunt aufleuchten und verglühen.
Es ist schon ein seltsames Gemisch von Geräuschen und Glitzern, Gerüchen
und Gedanken in so einer Nacht, in der es vom alten Jahr ins neue geht.
Eine Mischung von Erinnerung und Erwartung, von Hoffnung und Angst.
Es geht etwas zu Ende, was nicht wieder kommt. Es ist ein Stück von
unserem Leben geschrieben und wir können nichts davon rückgängig
machen. Gleichzeitig liegt ein neues Jahr vor uns, von dem wir nicht wissen,
was es uns bringen wird. Freude oder Leid, Erfolg oder Misserfolg, Höhepunkte
oder Tiefen, Jubelstrophen oder Katastrophen.
Unbekanntes Land liegt vor uns. Vielleicht tragen Sie noch schwer an
den Lasten des zu Ende gehenden Jahres. Vielleicht bluten noch Wunden,
die in den hinter uns liegenden Monaten geschlagen wurden. Manche werden
Wegbegleiter vermissen, die nicht mehr an ihrer Seite sind. Andere werden
sehnsüchtig darauf warten, dass doch im neuen Jahr ein Mensch an ihre
Seite tritt, der mit ihnen durchs Leben geht, bei dem sie sich geborgen
fühlen.
Das alles bricht auf in dieser Nacht, in der es vom alten Jahr zum neuen
geht. Manche versuchen allzu tiefe Gedanken zu ertränken, Ängste
herunterzuspielen oder zu spülen, den Hunger nach Leben an reich gedeckten
Tischen zu stillen und die leisen Stimmen aus unserem Innern durch laute
Musik von außen zu übertönen. Heiße Rhythmen sollen
gegen die Kälte zwischen Menschen wirken. Zurück bleibt dann
ein Kater und ein müder Beginn des neuen Jahres.
Ich stelle es mir schrecklich vor, wenn das alles ist. Und ich bin dankbar,
dass wir das alte Jahr anders ausklingen lassen können und das neue
Jahr nicht allein mit uns selbst und unseren Ängsten beginnen müssen.
Das Lied von Paul Gerhardt, das wir am Anfang dieses Gottesdienstes gesungen
haben drückt einfach und klar aus, wie wir die Schritte dieser Nacht
sicher gehen können:
Nun lasst uns gehen und treten mit Singen und mit Beten
Zum Herrn, der unserm Leben bis hierher Kraft gegeben.
Wir gehen dahin und wandern von einem Jahr zum andern,
wir leben und gedeihen vom alten bis zum neuen
durch so viel Angst und Plagen, durch Zittern und durch Zagen
durch Krieg und große Schrecken, die alle Welt bedecken.
(EG 58, 1-3)
So war das schon vor gut 350 Jahren, so ist das heute noch. Die Ängste
und Plagen sind bestimmt nicht weniger geworden, die Kriege und Schrecken,
die alle Welt bedecken auch nicht. Manches ist ein paartausend Kilometer
von uns entfernt, wird uns aber doch täglich in unsere Wohnzimmer
gesendet. Buschbrände und Geiselnahmen, Terrorakte und Vergeltungsschläge,
missbrauchte Kinder, misshandelte Natur. Menschen und Tiere, die von Epidemien
dahingerafft werden.
Und wir leben mitten in dieser Welt und dürfen uns geboren wissen,
von der Macht, die stärker ist als alle Bedrohungen. Wir dürfen
getrost singen und beten und dem Herrn vertrauen, der unserem Leben
bis hierher Kraft gegeben.
Wir dürfen unserem Herrn und Gott all das anvertrauen, was wir
mit dem alten Jahr hinter uns lassen, dürfen ihn um Vergebung bitten
für alles, was wir versäumt oder versiebt haben und was wir durch
unsere Schuld angerichtet haben.
Ohne die Last der vergangenen Zeit dürfen wir dann ins nächste
Jahr gehen, mit dem kindlichen Vertrauen, dass der Herr für uns sorgt,
dass er seine Engel aussenden wird, die uns schützen, die uns helfen,
die uns leiten. Er selbst, der Herr wird dann vor uns sein, wenn unlösbare
Probleme auftauchen und keine Wege zu sehen sind. Er wird hinter uns sein
und uns schützen, wenn das Unheil uns einholen will. Wir sind Volk
Gottes auf dem Weg.
Genau davon berichtet das Schriftwort für die Predigt, das für
diesen letzten Tag des Jahres vorgesehen ist.
Es sind nur einige Verse, die davon erzählen, wie das Volk Israel
im Begriff ist aus Ägypten auszuziehen. Nach zehn schrecklichen Plagen
hatte der Pharao dem Mose endlich die Erlaubnis erteilt mit den Israeliten
das Land zu verlassen.
Hinter den Frauen und Männern, Kindern und Alten liegen schreckliche
Zeiten der Angst und Unterdrückung. Vor ihnen eine unbekannte Zukunft.
Sie müssen in die Wüste und durch die Wüste und wissen nicht,
was sie erwartet. 2.Mose 13, 20-22:
So zogen sie aus von Sukkot und lagerten sich in Etam, am Rande der
Wüste.
Und der Herr zog vor ihnen her, am Tag in einer Wolkensäule
und bei Nacht in einer Feuersäule um ihnen zu leuchten, damit sie
bei Tag und bei Nacht wandern konnten.
Niemals wich die Wolkensäule von dem Volk, noch die Feuersäule
bei Nacht.
Das bedrohte Volk auf dem Weg zwischen den Zeiten sieht die Zeichen
der Gegenwart Gottes Tag und Nacht. Es sind Zeichen der Macht und Nähe
Gottes. Sie sind nicht zu erklären, nicht zu verstehen, aber doch
wirksam. Jeder, der sie sieht und es annehmen will, weiß: Dahinter
verbirgt sich Gott. Unser Gott, der mächtiger ist als der Pharao mit
seinem Heer von Sklavenschindern und mit seinem Heer von Soldaten. Der
Gott, der uns aus Ägyptenland geführt hat, wie es später
in vielen Bekenntnissen und Dankgebeten dieses Volkes heißt.
Er ist der Gott, der aus Abhängigkeit und Unterdrückung in
die Freiheit führt und der die Geschicke der Völker in seiner
Hand hat. Der Gott, der in der Geschichte handelt und im Leben einzelner
Menschen. Auch in Ihrem und in meinem Leben. Haben wir es nicht schon oft
erfahren?
Die Israeliten erleben, dass dieser Gott vor ihnen her zieht und ihnen
den Weg zeigt, dass er hinter ihnen steht und sie schützt. Viele Wunder
wird er in der Wüste tun und alle seine Zusagen einhalten. Er führt
sein Volk, wenn es sein muss trockenen Fußes durchs Meer und sicher
durch lebensfeindliche Wüsten.
Er rettet sie vor Verfolgern und Angreifern, aus Hunger und Durst, vor
Aufrührern in den eigenen Reihen und vor giftigen Schlangen im Lager.
Gott weicht nicht von seinem Volk, obwohl dieses Volk so oft von ihm abgewichen
ist. Sie haben sich aufgelehnt und immer wieder gegen Gott gemurrt, aber
er ist treu geblieben.
Was für eine großartige Verheißung für ein Volk
unterwegs durch die Zeiten, für Menschen ohne Heimat und Zukunft:
Gott ist mit uns! Gott ist da! Sei nur getrost! Er hat sich bisher
als mächtig und gnädig erwiesen. Er hat unsere Schreie und Gebete
gehört. Er wird auch weiter mit uns sein. Der Herr, der unserm
Leben bis hierher Kraft gegeben.
Diese Erfahrung des Volkes Israel soll uns Mut machen, wenn wir in dieser
Nacht zwischen den Zeiten stehen und zwischen die Räder der Vergangenheit
und Zukunft geraten. Bilder des vergangenen Jahres sind uns in den letzten
Tagen in den Rückblicken der Medien genug ins Haus geliefert worden.
Durch alle Stürme und Beben der vergangenen zwölf Monate hat
der Herr uns geführt und bewahrt bis zum 365. Tag dieses zu Ende gehenden
Jahres. Er hat uns wieder seine Treue bewiesen, auch wenn wir manchmal
genauso treulos und mürrisch waren wie die Israeliten vor mehr als
dreitausend Jahren.
Der treue Gott hat uns nicht aufgegeben. Er zieht vor uns her in die
neue Zeit. Wir müssen nicht ängstlich sein. Wir müssen uns
nicht fürchten vor dem was kommen wird. Der Herr ist doch mit uns!
Er ist der Heiland, der Christus, Retter und Helfer auch im Jahr 2006.
Er ist der Erste und der Letzte und der Lebendige. Er ist der lebendige
Gott! Stärker als alle Mächte und Kräfte dieser Welt.
Er macht die Vorhersagen der Astrologen und Wahrsager zunichte. Wer
den Gott Israels fürchtet, braucht sonst nichts und niemanden auf
der Welt zu fürchten. David betet im 27. Psalm: Der Herr ist mein
Licht und mein Heil, vor wem sollte ich mich fürchten? Der Herr ist
meines Lebens Kraft, vor wem sollte mir grauen? Er ist heute und morgen
für uns da und lässt keinen im Stich, der auf ihn vertraut. Vergessen
Sie es nicht! In keiner Nacht, in keiner Not, in keiner Traurigkeit, die
vielleicht über uns hereinbrechen mag.
Er ist da, treu und beständig. Er vernichtet alle falschen Vorbilder
und Götzen. Mose hat in seinem Namen das goldene Kalb, das sich die
Israeliten gemacht hatten verbrannt und die Asche zu Pulver zerrieben um
zu zeigen, dass alle von Menschen gemachten Götzen machtlos sind.
Später hat im heidnischen Germanien, der irische Mönch und
Missionar Bonifatius mit seinen Helfern die heilige dem Gott des Donners
und Blitzes geweihte Donareiche gefällt und zu Kleinholz gemacht.
Verschreckt warteten die Augenzeugen in der Nähe des hessischen Geismar
darauf, dass ihr gefürchteter Donar mit Blitz und Donner dreinfahren
würde und diese Fremden mit ihrer Lehre von dem Christus tot umfallen
würden. Aber nichts geschah. Bonifatius ließ aus dem Holz der
Eiche eine Kapelle zu Ehren des Christus errichten, in der sich dann viele
Hessen taufen ließen.
Zeichen der Macht Gottes hat es in der Geschichte genug gegeben. Sind
es nicht auch genug Zeichen der Macht und Treue, der Gnade und Barmherzigkeit
Gottes in Ihrem Leben und in meinem Leben? Vielleicht sollten wir uns an
so einem letzten Abend des Jahres einmal ein wenig Zeit nehmen darüber
nachzudenken oder in vertrauter Runde mit lieben Menschen auch davon zu
reden, was Gott an uns getan hat.
„Von all deinen Wundern will ich laut erzählen und rühmen
deinen Namen“ heißt es in einem Lied, das wir auf Freizeiten
und in unseren Gruppen manchmal singen. Und die zweite Strophe fährt
fort: „Wie groß ist unser Gott, barmherzig und gnädig!
Er stärkt und beschützt alle, die ihm vertrauen und seinen Namen
rufen“. Es macht uns und anderen Mut, wenn wir einander von erlebten
Hilfen und erfahrenen Wundern erzählen, so wie das Volk Israel immer
wieder erzählt hat von der Befreiung aus der ägyptischen Sklaverei
und vom Zug durchs Rote Meer. Von dem Gott, der mitgeht in unbekanntes
neues Land.
Er will uns auch in das neue Jahr begleiten, das so unbekannt und unheimlich
vor uns liegt. Gott zwingt keinen auf seinen Weg. Aber er bietet ihn uns
an. Er zeigt uns einen Weg. Er geht vor uns her, wir müssen nur darauf
achten, dass wir ihn nicht aus den Augen verlieren. Es ist wichtig auch
im neuen Jahr sein Wort zu hören, seinen Segen zu suchen.
Gott sei Dank, dass er so treu ist. Barmherzig und gnädig ist
der Herr, geduldig und von großer Güte. Es wird ihm nicht
zu viel, uns immer wieder zu rufen, immer wieder zu vergeben, sich immer
wieder unsere Gebete anzuhören. Er wartet sogar darauf und wenn
die Stunden sich gefunden, bricht die Hilf mit Macht herein. Auch dafür
ist die Geschichte des Volkes Israel lebendiges, historisches Beispiel,
bis heute.
Das hilft uns, zuversichtlich und hoffnungsvoll in die neue Zeit zu
gehen. Wir müssen uns nicht niederdrücken lassen von all dem,
was möglich oder vorstellbar wäre. Nicht einmal von dem, was
wahrscheinlich ist. Wir müssen nicht auf Schicksalsschläge warten
oder möglichen Verlusten ängstlich entgegensehen. Wir müssen
nicht den Mut verlieren, wegen der vielen Aufgaben, die uns zu überfordern
scheinen. Sondern wir dürfen dankbar darauf vertrauen, dass der Herr
mit uns ist. Wir sind nicht ausgeliefert an dunkle Mächte, nicht unseren
eigenen Kräften überlassen, sondern haben den Herrn an unserer
Seite, der alle Macht hat. In seinem Namen wollen wir aus dem alten und
in das neue Jahr gehen.
Sprich deinen milden Segen zu allen unsern Wegen,
lass Großen und auch Kleinen die Gnadensonne scheinen.
Sei der Verlassnen Vater, der Irrenden Berater,
der Unversorgten Gabe, der Armen Gut und Habe.
Hilf gnädig allen Kranken, gib fröhliche Gedanken
Den hoch betrübten Seelen, die sich mit Schwermut quälen.
(EG 58, 11-13)
Amen.
Verfasser: Martin Schöppel, Pfarrer, Dr.-Martin-Luther-Str.18,
95445 Bayreuth, Tel. 0921/41168