Gottesdienst – 2. Kor. 1, 15-22

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4.Advent, 18.12.2005, Kreuzkirche 2.Kor. 1, 15-22

Gnade sei mit euch und Friede, von Gott, dem Vater und unserem Herrn
Jesus Christus. Amen.
Wir wollen in der Stille um den Segen Gottes für diese Predigt
bitten: Herr, wir bitten dich um deinen Heiligen Geist zum Reden und zum
Hören. Amen.

Die Freude kommt näher, die Freude wächst! Das ist das Thema
des 4.Adventssonntags. „Freuet euch in dem Herrn allewege und abermals
sage ich euch: freuet euch!“
so sagt es unser Wochenspruch. Im Evangelium(Luk.1,
39-56) war von der Freude zweier Frauen die Rede, die ein Kind erwarten.
Die alte Elisabeth und die junge Maria freuen sich auf die Geburt ihres
Kindes. Sie wissen, es wird eine besondere Geburt, es werden besondere
Kinder sein, an ihnen geschehen Wunder.

An jeder Frau, die schwanger ist geschieht ein Wunder. Ein göttliches
Wunder neuen Lebens. An diesen beiden Frauen aber geschieht noch mehr.
Die eine ist viel zu alt um Kinder zu bekommen. Die andere, Maria, ist
schwanger durch das Handeln Gottes ohne dass sie mit einem Mann zusammen
war. Beide müssten sich eigentlich fürchten. Die Elisabeth vor
den Risiken einer so späten Schwangerschaft. Maria vor dem Skandal
und dem Gerede der Leute. Aber sie fürchten sich trotz der äußeren
Umstände nicht. Es packt sie eine unbeschreibliche Freude über
Gottes Kraft und Wunder.

Und wir, müssten wir uns nicht auch freuen? Gott kommt zu uns!
Wir feiern in ein paar Tagen die Geburt unseres Heilands, unseres Retters.
Ist das kein Grund zur Freude? Theoretisch ja. Aber theoretische Freude
ist eine erbärmliche Freude und sich freuen müssen, eine traurige
Sache.

Wenn Sie sich heute schon richtig freuen können, dann seien Sie
nur recht dankbar. Dann brauchen Sie bei dieser Predigt gar nicht so genau
zuzuhören. Freuen Sie sich einfach eine Viertelstunde still in sich
hinein, denn das, was ich jetzt sage, ist eher für die gedacht, die
sich mit der Freude noch schwertun.

Vielleicht ist es ja bei ihnen heuer auch wieder, wie meistens kurz
vor Weihnachten: Dicke Luft, alle stehen unter Strom. Nichts klappt, nichts
ist fertig, dauernd passiert irgendetwas Schlimmes oder Ärgerliches:

Die Oma muss ins Krankenhaus, im Keller ist ein Rohr geplatzt, die Spülmaschine
streikt, der Sprössling kommt mal wieder mit einem Fünfer heim,
in der Eile hat das neue Auto eine Schramme gekriegt und das lange bestellte
Geschenk wird nun doch nicht mehr rechtzeitig geliefert.

Die Mutter sieht, dass sie gar nicht mehr alles schaffen kann bis zum
nächsten Samstag, der Vater hat Ärger auf der Arbeit und muss
dauernd Überstunden machen, dabei würde er doch gerade zur Zeit
daheim dringend gebraucht.

Jetzt noch ein krummes Wort von irgendwem und die Weihnachtsbombe geht
hoch mit Gebrüll und verletzenden Wortsplittern und dann gibt es Tränen
und beleidigt eingefrorenes Schweigen.

Und da kommt am vierten Advent auch noch der Pfarrer daher mit der Adventstheorie
von der Freude. Woher nehmen und nicht stehlen? Versuchen wir’s mal mit
unserem Predigttext für diesen Sonntag. Es ist eigentlich gar kein
Adventstext, sondern es sind einige Verse aus dem ersten Kapitel des 2.Korintherbriefs.
Diesen Zeilen war auch Adventsärger vorausgegangen. Der Apostel hatte
nämlich zweimal angekündigt, nach Korinth zu kommen. Er hatte
es den Korinthern jedenfalls fest versprochen. Aber dann hatte es doch
nicht geklappt mit der Reise. Das war ja damals alles viel schwieriger
als heute und nun waren einige Korinther schwer enttäuscht, andere
stocksauer. Sie nannten den Apostel Paulus einen Lügner. Einige gingen
sogar so weit, dass sie meinten: Wenn sich Paulus da nicht an sein Wort
hält, dann waren vielleicht die anderen Aussagen über Jesus,
seine Auferstehung, seine Wunder und seine Wiederkunft, auch nur Sprüche.

Streit und böse Worte, Misstrauen und Enttäuschung stehen
zwischen Paulus und den Korinthern. Wie kann das nur wieder gut werden?
Paulus versucht die richtigen Worte zu finden:

Ich wollte euch eine doppelte Freude bereiten und sowohl auf dem
Weg nach Mazedonien als auch auf der Rückreise von dort zu euch kommen.
Einige von euch hätten mich dann auf der Rückreise nach Judäa
begleiten können.

Bin ich denn nun leichtfertig gewesen, als ich diese Reise plante?
Entscheide ich etwa so, wie ich selbst es für richtig halte, ohne
nach Gottes Willen zu fragen? Oder gehöre ich zu den unzuverlässigen
Leuten, die „Ja“ sagen, wenn sie „Nein“ meinen?

Gott weiß, dass wir niemals etwas anderes sagen, als wir wirklich
meinen. Auch Jesus Christus, der Sohn Gottes, von dem Silvanus, Timotheus
und ich euch berichtet haben, sagte nicht gleichzeitig „Ja“ und „Nein“.

Er selbst ist in seiner Person das Ja Gottes zu uns, denn alle Zusagen
Gottes haben sich in ihm erfüllt. Und deshalb sprechen wir im Blick
auf Christus und zur Ehre Gottes unser Amen.

Gott selbst hat unser und euer Leben durch Christus auf ein festes
Fundament gestellt und uns in seinen Dienst gerufen. Er drückte uns
sein Siegel auf, wir sind sein Eigentum geworden und er hat uns seinen
Heiligen Geist gegeben.

Damit haben wir die Garantie von Gott, dass er uns noch viel mehr
schenken wird.

Wie geht Paulus um mit dem Adventsärger unter Christen?

  1. Er zieht sich nicht beleidigt in den Schmollwinkel zurück. Er redet
    mit den Korinthern. Er versucht zu begründen, Missverständnisse
    auszuräumen und zu erklären.
  2. Er sucht die gemeinsame Basis des Glaubens und geht, mit versöhnlichen
    Worten auf die Korinther zu.
  3. Er beruft sich auf Jesus, den gemeinsamen Herrn und erinnert an das große
    grundsätzliche und umfassende Ja, das er in seinen Verheißungen
    zu uns spricht.

Wenn der Heiland uns in Geduld und Liebe annimmt, wie können wir uns
da mit einem grundsätzlichen „Nein“ voneinander abwenden und uns misstrauen.

Jesus Christus selbst ist das Ja Gottes zu uns!

Sollte dieses Problemlösungskonzept des Paulus nicht für Christen
heute auch noch anwendbar sein?

  1. Miteinander in guter Art und Weise im Gespräch bleiben.
  2. Die gemeinsame Basis suchen. Und
  3. darüber nachdenken, was es eigentlich bedeutet, dass Gott durch Jesus
    ja zu uns sagt.

Hätte er nicht viel mehr Grund schon längst Nein zu uns zu sagen?
Nein! Mit Dir nicht! Nicht mehr, nach allem, was du gesagt und getan hast.
Nein! Für Dich nicht! Was? Für dich soll ich etwas tun? Wo Du
mich so oft vergisst, so oft gegen meinen Willen deinen Kopf durchsetzt.
So reden Menschen.

Gott hätte sicher auch Grund so mit uns umzugehen, endlich und
endgültig Nein zu sagen. Müssten wir es nicht verstehen, wenn
Jesus sich irgendwann einmal weigern würde seinen Buckel für
unsere Sünden hinzuhalten?

Aber er tut es nicht. Jesus ist das Ja Gottes zu uns. Er hält
uns die Treue. Trotzdem! Trotz unseres Zorns und unserer aufbrausenden
oder ewig beleidigten Art. Er sagt Ja zu dir.

Gott selbst hat unser Leben durch Christus auf ein festes Fundament
gestellt.

Das ist die Voraussetzung für die Einigkeit, dass wir auf diesem
Fundament stehen oder wie Luther es übersetzt hat, dass wir festgemacht
sind an Christus.

Das ist die von Jesus geschaffene Voraussetzung dafür, dass auch
wir uns für den Glauben entscheiden können. Ob Konfirmand, Studentin,
Direktor oder Angestellter, Hausfrau oder Rentner, die Entscheidung für
Jesus muss fallen:

Ja, Herr Jesus, ich will dass du mein Leben in die Hand nimmst. Ich
will auf dich hören. Ich brauche deine Vergebung und deine Führung.
Lass mich nicht los! Bitte bring du mich ans Ziel. Diese Grundsatzentscheidung
muss fallen, damit dann auch immer wieder Alltagsentscheidungen in der
Nachfolge fallen können, mit seiner Hilfe. Es geht nur damit.

Jesus sucht Leute, die sich an ihm festhalten und von ihm festmachen
lassen. Lateinisch heißt das übrigens konfirmieren. Die Konfirmierten
sind solche oder sollten solche sein, die an Jesus Christus festhalten.
Auch gegen Widerspruch und Widerstände.

Und Konfirmanden, das sind solche, die sich an Jesus Christus festhalten
wollen. Wenn das geschieht, wenn ein Mensch, ob jung oder alt, sein Leben
dem Herrn Jesus anvertraut, dann drückt uns Gott sein Siegel auf,
wie Paulus sagt, und wir werden Gottes geliebtes Eigentum. Er gibt uns
dann seinen Heiligen Geist, damit wir uns im Leben und im Glauben zurechtfinden.
Paulus behauptet: „Damit haben wir sogar die Garantie, dass Gott uns
noch viel mehr schenken wird.“

Gott sagt „Ja“ zu uns, auch dann, wenn das mit der kalendergesteuerten
Weihnachtsfreude nicht immer auf Anhieb klappt. Er sagt ja zu uns und wir
sollten nicht „Nein“ zu ihm sagen. Das Nein zu Gott ist das schlimmste
und verhängnisvollste „Nein“, das es im Leben eines Menschen geben
kann. Es führt in die Dunkelheit und ins Verderben, in die Einsamkeit
und in die Gottesferne, in die Verzweiflung und in die Leere.

Viele, die nicht Ja zu Gott sagen werden wieder verzweifelt und elend
sein in den kommenden Weihnachtstagen? Manche werden Trost suchen im Alkohol,
Ablenkung in ausgefallenen Geschenken, Gaumenfreude an reich gedeckten
Tischen, aber sie werden nicht finden, was sie suchen und brauchen: Echte
Freude, Frieden im Herzen und mit anderen.

Es gibt auch noch die, die „Jein“ sagen zu Jesus und zum Glauben. Ein
bisschen Ja und ein bisschen Nein. Sie sagen Ja zu Gott, solange das Leben
nach ihren Vorstellungen läuft, solange sich ihre Wünsche erfüllen
lassen und keine besonderen Nöte hereinbrechen. Aber wenn der Punkt
erreicht ist, wo es weh tut, wo man mal verzichten müsste, wo es unbequem
wird und Widerstände auftauchen, dann wird ihr Ja zum Nein.

Jeinsager finden sich auch in jedem Konfirmandenjahrgang. Die sagen
Ja zu dem schönen Fest, zu den Geschenken und zum Geld, aber sie sagen
Nein, wenn es dann darum geht diesen Weg mit Jesus auch weiterzugehen.
Jeinsager gibt es auch in jedem Konfirmiertenjahrgang. Die Versuchung zum
Jein erleben wir alle in unserem Alltag und nicht selten erliegen wir ihr
mit faulen Kompromissen.

Eigentlich weiß ich ja, dass ich ehrlich sein sollte. Aber die
anderen lügen doch auch alle. Ich will auch nicht der einzige Dumme
sein, der in der Schule nicht abschreibt oder bei der Steuererklärung
alles angibt. Dann rechtfertigt man sein Jein damit, dass es doch die anderen
auch so machen.

Ich weiß zwar, dass es mir nicht bekommt, wenn ich mich zu später
Stunde durch die Sender zappe oder durchs Netz surfe, aber ich bring das
Nein nicht in den Finger, der die Kiste abschalten könnte.

Ich weiß ich müsste endlich wieder ganz „Ja“ sagen zu meinem
Ehepartner, meinem Kind, meinen Eltern, meinem Nachbarn, Chef oder Kollegen,
aber es hat bisher nur zu einem gequälten „Jein“ gereicht, das nicht
frei macht und den Neuanfang blockiert.

Warum denn? fragt Paulus. Gott hat doch auch ganz „Ja“ zu dir gesagt.
Christus hat dich ganz erlöst und ist für alle deine Sünden
gestorben, nicht bloß für die Hälfte oder für 95%.
Alle seine Versprechen und Zusagen gelten für dich. Und es liegt noch
viel mehr bei Gott für dich bereit, als du bisher abgeholt hast.

Paulus will, dass wir dem „Ja“ Gottes zu uns mit unserem „Amen“ antworten.
Aber wir haben da ein Problem. Wir haben die Bedeutung des Wortes Amen
verlernt. Die meisten Christen denken, Amen heißt: Jetzt ist es aus.
Sie halten das Wort Amen für ein Übergangssignal von einer frommen
Rede oder Veranstaltung, danach geht’s weiter im Leben wie immer. Ohne
Zusammenhang mit dem, was vor dem Amen war.

Haben Sie schon einmal eine dieser amerikanischen Gemeinden erlebt?
Da sitzen die Leute mit viel mehr Beteiligung im Gottesdienst. Und wenn
der Prediger irgendeinen Glaubenssatz sagt oder ein Wort Gottes, dann kommt
es kräftig aus der Gemeinde zurück: Amen! Oder „Äimen“,
wie die Amis sagen.

Amen, das klingt bei uns oft so gelangweilt und halbherzig oder gedankenlos:
Amen. Dabei ist Amen Beifall, Anerkennung, Zustimmung, Bekräftigung.
Wenn ich Amen sage, dann bedeutet das: Zustimmung. Ja, das meine ich auch!
Dem schließe ich mich an!

Nach einem Gebet: Das ist auch mein Dank, meine Bitte, meine Fürbitte.

Nach dem Glaubensbekenntnis heißt das Amen: Ich stehe voll dahinter.
Daran glaube ich. Von der Jungfrauengeburt bis zum Ewigen Leben.

Amen beim Abendmahl heißt: Ja, das nehme ich mir, Leib und Blut
Christi für mich! Weil ich es brauche, weil es mich reinigt, weil
es mich rettet, was Jesus für mich getan hat.

Amen, das ist auch Gotteslob. Mit einem ehrlichen bewussten Amen gebe
ich Gott die Ehre. Wir haben allen Grund dazu, denn unser Gott ist Mensch
geworden. Er stößt uns nicht hinaus. Er will uns retten, auch
aus unserem vorweihnachtlichen Wahnsinn. Er kann uns retten aus unserer
Traurigkeit, Enttäuschung und Not. Darum sollten wir zu Jesus ganz
neu und ganz bewusst „Ja“ und „Amen“ sagen.

Amen.
 
 

Verfasser: Martin Schöppel, Pfarrer, Dr.-Martin-Luther-Str.18,
95445 Bayreuth, Tel. 0921/41168