Gottesdienst – 1. Petrus 1,13-21
Zur PDFPredigt zu 1. Petrus 1,13-21 am Sonntag Okuli 19.3.06
Geheiligtes Leben
Umgürtet die Lenden eures Gemüts, seid nüchtern und setzt eure Hoffnung ganz auf die Gnade, die euch angeboten wird in der Offenbarung Jesu Christi. Als gehorsame Kinder gebt euch nicht den Begierden hin, denen ihr früher in der Zeit eurer Unwissenheit dientet; sondern wie der, der euch berufen hat, heilig ist, sollt auch ihr heilig sein in eurem ganzen Wandel. Denn es steht geschrieben (3. Mose 19,2): »Ihr sollt heilig sein, denn ich bin heilig.« Und da ihr den als Vater anruft, der ohne Ansehen der Person einen jeden richtet nach seinem Werk, so führt euer Leben, solange ihr hier in der Fremde weilt, in Gottesfurcht; denn ihr wisst, dass ihr nicht mit vergänglichem Silber oder Gold erlöst seid von eurem nichtigen Wandel nach der Väter Weise, sondern mit dem teuren Blut Christi als eines unschuldigen und unbefleckten Lammes. Er ist zwar zuvor ausersehen, ehe der Welt Grund gelegt wurde, aber offenbart am Ende der Zeiten um euretwillen, die ihr durch ihn glaubt an Gott, der ihn auferweckt hat von den Toten und ihm die Herrlichkeit gegeben, damit ihr Glauben und Hoffnung zu Gott habt.
Liebe Gemeinde,
eine Ermahnung zum geheiligten Leben begegnet uns heute. Genannt wird, was uns als Christen auszeichnen soll, und zwar, was uns je länger je mehr auszeichnen soll. Der erste Eindruck des Briefabschnitts mag Druck auslösen. Heilig sein, das scheint ein gewaltiger Anspruch. Wie kann ich das? Ist das nicht bloß besonders Auserwählten vorbehalten?
Kommt es, nebenbei gefragt, von diesem gefühlten Anspruch her, unter dem wir Christen oft leben, kommt es daher, dass wir Schuld und Versagen so ungern zugeben? Weil nicht sein kann, was nicht sein darf? Obwohl doch gerade wir um die Vergebung in Christus wissen? Wir kennen tatsächlich Christen, aus deren Mund kaum jemals die von anderen ersehnte Bitte um Entschuldigung schlüpft.
„Ihr sollt heilig sein, denn ich bin heilig.“ So steht es geschrieben, im Alten wie im Neuen Testament. Heilig sein: das gilt mitten im Leben in dieser Welt. Am Sonntag – und am Montag, am Dienstag wie am Mittwoch, am Donnerstag nicht weniger als am Freitag und am Samstag.
Kein Zweifel wird daran gelassen: unser Christsein muss existentielle Folgen zeitigen. Sonst läuft etwas schrecklich schief bei uns. Aber: Es geht hier nicht darum, einfach irgendwelche in uns liegenden Kräfte zu mobilisieren und uns selber aufzuschwingen in die Höhe. Das ist entscheidend, ihr Lieben: Es geht um ein Leben aus der Gnade Gottes! „Setzt eure Hoffnung ganz auf die Gnade, die euch angeboten wird in der Offenbarung Jesu Christi!“ ruft uns Petrus zu.
Falls wir lieber Großes aus uns selbst als aus der Gnade wirken, könnte es nämlich sein, wie der Theologe Helmut Thielicke meint, uns geschieht am Ende folgendes: Dass der, „der ohne Ansehen der Person einen jeden richtet nach seinem Werk“ ein Lebenswerk anschaut und darunter schreibt: „Brillante Leistung. Leider Thema verfehlt.“
Leben mit Jesus Christus, in Jesus Christus, unter Jesus Christus – das zeichnet mich als Christin aus. Nicht, als ob ich damit um jeden Preis auffallen wollte. Oder gar, als ob man in mir nicht mehr einen „normalen Menschen“ fände. Trotzdem werde ich anders sein als die vielen anderen, die ohne Jesus Christus leben.
In einer Kirchenzeitung spottete einmal eine Karikatur: „Zwei Kollegen sitzen an einem Tisch beim Essen. Der eine sagt zum anderen: ´Ach, du bist Christ! Das habe ich noch gar nicht gemerkt!´“ Nein, so muss es nicht sein bei uns, oder? Wir dürfen auch in einer Kantine vor dem Essen kurz die Hände falten.
Leben aus der „Gnade, die uns angeboten wird in der Offenbarung Jesu Christi“ – ich genieße es und möchte unter keinen Umständen darauf verzichten. Wer ein Leben mit Jesus nicht kennt, denkt vielleicht, er vermisse nichts – so wie ja auch die ehemaligen DDR-Bürger glücklich mit ihrem Trabi fuhren. Seit sie allerdings West-Autos kennen, haben sie in der Regel ihre Trabis verschrottet.
Was Jesus mir gibt? Schon „ehe der Welt Grund gelegt wurde“, lagen in Ihm bereit Gnade, Erlösung, Hoffnung für mich! – um drei gewaltige theologische Begriffe aus unserem Abschnitt herauszuheben. Ein Lied von Manfred Siebald, das immer an den Pro-Christ-Abenden angestimmt wurde – und wohl auch heute Abend wieder, fasst es in die schlichten Worte:
„Jesus, zu dir kann ich so kommen, wie ich bin. Du hast gesagt, dass jeder kommen darf. Ich muss dir nicht erst beweisen, dass ich besser werden kann. Was mich besser macht vor dir, das hast du längst am Kreuz getan. Und weil du mein Zögern siehst, streckst du mir deine Hände hin, und ich kann so zu dir kommen, wie ich bin.
Jesus, bei dir kann ich mich geben, wie ich bin. Ich muss nicht mehr als ehrlich sein vor dir. Ich muss nichts vor dir verbergen, der mich schon so lange kennt – du siehst, was mich zu dir zieht, und auch, was mich noch von dir trennt. Und so leg ich Licht und Schatten meines Lebens vor dich hin, denn bei dir darf ich mich geben, wie ich bin.
Jesus, bei dir muss ich nicht bleiben, wie ich bin. Nimm fort, was mich und andere zerstört. Einen Menschen willst du aus mir machen, wie er dir gefällt, der ein Brief von deiner Hand ist, voller Liebe für die Welt. Du hast schon seit langer Zeit mit mir das Beste nur im Sinn. Darum muss ich nicht so bleiben, wie ich bin.“
Unser Leben ist kostbar, liebe Gemeinde, denn wir sind teuer erkauft. Der Preis, der für uns bezahlt wurde, kann uns nicht kalt lassen: „Ihr wisst, dass ihr nicht mit vergänglichem Silber oder Gold erlöst seid von eurem nichtigen Wandel nach der Väter Weise, sondern mit dem teuren Blut Christi als eines unschuldigen und unbefleckten Lammes.“
Ich höre und lese das und kann mit euch nur darauf antworten, wie Martin Luther es in Auslegung zum zweiten Glaubensartikel formuliert hat: „Ich glaube, dass Jesus Christus, wahrhaftiger Gott vom Vater in Ewigkeit geboren und auch wahrhaftiger Mensch von der Jungfrau Maria geboren, sei mein Herr, der mich verlornen und verdammten Menschen erlöset hat, erworben, gewonnen von allen Sünden, vom Tode und von der Gewalt des Teufels; nicht mit Gold oder Silber, sondern mit seinem heiligen, teuren Blut und mit seinem unschuldigen Leiden und Sterben; damit ich sein eigen sei und in seinem Reich unter ihm lebe und ihm diene in ewiger Gerechtigkeit, Unschuld und Seligkeit, gleichwie er ist auferstanden vom Tode, leben und regieret in Ewigkeit. Das ist gewisslich wahr.“
Wir gehören Gott. Dass wir heilig sind, heißt also nicht, wir bilden eine fromme Leistungsgesellschaft. Nein, wir lassen uns hineinnehmen in den Raum seiner Heiligkeit, auch in diesem Gottesdienst, und dann spiegelt sich sein Heiligsein mit der Zeit unweigerlich in uns wider.
Noch einmal ein Zitat von Martin Luther dazu: „Das Leben ist nicht ein Frommsein, sondern ein Frommwerden, nicht eine Gesundheit, sondern ein Gesundwerden, nicht ein Sein, sondern ein Werden, nicht eine Ruhe, sondern eine Übung. Wir sind´s noch nicht, wir werden´s aber. Es ist noch nicht getan oder geschehen, es ist aber im Gang und im Schwang. Es ist nicht das Ende, es ist aber der Weg. Es glüht und glänzt noch nicht alles, es reinigt sich aber alles.“
Wir leben immer schon aus dem Vergangenen, das Gott getan hat, und immer schon auf Zukünftiges hin, das Gott tun wird. Leicht fällt das, wo wir die Hoffnung als unsere wesentliche Antriebskraft spüren. Kann es sein, dass es in unserer Zeit vor allem an Hoffnung fehlt? In der Kirche und in der Politik, in den kleinen Haushalten und in der großen Wirtschaft?
„Ihr glaubt durch Jesus an Gott, der ihn auferweckt hat von den Toten und ihm die Herrlichkeit gegeben, damit ihr Glauben und Hoffnung zu Gott habt,“ schreibt Petrus. Wer die Gewissheit hat, dass sein Kämpfen und Mühen nicht umsonst ist, kann alles durchstehen. Weil Christen in der Hoffnung leben dürfen, können sie auch in mancherlei Anfechtung und Not ausharren und ein gehorsames, gottesfürchtiges, heiliges Leben führen.
Wohlgemerkt, das schaffen wir nicht einfach so. Und nicht mit einem nur vagen Glauben an ein höheres Wesen. Das ist keine menschliche Möglichkeit, sondern das Wunder einer neuen Geburt von oben her, von der unser Brief gleich anschließend spricht (1. Petr 1,23).
Im Namen Jesu beten wir Gott als den Vater an, und wir erfahren, unser Leben bleibt nie mehr ohne Sinn und Ertrag. Wir entdecken, worauf es wirklich ankommt im Dasein, und werden frei von allerhand Begierden und Verstrickungen. Wir entdecken unsere hohe Bestimmung, Kinder Gottes zu sein: geliebt und wertgeschätzt in Ewigkeit. Wir entdecken nüchtern, dass wir hier in diesem Leben in der Fremde weilen, aber dass wir dank Seines Wortes wach und beweglich sind, unterwegs in die Heimat bei Gott.
Gehorsam und Gottesfurcht zählen für uns. Wie sollten wir noch anders atmen als unter Seinen Augen und unsere Augen auf Ihn gerichtet? Ahnen wir, was das bedeutet? Wir sind tatsächlich losgelöst von allen anderen Bindungen und Belastungen. Darum glaubt an eure Freiheit! Starrt nicht mehr wie gebannt auf die Zwangsläufigkeiten eurer Sünde! Grämt euch nicht mehr über die scheinbare Erfolglosigkeit eurer täglichen Arbeit! Lasst euch nicht mehr einschüchtern durch das scheinbar unverbrüchliche Todesverhängnis!
„Ihr sollt heilig sein, denn ich bin heilig.“ Gott wirkt an dir und mir, wir wären sonst jetzt nicht an diesem Ort. Schauen wir auf Christus, und falls die Zuversicht uns doch verlässt, schauen wir umso mehr auf Ihn!
„Wenn meine Sünd mich kränken, o mein Herr Jesu Christ, so lass mich wohl bedenken, wie du gestorben bist und alle meine Schuldenlast am Stamm des heilgen Kreuzes auf dich genommen hast.
Drum sag ich dir von Herzen jetzt und mein Leben lang für deine Pein und Schmerzen, o Jesu, Lob und Dank, für deine Not und Angstgeschrei, für dein unschuldig Sterben, für deine Lieb und Treu.“ (EG 82)
So dürfen wir leben. Und so können wir leben. Amen.
Pfarrerin Birgit Ilse Bauer, Kreuzkirche Bayreuth