Gottesdienst – 1. Petrus 5,1-4

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Predigt zu 1. Petrus 5,1-4 am Sonntag Miserikordias Domini 30.4.06

 

Mahnungen an die Ältesten und die Gemeinde

Die Ältesten unter euch ermahne ich, der Mitälteste und Zeuge der Leiden Christi, der ich auch teilhabe an der Herrlichkeit, die offenbart werden soll: Weidet die Herde Gottes, die euch anbefohlen ist; achtet auf sie, nicht gezwungen, sondern freiwillig, wie es Gott gefällt; nicht um schändlichen Gewinns willen, sondern von Herzensgrund; nicht als Herren über die Gemeinde, sondern als Vorbilder der Herde. So werdet ihr, wenn erscheinen wird der Erzhirte, die unvergängliche Krone der Herrlichkeit empfangen.

 

Liebe Gemeinde,

das Bild von Jesus als dem guten Hirten, dem wir heute im Evangelium begegnet sind, ist ein kostbares Bild, wenn auch für manchen Zeitgenossen vielleicht mit Anfragen behaftet. Doch es gilt: Der Hirte, der für seine Schafe sorgt, sie leitet und nährt, ihnen beisteht und sich in Gefahr vor sie stellt, vermittelt Geborgenheit und Ruhe. Er schenkt Schutz und Gemeinschaft.

Und wir brauchen solche Geborgenheit und Ruhe, Schutz und Gemeinschaft, oder nicht? Denn unser Leben gestaltet sich oft anstrengend, mitunter hektisch. Allein gelassen fühlen wir uns angesichts von allerhand Not, ausgeliefert fremden Mächten und Gewalten. Dauernd passieren Dinge, die uns Angst machen können: Unglücksfälle, Katastrophen. Ratlos stehen wir hier und dort vor schier unlösbaren Schwierigkeiten.

Wie wunderbar ist es da, wenn wir unseren Blick erheben dürfen auf den, der alles kennt und weiß. Der uns Wege zeigen mag aus dem Durcheinander unserer Gedanken. Der uns Mut macht für die Zukunft. Bei dem wir in Frieden liegen und schlafen, weil er über uns wacht.

Erzhirte nennt unser Petrusbrief ihn. Erster Hirte. Oberster Hirte. Großer Hirte. Dieser Erzhirte setzt immer schon Helfer und Helferinnen ein unter uns. Menschen, die in seinem Sinne da sind für andere und Verantwortung für seine Gemeinde übernehmen: viele Hirten und Pastorinnen.

Ein altes Gedicht, von einer Nonne überliefert, drückt es drastisch aus: „Christus hat keine Hände, nur unsere Hände, um seine Arbeit heute zu tun. Er hat keine Füße, nur unsere Füße, um Menschen auf seinen Weg zu führen. Christus hat keine Lippen, nur unsere Lippen, um Menschen von ihm zu erzählen. Er hat keine Hilfe, nur unsere Hilfe, um Menschen an seine Seite zu bringen.“

Wir wissen: Es geht nicht ohne Pfarrerinnen und Pfarrer, die Gottes Wort verkünden und die Sakramente recht gebrauchen. Es geht des weiteren nicht ohne den Dienst von Mitarbeitenden, die im Namen Jesu Kranke fachkundig versorgen, die die Älteren und Alten versammeln, die ein „Bündnis für Erziehung“ bilden und Kinder und Jugendliche unterrichten. Es geht nicht ohne Kirchenvorsteherinnen und Kirchenvorsteher, die gemeindliche Angelegenheiten verwalten und regeln. Es geht nicht ohne den Einsatz von Ehrenamtlichen, die je mit ihren Gaben vielerlei Aufgaben erfüllen.

Von Ältesten, Presbytern, spricht das Neue Testament. Leute, die bereit sind, sich beauftragen zu lassen und für Gottes Reich zu wirken: in der Kreuzkirche und in den Familien daheim, am Arbeitsplatz und im Urlaub. Leute, die selber begeistert sind von Christus und erfüllt mit dem Heiligen Geist.

Zu einem der ersten von Gott Gerufenen zählt Petrus, Jünger und Apostel. „Zeuge der Leiden Christi, der ich auch teilhabe an der Herrlichkeit, die offenbart werden soll“, so lesen wir es von ihm im Brief. Dieser Petrus zeigte sich glühend in der Nachfolge und dabei immer auch wieder als ein Mensch wie du und ich, nicht stärker oder besser als wir. Darum soll keiner von uns meinen, er oder sie sei nicht fähig zum Dienst in der Gemeinde. Tatsächlich sind wir es ja von uns aus nicht, aber Christus macht uns je und je fähig.

So finde ich es zum Beispiel tröstlich, dass Petrus am eigenen Leib die persönlichen Grenzen erfahren hat. Dass er erlebte, wie schnell man an den eigenen Ansprüchen scheitern kann. Dass er gezweifelt hat, falsche Entscheidungen traf, sein Unvermögen offenbarte. Wir sind mit ihm als Jünger und Jüngerinnen Jesu in guter Gesellschaft.

Aber eben darum braucht es Ermahnung, gegenseitig im Wort Gottes. Wir müssen immer neu lernen, wo es nach Gottes Willen langgeht. Der Petrusbrief spart nicht mit solchen Ermahnungen, an Brüder und Schwestern, an Frauen und Männer, an Freie und Unfreie, an Verfolgte und Bedrückte, an Älteste und an die Jugend.

Hören wir noch einmal unsere Verse: „Die Ältesten unter euch ermahne ich …: „Weidet die Herde Gottes, die euch anbefohlen ist; achtet auf sie, nicht gezwungen, sondern freiwillig, wie es Gott gefällt; nicht um schändlichen Gewinns willen, sondern von Herzensgrund; nicht als Herren über die Gemeinde, sondern als Vorbilder der Herde.“

Der jüdische Schriftsteller Elie Wiesel schrieb: „Ein Schlüsselwort meiner Weltanschauung ist: Kampf gegen Gleichgültigkeit. Ich habe immer daran geglaubt, dass das Gegenteil von Liebe nicht Hass ist, sondern Gleichgültigkeit.“ Nein, Schlimmes geschieht längst nicht nur dort, wo Menschen Böses tun, sondern ebenso dort, wo Menschen achtlos vorüberlaufen an Nächsten oder achtungslos über sie hinwegtrampeln, nicht wahr?

Unser Petrusbrief spricht eindringlich. Zurückgewiesen sehen wir sture Pflichterfüllung und Dienst nach Vorschrift: Als Christen sollen wir jedes Amt, das uns zukommt, mit Eifer und Freude ausüben. Abgelehnt Profitstreben und Ehrsucht: Es soll uns stets auf das ankommen, was wir anderen geben können, nicht auf das, was wir für uns selbst herausholen. Ausgeschlossen Herrscherallüren und Machtmissbrauch: Wir sollen in Wort und Tat bezeugen, dass es allemal besser ist, im Himmel zu dienen als in der Hölle zu herrschen.

Welche der drei Weisungen haben du und ich uns vielleicht besonders zu Herzen zu führen, weil wir darin besonders gefährdet sind? Bin ich etwa leicht lustlos und bedacht darauf, bloß keinen Handgriff zuviel zu tun? Oder bin ich schnell aus auf Vorteile und will gern was zurück für mein Tun? Oder neige ich dazu, andere zu bestimmen und unter meine Kontrolle zu bekommen? Gerne, herzlich, glaubwürdig auftreten – nur das ist angemessen im Dienst Jesu.

Also: Kümmert euch um andere, weil sie euch eben am Herzen liegen! Seid Vorbilder im Verhalten, denn Taten reden lauter als Sätze! Habt ein reines Herz und Gewissen! Findet eine gesunde Autorität im Miteinander, indem ihr selber euch an Jesus und seiner Autorität orientiert.

Unserem Gemeinwesen fehlt es oft an rechten Hirten und Hirtinnen. Allmählich sickert diese Erkenntnis öffentlich durch. Der Bundesinnenminister Schäuble äußerte kürzlich angesichts der Probleme an Schulen: „Jugendliche spiegeln letztlich nur eine Gesellschaft wider, die es zunehmend versäumt, klare Grenzen zu ziehen, die wichtige Normen nicht entschieden vorlebt und durchsetzt.“

Leider hinkt mancher dieser Einsicht wohl noch hinterher; auf eine Sonntagsblatt-Umfrage: „Wie zeitgemäß mit Konfirmanden arbeiten?“ wurde durchgehend geantwortet: „Wir müssen den Konfis eigene Erfahrungen ermöglichen, mit ihnen auf gleicher Ebene kommunizieren, sie eigenständig Probleme bearbeiten lassen, ihren Wünschen und Bedürfnissen folgen.“

Wo sind die gläubigen Männer und Frauen, die überzeugend Richtung weisen und Halt bieten? Nicht, als ob wir allem und jedem gefallen müssten! Nur Gott gilt es zu gefallen. Was wir dann in dieser und jener Situation zu tun und zu lassen haben, entdecken und erspüren wir im Blick auf Ihn. Dieser Blick auf Ihn sucht und erwartet alles von oben, nicht von unten her, Ihr Lieben.

Vom guten Hirten lassen wir uns leiten, damit wir die uns Anvertrauten leiten können. Von Ihm lassen wir uns füllen, damit wir das uns Anvertraute austeilen können. Ja, um es klar zu sagen: Wer auch immer andere tragen will, muss sich selbst getragen wissen. Wer auch immer Sorge trägt um andere, muss sich selbst umsorgt wissen. Sonst stolpern wir über die eigenen Schatten.

Umgekehrt: Wer in Christus lebt und aus ihm sein Dasein schöpft, der kann nicht anders als die Fülle Christi ins Dasein anderer fließen lassen. Es ist wie bei einem römischen Brunnen, den Conrad Ferdinand Meyer in einem Gedicht darstellt:

„Aufsteigt der Strahl und fallend gießt Er voll der Marmorschale Rund, Die, sich verschleiernd, überfließt In einer zweiten Schale Grund; Die zweite gibt, sie wird zu reich, Der dritten wallend ihre Flut, Und jede nimmt und gibt zugleich Und strömt und ruht.“

Die Ämter der Kirche sind nicht dazu da, den Herrn der Kirche zu ersetzen oder zu verdrängen. Ohne Ihn könnten wir nichts tun. Doch wir wollen Werkzeug seines Wirkens sein und werden, weil Jesus das will – und wie Er es will.

Vergessen wir nicht: Wir sind umfangen von der Liebe und Fürsorge unseres guten Hirten, immer da, wo wir Zeit mit ihm verbringen, in seiner Nähe bleiben. Gott sorgt für mich – und ich für dich. Solches fröhlich glauben, uns dankbar Gotte Güte gefallen lassen, die „Herrlichkeit, die offenbart werden soll“, hoffend ersehnen, – und wir vermögen füreinander da zu sein.

Der Lohn ist uns gewiss. Bleibt uns dieses Leben oder bleiben Menschen uns den Lohn schuldig, soll uns das nicht irremachen. Denn „wenn erscheinen wird der Erzhirte, werdet ihr die unvergängliche Krone der Herrlichkeit empfangen.“ Die Heilige Schrift verspricht es uns.

Zum Schluss ein eindrückliches Beispiel: Im vergangenen Jahr lief der Film „Sophie Scholl – Die letzten Tage“. Eine bewegende Szene zeigt Sophie kurz vor ihrer Hinrichtung. Mutig und stark hat die 21jährige die langen und zermürbenden Verhöre und den Prozess durchgestanden. Jetzt begegnen ihr zum Abschied die Eltern, die von ihrem Engagement in der „Weißen Rose“ nichts geahnt hatten und nun selbst gefährdet sind.

Keine Vorwürfe sind zu hören, keine Anklagen und bitteren Worte. Der Vater Robert wendet sich der Tochter zu und sagt: „Das hast du richtig gemacht.“ Die Mutter fragt leise: „Jesus?“ und Sophie schaut sie an und erwidert: „Ja … und ihr.“ Sophie geht ihren Weg bis zum Ende, geborgen und ruhig, geschützt und umgeben von der Gemeinschaft im Glauben. Amen.

 

Pfarrerin Birgit Ilse Bauer, Kreuzkirche Bayreuth