Gottesdienst – 1. Mose 18, 20-33
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n. Trinitatis (Kirchweih der Kreuzkirche) 26.10.08 1Mose 18, 20-33
Gnade sei mit euch und Friede, von Gott dem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Wir bitten in der Stille um den Segen Gottes für diese Predigt:…Herr, wir bitten dich, gib deinen Heiligen Geist zum Reden und zum Hören. Amen.
Unser Schriftwort für die Predigt heute steht im 1.Buch Mose im 18. Kapitel:
Der Herr sprach: Es ist ein großes Geschrei über Sodom und Gomorra, dass ihre Sünden sehr schwer sind.
Darum will ich hinabfahren und sehen, ob sie alles getan haben nach dem Geschrei, das vor mich gekommen ist oder ob’s nicht so sei, damit ich’s wisse.
Und die Männer wandten ihr Angesicht und gingen nach Sodom. Aber Abraham blieb stehen vor dem Herrn und trat zu ihm und sprach: Willst du denn den Gerechten mit dem Gottlosen umbringen? Es könnten vielleicht 50 Gerechte in der Stadt sein; wolltest du die umbringen und dem Ort nicht vergeben um 50 Gerechter willen, die darin wären? – Das sei ferne von dir, dass du das tust und tötest den Gerechten mit dem Gottlosen, so dass der Gerechte wäre gleich wie der Gottlose! Das sei ferne von dir! Sollte der Richter aller Welt nicht gerecht richten?
Der Herr sprach: „Finde ich 50 Gerechte zu Sodom in der Stadt, so will ich um ihretwillen dem ganzen Ort vergeben.
Abraham antwortete und sprach: Ach siehe, ich habe mich unterwunden zu reden mit dem Herrn, wiewohl ich Erde und Asche bin. Es könnten vielleicht fünf weniger als 50 Gerechte darin sein; wolltest du denn die ganze Stadt verderben um der fünf willen?
Er sprach. “ Finde ich darin 45, so will ich sie nicht verderben.
Und er fuhr fort mit ihm so zu reden und sprach:
Man könnte vielleicht 40 darin finden. Er aber sprach. Ich will ihnen nichts tun um der 40 willen.
Abraham sprach: Zürne nicht, Herr, dass ich noch mehr rede. Man könnte vielleicht 30 darin finden. Er aber sprach: Finde ich 30 darin, so will ich ihnen nichts tun.
Und Abraham sprach: Ach siehe, ich habe mich unterwunden, mit dem Herrn zu reden. Man könnte vielleicht 20 darin finden. Er antwortete: Ich will sie nicht verderben um der 20 willen.
Und Abraham sprach: Ach, zürne nicht, Herr, dass ich nur noch einmal rede. Man könnte vielleicht 10 darin finden. Er aber sprach: Ich will sie nicht verderben um der 10 willen.
Und der Herr ging weg, nachdem er aufgehört hatte, mit Abraham zu reden; und Abraham kehrte wieder um an seinen Ort.
In der Bibel geht es vor allem um zwei Dinge: Entweder geht es um Gnade oder um Gericht. Beides hat mit Gott zu tun. Beides geht von ihm aus: Gnade und Gericht. Das eine bietet er an, das andere kündigt er an. Seine Gnade ist oft unbegreiflich groß, so dass Menschen es schier nicht fassen können.
Als David sich nach dem Ehebruch mit Batseba und dem Mord an ihrem Mann, Uria, vor Gott schuldig gab, da wurde ihm seine große Schuld vergeben. Viele konnten es nicht fassen. Manche können es bis heute nicht fassen.
Als der Verbrecher am Kreuz neben Jesus in den letzten Stunden seines verpfuschten Lebens zu Jesus sagte: Herr, denke an mich, wenn du in dein Reich kommst, da versprach ihm Jesus: Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein.
Für den Zöllner im Tempel, für den Zachäus, für die Ehebrecherin, für den Gelähmten, den seine Freunde brachten und für viele andere war Gnade da. Sie beugten sich vor Gott oder vor Jesus. Sie bekannten ihre Schuld, sie flehten um Erbarmen, sie waren bereit zur Umkehr. – Und es war Gnade für sie da.
Daneben erzählt uns die Bibel von vielen, die gegen Gott handelten, die anderen Göttern dienten, die sich nicht warnen ließen und die dann dem Gericht Gottes anheim fielen. Die gottlosen Zeitgenossen Noahs, deren Dichten und Trachten böse war von Jugend auf, gingen unter in der großen Flut der Urzeit. Genauso das Heer des Pharao, das das Volk Gottes bedrohte.
König Saul, der sich vom Propheten Samuel nicht zur Umkehr
rufen ließ fiel in Schwermut und nahm sich
schließlich das Leben um nicht Feinden in die Hände
zu fallen. Judas, der Verräter, obwohl gewarnt, gab seinen
bösen Plan nicht auf, verriet Jesus an die Feinde und
erhängte sich, als er sah, was er angerichtet hatte.
Man
könnte diesen Beispielen aus dem Alten und Neuen Testament
noch viele hinzufügen. Gnadengeschichten und
Gerichtsgeschichten stehen nebeneinander. Oft wäre es nur ein
Schritt, ein Wort, ein Gebet um vom Abgrund des Gerichts zum rettenden
Ufer der Gnade zu gelangen. An äußeren
Umständen lässt sich das gar nicht festmachen. Vor
Gott Gnade finden, heißt nicht unbedingt gesund und reich
sein und im Gericht Gottes kann einer stehen, der Erfolg hat und den
viele beneiden. Gnade vor Gott kann man trotz tödlicher
Krankheit finden. Manche haben sie noch auf dem Sterbebett angenommen.
Das habe ich selbst schon manches Mal miterlebt.Gericht oder Gnade,
Fluch oder Segen, Gott lässt die Menschen wählen. Was
willst du? fragt er: Willst du mir folgen und aus der Gnade leben oder
willst du um jeden Preis ohne mich dein Leben leben? Dann stehst du
unter dem Gericht.
In diesem 18. Kapitel des ersten Mosebuches stehen Gericht und Gnade auch ganz nahe beieinander. Abraham hatte gerade ein besonderes Gnadenerlebnis gehabt. Drei Männergestalten standen in der Mittagshitze vor seinem Nomadenzelt, als er nach einem Nickerchen in die Sonne blinzelte. Sonderbar waren sie ihm gleich vorgekommen. Später lässt sich zwischen den Zeilen erkennen, dass es der Herr in Begleitung zweier Engel war.Abraham hatte sie sofort mit der ganzen Palette orientalischer Gastfreundschaft bewirtet: Füße waschen, Drink servieren, frisch gebackenes Brot und Braten auffahren. Dann hatten sie ihm angekündigt, dass binnen Jahresfrist sich der lang erbetene und verheißene längst nicht mehr für möglich gehaltene Sohn einstellen würde. Das war angesichts des Alters von Abraham und seiner Frau Sara unvorstellbar. Sara fand es nur lächerlich. Aber Abraham ließ sich sagen, dass dem Herrn nichts unmöglich ist. Er glaubte das Unmögliche und freute sich seines Glaubens und der Gnade Gottes.Nach dieser Gnadenmission schickten sich die drei Himmlischen Gestalten an, aufzubrechen und Gericht zu bringen. Gericht über zwei Städte am Südostufer des Toten Meeres, die sich weit über die Grenzen hinaus einen Ruf als verruchte Orte des Verbrechens und der Perversion gemacht hatten. Ihr Geschrei und das ihrer Opfer war Gott nicht verborgen geblieben. Nichts bleibt ihm verborgen. Nicht die Flüche und Lästerungen der Gottlosen und nicht das Stöhnen und Seufzen der Gedemütigten und Misshandelten, auch nicht die Tränen der Gemobbten und dieÄngste der Unterdrückten.
Bis in unsere Tage sind sie sprichwörtlich für das abgrundtief Böse und Verdorbene. Sodom und Gomorra stand und steht für eine Gesellschaft, die kein Erbarmen kennt, die ihre Lust treibt und die es nicht kümmert, wenn andere dabei draufgehn. Gott hat lange zugesehen, lange gewartet, oft gewarnt, aber nun ist das Maß voll. Er schreitet zum Gericht. Wer will es ihm verdenken? Wer wagt es ihm zu wehren? Wer stellt sich dem zum Gericht schreitenden Herrn in den Weg?
Abraham. Der Begnadete. „Abraham blieb
stehen vor dem Herrn.“ Er tritt dem zum Gericht schreitenden
Herrn mit einem mutigen Schritt in den Weg. Er denkt nicht schadenfroh
und selbstgerecht: das wird aber auch Zeit! Nur drauf auf die
bösen Leute von Sodom und Gomorra! Feuer und Schwefel
über sie! Nein! Er denkt mit Fürsorge an Lot, seinen
Neffen, der mit seiner Familie dort wohnt und er denkt an die
Möglichkeit, dass es in diesen verkommenen Städten ja
doch vielleicht noch ein paar anständige Menschen geben
könnte. Sollen die mit umkommen? Er wendet sich
demütig fürbittend an den Herrn:
Bist du, Herr, nicht ein gerechter Gott? Du kannst
doch nicht Unschuldige mit den Bösen umkommen lassen! Es
könnten doch vielleicht in diesen großen
Städten eine kleine Zahl von brauchbaren Menschen leben.
Vielleicht 50 unter den Tausenden. Mit Abraham wird
uns hier ein mutiger, ein verwegener Beter gezeigt, der Gott
aufhält, der mit Gott handelt und verhandelt, der Gott Gnade
abringt. Er bittet nicht für sich. Er hat schon Gnade
gefunden, er ist ein Gesegneter des Herrn. Aber damit begnügt
er sich nicht, er hat darüber die anderen nicht vergessen.
Er
ringt und bettelt demütig und mit aller Ehrerbietung Gott
Gnadenzusagen ab. Er handelt Gott herunter. Um 50, 45, 40, 30, 20, ja
um des kleinen Häufleins von 10 Gerechten willen
erklärt sich der Herr bereit, das Gericht aufzuheben. Dass es
dann am Ende nur vier Gerechte waren, die sich in Sodom fanden, tut der
Fürbitte des Abraham keinen Abbruch und schmälert das
Gnadenangebot Gottes nicht. Die vier, Lot, seine Frau und seine beiden
Töchter wurden vor der Vernichtung der Städte
herausgeführt. Dass Lots Frau schließlich nach ihrer
Rettung doch noch umkam, war das Ergebnis ihres Ungehorsams. Beim
Anblick der in Flammen stehenden Städte Sodom und Gomorra
erstarrte sie zur Salzsäule.
Abraham eilt nach einer schlechten Nacht am nächsten Morgen zu dem Felsvorsprung, von dem aus er hinunter ins Tal blicken konnte. Von weitem sieht er den Rauch aufsteigen, der für ihn die erschütternde Wahrheit bedeutet: Nicht einmal 10 Gerechte hatte der Herr in der Stadt gefunden. Drei nur, die in letzter Sekunde gerettet wurden. Gericht und Gnade ganz nah beieinander. Wie oft kann man das erleben.
Man kommt an eine Unfallstelle, an der vor wenigen Minuten ein LKW in
den Gegenverkehr gerast ist. Tote sind zu beklagen und ich darf leben
und weiterfahren in den Urlaub. Warum? War da irgendwo ein Abraham, von
dem ich vielleicht gar nichts weiß? Ein Mensch, der vor Gott
stehen blieb im Gebet, in der treuen Fürbitte um Schutz und
Bewahrung?Ist das nicht die Aufgabe jedes Christen, jeder Gemeinde, die
sich vor Gott versammelt, in der treuen Fürbitte zu stehen,
auch für gottlose Zeitgenossen? Beter können Gericht
aufhalten. Dafür gibt es viele Beispiele. Warum
führte die Kuba Krise nicht zum dritten Weltkrieg? Warum wurde
aus dem kalten Krieg kein heißer? Manches werden wir erst
einmal in der Ewigkeit erfahren.
Gerichte Gottes können ganz unterschiedliche Gestalt haben. Naturkatastrophen, Epidemien unter Tieren oder Menschen, Missernten, Hungersnöte, aber auch Wirtschaftskrisen und Konjunkturflauten, Rezession und Inflation können auf Gottes Gerichtshandeln zurückgehen. Wenn das Geschrei und Klagen über die Ungerechtigkeit, Gewalt und Perversion vor Gott kommen. Wenn es zu wenige Gerechte in der Gesellschaft gibt. Wenn sich zu wenige für die sozial Schwachen und die Ausgebeuteten einsetzen, wenn immer weniger im Gebet vor Gott stehen, dann sind seine Gerichte nicht aufzuhalten.
Kann sein, dass manche von Ihnen zur Kirchweih eine andere, eine schönere Predigt erwartet haben. Dass die Trompeten und Posaunen stolz und feierlich klingen und die Predigt von den großen Leistungen unserer Gemeinde in den vergangenen 48 Jahren berichtet. Aber ich glaube nicht, dass das uns zum Segen gereichen würde. So wie unser Gemeindehaus einer gründlichen Renovierung bedarf, darum ist es seit dieser Woche eingerüstet, so braucht auch unsere Gemeinde, unser Glaube, brauchen wir selbst gründliche Erneuerung. Auch da gibt es Schäden, tiefe Risse, Kälteeinbrüche, Verwitterung.
Ecclesia semper reformanda, die Kirche muss sich immer wieder erneuern lassen, so lautet der reformatorische Grundsatz. Und der Architekt und Bauleiter dieser Erneuerung ist der Herr der Kirche, Jesus Christus selbst. Siehe, ich mache alles neu! Sagt er und fordert alle, die zur Erneuerung bereit sind auf, zu ihm zu kommen und durch tägliche Reue und Buße gegen den alten Menschen anzukämpfen. Sodom und Gomorra sind auch in uns. Die Lust am Bösen, das Leben und Handeln, Denken und Reden ohne Gott und manchmal gegen ihn. Die Verletzungen, die wir anderen zufügen, indem wir sie verachten, gar nicht beachten oder abblitzen lassen.
Es besteht großer Renovierungsbedarf bei uns und es besteht großer Gebetsbedarf auch in unserer Gemeinde, in Ihrem und meinem Leben. Dafür, dass das nicht vergessen wird, dass daran durch das gepredigte Wort Gottes immer wieder erinnert wird, steht unsere Kirche. Hier sollen Menschen vor Gott stehen, wie einst Abraham vor Gott stand und hier sollen wir uns vor Gott beugen für unsere Schuld und für die unseres Volkes, auch für die Menschen, die den Weg in unsere Gottesdienste noch nicht gefunden haben. Vielleicht haben wir sie zu wenig eingeladen oder durch unser Verhalten abgeschreckt.Hier, in diesen Mauern geht es darum Gericht durch Gebet abzuhalten und Gnade im Glauben anzunehmen.
Gericht und Gnade, beides geht von Gott aus und wir können wählen, wir haben Einfluss darauf, ob wir unter dem Gericht Gottes oder unter der Gnade Gottes stehen.
Ach, bleib mit deiner Gnade bei uns, Herr Jesu Christ,
dass uns hinfort nicht schade des bösen Feindes List.
Ach bleib mit deinem Worte bei uns Erlöser wert,
dass uns sei hier und dort einst dein Güt und Heil beschert.
Ach bleib mit deinem Segen bei uns du reicher Herr,
dein Gnad und alls Vermögen in uns reichlich vermehr.
(EG 347,1.2.4)
Amen.
Verfasser: Martin Schöppel, Dr.-Martin-Luther-Str. 18, 95445 Bayreuth, Tel. 0921/41168