Gottesdienst – 2. Kor. 6, 1 – 10
Zur PDFGottesdienst in der Kreuzkirche Bayreuth am Sonntag Invokavit, 5. März 2006,
Predigt Gotthart Preiser, Haßfurt
2. Kor. 6, 1 – 10: Als Mitarbeiter Gottes ermahnen wir euch, dass ihr die Gnade Gottes nicht vergeblich empfangt. Denn Gott spricht (Jesaja 49,8): «Ich habe dich zur Zeit der Gnade erhört und habe dir am Tage des Heils geholfen.» Siehe, jetzt ist die Zeit der Gnade, siehe, jetzt ist der Tag des Heils! Und wir geben in nichts irgendeinen Anstoß, damit unser Amt nicht verlästert werde; sondern in allem erweisen wir uns als Diener Gottes: in großer Geduld, in Trübsalen, in Nöten, in Ängsten, in Schlägen, in Gefängnissen, in Verfolgungen, in Mühen, im Wachen, im Fasten, in Lauterkeit, in Erkenntnis, in Langmut, in Freundlichkeit, im heiligen Geist, in ungefärbter Liebe, in dem Wort der Wahrheit, in der Kraft Gottes, mit den Waffen der Gerechtigkeit zur Rechten und zur Linken, in Ehre und Schande; in bösen Gerüchten und guten Gerüchten,als Verführer und doch wahrhaftig; als die Unbekannten, und doch bekannt; als die Sterbenden, und siehe, wir leben; als die Gezüchtigten, und doch nicht getötet; als die Traurigen, aber allezeit fröhlich; als die Armen, aber die doch viele reich machen; als die nichts haben, und doch alles haben.
Liebe Gemeinde!
In diesem Bibelwort steckt eine doppelte Sorge. Die erste ist die, von der gerade die Kantorei gesungen hat. „Libera me domine“, befreie mich, erlöse mich vom ewigen Tod, dass ich nicht verloren gehe an jenem Tage, wenn Himmel und Erde in Bewegung geraten. Genau dies ist die Sorge des Apostels, dass jemand die Gnade Gottes vergeblich empfangen könnte. Da ist dieses schmerzhafte Wort, das sich durch unser Leben zieht: „Vergeblich!“ Wir hatten liebe Bekannte zu einem Treffen in einem guten Ausflugslokal eingeladen – und dann war dieses Lokal an diesem Tag geschlossen. Peinlich. Schlimmer die unzähligen Bewerbungsschreiben so vieler Arbeitsuchender und immer wieder die bittere Erkenntnis: Vergebliche Mühe. Oder die schmerzliche Erfahrung, wenn man einem anderen Menschen durch schwierige Situationen hindurchgeholfen hat, und dann will er oder sie nichts mehr von einem wissen. Vergebliche Liebe. Franz Werfel beschrieb in dem Buch „Der veruntreute Himmel“ die Geschichte der frommen Frau, die ihrem Neffen jahrelang all ihr vom Munde Abgespartes zukommen ließ, damit er Theologie studieren und Priester werden könne. Aber es war vergeblich, er hat nicht studiert, hat alles verjubelt. Das wäre eine schreckliche Lebensbilanz, wenn wir unseren Himmel veruntreuen und die Gnade vergeblich empfangen würden.
„Dass ihr ja nicht die Gnade Gottes vergeblich empfangt.“! Der Apostel will nicht drohen, so wie manche ihren Kindern gedroht haben: „Der liebe Gott sieht alles. Er sieht, wenn du ungezogen bist und ist dann traurig über dich.“ Das gibt keine Glaubensfreude, sondern nur Vergrößerung der sowieso schon vorhandenen Lebensunsicherheit, wenn Kinder sich ohnehin nicht mehr auskennen mit der oft so gereizten Stimmung daheim, mit der Überforderung nach dem Übertritt ins Gymnasium oder wenn sie nicht mehr wissen, wie lieb der liebe Gott ist, wenn ihr Hamster gestorben ist. Außerdem möchte das Kind natürlich wissen, ob Gott auch über die Eltern traurig ist, wenn sie sich wieder einmal streiten. Nein, man darf mit Gottes Güte nicht Angst machen. Auch sich selber nicht, wenn manche ständig über die eigene Unvollkommenheit grübeln und die Gnade nicht wirklich annehmen. Da missachtet man die frohe Botschaft von der Liebe Jesu zu den Verlorenen, den Traurigen, den Schuldigen.
Aber es ist trotzdem so, dass man ständig aufpassen muss, was aus dem Leben wird und wohin man unterwegs ist. Es muss ja auch sonst so vieles immer wieder überprüft werden, nicht nur das Auto beim TÜV. Wir überprüfen den Blutdruck, das Gewicht, die Sehschärfe, machen eine Krebsvorsorge-Untersuchung, wollen doch nicht leichtfertig mit unserem Körper und unserer Gesundheit umgehen. Es geht aber um das Leben als Ganzes. Man weiß doch, wie schnell es zu Ende sein kann, besonders, wenn man selber plötzlich von einem Hauch des Todes gestreift wird. Da darf man doch nichts versäumen. Man muss rechtzeitig wachsam sein. Es gibt doch längst viel zu viele, die sagen: „Hätte ich doch“. Hätte ich doch einmal mit meinem Sohn geredet, als ich ahnte, dass sich etwas Schlimmes in ihm anbahnt. Oder hätte ich doch diesen blödsinnigen Vertrag nicht unterschrieben, der mich jetzt festnagelt. Oder hätte ich doch auf die Warnungen gehört, als ich mich auf diesen Menschen einließ. Hätte ich doch die Zeit ausgenutzt, als meine Eltern noch lebten. Aber auch: Hätte ich mich doch etwas eher um meine Seele gekümmert. Um ein Ziel, das über dieses Leben hinausreicht.
„Jetzt ist die Zeit der Gnade, der Tag des Heils“, sagt uns heute das Gotteswort. Verpasst das nicht. Achtet darauf, dass ihr die Gnade Gottes, die ihr doch einmal mit Freuden empfangen habt, nicht zur vergeblichen Mühe Gottes werden lasst. Das wunderbare Angebot der Gnade und Liebe Jesu für jeden darf doch nicht wieder verdorren wie die Saat im Gleichnis vom vierfachen Ackerfeld. Oder wie es in der Offenbarung des Johannes heißt: Die erste Liebe ist verlassen, der Glaube weder kalt noch warm, er ist lau geworden. Das ist ja unsere lebenslange Gefährdung, dass wir wieder herausfallen könnten aus dem, was wir einmal hatten an Glaube und Zuversicht und Freude an Gott und Liebe zu Jesus, unserem Erlöser.
Über jedem Gottesdienst, jeder Konfirmandenstunde, jeder Abendmahlsfeier steht dieses Wort: Jetzt ist die Zeit der Gnade. Verpasst sie nicht. Lasst es nicht vergeblich sein. Wo sind eigentlich die vielen aus unseren Gemeinden oder Gruppen, die es doch schon einmal begriffen hatten, angerührt von der Liebe Jesu? Sie waren doch da, haben mitgesungen, mitgebetet, mit geglaubt. Aber dann haben sie den Glauben abgelegt wie Kleider, die unmodern geworden sind.
Es darf doch nicht vergebliche Gnade sein, dass Gott uns im Land der Reformation leben lässt, wo das Evangelium in Freiheit verkündigt werden darf, und dann läuten die Glocken für so viele umsonst, werden sogar noch als Störung empfunden, gegen die man gerichtlich einschreiten muss. Es darf doch nicht sein, dass Gott in vielen Millionen und Milliarden Jahren seine Schöpfung entfalten lässt, dass der Mensch alles vorfindet, was er zu einem reichen, schönen und modernen Leben brauchen kann, Wasser, Getreide, Früchte, bis zum Erdgas und dem Silizium für die Mikrochips – und dann gefährdet der Mensch das Ganze durch sein Verhalten. Da fragt uns heute dieses Gotteswort: Könnte etwa auch bei uns vieles vergeblich gewesen sein, was Gott uns schon lebenslang an Gutem, an Liebe, an Bewahrung, an seinem Wort erwiesen hat? Wo er in Not über uns Flügel gebreitet, uns bewahrt hat in gefährlichen Situationen, hindurchgeholfen, wo wenig Hoffnung war. Und uns wieder aufgerichtet hat, als wir schuldbeladen waren. Statt ihn zu preisen, wenn wir gefragt werden, wie es uns geht, klagen wir dann vielleicht, und uns fallen nur die kleinen und großen Misshelligkeiten ein, die doch nur Zeichen der Vergänglichkeit dieses irdischen Lebens sind. Die Güte Gottes darf doch nicht vergeblich sein.
Bei Paulus tritt noch eine andere Sorge daneben: Er will nicht schuld sein, wenn andere das Evangelium nicht annehmen. Er hatte erfahren, dass dort in Korinth allerlei Verdrehtes, Halbwahres oder frei Erfundenes über ihn verbreitet wurde. Er ärgert sich nicht nur, wenn ausgerechnet andere Christen solches Gift gegen ihn ausstreuen, sondern er will darauf achten, dass da ja nicht etwas dran sein könnte an dem, was da Kritisches oder Negatives gesagt wird. Er will kein Ärgernis geben, das andere am Glauben hindern könnte. Es ist ja eine schwere Hypothek der Kirche, dass Bischöfe beteiligt waren an den grausamen Hexenprozessen, dass Pfarrer im Dritten Reich die Hakenkreuzfahne auf den Altar gelegt und dass sie am Erntedankfest 1939 Gott für die Ernte auf den Schlachtfeldern gedankt haben. Keine Generation ist dagegen gefeit, mitschuldig zu werden, wenn sich anderes vor die Wahrheit Gottes schiebt. Aber auch jeder Einzelne kann immer wieder anderen im Wege stehen.
Und da tritt uns eine etwas unbequeme Wahrheit entgegen. Man kann nicht für sich allein Christ sein. Das eigene Leben ist auch immer ein Teil des größeren Ganzen. Eine einzelne Blume mag für sich blühen und dann welk und dürr geworden sein, sie beeinflusst dabei das Bild des ganzen Blumenbeetes. Der einzelne Christ kann für sich privat sagen: Ich bin mein eigener Chef, aber sein Leben färbt ab auf das Bild der Gemeinde, zu der er gehört. Paulus will aufpassen, „dass sein Amt nicht verlästert werde“, dass man also nicht sagen kann: „Ja, ja, so hat er gesagt oder geschrieben, aber in Wirklichkeit ist er so.“ Schlimm, wenn es gar heißen würde: „So sind die.“
Man kann nicht christlicher Privatmensch sein. Die Verantwortung der Eltern ist groß, wenn sie ihr Kind taufen lassen, aber dann mit ihm den versprochenen Glauben nicht leben, nicht beten, dem Kindergottesdienst vorenthalten. Oder wenn sie durch ihr Verhalten die Kinder vom Glauben eher abschrecken. Man kann nicht unbeteiligt bleiben, wenn man seine Kinder in den Konfirmandenunterricht schickt, oder zum Gottesdienst abliefert, wenn man ein Patenamt übernommen hat, wenn man als Lehrerin vor der Klasse steht, in der Kantorei singt, nicht einmal, wenn man als Verbraucher aus dem Warenangebot auswählt. Es gibt immer auch so etwas wie ein Gesamtbild der Christen oder seiner Gruppe, das man mit prägt und für das man mit verantwortlich ist.
Paulus verschweigt nicht, dass es manchmal schon anstrengend sein kann, auf dem Weg der Nachfolge Jesu zu bleiben. Sein eigener Weg war recht dornenreich. Er zählt die Strapazen auf, durch die er hindurch musste: die beschwerlichen Reisen im Dienste des Evangeliums und die vielen Anfeindungen. Sogar geschlagen haben sie ihn und ins Gefängnisverließ gesperrt.
Es ist halt so: Wer wirklich den Weg des Glaubens und des Christuszeugnisses geht, der eckt an. Wer bis in Kleinigkeiten genau ist, korrekt, konsequent, nichts weglässt vom Anspruch Gottes auf unser Leben, auch auf das Leben unserer Gesellschaft, der wird Probleme bekommen. „Man muss doch nicht alles so genau nehmen,“ sagen manche. Ja, manchmal nicht. Wir sollen schon einmal großzügig, barmherzig sein, ein weites Herz haben auch für die menschlichen Schwächen und Launen von Menschen, gewiss. Aber bei anderem kommt es darauf an, den Glauben an Jesus Christus auch im Kleinen zu bewähren. Es gibt die Versuchung, sich anzupassen, der man widerstehen muss. Es gibt gute Kompromisse und faule, denen man sich verweigern muss.
Es ist nicht immerzu Leidenszeit für die Christen. Bei uns zur Zeit nicht so wie bei vielen Christen in anderen Ländern, die gerade wieder in Todesgefahr sind und deren Kirchen angezündet werden. Aber auch bei uns kommt jeder in Situationen hinein, wo er seinen Glauben bewähren muss. Wir sollen uns daran nicht vorbeimogeln.
Dabei kann gerade in zugemuteten Bewährungszeiten eine besondere Nähe Gottes stecken. Mancher hat es längst erfahren, dass schwere Zeiten sich am Schluss als Segenszeiten herausgestellt haben. Im Rückblick kann mancher sagen: Tatsächlich, es war eine Zeit der Gnade, ein Tag des Heils.
Paulus hält sein vielfältiges Leiden aus, weil er weiß, wie sein Herr Jesus sein viel größeres Leiden ausgehalten hat und durch dieses Leiden zum unzerstörbaren ewigen Leben gelangte. Und dabei hat er auch längst eine wunderbare Kraft und Hilfe erfahren. In einem Leben, das die Gnade begriffen hat, gibt es nicht nur Leiden, sondern ganz vieles, was das Leben reich macht: Paulus zählt auf: Freundlichkeit, Geduld, ungeheuchelte Nächstenliebe, Keuschheit, zuverlässige Wahrheit.
Die Liebe Jesu verändert Menschen. Das ist kein weltfremder Traum, sondern das geschieht tatsächlich. Es gibt sie doch, die Christen, die Jesus verändert hat, und wir können solche sein: Leute, die anderen freundlich begegnen, zuhören, was sie auf dem Herzen haben, manchmal ahnen, wenn es einem nicht gut geht. Christen, bei denen man sich darauf verlassen kann, dass ihr Wort die ganze Wahrheit ist und nicht nur die halbe, bei denen man weiß, dass sie ihre Versprechen halten werden. Und die nicht sagen: keine Zeit, wenn man sie in einer Not braucht. Und die achten, wenn ein Leben einem anderen in ehelicher Treue versprochen ist und da nicht eindringen. Und die es ohne langes Beleidigtsein aushalten, wenn es einmal eine Missstimmung gab. Und die nicht ungeduldig werden mit Angehörigen, wenn sie es einem schwer machen und die Nerven strapazieren. Und die nicht in Hilflosigkeit verfallen, wenn andere fragen: Wo soll denn Gott sein? Sondern die dann sagen. Komm und schau, wir sind viele, die im Vertrauen zu ihm leben, wir haben seine Liebe und seine Kraft erfahren. Das kann Gott an uns bewirken.
Der Apostel, dem es nach menschlichem Maßstab in vielem nicht gut geht, verzichtet aufs Jammern, setzt seine von Gott geschenkte Lebensfreude dagegen. Wir sterben, aber siehe, wir leben. Wir gehen auf den Tod zu, müssen vieles loslassen, müssen mit Fragmenten leben, aber zugleich gehen wir dem unvergänglichen Leben entgegen. Auch wenn wir weniger haben oder weniger können, darf gelten: Wir sind arm und können doch andere reich machen. Und wenn uns das Leben schwere Not zufügt, können wir dabei doch noch andere trösten, denen es auch nicht gut geht. Und wenn wir vor Gott erkennen, dass wir wieder einmal mit leeren Händen dastehen, als die, die nichts haben, dann gilt doch, dass wir alles haben, weil wir ihn haben, der uns mit seinen Händen hält. Dann ist immer gute Zeit. Ja, tatsächlich: Jetzt ist die Zeit der Gnade, jetzt ist der Tag des Heils.
Der heutige Sonntag war früher ausdrücklich als Bußtag zum Beginn der Passionszeit bezeichnet. Ein Tag, an dem wir innehalten und fragen, wohin unser Leben läuft. Damit wir prüfen können, ob wir auf einem Weg sind, der in Richtung auf das große Ziel zu dem unvergängliche Leben in Gottes Reich führt. Wenn wir ehrlich erkennen, dass wir wieder abgebogen sind vom rechten Weg oder viel zu lahm im Glauben, redet uns jetzt Gottes Wort an: Siehe, genau heute ist die Zeit der Gnade, gerade heute ist der Tag des Heils. Auch jetzt in der Feier des Abendmahls. Wir dürfen es hören und glauben und wieder annehmen und das große Ziel neu ins Auge fassen. Dann ist die Gnade nicht vergeblich. Und der Bußtag wird zu einem Tag der Freude. Amen.