Gottesdienst – 2. Könige 5, 1-19a
Zur PDFPredigt zu 2. Könige 5,1-19a am 3. Sonntag nach Epiphanias 22.1.06
Naaman, der Feldhauptmann des Königs von Aram, war ein trefflicher Mann vor seinem Herrn und wert gehalten; denn durch ihn gab der HERR den Aramäern Sieg. Und er war ein gewaltiger Mann, jedoch aussätzig. Aber die Kriegsleute der Aramäer waren ausgezogen und hatten ein junges Mädchen weggeführt aus dem Lande Israel; die war im Dienst der Frau Naamans. Die sprach zu ihrer Herrin: Ach, dass mein Herr wäre bei dem Propheten in Samaria! Der könnte ihn von seinem Aussatz befreien. Da ging Naaman hinein zu seinem Herrn und sagte es ihm an und sprach: So und so hat das Mädchen aus dem Lande Israel geredet. Der König von Aram sprach: So zieh hin, ich will dem König von Israel einen Brief schreiben. Und er zog hin und nahm mit sich zehn Zentner Silber und sechstausend Goldgulden und zehn Feierkleider und brachte den Brief dem König von Israel; der lautete: Wenn dieser Brief zu dir kommt, siehe, so wisse, ich habe meinen Knecht Naaman zu dir gesandt, damit du ihn von seinem Aussatz befreist. Und als der König von Israel den Brief las, zerriss er seine Kleider und sprach: Bin ich denn Gott, dass ich töten und lebendig machen könnte, dass er zu mir schickt, ich solle den Mann von seinem Aussatz befreien? Merkt und seht, wie er Streit mit mir sucht! Als Elisa, der Mann Gottes, hörte, dass der König von Israel seine Kleider zerrissen hatte, sandte er zu ihm und ließ ihm sagen: Warum hast du deine Kleider zerrissen? Lass ihn zu mir kommen, damit er innewerde, dass ein Prophet in Israel ist. Naaman kam mit Rossen und Wagen und hielt vor der Tür am Hause Elisas. Da sandte Elisa einen Boten zu ihm und ließ ihm sagen: Geh hin und wasche dich siebenmal im Jordan, so wird dir dein Fleisch wieder heil und du wirst rein werden. Da wurde Naaman zornig und zog weg und sprach: Ich meinte, er selbst sollte zu mir herauskommen und hertreten und den Namen des HERRN, seines Gottes, anrufen und seine Hand hin zum Heiligtum erheben und mich so von dem Aussatz befreien. Sind nicht die Flüsse von Damaskus, Abana und Parpar, besser als alle Wasser in Israel, sodass ich mich in ihnen waschen und rein werden könnte? Und er wandte sich und zog weg im Zorn. Da machten sich seine Diener an ihn heran, redeten mit ihm und sprachen: Lieber Vater, wenn dir der Prophet etwas Großes geboten hätte, hättest du es nicht getan? Wie viel mehr, wenn er zu dir sagt: Wasche dich, so wirst du rein! Da stieg er ab und tauchte unter im Jordan siebenmal, wie der Mann Gottes geboten hatte. Und sein Fleisch wurde wieder heil wie das Fleisch eines jungen Knaben, und er wurde rein. Und er kehrte zurück zu dem Mann Gottes mit allen seinen Leuten. Und als er hinkam, trat er vor ihn und sprach: Siehe, nun weiß ich, dass kein Gott ist in allen Landen, außer in Israel; so nimm nun eine Segensgabe von deinem Knecht. Elisa aber sprach: So wahr der HERR lebt, vor dem ich stehe: Ich nehme es nicht. Und er nötigte ihn, dass er es nehme; aber er wollte nicht. Da sprach Naaman: Wenn nicht, so könnte doch deinem Knecht gegeben werden von dieser Erde eine Last, so viel zwei Maultiere tragen! Denn dein Knecht will nicht mehr andern Göttern opfern und Brandopfer darbringen, sondern allein dem HERRN. Nur darin wolle der HERR deinem Knecht gnädig sein: Wenn mein König in den Tempel Rimmons geht, um dort anzubeten, und er sich auf meinen Arm lehnt und ich auch anbete im Tempel Rimmóns, dann möge der HERR deinem Knecht vergeben. Er sprach zu ihm: Zieh hin mit Frieden!
Liebe Gemeinde,
mit dieser alten Geschichte von Gott und den Menschen wird uns heute ein Erzählkunstwerk vor Augen geführt. Da ist ein reicher König, der meint, man könne alles mit Geld erledigen. Ein anderer König, der dahinter eine Intrige wittert. Ein Heerführer, der zwar auf dem Schlachtfeld siegen kann, aber gegen eine Hautkrankheit unterliegt, und der beleidigt reagiert, weil ein israelitischer Prophet es nicht für nötig hält, ihm entgegenzulaufen. Der ihm einfach auftragen lässt, im Jordan zu baden, statt ihm eine eindrucksvolle liturgische Prozedur, einen feierlichen Hokuspokus zu bieten.
Macht und Geld begegnen uns auf der einen Seite. Auf der anderen Seite leuchten Gottvertrauen und Realitätssinn. Da ist die kleine Sklavin des Naaman, die versucht, ihrem Herrn zu helfen, obwohl der sie als Kriegsbeute aus ihrer Heimat Israel entführt hatte. Da ist Elisa, der im Namen seines Gottes Hilfe anbietet, aber nicht bereit ist, sich selbst als Wunderheiler aufzuspielen. Da sind Naamans Diener, die den Hochmut ihres Herrn bedacht aushebeln und ihn ermutigen, dem Wort des Propheten zu gehorchen.
Nun könnten wir fragen: Handelt es sich bei dieser Geschichte um mehr als um gute Literatur? Was interessiert uns das Schicksal irgendeines Heerführers aus dem längst untergegangenen Zwergstaat Aram im Nahen Osten? Was hilft es uns, dass er angeblich durch siebenmaliges Untertauchen im Flusswasser von seiner Krankheit geheilt wurde? Und schließlich: Ob man an Gott glauben und trotzdem aus beruflichen Gründen im Tempel des aramäischen Gottes Rimmon mit anbeten kann, ist das unser Problem?
Wir könnten freilich auch anders fragen: Warum muss ein hochangesehener Mensch geschlagen sein mit dem Los unaufhaltsamen Verfalls? Damit weniger Angesehene frohlocken dürfen: Seht, den Reichen und Mächtigen trifft es genauso? Doch warum muss es in einem Menschenleben überhaupt so zugehen: Mit Ab und Auf, mit Angst und Verzweiflung, mit dem Klammern an jeden Strohhalm, mit falschen Erwartungen und vielen Irrwegen, mit demütigendem Gehorchen und der Zumutung, wider alle Erfahrung zu hoffen?
Vielleicht lautet unsere Frage einfach: Wie kann ich gut leben? Werde ich los, was mich plagt? Aber ist das die alles entscheidende Frage? Nein. Die alles entscheidende Frage lautet: Finde ich meinen Gott?! Ihr Lieben, wer Gott wirklich findet, für den lösen sich – früher oder später – auch alle anderen Fragen. Dem werden, wenn es Zeit ist, auch die schweren Lasten abgenommen.
Wie Gott uns dahin bringt, dass wir ihn finden, das legt unsere Erzählung beispielhaft dar. Es muss nicht so gehen, wie hier beschrieben. Denn jede Geschichte zwischen Gott und einem Menschen ist einzigartig. Doch dreierlei mag uns in jedem Fall gezeigt werden: Wenn Gott uns helfen will, weist er uns erstens ans Unscheinbare, schenkt er uns zweitens das Unbezahlbare, bindet er uns drittens an sich.
Zum ersten – Gott weist uns ans Unscheinbare: In mehrfacher Hinsicht erweist sich das bei Naaman. Dass es etwa eine völlig unbedeutende Frau ist, die ihm die Richtung gibt, hätte der Heerführer damit rechnen sollen? Um Hoffnung auf ihren Hinweis zu setzen – musste er dafür erst alle anderen Heilungsangebote enttäuscht hinter sich lassen?
So reist er also, ausgestattet wie nach einem Jackpot im Lotto. Doch wieder ist es kein Palast, in dem er Rettung findet. Er wird sich bequemen, einige Gassen weiterzuziehen. Statt einen König zu erpressen, soll er einen Propheten – bitten. Ein weiteres Mal lernt er dazu: Bei Elisa muss er vom hohen Ross herunter. Warum? Wohl, damit er demütig wird vor dem Gott Israels.
Und schließlich entdeckt er: Ihm wird etwas völlig Simples gesagt. Im Schlichten wird Gott an ihm handeln, wie Gott es bis heute tut. Sein Größtes hat der Herr vor zweitausend Jahren in der Unscheinbarkeit des Kreuzes getan. Und in bescheidenen Gnadenmitteln kommt er zu uns: Einfaches Menschenwort einer Predigt – Gott lässt es sein Wort sein.
Wird Naaman anfangen zu gehorchen? Dazu braucht der große Mann wieder die Hilfe von Dienstboten. Doch langsam begreift er etwas von dem Gott, bei dem er Heilung finden soll. Und wir? Neigen wir auch dazu, Gottes Beistand im Außergewöhnlichen zu suchen, und im Kleinen und Alltäglichen übersehen wir ihn? Kann es sein, dass wir Gottes ausgebreitete Arme übersehen, weil wir sie an falscher Stelle suchen?
Zum zweiten: Gott schenkt uns das Unbezahlbare. Was Naaman beim Aufbruch aus seiner Heimat Damaskus auf die Wagen laden lässt, zeugt von der Haltung: „Ich werde mir doch nichts schenken lassen. Ich will keinem etwas schuldig bleiben, nicht einmal diesem Gott.“ Nun, Geschäftsbeziehungen funktionieren so, aber die Beziehung zu Gott? Die Zurückweisung der Gaben durch Elisa verkündet: Was Gott dir schenkt, das kannst du gar nicht bezahlen. Du bleibst der Nehmende, so oder so. Das musst du dir schon gefallen lassen!
Naaman versteht nicht leicht. Und wir? „Aus Gnade seid ihr gerettet worden“, ruft das Neue Testament (Eph 2,5). Und: „… der nehme das Wasser des Lebens umsonst“ (Off 22,17). Wir bleiben Gottes Schuldner. Immer. Einzig, indem wir dankbar uns selber ihm in die Hand geben, ihm alles überlassen und ihm keine Forderungen stellen, einzig so antworten wir ihm recht.
Damit sind wir bereits beim dritten: Gott bindet uns an sich. Naaman wird nicht Elisa als seinen Heiler verehren. Er kehrt nicht einfach als ein Geheilter nach Hause zurück. Er kehrt als ein zu Gott Bekehrter heim. Er hat gemerkt: Dieser Gott Israels ist sein Gott geworden.
Erfassen wir das richtig: Naaman bekennt fortan nicht den einen Gott, der nach Meinung vieler hinter allen Religionen stecken soll. Also nicht: Gleich, wo man ihn aufspürt, es ist immer der eine und selbe Gott. Ob im Judentum oder im Islam, ob in Afrika oder in Indien. Vielmehr: Wer den einen Gott finden will, der muss ihn „in Israel“ suchen (Joh 4,22).
Darum will Naaman zwei Maultierladungen voll mit israelitischer Erde bei sich haben, ein Stück leibhaftes Israel in Damaskus. Die Bibel bezeugt ja an vielen Stellen, dass Gott sich, wenn er unser Gott werden will, an „etwas“ festmachen lässt, also auf leibhafte Weise zu uns kommt. Er kommt im geschriebenen Wort des Alten und Neuen Testaments. Er kommt im Wasser der Taufe. Er kommt in Brot und Wein beim Abendmahl.
Der Zugang zu Gott ist nicht irgendwo. Er ist da, wo Gott sich gibt. Gott geht für uns ein in Raum und Zeit, geht schließlich in Jesus ein ins Menschliche. Da will er uns hinbringen, wo er ist: In Israel. In Jesus Christus. Im Wort der Heiligen Schrift. In den Sakramenten. Darum ist es gut, wenn wir uns darauf einlassen, – statt Mond und Sterne, Steine und Mächte zu bemühen.
Eine Not trägt Naaman am Schluss noch auf dem Herzen: Er wird künftig weiter unter Ungläubigen leben müssen. Er wird Gläubiger unter Heiden sein und in manche prekäre Situation geraten. Wird der eine und wahre Gott, sein Gott, der ihn gewonnen hat, ihm das vergeben?
Wer im Glauben zu Gott gelangt ist, bei dem stehen immer wieder schwere Gewissensfragen auf. Sollte Naaman sein Amt beim aramäischen König aufgeben? Soll eine Bäckereiverkäuferin kündigen, wenn der Arbeitgeber sie am Sonntag Morgen hinter der Ladentheke sehen will? Soll ich …, wenn …?
Der große Theologe Gerhard von Rad schreibt dazu: Die Antwort Elisas ist darin bestimmt, „dass sie über dem Manne, der sich anschickt, in eine höchst bedrohte Existenz hinauszugehen, keinerlei Gesetz aufrichtet … ja, man hat den Eindruck, er stößt ihn hinaus in die Problematik seines künftigen Lebens, ganz ohne eine sittlich oder religiös detaillierte Wegroute. Er überlässt ihn ganz seinem jungen Glauben, oder besser gesagt, der Hand des Gottes, die ihn gesucht und gefunden hat.“
„Zieh hin mit Frieden!“ sprach Elisa zu Naaman. „Friede sei mit euch!“ spricht Jesus zu seinen Freunden. Wagen wir es, fest gebunden an unseren Herrn zu leben – zu entscheiden, zu tun und zu lassen. Dazu müssen wir auf ihn schauen, auf sein Wort für uns hören. Aber wir müssen den Frieden Gottes nicht erst verdienen. Wir bekommen ihn zugesprochen und werden heil sein. Amen.
Pfarrerin Birgit Ilse Bauer, Kreuzkirche Bayreuth