Gottesdienst – 1. Kor 13, 1-13

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Etomihi 14.02.2010 1 Kor 13,1-13

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen.

Wir wollen in der Stille um den Segen des Wortes Gottes bitten … Herr, wir bitten dich, gib uns deinen Heiligen Geist zum Reden und zum Hören. Amen.

Eine Prinzessin bekommt von ihrem Verlobten zu ihrem Geburtstag ein großes schweres Paket. Voller Vorfreude öffnet sie es und entfernt die Verpackung. Schließlich hält sie eine dunkle unansehnliche Eisenkugel in der Hand. Enttäuscht und verärgert wirft sie die Kugel von sich. Aber als sie auf den Boden fällt zerspringt sie und eine silberne Kugel rollt heraus. Die Prinzessin hebt sie erstaunt auf, dreht und wendet sie in ihren Händen. Plötzlich hat sie zwei Hälften der Kugel in der Hand und das Innere gibt ein goldenes Kästchen preis. Als die Prinzessin es öffnet, findet sie einen kostbaren Diamantring und einen kleinen Zettel, mit den Worten: Aus Liebe zu Dir.

So ähnlich ist das mit der Bibel. Sie ist ein schweres und unansehnliches dickes Buch. Alt und wenig attraktiv. Aber wer sich mit ihr befasst und die Geschichten und Worte in ihr näher untersucht, dem wird sie immer kostbarer. Der entdeckt ihren Wert, kommt dem Schatz immer näher, bis er hinter den schweren Worten von Sünde und Kreuz den Diamant entdeckt und den persönlichen Brief Gottes auf dem steht: Aus Liebe zu Dir.

Gottes Liebe zu uns in Jesus Christus ist der wahre Inhalt, der einzigartige Diamant, der zunächst verpackt und verborgen ist, den wir suchen und finden sollen mit der persönlichen Botschaft: Du bist von Gott geliebt! Mit all Deiner Lieblosigkeit und Deiner Schuld. Die Liebe Gottes in Jesus Christus will Dich befreien von Gericht und Sünde und in Dir solche Liebe wecken und wirksam machen.

In unserem Schriftwort für die Predigt heute führt der Apostel Paulus uns ganz nahe an diesen innersten Kern der Bibel. : Was ist das Wichtigste im Leben und im Glauben eines Menschen? Seine Antwort steht im 13. Kapitel des 1.Korinther-briefes. Es ist eines der gewaltigsten und wichtigsten Stücke des Neuen Testaments, das man immer wieder lesen und bedenken sollte. Es wird das Hohe Lied der Liebe genannt, weil für Paulus die Liebe das Wichtigste im Leben und auch im Glauben ist. Er schreibt:

Ohne Liebe bin ich nichts, selbst wenn ich in allen Sprachen der Welt, ja mit Engelszungen reden könnte, aber ich hätte keine Liebe, so wären alle meine Worte hohl und leer, ohne jeden Klang, wie dröhnendes Eisen oder ein dumpfer Paukenschlag.
Könnte ich aus göttlicher Eingebung reden, wüsste alle Geheimnisse Gottes, könnte seine Gedanken erkennen und hätte einen Glauben, der Berge versetzt, aber mir würde die Liebe fehlen, so wäre das alles nichts.
Selbst wenn ich all meinen Besitz an die Armen verschenken und für meinen Glauben das Leben opfern würde, hätte aber keine Liebe, dann wäre alles umsonst.
Die Liebe ist geduldig und freundlich. Sie kennt keinen Neid, keine Selbstsucht, sie prahlt nicht und ist nicht überheblich.
Die Liebe ist weder verletzend, noch auf sich selbst bedacht, weder reizbar, noch nachtragend.
Sie freut sich nicht am Unrecht, sondern freut sich, wenn die Wahrheit siegt. Die Liebe erträgt alles, sie hofft alles und hält allem stand.
Einmal werden keine Propheten mehr zu uns sprechen, das Beten in anderen Sprachen wird aufhören, die Erkenntnis der Absichten Gottes mit uns wird nicht mehr nötig sein. Nur eins wird bleiben: Die Liebe.
Denn unsere Erkenntnis ist bruchstückhaft, ebenso wie unser prophetisches Reden.
Wenn aber das Vollkommene – Gottes Reich – da ist, wird alles Vorläufige vergangen sein.
Als Kind redete, dachte und urteilte ich wie ein Kind. Jetzt bin ich ein Mann und habe das kindliche Wesen abgelegt.
Noch ist uns bei aller prophetischen Schau vieles unklar und rätselhaft. Einmal aber werden wir Gott sehen, wie er ist.
Jetzt erkenne ich nur Bruchstücke, doch einmal werde ich alles klar erkennen, so deutlich, wie Gott mich jetzt schon kennt.
Was bleibt, sind Glaube, Hoffnung und Liebe. Die Liebe aber ist das Größte.

Das Wichtigste im Leben und auch im Glauben ist also die Liebe. Widerspricht da jemand? Nein! Wir haben es alle schon erlebt, wo die Liebe fehlt, da bleiben wir leer und unzufrieden, da fehlt auch die Freude, da gibt es kein Glücklichsein. Und die schönsten Momente im Leben sind die, in denen wir die Liebe von Menschen oder die Liebe Gottes spüren.


Der Jünger Johannes schreibt in seinem 1. Brief: Gott ist die Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm. (1.Joh.4,16) Dass Gott die Liebe ist, hat er bewiesen durch Jesus Christus. So lieb hat Gott diese verlorene, verdorbene, mit Bösem angereicherte Welt, dass er trotzdem zu ihr kommt. Er gibt ihr das liebste, was er hat, um sie damit zu retten aus ihrem Untergang. Die Welt? Das sind für ihn zuerst die Menschen. Menschen, denen er seine Welt anvertraut hat und die sie an den Rand des Untergangs gebracht haben.

Die Menschen haben die Welt zum Pulverfass, zum Giftcocktail, zur Mördergrube, zur Hungerwüste, zur Folterkammer gemacht. Und in diese furchtbaren Abgründe schickt Gott seinen Sohn um die Welt und ihre Bewohner zu retten. Jesus lässt sich schicken. In Gethsemane ringt er sich betend durch um der göttlichen Liebe willen. Am Kreuz von Golgatha hält er durch, bis es vollbracht ist. Durch ihn wird das böse hässliche Kreuz zum Zeichen der unermesslichen Liebe Gottes. Alles, was nicht Liebe ist, wird an seinem Kreuz verwandelt, ausgelöscht, neu gemacht.

Wenn man diese Sätze des Apostels Paulus von der Liebe liest, dann geht einem ja, wenn man ehrlich ist, doch schnell auf, wie wenig man selber Liebe hat. Wie viel einem da fehlt. Von Pfr. Busch las ich, wie er einmal an seinem Schreibtisch saß und dabei war über einen kurzen Satz aus diesem Hohen Lied der Liebe eine Andacht zu schreiben. Über den Satz: Die Liebe ist freundlich.

Das schrille Geräusch der Türglocke riss ihn aus seinen Gedanken. Er war allein zu Hause, musste also selber öffnen. Etwas verdrießlich ging er an die Türe und öffnete. Eine regennasse Frau klappte ihren Schirm zu und sagte: „Ich wollte eigentlich zu den Leuten, die oben wohnen.“ „Ja, dann gehen sie doch!“ erwiderte Busch etwas gereizt, „ich hindere Sie nicht!“ Da scheint aber niemand da zu sein, es macht keiner auf.“ Busch zuckte die Achseln. „Na, dann will ich mal wieder gehen“, meinte die Frau, spannte ihren Schirm wieder auf, drehte sich um und entfernte sich.

Ärgerlich über die sinnlose Störung begab Pfarrer Busch sich wieder an seinen Schreibtisch. Wo war er stehen geblieben? Da traf es ihn wie ein Blitzschlag, so erzählt er, vor ihm lag das Bibelwort, über das er die Andacht schreiben wollte: Die Liebe ist freundlich. Da hatte er seine Andacht.

Als ich gestern an meiner Predigt saß und gerade mit dieser Geschichte beschäftigt war, klingelte es an der Tür. Ich war allein zu Haus, musste also meine Arbeit unterbrechen. Ich nahm den Hörer der Sprechanlage und hörte an der Stimme und dem gebrochenen Deutsch: Das ist wieder der Bettler, der von Zeit zu Zeit auftaucht. – Was soll ich Ihnen sagen, ich hab mich nicht getraut ihn wieder mit leeren Händen wegzuschicken. Es war ja fast, als ob er genau in diesem Moment geschickt worden wäre um zu prüfen, ob ich’s verstanden habe.

Man kann ja schön über die Liebe theoretisieren, aber die nasse Frau an der Haustüre, der penetrante Penner, die nervenden Kinder, der mürrische Ehemann, der sture Beamte, der blöde Lehrer, der arrogante Arzt, und wie wir unsere lieben Mitmenschen im praktischen Leben sonst noch in Gedanken oder mit Worten titulieren, das sind die praktischen Aufgaben der Liebe, an denen der Grad unserer Liebe gemessen wird.

Wie oft stehe ich selbst als Bettler an Gottes Türe und er schickt mich nicht zornig wieder weg. Er lässt mich nicht mit leeren Händen ziehen, sondern sieht mich freundlich und liebevoll an und hilft mir wieder ein Stück weiter, obwohl er weiß, dass ich mich selbst in diese Lage gebracht habe und auch weiß, dass ich auch wieder kommen werde.

Aber es fällt uns gar nicht leicht von seiner Liebe zu lernen. Schon im Umgang mit denen, die uns am nächsten stehen, tun wir uns schwer. Ein Ehepaar geriet in Streit: „Warum hältst du mir immer die Fehler vor, die ich früher einmal gemacht habe? Ich denke, du hast sie mir längst vergeben und vergessen.“ – Ja, ich hab dir vergeben, und auch vergessen,“ antwortete die Ehefrau, „aber ich möchte auch sicher sein, dass du nicht vergisst, dass ich dir vergeben und alles vergessen habe!“

Die Liebe ist nicht nachtragend, „sie rechnet das Böse nicht zu“, übersetzte Martin Luther. Nicht so, wie jenes andere Ehepaar, das nach ewigen Streitereien bei einem Seelsorger Rat und Hilfe suchte. Während des Gesprächs zog zum Entsetzen des Pfarrers der Ehemann ein Büchlein heraus und fing an vorzulesen: Am 19. Juli hat meine Frau zu mir gesagt…; am 20. Juli hat sie das und das getan…; am 21. Juli hat sie… und so ging es dann weiter. Ein Schuldbuchhalter.

Haben wir nicht alle so ein Notizbüchlein? Wenigstens im Kopf, in dem wir fein säuberlich vermerken, was uns andere antun? Wer unter den Einfluss der Liebe Jesu, wer in die Nähe seines Kreuzes kommt, der kann doch diese ganzen alten Aufzeichnungen nur vernichten, so wie Jesus am Kreuz unseren eigenen Schuldschein vernichtet.

Es gibt eine Novelle von dem dänischen Dichter Jens Jakobsen, in der er die Kreuzigungsszene schildert. Er schreibt dann weiter: „Da sah Gottes Sohn, dass sie der Erlösung nicht wert waren. Und er riss seine Füße über den Kopf des Nagels heraus, er ballte die Hände und riss sie los und er sprang herab und er riss sein Gewand an sich mit dem Zorn eines Königs und fuhr zum Himmel auf. Und das Kreuz blieb leer stehen und das Werk der Versöhnung wurde niemals vollbracht…“

Bestimmt wäre es so gewesen, wenn Jesus so wäre wie wir. Aber er blieb am Kreuz, bis zum Ende. Denn in seinem Herzen brannte die Liebe Gottes. Und die sah die vielen Millionen an der Liebe Gescheiterten, die ohne sein Durchhalten verloren sein würden. Er sah sie alle mit einem tiefen liebenden Erbarmen an. Die Frau, den Mann, den Sohn, die Tochter, den Chef, den Kollegen, den Lehrer, den Schüler, Sie und mich. Er sah uns an und wusste: Ohne meine Liebe sind die alle verloren. Und darum blieb er an seinem Kreuz, bis es vollbracht war, damit auch für uns noch Liebe da ist. Liebe, von der wir leben, Liebe, die wir uns schenken lassen dürfen, um sie weiterzugeben.

In Riesi, einer kleinen Bergwerkstadt auf Sizilien wurde einst ein Bahnhof gebaut, ein Bahnsteig und Signalanlagen. Aber es wurden nie Schienen gelegt, darum konnte nie ein Zug ankommen und auch keiner abfahren. Der Bahnhof blieb leer und tot. So sind manche Menschen. Sie haben Ohren um zu hören, was Gott ihnen sagen will, sie haben Herzen, um Gottes Liebe zu empfangen und Hände um die empfangene Liebe weiterzugeben. Aber sie haben die Verbindung zu Gott nie gesucht oder abgebrochen, darum Kann Gottes Liebe bei ihnen nicht ankommen und auch nicht von ihnen ausgehen.

Und wenn wir seine Liebe nicht in unsere Herzen lassen, werden wir auch wie der Bahnhof von Riesi, leer und sinnlos.

Jesus ist geduldig und freundlich. Er kennt keinen Neid, keine Selbstsucht, er prahlt nicht und ist nicht überheblich. Jesus ist weder verletzend, noch auf sich selbst bedacht, weder reizbar, noch nachtragend.
Jesus freut sich nicht am Unrecht, sondern freut sich, wenn die Wahrheit siegt. Jesus erträgt alles, hofft alles und hält allem stand.

Paulus hat dieses Kapitel an die zerstrittenen Christen in Korinth geschrieben. Aber es gilt auch für die zerstrittenen, beleidigten, empfindlichen, nachtragenden Christen von Bayreuth. Es ist wie ein Wegweiser, der uns zeigt, wo der Weg der Nachfolge Jesu, wo der Weg eines Christen lang geht. Es ist der Weg der Liebe. Nicht die Erfüllung von Geboten und Dogmen ist das Wichtigste. Nicht die Ableistung irgendwelcher Pflichten oder die Vermeidung von Fehlern, sondern die Liebe zu Gott und den Menschen, die dahinter steht.

Meinen Sie nicht auch, es täte uns gut, diese Zeilen immer wieder zu lesen und uns zu Herzen zu nehmen. Nach einem Streit in der Familie oder Ehe, nach einem unerfreulichen Telefonat oder vor einem schwierigen Gespräch. Vor einem Schultag oder nach einem stressigen Arbeitstag. Die Liebe des Herrn Jesus schließt harte Herzen auf, macht finstere Blicke hell und verwandelt bittere Mienen in freundliches Lächeln.

Nimm Gottes Liebe an, du brauchst dich nicht allein zu mühn,
denn seine Liebe kann in deinem Leben Kreise ziehn.
Und füllt sie erst dein Leben und setzt sie dich in Brand,
gehst du hinaus, teilst Liebe aus, denn Gott füllt dir die Hand.

Amen.

Verfasser: Martin Schöppel , Dr.-Martin-Luther-Str.18, 95445 Bayreuth, Tel. 0921/41168