Gottesdienst – 2.Mose 12, 1-14
Zur PDFGründonnerstag, 05.04.2007, 2.Mose 12, 1-14 i. A.
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Wir beten in der Stille um den Segen für diese Predigt. … Herr, wir bitten dich, erhöre uns. Amen.
Der Donnerstag, den wir heute Gründonnerstag nennen, der letzte Abend im Leben von Jesus, war auch bei den Juden ein besonderer Tag, der Vorbereitungstag nicht nur für den Sabbat, sondern an diesem Datum, am 14. des Monats Nisan der Vorbereitungstag für das große Passahfest. Genau genommen war es bei den Juden nicht mehr der Donnerstag, sondern ab sechs Uhr abends der Freitag, denn der neue Tag begann immer am Vorabend.
Das Passahfest wurde damals schon über 1.200 Jahre gefeiert. Es war ein Dankfest für die Befreiung aus der Sklaverei in Ägypten. Man versuchte alles so zu gestalten wie in jener Nacht vor dem Auszug: Man backte das gleiche ungesäuerte Brot, man briet das Lamm über dem Feuer, das man geschlachtet hatte. Türstock und Türpfosten wurden mit dem Blut des Lammes gezeichnet. Man lud Nachbarn und Freunde ein, jeweils genug Leute um den Braten auch aufessen zu können und dann setzte man sich an diesem Tag reisefertig angezogen, mit Schuhen an den Füßen zum Essen. So, als ob man jederzeit gerufen werden könnte und aufspringen und fortgehen könnte.
Warum? Weil die Aufbruchstimmung jener Nacht vor dem Auszug niemals vergessen werden sollte und weil es im 2. Buch Mose so beschrieben und bestimmt war. Verse aus dieser Anordnung zur Feier des Passahfestes sind unser heutiger Predigttext. Ich lese aus 1.Mose 12, bevor wir überlegen wollen, was das mit uns heute und mit unserer Abendmahlsfeier zu tun hat.
Der Herr sprach zu Mose und Aaron in Ägypten: Dieser Monat soll bei euch der erste Monat sein und von ihm an sollt ihr die Monate des Jahres zählen.
Sagt der ganzen Gemeinde Israel: Am zehnten Tage dieses Monats nehme jeder Hausvater ein Lamm, je ein Lamm für ein Haus. Wenn aber in einem Haus für ein Lamm zu wenige sind, so nehme er es mit seinem Nachbarn, der seinem Haus am nächsten wohnt, bis es so viele sind, dass sie das Lamm aufessen können.
Und ihr sollt es verwahren bis zum vierzehnten Tag des Monats. Da soll es die ganze Gemeinde Israel schlachten gegen Abend.
Und sie sollen von seinem Blut nehmen und beide Pfosten an der Tür und den oberen Türstock damit bestreichen, an den Häusern, in denen sie es essen
Und sollen das Fleisch essen in derselben Nacht, am Feuer gebraten und ungesäuertes Brot dazu.
So sollt ihrs aber essen: Um euere Lenden sollt ihr gegürtet sein und euere Schuhe an eueren Füßen haben und den Wanderstab in der Hand und sollt es essen, wie die, die im Aufbruch sind; es ist dass Passah des Herrn.
Denn ich will in derselben Nacht durch Ägypten gehen und alle Erstgeburt schlagen in Ägypten unter Mensch und Vieh und will Strafgericht halten über alle Götter der Ägypter, ich der Herr.
Dann aber soll das Blut euer Zeichen sein an den Häusern, in denen ihr seid. Wo ich das Blut sehe, will ich an euch vorübergehen und die Plage soll euch nicht widerfahren, die das Verderben bringt, wenn ich Ägypten schlage.
Ihr sollt diesen Tag als Gedenktag haben und sollt ihn feiern als ein Fest für den Herrn, ihr und alle euere Nachkommen als ewige Ordnung.
Als ewige Ordnung! Inzwischen sind noch einmal 2000 Jahre vergangen und Juden, die ihren Glauben ernst nehmen, feiern das Passahfest tatsächlich heute noch so, wie in dieser Anweisung beschrieben, obwohl der Auszug aus Ägypten inzwischen mehr als 3200 Jahre zurück liegt. Sie feiern heute noch, dass Gott damals seine Macht über den Pharao bewiesen hat. Sie feiern ihre Befreiung durch Gottes gnädiges Handeln. Sie feiern es, damit sie es nie vergessen. Feiern von bestimmten Tagen und Ereignissen bewahrt davor sie zu vergessen.
Wenn wir nie unseren Geburtstag feiern würden, hätten wir ihn wahrscheinlich bald vergessen. Wenn wir nie Weihnachten feiern würden, wüssten wir wohl bald nicht mehr, dass Jesus, der Sohn Gottes als Mensch in unsere Welt kam. Wenn wir Ostern nicht in unseren Gottesdiensten feiern würden, könnten wir bald mit der Auferstehung des Herrn Jesus nichts mehr anfangen. Bei manchen, die an Ostern keine Kirche aufsuchen, ist es bereits so. Da reduziert sich Ostern auf Schokoladenhasen und bunte Eier. Man feiert vielleicht das Frühlingserwachen und schmückt Sträucher und Brunnen. Aber der Sieg Jesu über den Tod wird vergessen.
Bis Ostern sind es noch drei Tage. Was aber feiern wir an diesem letzten Abend vor dem Todestag des Herrn Jesus? Ich denke, Sie alle, die Sie an diesem Abend hierher gekommen sind, werden es wissen, sonst wären Sie nicht gekommen. Wir feiern Jesus. Wir feiern ein Jesus-Gedächtnisfest. Wir feiern, weil es uns in der Bibel aufgetragen wurde. Jesus selbst hat diesen Auftrag ausdrücklich so gegeben damit wir ihn und das, was er für uns getan hat, nicht vergessen: „Solches tut zu meinem Gedächtnis!“ So hat es der Herr in jener Nacht ausdrücklich zwei Mal angeordnet. Damals galt das den Jüngern, aber es gilt zugleich allen, die als Getaufte und Glaubende zu Jesus gehören.
Wir sind zwar keine Angehörigen des Volkes Israel und unser Stammvater heißt nicht Abraham. Unsere Vorfahren wurden nicht aus der Herrschaft der Ägypter befreit. Und doch geht es bei diesem Gedächtnisfest um einen gewaltigen Befreiungsakt Gottes an unzähligen Menschen, auch an uns. Wir dürfen feiern, dass Gott uns aus der Sklaverei, der Knechtschaft der Sünde befreit hat. Wir müssen nicht an ihrem Druck, an auferlegten Lasten und Folgen der Sünde zugrunde gehen, sondern dürfen Gottes Vergebung, Gottes Rettung für uns annehmen.
An jenem Donnerstagabend hat der Herr die Passahfeier umgewandelt in eine andere Feier. In die Feier des Heiligen Abendmahls. Als er in der Funktion des Hausherrn die ungesäuerten Fladenbrote verteilte, sagte er sprach er dazu Worte, die bis dahin nicht zur gewohnten Liturgie der Passahfeier gehörten:
Nachdem er über dem Brot das Gebet gesprochen hatte, sagte er während er es verteilte: Nehmt hin und esset, das ist mein Leib, der für euch gegeben wird, das tut zu meinem Gedächtnis. Und während seine Jünger noch verwundert und schweigend aßen, nahm er den Segenskelch mit Wein, dankte Gott dafür reichte ich von einem zum anderen und sagte dazu: Trinkt alle daraus! Das ist mein Blut des neuen Bundes, das vergossen wird für viele zur Vergebung der Sünden.
Merkwürdig müssen diese Worte für die Jünger geklungen haben. Was meint er nur damit, werden sie sich gefragt haben. Wieso soll das Brot sein Leib sein? Warum der Wein in dem Kelch sein Blut? Er steht doch lebendig vor uns und Gott bewahre uns davor, dass wir von einem Menschenleib essen oder gar Menschenblut trinken. Die ungewöhnlichen Worte haben sich ihnen eingeprägt, auch wenn sie sie noch nicht verstehen konnten.
Erst als sie tags darauf dann unter seinem Kreuz standen und seine blutenden Wunden sahen und sein Sterben miterlebten, wird ihnen langsam klar geworden sein, was Jesus gemeint hatte. War er dort am Kreuz nicht wie ein unschuldiges Lamm, dessen Blut das Zeichen der Verschonung vor dem Gericht Gottes wurde? Dass Jesus unschuldig starb, war offensichtlich. Für wen er starb nun auch. Für sie und für viele, die schuldig waren.
Für Menschen nicht nur jener Generation damals, sondern für alle folgenden Generationen bis in unsere Tage, bis zu uns. Das Heilige Abendmahl, das Sakrament des Altars ist die Feier gegen das Vergessen dessen, was Gott aus Liebe für uns getan hat. Er hat sein Lamm geopfert. Jesus, das Lamm Gottes. Sein Blut ist das Zeichen, das vor dem vernichtenden Gericht rettet.
Damals in Ägypten hat Gott gezeigt, dass er stärker ist als die Großmacht Ägypten, stärker als der selbsternannte Gott Pharao, stärker als alle Schlangen- und Vogelgötter, Sonnen und Mondgottheiten, Götzen der Ägypter. Der Gott, von dem man sich kein Bild machen sollte, der stets unsichtbar blieb und doch für alle sichtbar wirkte, zwang den Pharao nieder und führte seine Kinder in die Freiheit.
In die Freiheit führt er bis heute. Jeden, der sich durch Leib und Blut Jesu Vergebung schenken lässt, macht er frei von aller Sünde, frei von belastender Vergangenheit, frei von Unversöhnlichkeit. Er befreit auch von Zwängen und falschen Bindungen.
Die Israeliten mussten in Ägypten Ziegel produzieren, Paläste und Pyramiden bauen, Befehle ausführen, Schläge aushalten, menschenverachtende Gesetze ertragen, bis sie herausgeführt und befreit wurden. Gott hat ihnen dann ein neues Gesetz gegeben, nachdem niemand mehr betrogen, bestohlen, misshandelt oder belogen werden sollte. Er ist ein Gott der Freiheit! Aber er will, dass wir nicht nur unsere Freiheit fordern, sondern auch die Freiheit der anderen achten.
Die größte Freiheit gewährt die Liebe. Sie ist die Befreiung vom „Muss“. Wer liebt, muss nicht, sondern er will. Will tun, was dem anderen hilft, ihn freut, ihm nützt, ihn beschenkt. Die Liebe ist auch bereit etwas zu tragen, auszuhalten und etwas aufzugeben. Nicht weil sie muss, sondern weil sie will. Weil sie liebt.
Mit dieser Liebe, die sich uns im Abendmahl gibt, die uns durch Leib und Blut Jesus von Schuld befreit und von Gebundenheiten löst werden wir beschenkt. Und mit dieser uns geschenkten vergebenden Liebe dürfen wir auch andere beschenken.
Abendmahl: Gedächtnisfeier, Erinnerung: Schau hin, so handelt Jesus! Das tut er für Dich! Lass Du Dich von seiner schenkenden Liebe anstecken. Nimm Jesus in Brot und Wein de Abendmahls in Dich auf und du wirst dadurch getröstet und gestärkt, befähigt zu neuem Leben, zu neuem Umgang mit anderen. Wenn du dran denkst, was der Herr für Dich getan hat, dann kannst Du doch anderen Liebe und Vergebung nicht verweigern.
Der sich als Bruder zu uns stellt,
gibt sich als Brot zum Heil der Welt.
Der du am Kreuz das Heil vollbracht,
des Himmels Tür uns aufgemacht,
gib deiner Schar im Kampf und Krieg
Mut, Kraft und Hilf aus deinem Sieg
(EG 223,4)
Amen.
Verfasser: Martin Schöppel, Dr.-Martin-Luther-Str.18, 95445 Bayreuth, Tel. 0921/41168