Gottesdienst – 1. Korinther 2,12-16
Zur PDFPredigt zu 1. Korinther 2,12-16 am Pfingstsonntag 4.6.06
Paulus schreibt: Wir aber haben nicht empfangen den Geist der Welt, sondern den Geist aus Gott, dass wir wissen können, was uns von Gott geschenkt ist. Und davon reden wir auch nicht mit Worten, wie sie menschliche Weisheit lehren kann, sondern mit Worten, die der Geist lehrt, und deuten geistliche Dinge für geistliche Menschen. Der natürliche Mensch aber vernimmt nichts vom Geist Gottes; es ist ihm eine Torheit, und er kann es nicht erkennen; denn es muss geistlich beurteilt werden. Der geistliche Mensch aber beurteilt alles und wird doch selber von niemandem beurteilt. Denn »wer hat des Herrn Sinn erkannt, oder wer will ihn unterweisen« (Jesaja 40,13)? Wir aber haben Christi Sinn.
Liebe Pfingstgemeinde,
„Mir ist im Leben nichts geschenkt worden. Ich habe mir alles selbst schwer erarbeiten müssen.“ Ältere Leute, die auf eine Reihe von Jahrzehnten zurückblicken, sagen das manchmal. Wenn ich dann ein bisschen nachfrage, erfahre ich von steinigen Wegstrecken und von Schicksalsbrocken aller Art.
Da waren zum Beispiel der Krieg und die bangen Nächte im Luftschutzkeller, lange her, aber nicht vergessen. Da war die Flucht aus den Ostgebieten, mit nichts als dem wenigen, was ein Handkarren fasste. Der knurrende Magen, die kräftezehrende Arbeit auf dem Feld eines Bauern, der Unterschlupf gewährt hatte.
Geschuftet schon in Kinderzeit, oft Rückschläge weggesteckt, Zähne zusammengebissen. Haben Menschen mit solchen und ähnlichen Erinnerungen nicht recht, wenn sie behaupten: „Was ich heute bin und habe, meinen bescheidenen Wohlstand, verdanke ich wirklich mir selbst. Jetzt habe ich zumindest Recht und Anspruch auf eine anständige Rente!“?
Dann und wann schwingt in dieser Äußerung Stolz mit, wohl auch berechtigter Stolz, auf die eigene Leistung und Tüchtigkeit. Ab und zu freilich bricht sich darin eine gewisse Bitterkeit Bahn: „Ich bin auf mich allein gestellt. Mir gibt keiner was!“ Möglicherweise hegen inzwischen wieder Jugendliche unserer Tage solche Gefühle. Und sie setzen ihre Ellbogen ein, um irgendwie obenauf zu bleiben. Kampf schon in der Schule …
Weshalb erzähle ich von Menschen, die so denken und leiden, heute, am heiligen Pfingstfest? Weil gerade diese Menschen, liebe Gemeinde, stellvertretend für uns und alle die stehen, die Pfingsten wirklich brauchen. Pfingsten, das Fest der Ausgießung des Heiligen Geistes.
Vielleicht haben manche unter uns allerdings mit Pfingsten immer noch gewisse Schwierigkeiten. Das dritte der drei großen christlichen Feste scheint so wenig greifbar: keine Krippe, kein Kreuz, nur der Geist.
Die geschichtliche Urkunde dieses Festes, der Pfingstbericht des Lukas in der Apostelgeschichte, macht es uns auch nicht eben leicht. Zungen von Feuer, Brausen vom Himmel, Rausch der Verzückung â hinter all dem Gewaltigen bleibt seltsam verschwommen, was es mit dem ausgegossenen Geist Gottes tatsächlich auf sich hat. Heiliger Geist: was ist das, und wer hat ihn?
Einer, der eine ganz schlichte und verständliche Antwort darauf gefunden hat, scheint mir der Apostel Paulus. Unser Predigtabschnitt beginnt nämlich mit dem Satz: „Wir haben nicht empfangen den Geist der Welt, sondern den Geist aus Gott, dass wir wissen können, was uns von Gott geschenkt ist.“ Wissen können, was uns von Gott geschenkt ist. Darin besteht nach Paulus die Wirkung des Heiligen Geistes. Wissen wir, was uns von Gott geschenkt ist?
Was für eine Frage, mag der ein und die andere denken. Selbstverständlich wissen wir das. Sogar die Schüler im Unterricht geben darauf mitunter spontan die richtige Antwort: Gott hat uns das Leben geschenkt. Dazu vielleicht Gesundheit. Augen, Ohren, Hände, Füße. Er schenkt jedes Jahr das frische Grün und den Duft des Flieders. Dazu freilich die Pollen der Birken und dann Nass im Überfluss und … Doch ja: Gott schenkt uns seine Liebe. Gott schenkt uns seinen Sohn. Gott schenkt uns Gnade und Vergebung.
Wer so spricht, weiß zweifellos einiges und hat zu Hause, in der Schule oder im Gottesdienst gut aufgepasst. Ob Paulus dieses Wissen vom Kopf her meint, ist dennoch höchst fraglich. Denn er schreibt: „Davon reden wir nicht mit Worten, wie sie menschliche Weisheit lehren kann, sondern mit Worten, die der Geist lehrt, und deuten geistliche Dinge für geistliche Menschen.“
Wissen, was uns von Gott geschenkt ist, das lässt sich offenbar nicht einfach auswendig lernen wie die Namen der Gewässer im Landkreis. Angelerntes Wissen über Gottes Gaben â haben das nicht auch meist die Menschen, die im gleichen Atemzug beklagen können: „Mir ist im Leben nichts geschenkt worden!“?
Nein, wirklich wissen können, was uns, mir von Gott geschenkt ist, das braucht ein Wunder. Das braucht den Geist Gottes. Das braucht Pfingsten. Erst der Geist Gottes macht es möglich, dass ich mich als Beschenkte fühle. Als eine, die ist, nicht was sie aus sich und ihrem Leben macht. Sondern als eine, die ist, was sie von Gott empfangen hat und täglich empfängt.
Klar, ich habe gearbeitet und gelernt, damit ich den Talar tragen darf und auf der Kanzel verkündigen. Ich war streng mit mir und diszipliniert, ehrgeizig und ausdauernd. Und doch â waren da nicht so unendlich viele glückliche Umstände und unerwartete Fügungen? So viel Zuspruch und Großzügigkeit des Herrn, so viel Geleit und gütiger Neuanfang Gottes mit mir? Der Geist gibt mir „erleuchtete Augen des Herzens“ für eine Wirklichkeit hinter und in den Dingen. Mein natürliches Sehvermögen reicht dafür nicht aus, es liegt auf zu kurzer Wellenlänge.
Der natürliche Mensch, der Mensch von sich aus sieht im Leben nur seine eigene Kraft. Der vom Geist erleuchtete Mensch dagegen erkennt staunend: Gott selbst hat mich begabt und getragen, ausgestattet und aufgebaut. Der natürliche Mensch sieht im Kreuz, im Kreuz Jesu und auch im eigenen Kreuz, nur das Furchtbare, Niederdrückende, Untergang. Der vom Geist Durchströmte erkennt: Gottes Wege sind wunderbar. In Jesus liegt das Heil für mich und die Welt. Der natürliche Mensch sieht, was er sich alles verdienst und erarbeitet hat. Der geistliche Mensch erkennt: „Herr, deine Gnade, sie fällt auf mein Leben, so wie der Regen im Frühling fällt. Herr, deine Gnade, sie fließt und durchdringt mich ganz.“
Beispiele mag jeder und jede bei sich selbst entdecken. Etwa: Der Mann an meiner Seite â der Himmel schickte ihn mir. Oder: Die Chance nach dem Scheitern â woher wuchs sie mir zu, wenn nicht vom Herrn? Oder: Die Heimkehr aus dem Krankenhaus â Gott lässt mich Zukunft und Hoffnung schmecken. Wollte ich darüber hinaus von letzter Befreiung aus den Krallen der Schuld und den Klauen des Todes jubeln, würde die Predigt kein baldiges Ende finden.
Ein altes Gebetbuch fasst es knapp zusammen: „Große Herrlichkeit haben die Gläubigen schon hier in diesem Leben, nämlich Vergebung der Sünden, die Kindschaft bei Gott, den Frieden mit Gott, einen Tröster in aller Not, einen Fürbitter und Fürsprecher, Freude der Seele, Ruhe in Gott … Große Herrlichkeiten haben sie nach diesem Leben zu erwarten, nämlich den Eingang in den Himmel, das Anschauen des dreieinigen Gottes, die Gesellschaft der heiligen Engel und Auserwählten, die Befreiung von allem Leiden, ein ewiges Wohlsein, und endlich eine fröhliche und selige Auferstehung des Leibes.“ (Stark´s Gebetbuch, S. 258)
„Der natürliche Mensch vernimmt nichts vom Geist Gottes; es ist ihm eine Torheit, und er kann es nicht erkennen“, schreibt Paulus. „Wir aber haben empfangen den Geist aus Gott …“ Wer weiß, was ihm von Gott geschenkt ist, muss ein im tiefen Sinn dankbarer Mensch sein, liebe Gemeinde. Und wer dankbar ist, lebt gern, trotz aller Schwere.
Bist du ein dankbarer Mensch? Ein â nicht immer, aber im Innersten – fröhlicher, getroster, weil beschenkter? Schön, dass wir in unserer Gemeinde solchen Menschen begegnen. Aus ihnen leuchtet der Geist Gottes. Aus ihnen strahlt Pfingsten. Ein jüngeres Pfingstlied drückt es nüchtern aus: „Der Rausch der Verzückung muss es nicht sein, Jubel und Gestikulieren, nur gib uns ein wenig Begeisterung, dass wir den Mut nicht verlieren, ja, gib uns den Geist, deinen heiligen Geist, dass wir den Mut nicht verlieren.“
„Wir aber haben Christi Sinn“, stellt Paulus am Ende volltönend fest. Ist die Bitte um den Geist für ihn und bestimmte Menschen also überflüssig? Brauchen manche Christen den Geist nicht, weil sie ihn schon haben? Womöglich hätten einige von uns heute zu Hause bleiben können, statt hierher zu kommen und Bittlieder um den Heiligen Geist zu singen.
Nein, liebe Gemeinde, so vermessen gebärdet Paulus sich nicht. „Wir haben Christi Sinn“, wir haben den göttlichen Geist: das ist vielmehr eine Zusage für schwache Momente. Ein Trost gerade dann, wenn ich merke, ich stecke voller Zweifel und Zagen. Da bezeugt Paulus:
Ich versage vielleicht morgen schon wieder im Glauben und im Leben, aber ich bin getauft, und Gottes Geist in mir versagt nicht. Mir entfällt die Stärke, aber er hilft meiner Schwachheit auf. Mein Gebet erlahmt, aber der Geist vertritt mich. Ich fühle mich manchmal hart und verlassen von Gott und der Welt, aber der Geist atmet in mir.
Habt ihr solche Momente schon erlebt? Euch erschöpft fallen lassen und aufgefangen sein von mächtigen Kräften? „Hier sind die starken Kräfte, die unerschöpfte Macht …“ (EG 302,3) Ist Gott für mich, kann nichts und niemand mehr gegen mich sein. „Und wenn die Welt voll Teufel wär …“ (EG 362,3)
„Der geistliche Mensch“, gibt Paulus schließlich im Briefabschnitt zu, „… wird von niemandem beurteilt“, abgeurteilt, verworfen, selbst wenn der Anschein das Gegenteil lehrt. Im Letzten sind wir unangreifbar, unverletzlich. Und so mag es sein, dass auch Menschen, die im Brustton der Überzeugung klagen: „Mir ist im Leben nichts geschenkt worden“, doch den Geist haben, der sie vor Gott vertritt. Gott allein weiß es.
Uns allen bleibt die vorhin gesungene Bitte ans Herz gelegt, heute an Pfingsten und an jedem Tag, den wir vor uns haben: „Komm, Heilger Geist, Herre Gott, erfüll mit deiner Gnaden Gut deiner Gläub´gen Herz, Mut und Sinn, dein brennend Lieb entzünd in ihn´. O Herr, durch deines Lichtes Glanz zum Glauben du versammelt hast das Volk aus aller Welt Zungen. Das sei dir, Herr, zu Lob gesungen. Halleluja, Halleluja.“ (EG 125,1) Amen.
Pfarrerin Birgit Ilse Bauer, Kreuzkirche Bayreuth