Gottesdienst – 1. Mose 8, 18-22
Zur PDF20. So. n. Trin., Kreuzkirche, 09.10.2005, 1.Mose 8, 18-22
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, dem Vater und unserem Herrn
Jesus Christus. Wir wollen in der Stille um den Segen Gottes für diese
Predigt bitten: …
Herr, wir bitten dich, gib uns deinen Heiligen Geist zum Reden und
zum Hören.
Noah ging heraus aus der Arche mit seinen Söhnen und mit seiner
Frau und den Frauen seiner Söhne, dazu alle wilden Tiere, alles Vieh,
alle Vögel und alles Gewürm, das auf Erden kriecht; das ging
aus der Arche, ein jedes mit seinesgleichen.
Noah aber baute dem Herrn einen Altar und nahm von allem reinen
Vieh und von allen reinen Vögeln und opferte Brandopfer auf dem Altar.
Und der Herr roch den lieblichen Geruch und sprach in seinem Herzen:
„Ich will hinfort nicht mehr die Erde verfluchen um der Menschen willen;
denn das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von
Jugend auf. Und ich will hinfort nicht mehr schlagen alles, was da lebt,
wie ich getan habe. Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat
und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.“ Liebe
Gemeinde!
Manchmal wird einem das Leben neu geschenkt.
Wenn eine Frau, die lange kein Kind bekam, nach den Ängsten einer
schwierigen Schwangerschaft und nach den Schmerzen einer Geburt ihr Kind
in den Armen hält und voll Glück ansieht. Wenn der Arzt einem
Patienten sagt:“ Die Gewebeuntersuchungen haben ergeben dass die Geschwulst
nicht bösartig ist, wenn man nach langer Zeit eine Klinik verlässt,
dann hat man das Gefühl: Das Leben wurde mir neu geschenkt.
Es sind wahrscheinlich manche unter uns, die nach einem beinahe Unfall
dankbar sagen können: Da ist mir das Leben neu geschenkt worden. Erst
kürzlich hat es mir eine Frau so gesagt.
I.
Uns ist das Leben noch einmal geschenkt worden. In diesem
Bewusstsein wird wohl auch Noah mit seiner Familie damals die Arche verlassen
haben. Als er nach dem Öffnen der Türe in der Arche in das helle
Licht des neuen Lebens blinzelte. Noahs Gedanken gehen zurück zu jenem
Tag, als Gott ihm den Auftrag gab, die Arche zu bauen.: „Mache einen
Kasten, 150 Meter lang, 25 Meter breit und 10 Meter hoch, bau drei Stockwerke
ein, dichte ihn ab mit Teer, setze eine große Tür und ein Fenster
ein.“
Die Nachbarn hatten ihren Spott, als er ans Werk ging.: Ein Schiff auf
dem trockenen Land. Die Söhne fragten: „Vater, wozu sollen wir dieses
schwimmfähige Ungetüm bauen, obwohl es weit und breit kein Wasser
gibt?“ Doch Noah ließ sich nicht beirren. Immer wieder sagte er „Gott
will es so“, obwohl auch er sicher manchmal seine Zweifel hatte.
Manchmal kann lange sinnlos scheinen, was in unserem Leben geschieht,
wie Gott führt, was er zulässt, was er uns zumutet. Aber er sieht
weiter und sorgt vor. Er wartet auf den Glauben und den Gehorsam, damit
er helfen und retten kann.
Noah gehorchte Gott mehr als den Menschen und seiner Vernunft. Sie begannen
die Tiere einzusammeln: Ziegen und Zebras, Schafe und Schildkröten,
Raben und Rehe, Mäuse und Maultiere, von allen Tieren je ein Pärchen.
Die Fliegen und Flöhe kamen als blinde Passagiere mit.
Vorräte wurden in die Arche geschafft. Heu für die Tiere und
Getreide und Früchte für die Menschen. Schließlich war
der Kasten voll bis unters Dach. Das Warten begann. Sieben Tage lang geschah
nichts. Hatten sie die Arche umsonst gebaut? Hatte sich Noah getäuscht,
sich alles nur eingebildet?
Doch am achten Tag kam der Regen und wurde schnell zum gewaltigen endlosen
Wolkenbruch. Tag für Tag, Woche für Woche Regen Die Arche begann
sich zu bewegen. Ohne Segel und Steuerruder trieb sie auf der Flut.Weltweit
wird in den Überlieferungen verschiedener Kulturen und Religionen
etwa 250-mal von einer vernichtenden Überschwemmung berichtet. Vierzig
Tage dauerte der Regen nach dem biblischen Bericht. Als er aufgehört
hatte, vergingen nochmals Monate, in denen die Noahs in dem dunklen, schaukelnden,
Kasten eingeschlossen waren. Ohne Aircondition, beengt und verängstigt.
Dann ging ein Ruck durch die Arche. Sie war im Ararat Gebirge auf Grund
gelaufen. Noch einmal vergingen Wochen, bis Noah das Fenster öffnete,
um den Raben fliegen zu lassen. Dann kam der Tag, an dem die Taube ausflog
und mit einem Ölblatt zurückkam. Und schließlich kam sie
nicht mehr zurück, weil sie einen Platz zum Leben gefunden hatte.
Noah wagte es. Er öffnete endlich die Tür der Arche.
Angst und Schrecken waren überstanden: Die Enge im Schiff. Das
Unbehagen, nur die Holzwand zwischen sich und der tödlichen Tiefe.
Die bangen Fragen: Wie lange noch? Werden die Vorräte reichen? Werden
wir überleben? Auf einmal ist alles vorbei! Das Leben noch einmal
geschenkt.
II.
Wir sind noch einmal davongekommen. Das Leben wurde uns neu geschenkt.
Sie sind erfüllt mit Dankbarkeit. Das erste, was Noah tut, nachdem
er die Arche verlassen hat: Er sucht sich große Steine zusammen und
baut einen Altar, um Gott zu danken. Er hat uns gerettet, das Leben neu
geschenkt und er sorgt auch in Zukunft für uns.
Hält die Dankbarkeit an? Sind die Noahs durch das, was sie mit
Gott erlebt haben neue Menschen geworden? Haben die folgenden Generationen
etwas daraus gelernt? Die erstaunliche Antwort heißt: Nein! Die Menschen
bleiben, wie sie sind. Die folgenden Geschichten der Bibel zeigen es: Sie
erzählen vom Turmbau zu Babel, wo die Menschen versuchen, sich einen
Namen zu machen. Sie berichten, wie die, Kinder Israels immer wieder gegen
Gott murren und seine Gebote übertreten, bis dahin, dass sie eines
Tages sogar seinen Sohn kreuzigen. Die Menschen bleiben, wie sie sind.
Gott zieht nach der Sintflut dieselbe ernüchternde Bilanz wie vorher:
Das Dichten und Trachten der Menschen ist böse von Jugend
auf.
Es hat zwar immer wieder Philosophen und Pädagogen gegeben, die
das Gegenteil behauptet haben: „Eigentlich gibt es im menschlichen Herzen
keine angeborene Bosheit und Fehler“, so schrieb der Aufklärungsphilosoph
Rousseau, aber der Alltag und die Kriminalstatistik sagt uns das Gegenteil:
Jeden Tag werden in Deutschland acht Menschen Opfer von Mord oder Totschlag,
jeden Tag werden 18 Personen vergewaltigt, stündlich wird in 23 Wohnungen
eingebrochen, werden 3 Kraftfahrzeuge gestohlen, ereignen sich etwa 700
Straftaten. So die offiziellen Zahlen der bekannt gewordenen Straftaten.
Dazu kommen die nicht erfassbaren Taten: Die Bosheiten am Arbeitsplatz
und in der Nachbarschaft, die Lieblosigkeit und der Terror in der Familie,
die Lügen und Gemeinheiten, die Halbwahrheiten und Ausreden. Der Wille
und die Fähigkeit zum Bösen stecken von klein auf in jedem Menschen.
Auch in jedem von uns. Und wir können uns aus eigener Kraft davon
nicht befreien.
III.
Das Dichten und Trachten der Menschen ist böse von Jugend
auf. Das ist die ernüchternde Feststellung auch nach der Sintflut.
Und jetzt lesen wir hier das Erstaunliche: Nicht der Mensch ändert
sich, sondern Gott. Ich finde es immer wieder überwältigend,
wie uns die Geschichte von Noah Einblick gibt in das Denken und Handeln
Gottes. Wir erfahren, was Gott bewegt, als er feststellt, dass die Menschen
sich nicht ändern.
Auch die Menschen gehörten ja zur guten Schöpfung Gottes.
Auch nach der Erschaffung des Menschen am sechsten Schöpfungstag hieß
es, wie nach jedem Schöpfungstag: „Und siehe, es war sehr gut.“
Wir lesen in der Bibel, dass Gott den Menschen nach seinem Bilde geschaffen
hat. Gott hat den Menschen ausgestattet mit dem Drang zu wissen; mit der
Fähigkeit, Verantwortung zu übernehmen und ihm die Freiheit gegeben,
Ja oder Nein zu sagen. Nicht als Marionetten hat Gott uns erschaffen, sondern
als selbständiges Gegenüber Gottes.
Und dann berichtet die Bibel davon, wie der Mensch schuldig vor Gott
wird. Der eine Baum in der Mitte des Paradieses, wird zum Test für
den Gehorsam und das Vertrauen des Menschen zu Gott. „Sollte Gott gesagt
haben …?“ beginnt die Schlange ihr verführerisches Gespräch.
Dieser Satz sät Misstrauen. Er stellt Menschen, die bisher in Harmonie
miteinander und mit Gott gelebt haben, vor die Entscheidung: Wem vertrauen
sie mehr? Gott oder Stimmen, die Gott in Frage stellen?
Wir wissen, wie die Geschichte ausgeht. Zu verlockend war das Angebot,
zu sein wie Gott, die Möglichkeiten auszunützen, die die Menschen
hatten, als Gott sie „nach seinem Bilde“ schuf. Der Mensch sagt nein, gehorcht
Gott nicht und muss die Konsequenzen tragen. Eine heile Beziehung zu Gott
weicht dem Zweifel, die Harmonie unter Menschen dem Streit und das paradiesische
Leben der Mühe und Last des Lebens auf der Erde. Der Tod setzt dem
Leben eine Grenze.
Im vierten Kapitel der Urgeschichte wird dann erzählt, wie sich
der Ungehorsam gegen Gott unter den Menschen auswirkt. Der Mensch wird
schuldig an seinem Bruder. In Kain wächst der Neid auf den, der erfolgreicher
und angesehener scheint. Obwohl Gott ihn warnt, obwohl Gott versucht, ihn
zum Umdenken zu bringen, mordet Kain den Bruder Abel. Gottes Frage „Wo
ist dein Bruder Abel?“ will Kain nicht hören. Er redet sich heraus:
Soll ich meines Bruders Hüter sein?
IV.
Misstrauen und Ungehorsam gegen Gott, Auflehnung und Hass untereinander,
hat sich das bis heute geändert? Wen wundert es, dass es zu der Feststellung
kommt, die am Anfang der Noahgeschichte steht- „Als aber der Herr sah,
dass der Menschen Bosheit groß war auf Erden und alles Dichten und
Trachten ihres Herzens nur böse war immerdar, da reute es ihn, dass
er den Menschen gemacht hatte…“
Die Sintflut mit ihren schrecklichen Konsequenzen ist die Folge. Er
vernichtet die Menschen wieder. Die einzige Ausnahme ist Noah, von dem
es heißt: „Er wandelte mit Gott.“ Das war der Grund, weshalb
ihm das Leben noch einmal geschenkt wurde. Noah ist ein Beweis dafür,
dass Gottes Wort Leben bedeutet und Gott gehorchen die einzige Rettung
ist.
Am Ende der Rettungsgeschichte fällt zwar noch einmal der Satz,
der die Sintflut begründet hat: „Das Dichten und Trachten des
Menschen ist böse von Jugend auf.“ Aber diesmal ist er verbunden
mit dem Versprechen von Gottes gnädigem, verlässlichem und treuem
Handeln: Ich will hinfort nicht mehr schlagen alles, was da lebt,
wie ich getan habe. Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat
und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.“
Auch der Römerbrief (Röm 3,10) stellt uns ein schlechtes Zeugnis
aus: „Da ist keiner, der gerecht ist, auch nicht einer.“ Und Paulus
stellt einige Kapitel weiter sogar von sich selbst fest: Ich weiß,
dass in mir nichts Gutes wohnt. (Röm.7,18) Aber nachdem Gott seine
Strategie gegenüber dem Menschen geändert hat, muss das nicht
mehr zwangsläufig zu unserem Untergang führen, denn, so Paulus:
„Gott erweist seine Liebe zu uns dadurch, dass Christus für uns
gestorben ist als wir noch Sünder waren.“ (Röm.5,8)
Längst vor uns und trotzdem für uns, stirbt Jesus unserer
Sünde wegen. So ist Gott. Unsere Bosheit provoziert nicht unser Verderben,
sondern die Liebe und das Erbarmen Gottes. Sie stehen uns am Kreuz vor
Augen. In Jesus Christus startet Gott das Unternehmen Arche, Rettung, noch
einmal. Und wir sind mit im rettenden Boot, wenn wir uns an Jesus halten.
Die Geschichte von Noah macht deutlich: Hoffnung, dass wir nicht an
unserer Schuld, an unseren Fehlern und Irrtümern zugrunde gehen, gibt
es nur, weil Gott sein Handeln geändert hat. Unsere Fähigkeiten
zum Bösen bleiben, aber Gott geht seit damals und ganz besonders seit
Christus anders mit uns um: „Wo die Sünde mächtig ist, da
ist doch die Gnade noch viel mächtiger geworden“ (Röm.5,
20), schreibt Paulus.
Gott lässt die Sonne aufgehen über Gute und Böse, Gerechte
und Ungerechte. Über Ihnen und über mir ist seine Barmherzigkeit
alle Morgen neu. Wir leben von der Wandlung Gottes. Vom Sieg des Erbarmens
über das gerechte Gericht. Vom Sieg des Herrn Jesus am Kreuz über
unsere Sünde und den Tod.
Aber ist diese Zusicherung ein Freibrief für unsere Bosheit? –
Nein! Es gibt eine Zeit der Gnade, weil Gott sich entschlossen hat, die
Bosheit der Menschen zu ertragen. Gott schenkt in seiner Geduld Zeit. Zeit
zur Umkehr, Zeit seinen Ruf zu hören, Zeit in der er garantiert: „Solange
die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze,
Sommer und Winter, Tag und Nacht.“ Das Gericht ist aufgeschoben
und für jeden der die Erlösung durch Jesus annimmt, aufgehoben.
Gott verspricht, dass er die äußeren Lebensbedingungen der
Erde erhalten wird. Der Mühe der Saat folgt die Freude der Ernte.
Der Wechsel der Jahreszeiten gestaltet das Jahr. Der Rhythmus von Tag und
Nacht gliedert unser Leben in Zeiten der Arbeit und in Zeiten der Ruhe.
Der nächste Winter kommt bestimmt! Und dann wieder ein Frühling
Der dunklen Nacht folgt heller Tag. Über die Jahrtausende hat Gott
Wort gehalten.
Begreifen und dankbar sein wird aber nur, wer sich wie Noah bewusst
ist, dass ihm Tag für Tag das Leben noch einmal neu geschenkt wird.
Du machst am Morgen die Augen auf und darfst dankbar annehmen, dass Gottes
Treue dich wieder beschenkt. Einen neuen Tag an dem du leben und lachen
sollst, arbeiten und ruhen, mutig vorwärts gehen oder von falschen
Wegen umkehren. Umkehren wird aber nur, wer auf Gottes Wort hört.
Durch Jesus am Kreuz trägt er die Strafe für unsere Schuld und
Bosheit. Unsere Nachlässigkeit und unseren Mangel an Liebe; räumt
er weg. Alles, was uns von ihm trennt hebt er auf und schenkt uns Vergebung
und einen neuen Anfang..
Es kommt Gott nicht darauf an, dass wir perfekt sind. Wir werden es
nie sein. Sondern es kommt darauf an, dass wir die Chance, die er uns gibt,
nutzen. Dass wir uns hinein nehmen lassen in seine Liebe. So wie Gott umgedacht
hat, sollen auch wir umdenken. Er hat sich uns in Liebe zugewandt, trotz
aller Bosheit unserer Herzen. Darum sollen wir uns ihm zuwenden im Glauben
und immer neu sein Erbarmen suchen.
Seine Versöhnung mit uns durch Jesus schafft Versöhnung unter
uns. Seine Barmherzigkeit will uns barmherzig machen im Umgang miteinander.
Seine Wahrheit macht uns wahrhaftig machen. Amen.
Wir beten: Herr, weil wir Menschen uns nicht ändern können,
weil wir uns immer wieder verstricken in Fehler und Schuld, hast du dich
geändert. Voll Dank und Anbetung nehmen wir das an. Hilf uns, dieses
Wunder zu begreifen und schenkâ uns neues Leben. Leben, wie es dir gefällt.
Amen.
Martin Schöppel, Pfarrer, Dr.-Martin-Luther-Str.18,
95445 Bayreuth, Tel. 0921/41168