Gottesdienst – 1.Sam. 2,1.2.6-8

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Ostern I, Kreuzkirche, 16.04.2006 1.Sam. 2,1.2.6-8

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen.
Wir wollen in der Stille um den Segen Gottes für diese Predigt bitten: …
Herr, wir bitten dich: Erhöre uns und gib deinen Heiligen Geist. Amen.

„Christ ist erstanden …“ Von irgendwo drangen diese Worte
gesungen von einem Chor in sein Arbeitszimmer herein. Gerade wollte er
den Becher mit dem Gift an die Lippen setzten und seinem Leben ein Ende
machen, da klingt ihm diese Botschaft ins Ohr: „Christ ist erstanden.“
Nicht dass er ein frommer Mensch gewesen wäre, aber bei diesen
Worten konnte er sich nicht das Leben nehmen. Er glaubte nicht daran,
aber selbst sein Unglaube enthielt noch eine Spur Unsicherheit. – Wenn
es aber doch stimmt, dass…?

Der Mann war Wissenschaftler, hoch gebildet, hatte mehrere
Studiengänge hinter sich; Philosophie und Theologie, Medizin und
Rechtswissenschaften. Mit Doktor- und Magistertitel ausgestattet lehrte
und forschte er. Den Sinn des Lebens aber hatte nie gefunden.

Nun war er am Ende mit seiner Weisheit und mit seiner Hoffnung, am Ende
mit seinem Lebensmut. Er will nicht mehr leben. Er sucht den Tod. Aber „Christ ist erstanden“, diese Botschaft bricht die Macht des Todes.

Dass das Leben dieses Mannes später trotzdem in einer
Tragödie endete, liegt daran, dass er sich nicht ganz dem
Auferstandenen Herrn Jesus Christus zugewendet hat.

Wissen Sie von wem ich rede? Vom Vorläufer des modernen
Intellektuellen? Von einem Menschen unserer Zeit? Nein! So realistisch
diese Geschichte auch klingen mag, sie ist erfunden vom
berühmtesten aller deutschen Schriftsteller, Goethe. Der hat vor
mehr als 200 Jahren seine Tragödie mit dem lebensmüden Dr.
Faust so beginnen lassen. Er lässt ihn die Osterbotschaft
hören: Christ ist erstanden! Und die berühmt gewordenen
Sätze sagen:


„Die Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube;


das Wunder ist des Glaubens liebstes Kind.

Zu jenen Sphären wag ich nicht zu streben,

woher die holde Nachricht tönt;

Und doch, an diesen Klang von Jugend auf gewöhnt,

ruft er auch jetzt zurück mich in das Leben.“

„Christ ist erstanden!“ Das ist der Ruf zurück ins Leben.
Auch für alle Verzweifelten, Suchenden, Zerrissenen und vom Leben
Enttäuschten. Für alle die aufgeben wollen und die keine
Kraft mehr haben. Ihnen und uns tut sich heute wieder das Osterfenster
auf und trägt die alten Worte neu an unsere Ohren: „Christ ist erstanden!“

Unser Gott lebt! Das letzte Bild das wir von ihm haben, ist nicht das
hoffnungslose Bild des Todes am Kreuz, sondern das Bild des offenen
leeren Grabes, das Bild des lebendigen, auferstandenen Herrn, der sagt:
„Selig sind, die nicht sehen und doch glauben.“ Das wollte auch
der Architekt dieser Kreuzkirche der Gemeinde groß vor Augen
stellen: Der Herr ist auferstanden. Wir haben einen lebendigen Gott!

Vor fast 2000 Jahren haben die Zeugen dieses Geschehens es zwar nicht
in Reimen, sondern in schlichter Prosa niedergeschrieben, aber die
Tatsache bleibt: Der Tod hat seine Macht verloren. Triumphierend und
provozierend schreibt der Zeuge Paulus (1.Kor.15,55): Tod, wo ist dein Stachel? Hölle, wo ist dein Sieg?

Doch bis heute sind auch
die Zweifler nicht verstummt, die Todesboten, die Vernunftmenschen, die
Auferstehung und ewiges Leben für unmöglich halten. Bis heute
sind auch Doktoren der Philosophie und Theologie, der Medizin oder
anderer Geisteswissenschaften unter denen, die ihrem Horizont und ihrem
Denken mehr trauen als dem Wort Gottes.


Christ ist erstanden!“ „Er ist wirklich
auferstanden und lebt! Ich bin ihm begegnet, Ich habe ihn erlebt.“ So
bekannte der im vergangenen Dezember verstorbene Schauspieler und
Kabarettist Hanns Dieter Hüsch. Er stellte fest: „Wenn
Christus nicht auferstanden wäre, hätten wir nicht das ewige
Leben. Aber er ist auferstanden und wir mit ihm. Das ist der
große Sinn unseres Lebens, dass wir uns wiedersehen in Christus,
mit Christus.


Wenn er nicht auferstanden wäre, dann wäre sein
Grab auch unser Grab. Ich glaube“, so Hüsch, „an die Auferstehung
und lasse meinen Jesus nicht!“


Gilt das für Sie auch? Können Sie das auch so sagen? Ich glaube an die Auferstehung, und lasse meinen Jesus nicht!

Was wäre das für ein armseliger Gott, der am Tod
scheitert? Was ist das für ein armseliger Glaube, der an der
Auferstehung und am Ewigen Leben zweifelt?

Wir dürfen Gott noch viel mehr zutrauen. Auch die aussichtsloseste
Lage ist für ihn kein Hindernis. Um das zu zeigen vor der ganzen
Welt, vor staatlicher Gewalt, vor kirchlicher Obrigkeit, vor Zweiflern
und Verzweifelten, darum hat Gott seinen Sohn so sterben lassen und vom
Tod auferweckt. Er zeigt damit seine Macht, gibt Hoffnung in der
tiefsten Verzweiflung und Not. Er will uns durch den Glauben an den
Auferstanden Herrn Jesus Christus zu sich führen.

Wer Gott auch Unmögliches zutraut, wer nicht aufhört ihm zu
vertrauen, der darf jubeln. Mit anderen zusammen in einem Osterlied
oder mit eigenen Worten und eigenen Erfahrungen. Dazu muss man weder
intellektuell, noch wohlhabend, weder erfolgreich noch berühmt
sein. Gott sieht in jedes Leben hinein und lässt sich finden.

Das wird schon im Alten Testament bezeugt, mit vielen Lebens- und
Glaubensgeschichten. Eine von ihnen ist heute, am Osterfest, das
Schriftwort für die Predigt. 1. Sam.2,1.2.6-8a:

Da lesen wir das Jubellied einer einfachen Frau, deren Gottvertrauen sich bewährt hat:

Der Herr erfüllt mein Herz mit großer Freude,
er richtet mich auf und gibt mir neue Kraft!
Laut lache ich über meine Feinde und freue mich über deine Hilfe! Niemand ist so heilig wie du, denn du bist der einzige wahre Gott.
Du bist ein Fels, keiner ist so stark und unerschütterlich wie du.

Der Herr tötet und macht wieder lebendig. Er schickt Menschen hinab ins Totenreich und holt sie wieder herauf. Manche macht er arm, andere dagegen reich. Er erniedrigt und erhöht Menschen, wie er es für richtig hält. Dem Verachteten hilft er aus seiner Not. Er zieht den Armen aus dem Schmutz und stellt ihn dem Fürsten gleich.

Hanna heißt diese Frau, die vor lauter Freude und Dankbarkeit
über das, was sie erlebt hat, so fröhlich jubelt. Lange Jahre
war ihr weder zum Jubeln noch zum Singen zumute. Sie hatte unter einer
großen persönlichen Not gelitten, war gedemütigt und
verspottet worden, hatte aber nicht aufgehört zu beten und zu
vertrauen, dass Gott ihre Gebete doch noch erhört.

Hanna war eine der beiden Ehefrauen des Elkana. Peninna, die andere
Frau Elkanas hatte mehrere Kinder. Hanna dagegen war kinderlos
geblieben. Das war ihre Not. Sie hätte so gerne auch ein Kind
gehabt, nicht nur weil Kinderlosigkeit damals immer der Frau angelastet
und als Strafe Gottes gesehen wurde. Hanna litt auch sehr unter dem
Spott und den spitzen Bemerkungen von Peninna. Ihr Mann versuchte sie
immer wieder zu trösten, hat sie aufrichtig geliebt und ihr auch
besondere Geschenke gemacht, aber über ihr größtes Leid
konnte er Hanna nicht hinweghelfen.

Hanna findet sich nicht mit diesem Schicksal ab. Sie hört nicht
auf, ihr Leid, ihre Not immer wieder Gott zu sagen. Bei einer Reise ins
damalige Heiligtum Silo setzt Peninna ihr wieder furchtbar zu.
Schluchzend flüchtet Hanna ins Heiligtum und betet dort
stundenlang unter Tränen. Der alte Priester Eli, der sie eine
ganze Weile beobachtet hat, hält sie zunächst für
betrunken. Als er sie deswegen wegschicken will, spricht sie sich bei
ihm aus und erzählt ihm von ihrem großen Kummer. Eli ist
betroffen von der Not dieser Frau. Er betet mit ihr und macht ihr Mut
zum Glauben und sagt dann:Geh getröstet und in Frieden nach Hause! Der Gott Israels wird dir geben, worum du gebeten hast.“

Sie ging getröstet zu ihrer Familie zurück, obwohl sich noch
nichts an ihrer Situation geändert hatte. Aber sie glaubte den
Worten Elis und traute Gott zu, dass er ihre Gebete auch nach so langer
Zeit noch erhören würde. Bald darauf wurde sie schwanger,
brachte einen Sohn zur Welt, den sie aus Dankbarkeit Samuel nannte. Das heißt auf Deutsch soviel wie: „Von Gott erbeten.“ Schon mit dem Namen des Kindes dankt sie Gott und bezeugt ihren Glauben.

Mit der Geburt Samuels hören für Hanna die Demütigungen
durch Peninna endlich auf. Jetzt ist auch sie für alle sichtbar
gesegnet. Aber sie weiß, dieses Kind ist nicht ihr Besitz, Gott
hat es ihr geschenkt. In ihrem tränenreichen Gebet hatte sie einst
Gott versprochen, ihm das Kind zurückzugeben, das er ihr schenken
würde. Als Samuel aus dem Kleinkindalter raus ist, bringt sie ihn
nach Silo zu Eli und vertraut ihn dem alten Priester an. Der erkennt
Hanna wieder und beide beten den Herrn an und danken für sein
gnädiges Handeln:

„Der Herr erfüllt mein Herz mit großer Freude,
er richtet mich auf und gibt mir neue Kraft!“


Das hat sie nun erfahren. Das ist der Glaube, der sich in ihrem Leben
bewährt hat. Ja, Gott hat alle Macht. Auch die über Leben und
Tod. Ihm ist nichts unmöglich. Und Hanna spürt auch: Gott ist
auf der Seite der Demütigen und Gedemütigten. Er erniedrigt
und erhöht Menschen wie er es für richtig hält.

Das ist Trost und Hoffnung für alle, die unten sind. Es ist
gleichzeitig Warnung an alle, die auf dem hohen Ross sitzen. Ganz
schnell kann man abstürzen und je höher man droben war umso
tiefer fällt man und umso mehr tut’s weh. Die stolze Peninna
mit ihren vielen Kindern steht jetzt am Rand des Geschehens. Die
Aufmerksamkeit, das Staunen, die Anerkennung gelten nun Hanna mit ihrem
kleinen Samuel und die macht es richtig. Sie zahlt nicht heim, sondern
gibt Gott die Ehre.

Wir erleben manchmal, dass der Herr uns innerlich oder
äußerlich arm macht. Aber er macht auch wieder reich. Das
gilt in allen Anfechtungen unseres Lebens.

Ein älterer kaufmännischer Angestellter, ein Christ,
wurde in einen Filialbetrieb seiner Firma versetzt. Wie gewohnt faltete
er in der Kantine vor dem Essen seine Hände und sprach sein
Tischgebet. Auch in Gesprächen und in der Art, wie er seine Arbeit
machte, versteckte er seinen Glauben nicht. Spott und Verachtung der
Kollegen waren die Folge. Er wurde als frommer Spinner belächelt.
Ein jüngerer Kollege feindete ihn besonders an und arbeitete gegen
ihn, wo er nur konnte. Aber der so angegriffene Christ ließ sich
davon nicht beirren. Er ging seinen Weg weiter, freundlich, gradlinig,
hilfsbereit. Nach und nach verlor sich der Widerstand gegen ihn. Und
was ihn besonders überraschte: Nach drei Jahren kam der
frühere Widersacher auf ihn zu und fragte ausgerechnet ihn in
einer familiären Not um Rat.

Gott führt hinab, aber er führt auch wieder herauf. Er
erniedrigt und erhöht. Er tut das nicht nur von oben herab an
anderen. Er erniedrigt sich selbst in Jesus Christus. Er, der
Unschuldige lässt sich wie ein Verbrecher behandeln. Er
erträgt die falschen Beschuldigungen, die Verleumdungen, die
Schläge, den Spott. Er wird am Kreuz zum Bild des Jammers und der
Ohnmacht. Keiner ist tiefer gedemütigt, ungerechter behandelt,
mehr verspottet worden als Jesus Christus, der Sohn Gottes. An einem
schäbigen Kreuz zwischen Verbrechern.

Als alle dachten: Jetzt ist es vorbei mit ihm, jetzt tut er keine
Wunder mehr, jetzt ist er tot! Da hat Gott ihn erhöht. Da geschah
das größte Wunder. Da ging der Osterruf durch die Welt: „Christ ist erstanden!“ Und
seit damals ist dieser Ruf nicht mehr verstummt. Keine Verfolgung von
Christen, keine Regierung, keine Wissenschaft, keine Philosophie, keine
Gesellschaft, keine Katastrophe konnte ihn verstummen lassen.

Es ist wirklich so: Wer auf Gott und seine Macht vertraut, braucht sich
nicht zu fürchten. Wer sich zum Auferstandenen stellt, der steht
am Ende immer auf der Seite des Siegers. Der kann lachen und sich
freuen wie Hanna, die Mutter Samuels. Und wer sich an Gott freut der
kann fröhlich und dankbar singen: „Christ ist erstanden!“

Durch ihren Glauben, der sich nicht beirren ließ, hat Hanna zum
inneren Frieden, zum Frieden mit Gott gefunden. Sie hat sich nicht
aufgelehnt gegen ihr Schicksal, aber sie hat sich auch nicht resigniert
damit abgefunden. Sie ist mit ihrem Kummer zu dem gekommen, der allein
Trost und Frieden schenken kann und dem nichts unmöglich ist.
Dadurch wurde ihr Leben neu. Gott hat sich Ihrer angenommen, hat sich
über sie erbarmt.

Dazu lädt uns Ostern ein: Nicht resignieren, nicht aufgeben, nicht verzweifeln, sondern neu glauben: Jesus ist Sieger! Sieger
über alle Gewalten und Bedrohungen, über alle bösen
Mächte. Er ist Sieger, sogar über den Tod. Er allein kann uns
Frieden schenken und Trost, fröhlichen Glauben und ausdauernde
Liebe.

Die Kantorei singt uns jetzt davon mit einem Lied von Sonja Poorman.
Der Text ist lateinisch und englisch, kurz und einprägsam und
lautet übersetzt:

Gib uns Frieden!
Komm und verleih uns Trost!
Komm und bring uns Frieden mit freudiger Klarheit
und eine Liebe, die nicht aufhört.
Gib uns Frieden!


Amen.

 

 

 

Verfasser: Martin Schöppel, Pfarrer, Dr-Martin-Luther-Str.18, 95445 Bayreuth