Gottesdienst – 1.Pet.2,21-25
Zur PDFLesepredigt für Sonntag, 18.04.2010 – Miserikordias Domini, 1.Pet.2,21-25
Drei Szenen aus dem Leben eines bekannten Mannes:
Als er das erste Mal mit Jesus konfrontiert wurde, war er zunächst sehr skeptisch, denn was da von ihm verlangt wurde, widersprach einfach seiner Berufserfahrung und seinem gesunden Menschenverstand. Eher widerwillig folgte er trotzdem den Worten Jesu und erlebte ein Wunder. Das hat ihn so erschreckt und umgehauen, dass er am liebsten davongelaufen wäre, weil er sich seiner Vergangenheit, seiner Sünden und seiner Überheblichkeit so schämte.
Die Liebe Jesu bewirkte, dass er schließlich doch dabeiblieb und sich zum Mitarbeiter im Reich Gottes machen ließ.
Einige Jahre später hatte er bereits eine Führungsposition und Sprecherrolle. Sein Glaube war unerschrocken und mutig. Anfeindungen stellte er sich und war bereit für seine Überzeugung zu kämpfen. Als das Gemeindeoberhaupt mutlos zu werden schien, von Leid und tödlicher Verfolgung sprach, ergriff er die Initiative und baute auf seinen starken Glauben.
Aber als dann kurz darauf der Gemeindeleiter verhaftet und getötet wurde, brachen Mut und Glaube unseres Mannes wie ein Luftschloss zusammen. Da waren nur noch Angst und Versagen. Die dunkelste Stunde in seinem Leben.
Wieder konnte er durch die Liebe und Vergebung seines Chefs neu beginnen. Wieder bekam er Aufgaben und Verantwortung in der Gemeinde. Er nahm Schwierigkeiten, Bedrohung, Verfolgung auf sich, aber nie mehr kam er in Versuchung das aus eigener Kraft, aus der Stärke seines Glaubens bewältigen zu wollen. Er wusste ja inzwischen aus seinem eigenen Leben: Das kann ich nicht von mir aus.
Zuletzt wurde ihm die Kraft gegeben, wie sein Gemeindeleiter den Märtyrertod für seinen Glauben zu sterben. Sie kennen den Mann? Bei uns heute würde er Peter heißen, ein Mann aus der Fischereibranche und würde mit seinem Mundwerk und seinem starken Selbstbewusstsein gut in unsere Zeit passen. Sein Gemeindeleiter war Jesus selbst. Die drei Szenen, die ich etwas verfremdet erzählt habe sind Ihnen hinlänglich bekannt:
– Die Berufung am See Genezareth nach dem wunderbaren Fischfang.
– Die starken Worte, als Jesus seinen bevorstehenden Tod ankündigte und er seinen Herrn kurz
darauf dreimal verleugnete.
– Schließlich sein Märtyrertod in den 60ger Jahren unter dem römischen Kaiser Nero.
Petrus, wie er im NT genannt wird, hat in seinem Leben, auch in seinem Glauben viele Fehler gemacht. Aber er hat später nie versucht das zu verbergen, sondern hat offen darüber gesprochen, war sogar damit einverstanden, dass auch sein Versagen schriftlich verbreitet wurde und er hat damit bis heute vielen Menschen geholfen.
Ein Abschnitt aus einem der beiden Briefe, die uns von ihm überliefert sind, ist heute unser Predigttext. Petrus spricht darin von seiner persönlichen Beziehung zum Auferstandenen Jesus Christus und von seiner Erfahrung im Umgang mit Leid und Ungerechtigkeit.
Für Petrus ist klar, ein Mensch der Jesus Christus nicht kennt, der ihm nicht folgt hat in seinem Leben kein Ziel.
Vielleicht hat er einzelne Ziele, die er in seinem Leben erreichen möchte. Die haben die meisten Menschen. Das Ziel einen ordentlichen Schul- oder Berufsabschluss zu machen, eine gute Stelle und den richtigen Lebensgefährten zu finden.
Das Ziel anerkannt zu sein, etwas zu leisten und sich dann auch etwas leisten zu können.
Manchmal werden Menschen durch die Umstände dann auch gezwungen ihre Ziele herunterzuschrauben. Es muss dann nicht mehr der Traumjob sein, sondern ist froh, überhaupt eine Stelle zu haben. Man will dann keine großen Sprünge mehr machen, aber wenigstens so einigermaßen über die Runden kommen.
Ziele haben alle Menschen. Doch gegen Ende eines solchen Lebens mit vielen Zielen sind die Ziele oft recht klein geworden:
– Wenn ich nur jeden Tag aufstehen kann.
– Wenn ich nur niemandem zur Last fallen muss.
– Wenn es nur mal schnell geht mit meinem Ende und ich nicht lange leiden muss.
So ist das doch in einem Leben, das sich mit vielen kleinen Zielen zufrieden gibt, das aber nicht das große Ziel vor Augen hat. Das ist ein Leben wie das umherirrender Schafe die keinen Hirten mehr haben.
Passt auf! ruft uns Petrus hier zu, dass ihr den Hirten, dass ihr Jesus Christus nicht aus den Augen verliert. Er ist doch euer guter Hirte.
Und dann erinnert Petrus daran, worauf sich die Beziehung zu diesem Hirten aufbaut: Christus hat für uns gelitten. Er hat unsere Sünde auf sich genommen und sie selbst zum Kreuz hinaufgetragen. Das bedeutet, dass wir jetzt frei von Sünde sind und leben können, wie es Gott gefällt. Durch seine Wunden hat Christus uns geheilt.
Ohne Fußball kann kein Fußballspiel laufen. Ohne Wasser kann ich nicht schwimmen. Und ohne die grundlegende Erfahrung der Vergebung seiner Schuld kann niemand Christ sein, kann man das Kreuz nicht verstehen, kann man den Heiland Jesus Christus nicht lieb gewinnen.
Darüber hinaus brauchen wir die tägliche Erfahrung der vergebenden Liebe Gottes, darum ist Jesus im Vaterunser die Bitte um Vergebung genauso wichtig wie die Bitte um das tägliche Brot.
Petrus hat das genauso praktiziert. Seine erste Erfahrung mit der vergebenden Liebe Jesu fand statt als er vor Jesus nach dem Fischfang auf die Knie fällt und aus tiefster Sündenerkenntnis heraus sagt: Geh weg von mir, denn ich bin ein sündiger Mensch.
Er erkennt vor Jesus: Ich bin abgrundtief verdorben, du bist himmelhoch gut. Das passt nicht zusammen. Aber Jesus lässt sich nicht wegschicken und schickt Petrus nicht weg, sondern macht ihn zum Mitarbeiter.
Als Mitarbeiter lebte Petrus dann immer wieder vom Zuspruch der Vergebung, wenn er denn Mund zu voll genommen hatte, wenn er zu selbstsicher war, wenn er über das Ziel hinausschoss. Auch als er völlig versagt hatte, sah Jesus ihn in großer Liebe an, so wie Jesus jeden wieder annimmt, auch den, der völlig versagt hat und zu ihm kommt.
So wie das Leben des Glaubenden nach Luthers erster These ein Leben aus der täglichen Buße ist, kann es auch nur ein Leben aus der täglich angenommenen und geglaubten Vergebung sein.
Aber in Buße und Vergebung erschöpft sich das Leben eines Christen nicht. Es ist vollgepackt mit Aufgaben und Fragen, mit Verantwortung, Belastungen und Entscheidungen. Der Christ erfährt genauso Widerstände, Ungerechtigkeiten, Niederlagen und Ablehnung wie jeder andere auch. Manchmal sogar, weil er Christ ist besonders.
Wie nun damit umgehen? Wie die anderen? Auch hart werden und die Ellenbogen einsetzen. Oder resignieren und die Jalousien herunterlassen. Nur noch tun, was unbedingt sein muss? Oder sollen wir uns denen anschließen, die intrigieren, sich rächen, es heimzahlen, die beleidigt schweigen, zornig hochgehen und lebenslang nachtragen.
Nein, sagt Petrus. Ihr seid als Christen dazu berufen auch das Schwere anzunehmen, zu ertragen und damit umzugehen, wie unser Herr Christus das getan hat. Obwohl in ihm nichts Böses, nichts Sündhaftes war, hat er das Böse, das ihm begegnet ist, das, was ihn persönlich getroffen und verletzt hat, ausgehalten und mit Liebe beantwortet.
Petrus verwendet hier das Bild der Fußspuren. Man muss nicht ziellos herumirren wie ein Schaf, das den Anschluss an den Hirten verloren hat, wenn man eine Spur hat der man folgen kann. Eine Spur zeigt mir, auf diesem Weg ist schon einer gegangen. Auf diesem Weg geht es weiter. Es ist dabei gar nicht nötig, dass meine Schritte genauso groß sind wie die Schritte dessen, der die Spur gelegt hat. Ich darf auch kleinere Schritte machen, langsamer gehen, verschnaufen, ausrutschen, hinfallen, wieder aufstehen oder mich wieder aufheben lassen. Ich soll nur Christus auf der Spur bleiben. Seine Spur leitet an das eine Ziel, das alle anderen Ziele übertrifft und überdauert.
Wie können wir das ganz praktisch? Indem wir auf die Worte der HS hören und uns zum Beispiel hier in diesen Versen von Petrus wieder drei Fußabdrücke zeigen lasse, die uns ein Stück weiterleiten auf dem Weg zum Ziel.
1. Keine Lüge, kein betrügerisches Wort ist je über seine Lippen gekommen.
2. Er schimpfte und verleumdete nicht zurück, wenn er beschimpft und verleumdet wurde.
3. Er drohte nicht als er leiden musste.
Sehen wir uns diese Spuren noch genauer an:
1. Jesus ist wahrhaftig. Seine Worte sind Wahrheit. Und wer wahrhaftig ist, der hört seine Stimme. Wir sind als Christen aufgefordert ehrlich zu sein. Auch und obwohl oder gerade weil wir in einer verlogenen Welt leben. Ein altes lateinisches Sprichwort sagt: „Die Welt wird betrogen, darum betrügt sie.“
Was wird gelogen! In der Politik, im Fernsehen in den Zeitungen und Illustrierten an den Stammtischen in Arztpraxen und Kliniken, bei Vorstellungsgesprächen, in Inseraten, in der Werbung, gegenüber Versicherungen, Finanzämtern, bei Behörden in Schulen, Ehen und Arbeitsverhältnissen, bei Verabschiedungen und an den Gräbern.
Wir haben ein System von Lügen entwickelt, verlogene Scheinwelten werden zur Kultur erhoben. Wir belügen die Menschen, die wir hassen und die, die wir lieben.
Immer in dem Bewusstsein, bei all der Verlogenheit noch nicht schlechter zu sein als die anderen, belügen wir uns selbst und Gott.
Aber vor ihm verglüht jede Lüge. Vor ihm besteht nur die Wahrheit. Er ist die Wahrheit. Und nur er kann uns zur Wahrheit helfen. Er hilft uns den ersten Schritt in seiner Nachfolge zu gehen: Ehrlich werden. Nur wo Menschen ehrlich zueinander sind kann Vertrauen wachsen und das Miteinander heil werden.
2. Von dieser ersten großen Fußspur Jesu aus geht der Weg des Christen weiter zur zweiten: Der hat mit der von Gott gegebenen Menschenwürde zu tun. Keinen Menschen verachten. Auch nicht den schlimmsten und missratensten Schüler, nicht den ungeschicktesten Kollegen, nicht den schlecht gekleideten Penner auf dem Marktplatz, den andersartigen Asylanten, den herumbrüllenden Chef, den gescheiterten Kandidaten oder den rückfällig gewordenen Kriminellen. Keinen verachten, wie auch Jesus keinen verachtet hat. Jeder Mensch hat von Gott her seine Würde. Eine Würde, die ihn berechtigt umzukehren, Fehler zu erkennen und nach erfahrener Vergebung neu anzufangen.
Der, der uns die Spur legt, hat keinen verachtet. Nicht die ertappte Ehebrecherin, nicht den geizigen Zöllner, nicht den Petrus, der ihn verleugnete und nicht den Judas, der ihn verraten und verkauft hat. Nicht einmal die Folterknechte des Pilatus und die Henker unter seinem Kreuz hat er verachtet. Kein Fluch kam über seine Lippen, kein Hass aus seinem Herzen.
Nur Jesus kann uns helfen unsere eigene verlorene Menschenwürde wiederzugewinnen und sie auch denen um uns herum zurückzugeben.
Das „wie auch wir vergeben unseren Schuldigern“ gilt für jede Form des Leids, das uns jemand zugefügt hat. Der Schritt in diese Spur kann schwer sein, sehr schwer manchmal, aber er ist ungeheuer befreiend.
3. In der dritten Spur lesen wir bei Petrus: „Er drohte nicht als er litt.“
Da geht es um das Ja zum Leid im eigenen Leben. Zum Christ sein gehört auch die Bereitschaft Leid und Ungerechtigkeit am eigenen Leib auszuhalten und anzunehmen
Die Welt droht: Wie du mir so ich dir! Mit Worten des Alten Testaments wehrt sie sich: Auge um Auge, Zahn um Zahn! Anzeige um Anzeige, Prozess um Prozess. Dem Attentat folgt die Vergeltung und es wird kein Frieden. Nicht in Nahost und nicht in der Nachbarschaft. Nicht in Afghanistan und nicht . Drohungen und Racheakte spinnen immer längere Spiralen der Gewalt.
Jesus verzichtet auf Rache und Drohungen. Er übergibt die Sache an Gott, den einzigen, der gerecht richtet, der allein auch das Recht hat, zu vergelten. Und auch wir müssen nicht in schlaflosen Stunden immer wieder die bösen Worte und verletzenden Anschläge an unseren Augen und Ohren vorüberziehen lassen, sondern dürfen auch das Schwere, das Gemeine, das Lieblose, das Undankbare abgeben bei dem, der Gnade und Gericht hat. Und wir dürfen dann wieder ruhig und unbelastet schlafen. Wer das will und nicht kann, der darf sich durch Gebet, Fürbitte und Seelsorge dabei helfen lassen.
Wir müssen den Friedensweg nicht erfinden und nicht allein gehen. Die Spur ist gelegt. Die Spur, die zur Wahrheit hilft, die Menschenwürde verleiht, die Spur, die auch die Leiden und Lasten des Lebens bejahen kann.
Wir brauchen die Leiden nicht herbeisehnen, sie kommen ganz allein auf dem Weg durchs Leben. Die körperlichen und seelischen Leiden unter Verlusten, Ängsten, Schmerzen. Sie sind Teil unseres Lebens.
Keiner muss den Leiden seines eigenen Lebens ungeschützt begegnen wie ein verlorenes Schaf. Die Worte, mit denen uns Petrus das Vorbild des leidenden Christus vor Augen malt, zeigen uns Jesus als Hirten und Bischof unserer Seelen. „Durch seine Wunden sind wir geheilt.“ Tritt Heilung nicht äußerlich sichtbar ein, so arbeitet Jesus mit seinem Heil an der Seele, dass sie Ja sagen kann und kein zermürbendes Nein zum Lebensschicksal mehr in ihr nagt. Er ist Hirte der Seinen. Er befreit die Seele von Auflehnung und Murren.
Auch wenn wir geirrt haben dürfen wir wieder zurückfinden zu Christus, der uns auf den rechten Weg führt und uns zum Ziel bringt.
Führe mich, o Herr und leite meinen Gang nach deinem Wort
Sei und bleibe du auch heute mein Beschützer und mein Hort.
Nirgends als bei dir allein kann ich recht bewahret sein. (EG 445,5)
Amen.
Verfasser: Martin Schöppel, Dr.-Martin-Luther-Str.18, 95445 Bayreuth, Tel. 0921/41168