Gottesdienst – 1. Timotheus 4,4-5
Zur PDFErntedankfest, 01.10.2006, Kreuzkirche, 1.Tim.4,4-5
Jesus Christus spricht: Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, den wird nicht hungern; und wer an mich glaubt, den wird nimmermehr dürsten.
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen. Wir wollen in der Stille darum beten, dass der Herr diese Predigt segnet. … Herr, wir bitten dich, gib deinen H. Geist zum Reden und zum Hören. Amen.
Zwei kurze Verse aus dem 1. Brief des Apostel Paulus an seinen Freund und Mitarbeiter Timotheus sind unser Schriftwort für die Predigt heute: 1. Tim. 4,4+5
Alles, was Gott geschaffen hat ist gut und nichts ist verwerflich, was mit Danksagung empfangen wird; denn es wird geheiligt durch das Wort Gottes und Gebet.
Reich geschmückt mit guten Gaben ist unsere Kirche. Reich gedeckt sind unsere Tische. Täglich können wir uns satt essen. Reich gedeckt ist unser Altar mit Heilsgaben und reichlich vorhanden ist auch, was unsere Seelen satt macht: Wort Gottes. Wir dürfen hungrig zugreifen, jetzt in diesem Gottesdienst, auch nachher, wenn wir das Heilige Abendmahl feiern. Wir machen uns mit einem kurzen Gebet bewusst woher das alles kommt: Alle guten Gaben, alles was wir haben, kommt, o Gott von dir. Wir danken dir dafür. Amen.
Wir denken bei dem Wort Gaben zunächst an mit Händen Greifbares. Ein kleiner Ausschnitt davon liegt in unserem Altarraum. Am Freitag waren die Kinder des Kindergartens da und haben mit ihren Erntewagen begonnen später kamen Körbe, Taschen und Kofferraumladungen dazu. Einige haben sich gestern viel Mühe gemacht und sich ihren Dank auch etwas kosten lassen. Sie haben aus eigenem Anbau oder Einkauf gebracht, was uns in unserem Land so reichlich zur Verfügung steht. Ein paar Familien und Helfer haben es zusammen mit unserer Mesnerin so schön arrangiert. Nicht um sich damit groß in Szene zu setzen, sondern um Gott damit die Ehre zu geben und ihm Dank zu sagen.
Vielen ist es nicht mehr bewusst, dass alle guten Gaben, alles, was wir haben, von Gott kommt. Sie nehmen es als selbstverständlich hin, dass die Regale der Supermärkte stets gefüllt sind und das Angebot am Wochenmarkt und im Rotmaincenter jederzeit jeden kulinarischen Wunsch erfüllt. Erdbeeren im Januar, frischer Meeresfisch am Roten Main, tropische Früchte an nasskalten Novembertagen nördlich der Alpen. Was bei uns nicht wächst, wird eben herangeschafft. Im Kühlcontainer von der Küste zum Konsumenten über nächtliche Autobahnen oder im Frachtflugzeug aus fernen Ländern.
Aber vergessen wir es nicht: Für alles, was wir anbauen oder herstellen, brauchen wir Grundlagen und Rohstoffe, die Gott uns in seiner guten Schöpfung zur Verfügung gestellt hat. Wir können nur verarbeiten, verändern, veredeln und verbrauchen. Wo das ohne Gott und nicht in Verantwortung vor ihm geschieht, da wird allerdings nur allzu oft vergiftet, vergeudet und vernichtet, was Gott gut gemacht hat.
Betroffen und verunsichert lesen wir dann die Schlagzeilen von Gammelfleischskandalen und genmanipuliertem Getreide. Dass man Brot und andere Lebensmittel nicht wegwirft, sich nur so viel auf den Teller lädt, wie man auch essen kann, scheinen überholte und vergessene Grundsätze aus vergangener Zeit. Hoffentlich müssen wir uns nicht eines Tages nach dem sehnen, was wir einst in die Biotonnen geworfen haben.
Manche Meldungen erschrecken mich: Getreide wird verheizt, weil mit seinem Heizwert mehr erlöst werden kann als mit seinem Nährwert. Milch wird weggeschüttet, weil ihre Erzeugung inzwischen mehr kostet, als die Konzerne und Verbraucher für sie bezahlen wollen. „Wie kann ein zubereitetes Grillhähnchen im Imbiss weniger kosten als eine Schachtel Vogelfutter?“ fragte unser Bundespräsident Horst Köhler kürzlich bei einer Rede. Er äußerte sich besorgt über den Preiskampf bei Lebensmitteln.
Vor dreißig Jahren gaben die Deutschen prozentual dreimal so viel von ihrem Einkommen für Lebensmittel aus wie heute. Dafür bezahlen wir heute das Dreifache für ein neues Auto. Und wer seine Lebensmittel ohne Not nur dort kauft, wo sie am Billigsten sind, unterstützt dieses System. Wir müssen den Wert von Nahrungsmitteln wieder schätzen lernen und viel öfter fragen: Wo kommt es her? Wie wurde es erzeugt? Haben die Erzeuger auch angemessenen Lohn erhalten? Auch das gehört zu Erntedank in einem Land und einer Gesellschaft, die im Überfluss lebt.
Während wir so leben, als könnte nichts mehr knapp werden, verhungern in anderen Teilen der Welt immer noch Millionen Kinder und Erwachsene. Wir nehmen das als kurze Notiz der Nachrichten zur Kenntnis, ohne uns vorstellen zu können, wie das ist, wenn man nie satt wird und was es für eine Mutter bedeutet, wenn sie nichts hat, was sie ihrem vor Hunger schreienden Kind zu Essen geben könnte.
Das Erntedankfest ist wie ein großes Mahnmal, eine Gedenktafel, an der wir auf unserem Lauf durchs Jahr vorbeikommen. Es erinnert uns daran, was wir alles Gutes haben, woher wir es haben und wie wir damit umgehen sollen. Es fordert uns zum Nachdenken und zum Umdenken auf und lädt uns zum Danken ein. Wer es tut wird darüber ein neues Verhältnis zu Nahrungsmitteln und ihrem Wert und der Arbeit der Erzeuger finden und auch ein neues dankbares Herz Gott gegenüber bekommen. Wer umdenkt und dankt, vergisst auch nicht zu teilen.
Wir leben nicht aus eigener Kraft. Satt und gesund sein ist weder unser Recht noch unser Verdienst. Es ist Gabe und Geschenk. Gott deckt uns den Tisch, Jesus lädt uns an diesen Tisch ein, noch in ganz anderer Weise. Von unserem Herrn Jesus wissen wir, dass der Mensch nicht vom Brot allein lebt, sondern von jedem Wort, das aus dem Mund Gottes kommt. Auch mit solcher Kost sind unsere Regale reich gefüllt.
Auf dem Boden der Heiligen Schrift dürfen wir ernten, was wir nicht gesät und genießen, was wir nicht gepflanzt haben. Die Schaufenster der biblischen Bücher sind reich gefüllt mit dem, was satt macht, was tröstet stärkt oder entschlackt. Die göttliche Apotheke gibt ihre Heilmittel und Abwehrstoffe sogar kostenlos ab. Wir müssen nur kommen und bereit sein die Rezepte, die der Herr, unser Arzt uns gibt, auch im Glauben einzulösen und im Leben in die Tat umzusetzen.
Noch auf eine dritte Weise ist uns der Tisch reichlich gedeckt: Auf unserem Altar stehen die Abendmahlsgaben bereit. Brot und Wein. Da vollzieht Gott das Wunder, dass er leibliche und geistliche Nahrung zusammenbringt. Im Sakrament des Altars, wird die elementare Lebensnahrung Brot und der aus der Frucht des Weinstocks gewonnene Saft der Trauben zu mehr als Essen und Trinken. Auch wenn wir es nicht begreifen, hat Gott da seine Ewigkeit, sein Heil, seine Vergebung hineingelegt.
Im Heiligen Abendmahl kommt das zusammen, was ein Mensch zum Leben braucht: Nahrung für Leib und Seele, für Zeit und Ewigkeit. Wer von diesem Brot isst, der wird leben in Ewigkeit. Und Jesus verspricht: Wer zu mir kommt, den wird nicht hungern; und wer an mich glaubt, den wird nimmermehr dürsten. Nur wer sich auch vom Wort Gottes ernährt und mit Jesus Christus Tischgemeinschaft hat, wird satt.
Viele von uns werden immer ängstlicher, beim Einkaufen, beim Essen, beim Säen und Ernten. Sie fragen: Was wird alles drin sein an schädlichen Bestandteilen, die einen vielleicht krank machen. Auf manches, was uns heute noch schmeckt, kann uns morgen schon der Appetit vergangen sein. Immer neue Enthüllungen über Produktionsverfahren, Inhaltsstoffe, Grenzwertüberschreitungen und krebserregende Stoffe machen uns das Essen madig. Niemand von uns kann wirklich kontrollieren, was wie manipuliert wurde und über welche Kanäle in unsere Nahrungskette gelangt. Ich möchte weder gleichgültig, noch leichtsinnig sein, aber auch nicht ängstlich. Ich kann nur beten: Vater, segne, was wir essen!
Wer so betet und kindlich vertraut, der muss sich nicht bei jedem Bissen fürchten, davon krank zu werden, sondern darf dankbar genießen. Zu den Zeichen, die den Glaubenden folgen gehört es auch, dass es ihnen nicht schaden darf, wenn sie etwas Tödliches trinken. Allein über unsere persönliche Sorge um gesunde Ernährung können wir weder unsere eigene Zukunft, noch die unserer Kinder sichern.
In einem alten Tischgebet heißt es: „Zwei Dinge, Herr, sind not, die gib nach deiner Huld: Gib uns das täglich Brot, vergib uns unsre Schuld.“
Vielleicht kennen Sie das Spiel „Reise zum Mond“. Da findet sich eine Mannschaft aus drei oder vier Personen zusammen, die sich überlegen und einigen müssen, was sie auf eine Reise zum Mond mitnehmen würden, von der sie lange nicht zurückkämen. Zuerst dürfen es 16 verschiedene Dinge sein. Nach der ersten Spielrunde muss diese Zahl auf acht Gegenstände, später auf vier reduziert werden. Zuletzt darf man nur noch zwei Begriffe nennen, die unverzichtbar sind. Dieses kurze alte Tischgebet schafft es die notwendigen Lebensgrundlagen auf zwei Grundelemente zu reduzieren: „Zwei Dinge, Herr, sind not, die gib nach deiner Huld: Gib uns das täglich Brot, vergib uns unsre Schuld.“ Daran will es den erinnern, der alleine oder mit seinen Tischgenossen die Hände faltet bevor er zu Messer und Gabel greift.
Ohne Zweifel ist das tägliche Brot, die notwendige Nahrung unverzichtbar, darum hat unser Herr die Bitte auch im Vaterunser formuliert: Unser tägliches Brot gib uns heute, aber auch er schließt das andere im selben Satz an: und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern. Wer hungrig ist der muss wieder essen und wer schuldig geworden ist, der braucht wieder neu Vergebung. Essen geht nicht von selbst und automatisch. Ich muss mir etwas zu essen kaufen, zubereiten und es Bissen für Bissen in den Mund nehmen, kauen und schlucken.
So erfahren wir auch Vergebung nicht automatisch, sondern nur, wenn wir Schuld erkennen und bekennen, wenn sie uns leid ist und wir sie im Namen Jesu erbitten. Wir dürfen sie dann annehmen und darauf vertrauen, dass sie gilt, weil Jesus unsere Schuld an seinem Kreuz auf sich genommen hat.
Genauso ist schließlich auch unsere Vergebung für andere kein Automatismus. Schuld zwischen Menschen verschwindet nicht einfach, wenn man sie totschweigt oder verdrängt. Sie ist auch nicht weg, wenn Gras darüber gewachsen ist oder wenn man sie unter den Teppich kehrt. Sie ist noch da und belastet, klagt heimlich an oder schwelt im Verborgenen. Vergeben ist ein aktives Geschehen, um das ich bitten darf, das ich ganz bewusst tun muss. Manchmal ist es ein innerer Kampf, der immer wieder aufflackert und der immer wieder neu das Gebet und Erbarmen Gottes braucht. Oft kostet es uns viel Überwindung diesen Kampf aufzunehmen. Gewinnen können wir ihn nur mit Hilfe unseres Herrn und seiner Vergebung.
Einmal kommt für uns alle der Tag, an dem es heißt: „Heute wird man deine Seele von dir fordern.“ Dann zählt nur, ob wir selbst Vergebung haben für alle unsere Schuld und ob wir anderen vergeben haben. Darum ist das tägliche Gebet so wichtig. Und wenn es manchmal nur Stossseufzer und kleine Gebete sein, weil wir mitten im Tagesablauf stehen, aber wer zum Beispiel regelmäßig ein Tischgebet spricht, der gibt Gott nicht nur den Dank, den wir ihm schulden, sondern der empfängt auch etwas dafür. Diese paar Sekunden und wenigen Worte helfen uns, bewahren uns, vermitteln uns Gottesnähe und können auch noch Bekenntnis sein.
In meinem alten Grundschullesebuch stand noch die Geschichte von jenem alten Bauern, der mittags in einem Gasthaus mit anderen am Tisch saß. Als sein Teller mit dem duftenden Braten und den dampfenden Klößen kam, fiel er nicht gleich darüber her, sondern er legte zuerst die Hände zusammen und betete still für sich sein Tischgebet, wie er es von zu Hause gewohnt war. Ein junger Mann gegenüber hatte es bemerkt, stellte seinen Bierkrug ab, wischte sich den Schaum von den Lippen und meinte dann spöttisch grinsend: Na Opa, bei euch daheim beten sie wohl noch alle vorm Essen?
Der Alte hörte die Verachtung, die ihm da entgegenkam und erwiderte ganz ruhig: „Nein, nicht alle. Die Schweine im Stall gehen ohne Gebet an den Trog.“
Wer ohne Gott lebt, wer aufhört zu danken und wer sich nicht verantwortlich vor seinem Schöpfer weiß, der lebt im Grunde wie ein Tier. Der lebt nach seiner Lust und seinen Trieben. Ein Tier fragt auch nicht danach, woher kommt das Gras, das ich fresse, wem verdanke ich mein Leben, wie kann ich für andere Hilfe und Segen sein.
Die Würde des Menschen, die ja nach unserem Grundgesetz unantastbar ist, bleibt nur dort erhalten und kommt nur dort voll zur Geltung, wo ein Mensch sein Leben von Gott empfängt und vor Gott lebt und Gott dankt. Wenn aber eine Gesellschaft ohne Gott lebt und gottlos wird, wird sie immer sehr schnell auch unmenschlich werden. Der gottlosen Gesellschaft geht auch die Achtung vor den Nahrungsmitteln und ihren Erzeugern verloren.
Alles, was Gott geschaffen hat ist gut und nichts ist verwerflich, was mit Danksagung empfangen wird; denn es wird geheiligt durch das Wort Gottes und Gebet.
Amen.
Verfasser: Martin Schöppel, Dr.-Martin-Luther-Str.18, 95445 Bayreuth, Tel.0921/41168