Gottesdienst – 1.Kor. 1,26-31
Zur PDF1.Sonntag nach Epiphanias, 08.01.2006, 1.Kor. 1,26-31
Gnade sei mit euch und Friede, von Gott, dem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Amen.
Wir wollen in der Stille um den Segen Gottes für diese Predigt bitten: Herr, wir bitten dich um deinen Heiligen Geist zum Reden und zum Hören. Amen.
Das heutige Schriftwort für die Predigt steht im 1. Korintherbrief im 1. Kapitel, Verse 26-31:
Seht doch liebe Brüder auf euere Berufung. Sind unter euch, die Jesus nachfolgen, wirklich viele, die man als gebildet, einflussreich oder angesehen bezeichnen könnte?
Nein, denn Gott hat sich die Schwachen ausgesucht, die aus
menschlicher Sicht Einfältigen, um so die Klugen zu
beschämen. Gott nahm sich der Schwachen dieser Welt an, um die
Starken zu demütigen. Das Geringe vor der Welt und das Verachtete hat Gott
erwählt, das, was nichts ist, damit er zunichte mache, was etwas
ist, damit sich kein Mensch vor Gott rühme.
Auch ihr verdankt alles, was ihr seid, der Gemeinschaft mit
Jesus Christus. Er ist Gottes Weisheit und Gerechtigkeit für uns.
Durch ihn werden wir geheiligt und erlöst.
Wenn jemand stolz sein will, soll er auf das stolz sein, was Gott für ihn getan hat.
Ob diese Zeilen für uns tröstlich und aufbauend sind
oder eher warnend, das hängt davon ab, wie wir uns selbst
einschätzen. Für alle, die stolz von sich sagen: Ich
hab’s doch zu was gebracht! Ich habe beruflichen Erfolg, ich habe
Macht und Einfluss. Ich bin doch wer! Sind die Worte des Apostels ein
Hinweis darauf, diese Haltung zu überdenken.
Alle, die sich eher für unbedeutend halten, die sich wenig
zutrauen, die immer wieder Misserfolge erleben und unter ihren Fehlern
leiden, erfahren hier, dass gerade sie von Gott ausgewählt sind. Das Geringe und Verachtete vor der Welt, das hat Gott erwählt. Die Ungeschickten und Unbedeutenden kann er brauchen.
Warum schreibt der Apostel das gleich am Anfang seines Briefes an
die Gemeinde in Korinth? Weil es dort Streit und Machtkämpfe gab.
Da waren einige, die unbedingt an der Spitze stehen wollten, die ihr
Können, ihren Glauben, ihre geistliche Bedeutung besonders
hervorgehoben haben, um ihre Führungsansprüche zu
begründen.
Da hieß es: „Ich bin von Paulus getauft worden, du nur von
Apollos!“ Die nächsten konnten das sogar noch toppen und meinten:
„Wir sind von Petrus selbst, dem Jünger des Herrn getauft. Die
Gemeindeleitung steht natürlich uns zu!“ Da war in diese junge
Christengemeinde in Korinth bereits nach wenigen Jahren etwas Falsches
hineingekommen. Menschen suchten ihre eigene Ehre und rühmten sich
ihrer Vorzüge, anstatt Gott zu rühmen und Jesus die Ehre zu
geben.
Als der Apostel Paulus von dieser Entwicklung erfährt,
greift er sofort ein. Er schreibt diesen Brief und versucht die
Korinther zurecht zu bringen. Und es ist gut, dass dieser Brief nicht
bei den Korinthern in der Versenkung verschwunden ist, sondern von
Gemeinde zu Gemeinde weitergereicht und immer wieder gelesen worden
ist, bis er mehr als hundert Jahre später von den Bischöfen
der frühen Christenheit in die Sammlung des Neuen Testamentes
aufgenommen wurde.
Es ist heute noch eine besondere Gefahr, dass Menschen sich
selbst groß machen, an die Spitze drängen, auf andere
herabschauen und sich selbst rühmen. So läuft es in der
Politik, in den Kommunen, in der Wirtschaft, in Vereinen, in
Schulklassen und leider oft auch in der Kirche. Man präsentiert
sich und profiliert sich. Die sich für die Besten halten kommen
zum Zug. Und das auch nur dann, wenn sie sich gut darstellen
können.
Vielleicht muss das in der Welt und nach den Gesetzen von Politik
und Gesellschaft auch so sein. Aber Gott hat andere Kriterien und
Pläne. Wer in den Augen der Menschen prädestiniert ist
für große Aufgaben, muss bei Gott nicht unbedingt den Vorzug
bekommen. Und wer menschlich beurteilt für eine große
Aufgabe nicht in Frage kommt, kann von Gott gerade deshalb dafür
bestimmt werden.
Der Kirchenvater und Ordensgründer Franz von Assisi(1182
-1226) wurde einmal am Ende seines segensreichen Lebens gefragt, warum
er so viel für Gott tun konnte. Er antwortete darauf: „Wahrscheinlich
war das der Grund: Gott sah vom Himmel herab und sprach: Wo kann ich
den schwächsten, den geringsten und armseligsten Mann auf dieser
Erde finden? Dann sah er mich und dachte: Ich hab ihn gefunden. Ich
will durch ihn wirken, denn er wird sich nichts darauf einbilden und
meine Ehre nicht für sich selbst in Anspruch nehmen. Er wird
wissen, dass ich ihn immer gerade seiner Niedrigkeit und
Unbedeutsamkeit wegen benutzte!“
Später wurde Franziskus heilig gesprochen, obwohl er das
sicher selbst nie gewollt hätte. Er wusste: Nicht ich bin heilig,
sondern Jesus hat mich geheiligt. Nicht ich bin gerecht, sondern
Christus hat mich gerecht gemacht. Wer von sich selber nicht so viel
hält und erwartet, ist darauf angewiesen von Jesus alles zu
erwarten und ihm die Ehre zu geben.
Es ist eine große Versuchung, dass Leute die im Vergleich
zu anderen gut abschneiden, diese Demut und Bescheidenheit verlieren.
Die Elite hat es schwerer vor Gott die richtige Einstellung zu finden.
Hin und wieder gibt es sie aber doch, Direktoren, Minister,
Professoren, Bischöfe, Ärzte, Abgeordnete, die trotz ihrer
hohen Stellung bescheiden geblieben sind. Manchmal auch Prominente in
der Musik- Film- oder Sportszene, die sich ein nicht überhebliches
Auftreten bewahrt haben. Aber es ist selten geworden. Meist sind sie
dann besonders beeindruckende Persönlichkeiten, obwohl sie nicht
darauf aus sind Eindruck zu schinden.
Bereits in den Schulen, später an den Universitäten
lassen sich junge Frauen und Männer oft anmerken, dass sie sehr
wohl wissen, wer sie sind und was sie können. Man sonnt sich gern
in dem Ruhm eigener Leistungen und lebt in dem Denken: Ich hab’s
zu was gebracht. Und vergisst dabei, dass man sich die Intelligenz, den
klaren Verstand, das Denkvermögen und Talent nicht selbst gegeben
hat.
Noch viel mehr gilt das für unseren Glauben. Wer in einem
christlichen Elternhaus aufgewachsen ist, wer durch seine Familie im
Glauben erzogen wurde, kann sich doch darauf nichts einbilden. Das ist
doch unverdientes Geschenk. Wenn ich Eltern habe oder hatte, die mit
mir und für mich gebetet haben, wenn ich schon als Kind gelernt
habe, was Sünde, was Gnade, was Vergebung ist, dann bin ich
bevorzugt vor vielen anderen, die in gottlosen Verhältnissen
aufgewachsen sind.
Wer sich auf seinen Glauben oder seine Frömmigkeit etwas
einbildet, der hat überhaupt noch nichts von der Botschaft der
Bibel oder vom Evangelium begriffen. Echter Glaube führt immer in
die Bescheidenheit, in die Demut und in die Niedrigkeit. Dass ich immer
mehr darüber staune, dass Gott ausgerechnet mich berufen hat, dass
er ausgerechnet mich lieb hat, dass er gerade mir Aufgaben gibt und
mich segnet.
Ich kann das von mir ganz persönlich nur so sagen: Dass ich
hier stehe und predige, das kann nur daran liegen, dass Gott nach einem
besonders ungeeigneten Menschen Ausschau gehalten hat. Ich war kein
besonders braves Kind. Was hab ich alles angestellt. Wenn ich manchmal
mit Leuten ins Gespräch komme, die mir sagen, dass sie mich schon
als Kind kannten, dann wird mir immer ganz heiß. Oder wenn ich an
die Zeit als Jugendlicher denke…
In der Schule war ich immer schlecht und habe meinen Eltern und
Lehrern manchen Kummer gemacht. Wahrscheinlich haben die manchmal
gedacht: Was soll bloß aus dem Kerl noch werden. Als
Theologiestudent hab ich mich oft am falschen Platz gefühlt und
gemerkt, dass die anderen besser waren in den alten Sprachen und in
Kirchengeschichte, in Dogmatik und im freien Reden, einfach in allem.
Manchen theologischen Höhenflügen von Professoren
konnte ich nicht folgen und hab mich mit den schriftlichen Arbeiten
für Seminare und Examen schwer getan. Das einzige, was ich hatte,
war die Berufung und eine Liebe zu Jesus. Von diesem Heiland, der
Sünder rettet hatte ich auf Freizeiten und in der Jugendarbeit von
Kirchenrat Preiser gehört. Daraus ging dann das Bedürfnis
hervor von diesem wunderbaren Herrn Jesus Christus möglichst
vielen Menschen zu erzählen.
Aber auch wenn ich das bis heute gern tue, ist jede Predigt
für mich ein hartes Stück Arbeit, verbunden mit dem
Gefühl, – nein es ist mehr als ein Gefühl, – verbunden mit
dem Wissen, deine Worte sind doch gar nichts. Was willst du
überhaupt auf der Kanzel? Und dann bleibt mir nichts anderes
übrig, als vor jedem Gottesdienst, vor jedem öffentlichen
Auftreten zum Herrn zu schreien in meiner Not und Schwachheit: Herr,
jetzt mach du es. Du hast mich da hingestellt, jetzt mach du durch
deinen Heiligen Geist meine armseligen Worte lebendig und nimm du die
Sache selber in die Hand, sonst ist alles umsonst.
Und dann kann ich oft nur staunen, dass der Herr das
tatsächlich macht und wie er es macht, dass sein Wort auch durch
meine Worte ankommt und lebendig wird. Das ist nie und nimmer mein
Verdienst oder mein Können. Der Herr hat mich deshalb dahin
gestellt, weil er wusste: Der kann es allein nicht und das weiß
er. Der wird mich brauchen und mich um Hilfe bitten. Und ganz sicher
werden auch Ihre Gebete erhört, wenn Sie vor und während
eines Gottesdienstes darum beten, dass Gott mit uns redet und uns
segnet.
Es ist wirklich das Letzte, wenn wir uns selbst rühmen,
weil etwas gelungen ist. Nein, das ist Grund zum Danken und Grund
unseren Herrn zu rühmen. Je weniger wir uns selbst in den
Mittelpunkt stellen und je mehr wir ihm zutrauen, umso mehr kann Gutes
dabei herauskommen, um so mehr werden wir selbst und andere gesegnet.
Je mehr Macht oder Einfluss wir uns nehmen, je mehr wir auf
unsere eigenen Fähigkeiten setzen, umso mehr Unheil werden wir
anrichten, umso tiefer lässt Gott uns fallen. Vielleicht haben Sie
in der letzten Woche auch den Vierteiler über Napoleon im
Fernsehen gesehen. Ich hab den letzten Teil angeschaut und mir gedacht:
Was hat dieser Mann mit seiner Vermessenheit und
Selbstüberschätzung für Leid verursacht! Er hat sich die
Kaiserkrone selbst aufgesetzt, hat Hunderttausende für sich und
seine Wahnideen in Kanonen und Bajonette rennen und im eisigen
russischen Winter erfrieren lassen. Am Ende war er einsam und machtlos.
Der große Napoleon. Sein Werk gescheitert. Die Geschichte kennt
viele Seinesgleichen.
Sie setzen sich selbst eine Krone auf, in der Politik, in der
Wirtschaft im Showgeschäft und manchmal auch in der Familie. Sie
maßen sich Macht an, unterdrücken und schikanieren andere,
halten sich selbst für besser, größer, stärker,
klüger. Die werden alle ganz bestimmt am Ende keine Krone mehr
haben. Sie werden gestürzt vom Allerhöchsten. Und die
Bescheidenen, Demütigen, Dienstbereiten, die hier oft
übersehen worden sind, werden dann vom Höchsten eine Krone
erhalten, die ihnen niemand nehmen kann.
In der Offenbarung des Johannes ist davon die Rede, dass die
Ältesten im Reich Gottes ihre Kronen in den Staub werfen und vor
Christus dem Lamm Gottes niederfallen und anbeten. Das heißt
nicht, dass sie die Kronen verachten, sondern dass sie so demütig
sind. Sie wissen, diese Krone habe ich nicht verdient, ich bin es nicht
wert, dass sie auf meinem Haupt ist. Alle Ehre gebührt Jesus
allein. Alles, was ich bin und habe, auch die Krone, verdanke ich ihm
und seiner Gnade.
Gilt das nicht auch für uns! Alles was wir sind und haben
verdanken wir der schenkenden Liebe und der erbarmenden Gnade Gottes.
Wo wär’ ich denn sonst? Wo wärst du denn sonst? Wenn
der Herr uns nicht bewahrt, geführt, begabt und beschenkt
hätte! Wir würden bestimmt nicht hier sitzen!
Wenn sich aber jemand unter uns für völlig unwichtig
hält und meint ich bin gar nichts, dann darf er wissen, dass der
Herr ihm ganz nah ist und etwas aus ihm machen kann. Vielleicht sieht
das die Welt nicht gleich, aber im Reich Gottes wird man es einmal ganz
bestimmt sehen.
Wir brauchen uns gar nicht so anzustrengen, es geht nicht um
unsere Weisheit und Macht, um unsere Gerechtigkeit und
großartigen Leistungen. Gott hat uns einen gemacht, der das alles
für uns ist und bereitstellt: Jesus Christus ist uns von Gott gemacht zur Weisheit und Gerechtigkeit und zur Heiligung und zur Erlösung. Er erlöst auch davon, immer besser sein zu müssen als die andere. Müssen wir nicht!
Jesus kann gerade dann etwas aus uns machen, wenn wir erkennen,
dass wir nichts sind. Das ist seine Machtpolitik. Sie ist
Gnadenpolitik, die die Sünder annimmt, Schwache stärkt,
Einfältigen Weisheit schenkt, Bescheidene zu Ehren bringt und
Liebensunwerte liebt.
Ein Narr, wer ihn nicht rühmt.
Mit Paul Gerhard dürfen wir beten:
Ach ich bin viel zu wenig, zu rühmen seinen Ruhm;
der Herr allein ist König, ich eine welke Blum.
Jedoch weil ich gehöre gen Zion in sein Zelt,
ist’s billig dass ich mehre, sein Lob vor aller Welt.
(EG 302,8)
Amen.
Verfasser: Martin Schöppel, Pfarrer, Dr.-Martin-Luther-Str.18, 95445 Bayreuth, Tel. 0921/41168