Gottesdienst – 1 Kor 2, 1-10
Zur PDF2.So. nach Epiphanias, 15 01 06, Kreuzkirche 1Kor 2,1-10
Gnade sei mit euch und Friede, von Gott, dem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Amen.
Wir wollen in der Stille um den Segen Gottes für diese Predigt
bitten: Herr, wir bitten dich um deinen Heiligen Geist zum Reden und
zum Hören. Amen.
Wie kommt eigentlich ein Mensch zum Glauben? In einer Zeit, in
der immer weniger Menschen der Glaube und die Kirche wichtig zu sein
scheint, ist es sicher nicht verkehrt darüber einmal nachzudenken:
Wie kommt ein Mensch zum Glauben?
Durch die Taufe? Durch den Religionsunterricht? Durch die Konfirmation?
Durch lange Diskussionen mit Christen? Oder durch die
Beschäftigung mit der philosophischen Frage nach dem Ursprung der
Dinge? Wie kommt ein Mensch zum Glauben? Wie sind Sie zum Glauben
gekommen? Oder stehen Sie dem Glauben noch kritisch und distanziert
gegenüber? Vielleicht hat Sie ja irgendjemand abgeschleppt zu
diesem Gottesdienst, so etwas soll’s ja schon gegeben haben. Mag sein,
dass Sie heute auch eher zufällig hier herein geraten sind.
Durch die Taufe? Also, durch die Taufe allein kommt man wohl
noch nicht zum Glauben, sonst könnte es keine kritisch
distanzierten Christen geben und die Kreuzkirche würde nicht
einmal ein Fünftel der Getauften unserer Gemeinde fassen. Durch
die Taufe wird man vielleicht offiziell Kirchenmitglied, aber noch
lange nicht gläubig.
Immerhin kommt ein volkskirchlich getauftes Kind dann in der Schule automatisch in den kirchlichen Unterricht. Aber auch im Religionsunterricht
scheint es eher selten zu sein, dass Schüler zum Glauben kommen.
Da geht es laut den globalen Lernzielen eher um religiöse
Wissensvermittlung, um Kenntnisse über den christlichen Glauben
und die nichtchristlichen Religionen. In den Gymnasien beschäftigt
man sich intensiv mit den Argumenten gegen den Glauben und mit
philosophischen Modellen und kaum mit der Hinführung zum
christlichen Glauben. Auch wenn das erschütternd ist: Vielleicht
haben in den letzten Jahrzehnten mehr Jugendliche durch den
Religionsunterricht ihren Glauben verloren, als dort zum Glauben
gefunden haben.
Die Praxis der letzten Jahrzehnte zeigt leider, dass die Konfirmation
auch keine sichere Methode ist um junge Menschen zum Glauben zu
führen. Viele hören gerade nach der Konfirmation auf zu
glauben. Sie verschwinden aus den Gottesdiensten und verlieren das
wenige, was sie vielleicht gelernt haben und geben den Glauben, der
gerade ein wenig zu keimen begonnen hat wieder auf. Manche Pfarrer
haben sich längst damit abgefunden.
Ich will mich nicht damit abfinden. Ich bete darum und sicher auch
viele von Ihnen, dass auch nicht einer oder eine von euch nach der
Konfirmation aufhört zu glauben und dem Herrn Jesus den
Rücken kehrt. Es gibt keinen verlässlicheren Begleiter auf
dem Lebensweg als den Herrn Jesus und kein besseres Lebensziel als
seine Herrlichkeit.
Zum Glauben kommt man auch nicht durch heiße Diskussionen und
kluge Argumente. Oder ist jemand unter uns, der durch eine
religiöse Auseinandersetzung ein gläubiger Mensch geworden?
Und die komplizierten Denkmodelle der Philosophie machen das Glauben
auch nicht gerade leichter. Mit dem Verstand fassen wir es einfach
nicht. Weder Gott, noch den Heiligen Geist, noch das Kreuz und die
Erlösung. Wir können Gottes Ewigkeit genauso wenig begreifen
wie seine Dreieinigkeit als Vater, Sohn und Heiliger Geist. Selbst wenn
wir es könnten, wäre der Glaube immer noch Theorie.
Zum lebendigen Glauben kann man nur durch das Zeugnis von Jesus
Christus, dem Sohn Gottes und durch die Botschaft von seinem Kreuz
kommen. Es muss jemand da sein, der Jesus als den lebendigen Heiland
selbst erlebt hat und der anderen davon erzählt, dass Jesus am
Kreuz alle Schuld auf sich genommen hat, der uns seine Liebe und sein
Erbarmen groß macht. Nur wo der Glaube so persönlich bezeugt
wird, kann jemand zum Glauben kommen.
Und es muss zweitens ein suchendes, offenes Gegenüber da sein.
Jung oder alt, reich oder arm, gebildet oder einfach, ein Mensch, der
ehrlich ist sich selbst gegenüber und der sagt: Ja, auch ich
brauche einen Retter, sonst bin ich verloren. Auch ich brauche einen
Befreier, denn ich bin verstrickt in meiner Schuld und komme aus den
Zwängen meines Lebens nie mit eigener Kraft heraus. Auch ich will
diesen Jesus als meinen Herrn annehmen, anbeten und mich unter ihn
stellen. Nur so kommen bis heute Menschen zum Glauben. Es gibt keine
andere Methode, keinen neueren Weg zum Glauben.
Jesus allein und die Botschaft vom Kreuz und der Vergebung, von Auferstehung und zukünftiger Herrlichkeit Gottes können auch heute noch Menschen retten, die ehrlich sind und sich erlösen lassen.
Als 1993 die erste Satellitenevangelisation „ProChrist“ stattfand,
hielt der amerikanische Erweckungsprediger Billy Graham, damals auch
schon in fortgeschrittenem Alter, die Predigten. Er wurde von vielen
Theologen und klugen Leuten kritisiert, weil er nichts anderes tat als
mit einfachen Worten das Evangelium zu verkündigen und die
Menschen aufforderte umzukehren und Jesus ihre Schuld und ihr ganzes
Leben zu übergeben. Die Kritiker meinten, er hätte
klüger, moderner, zeitgemäßer predigen sollen. Aber er
tat es nicht. Er bezeugte einfach und schlicht Jesus als den Heiland.
Und das erstaunliche geschah: Viele kamen zum Glauben.
Warum das so ist, wird immer Gottes Geheimnis bleiben. Es ist
rational, vernünftig, logisch oder philosophisch nicht
erklärbar. Aber es ist so. Heute wie damals. Auch unser heutiges
Schriftwort für die Predigt sagt uns das. Der Apostel Paulus
schreibt es in seinem I. Brief an die Korinther im 2. Kapitel:
Ihr Lieben! Als ich zu euch kam und euch Gottes Botschaft brachte, habe ich das nicht mit hochtrabenden Worten und klugen Gedanken getan. Ich wollte von nichts anderem sprechen als von Jesus Christus und von seinem Tod am Kreuz. Dabei fühlte ich mich schwach und elend, war voller Angst und Furcht. Was ich euch sagte und predigte, war nicht ausgeklügelte Überredungskunst, durch mich sprach Gottes Geist und wirkte seine Kraft.
Denn euer Glaube sollte sich nicht auf Menschenweisheit gründen, sondern auf Gottes rettende Kraft. Dennoch erkennt jeder im Glauben gereifte Christ, wie wahr und voller Weisheit diese Botschaft ist, auch wenn diese Welt und ihre Machthaber das nicht als Weisheit gelten lassen wollen. Aber die Welt mit aller ihrer Macht wird untergehen.
Die Weisheit, die wir verkündigen, ist Gottes Weisheit. Sie bleibt ein Geheimnis und vor den Augen der Welt verborgen. Und doch hat Gott, noch ehe er die Welt schuf, in seiner Weisheit beschlossen, uns an seiner Herrlichkeit teilhaben zu lassen.
Von
den Herrschern dieser Welt hat das keiner erkannt. Sonst hätten
sie Christus, den Herrn der Herrlichkeit nicht ans Kreuz geschlagen. Es
ist vielmehr das eingetreten, was schon der Prophet Jesaja vorausgesagt
hat: „Was kein Auge jemals sah, was kein Ohr jemals hörte, und
was sich kein Mensch vorstellen kann, das hält Gott für die
bereit die ihn lieben.“
Uns aber hat Gott durch den Heiligen Geist sein Geheimnis
enthüllt. Denn der Geist Gottes weiß alles, er kennt auch
Gottes tiefste Gedanken. So weit Paulus.
Die Weisheit, die wir verkündigen, ist Gottes Weisheit. Sie bleibt
ein Geheimnis und vor den Augen der Welt verborgen. Ja, die Sache mit
Jesus und dem Kreuz bleibt ein unbegreifliches Geheimnis. Warum Gott
damals diesen Weg gewählt hat um seine Macht zu zeigen und um
Menschen zu retten bleibt bis in die Ewigkeit sein Geheimnis. Aber bis
in die Ewigkeit wird dieses Geheimnis wirksam bleiben und seine Kraft
werden alle die erfahren, die sich ohne wenn und aber darauf einlassen.
Die anderen sind allenfalls interessiert, religiös, ein wenig
christlich bis gut kirchlich, aber sie haben keinen lebendigen Glauben,
der sie durch Krisen und Krankheiten, durch Nöte und Niederlagen
trägt und hält.
Ein schwäbischer Pfarrer hatte sich jahrelang bemüht, seiner
Gemeinde und erst recht seinen Konfirmanden die Sache mit dem
gekreuzigten Jesus einleuchtend zu machen. Dabei merkte er, dass seine
ganze jahrelang studierte Theologie ihn dabei im Stich ließ. Alle
Vergleiche und Beispiele, die er zur Erklärung des Kreuzestodes
Jesu heranzog, schienen ihm letzten Endes unangemessen und schwach.
Von heute auf morgen musste er sich einer schweren Krebsoperation
in der Universitätsklinik Bonn stellen. Am Abend vor dem Eingriff
hatten seine Angehörigen und Freunde mit ihm gebetet. Ein
befreundeter Pfarrer hatte ihm ein stärkendes Bibelwort
zugesprochen. Aber noch wichtiger wurde ihm, so berichtete er nachher,
als beim Hineinschieben des Bettes in den Operationssaal, im Licht der
grellen Lampen im Gestänge über dem Operationstisch, ein
Kreuz sichtbar wurde. Zwei Stangen, die sich kreuzten erinnerten ihn an
das Kreuz Jesu. Da kam über den geängstigten Kranken mit
einem Mal die Nähe Jesu wie ein bergender Mantel. Er fühlte
sich geborgen.
Geheimnis des Kreuzes: Wenn es ernst wird mit Schuld oder Not, dann
spürst du seine Kraft. Kein Mensch kann es erklären. Wenn es
geglaubt wird, das Kreuz, als rettendes Siegeszeichen Jesu, dann hat es
eine unendlich starke Kraft. Sie kann einen Schwerkranken, wie in
diesem Bericht festhalten.
Sie kann einer überforderten Mutter helfen die Dinge wieder klar zu sehen und zu ordnen. Kraft des Kreuzes Jesu.
Sie kann einen völlig Verzweifelten davon abhalten vor den heranrasenden Intercity zu springen.
Sie kann einem jungen Mädchen oder Mann helfen mit der enttäuschten großen Liebe fertig zu werden.
Kraft des Kreuzes Jesu ist grenzenlose Kraft, zeitlose Kraft, geschenkte Kraft. Aber sie will geglaubt werden.
Glaubende müssen nicht glänzen. Sie müssen nicht
makellos sein. Die göttliche Weisheit ist so stark, dass sie auch
mit schlechten Zeichen und schwachen Zeugen ihr Werk zum Ziel bringt.
Auf unserem Altar steht nicht eine goldene Schallplatte, liegt kein
Nobelpreis, steht keine Bilanz der guten Taten, sondern ein
großes Kreuz. Was ist das nur für ein Zeichen? Eigentlich
ist das Kreuz die Bilanz der schlechten Taten. Unserer schlechten
Taten. Zeichen unserer Sünde, aber auch Zeichen göttlicher
Macht und Liebe.
Gott hat für seine Sache nicht die mächtigsten und
klügsten Köpfe der Welt ausgewählt. Nicht Augustus oder
Karl den Großen, nicht Sokrates oder Plato haben Gottes Weisheit
und Geheimnisse unter die Leute gebracht, sondern Leute ohne
wissenschaftliche Bildung und ohne theologische Schulung wie die
Fischer Petrus und Johannes.
Wenn es Gott gefällt, dann benutzt er einen Überläufer,
der die Fronten wechselt wie Paulus, einen Lebemann wie Augustinus,
einen gescheiterten Mönch wie Martin Luther, einen alternden
Evangelisten wie Billy Graham oder einen kleinen landeskirchlichen
Pfarrer, oder dich oder Sie und andere. Nicht weil wir herausragende
Persönlichkeiten wären, sondern weil es Gott gefällt,
mit den Schwachen und Angeschlagenen, mit denen, die aus weltlicher
Sicht nichts bedeuten, sein Reich zu bauen.
Die geistliche Karriere eines Saulus von Tarsus als jüdischer
Schriftgelehrter war mit seinem Wechsel zu den Christen vorbei. So
dachten die Frommen in Jerusalem: Der kriegt keinen Fuß mehr auf
den Boden. Aber es hat Gott gefallen gerade diesen Mann durch ganz
Kleinasien und bis nach Europa zu schicken um Kirche zu bauen,
Gemeinden zu gründen, Evangelium vom Kreuz und von Erlösung
durch Jesus zu verkündigen. Obwohl, ja vielleicht weil dieser
Paulus sich nichts einbildete. Ich erinnere noch einmal an Verse des
Predigttextes vom letzten Sonntag aus dem ersten Kapitel des 1.
Korintherbriefes, wo der Apostel schrieb:
Wer von Menschen geringschätzig behandelt, ja
verachtet wird, wer bei ihnen nichts zählt, den will Gott für
sich haben. Aber alles, worauf Menschen so großen Wert legen, das
hat Gott für null und nichtig erklärt. Vor Gott stehen wir
alle mit leeren Händen.(1.Kor.1,28-29)
Aber manche haben das offensichtlich noch nicht gemerkt. Und darum
bauen sie weiter auf ihre Kraft und ihren Verstand, manchmal auch
Tricks und Tücke oder zeigen auf die Fehler der anderen und
stellen sich selbst ins Rampenlicht. Sie wollen sich und die Welt
selber retten und erlösen und merken nicht wie Gott sie
durchschaut und an ihrer eigenen Weisheit scheitern lässt.
Mit einem unansehnlichen und unmöglichen Zeichen, dem Kreuz,
und mit völlig unfähigen Leuten fährt Gott seine Siege
ein. Der Sieger heißt Jesus, der Gekreuzigte und Auferstandene.
Mit ihm siegen alle, die sich nicht auf sich selbst, sondern auf ihn
verlassen. Auch gegen Vernunft und Wahrscheinlichkeit, gegen den Trend
oder gegen die Masse. Kreuz, Geheimnis des Glaubens. Kreuz, Weg in die
Herrlichkeit Gottes.
Auf einem Wegkreuz bei Meran findet sich folgende Inschrift:
gibt der Seele tiefe Ruh.
Denn ohne Lieb ist Kreuz zu schwer,
und ohne Kreuz täuscht Liebe sehr.
Wirklich lieben kann im Grunde nur, wer sich als geliebt erfährt.
Und genau dies ist zu erfahren in der Begegnung mit dem Gekreuzigten.
Wenn mich aber Gottes Liebe packt, wird mir auch der Mut geschenkt, den
ich brauche. Mut zum Auspacken oder Mut zum Anpacken. Mut zum Abgeben,
Mut zum Loslassen, der Mut zum Lieben oder der Mut zum Kämpfen.
Mut zum Verzichten und Mut Glauben zu wagen.
So wirkt Gottes Geist an denen, die sich dem Geheimnis des Gekreuzigten
stellen. Nur durch die Begegnung mit dem Gekreuzigten kommt ein Mensch
zum Glauben. Unter dem Kreuz finden wir dann Frieden, Frieden mit Gott,
Frieden mit uns selbst und Frieden mit den Menschen um uns herum.
Amen.
Verfasser: Pfarrer Martin Schöppel, Dr.-Martin-Luther-Str.18, 95445 Bayreuth, Tel.O921/4l168