Gottesdienst – 1.Kor.12, 12-14.26-27

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Kreuzkirche, 21.Sonntag nach Trinitatis, 12.10.2008 1.Kor.12, 12-14.26-27

Gnade sei mit euch und Friede, von Gott dem Vater und unserem Herrn Jesus Christus.
Wir bitten in der Stille um den Segen Gottes für diese Predigt:
…Herr, wir bitten dich, gib deinen Heiligen Geist zum Reden und zum Hören. Amen.

Bevor ich unseren Predigttext lese, möchte ich eine Geschichte aus Zaire erzählen:

Sechs Freunde gingen aufs Feld um zu jagen, der eine hieß Nase, der andere Ohr, der dritte Auge. Außerdem waren da noch die Freunde Hand, Fuß und Magen. Die sechs waren sehr hungrig, darum gingen sie jagen.

Plötzlich rief der Freund Ohr: „Halt, ich habe etwas gehört, es kommt aus dieser Richtung.“ Die Freunde hielten inne, aber Auge meinte: „Ich kann nichts sehen, es ist noch zu dunkel.“ Leise gingen die sechs Freunde weiter. Da rief Nase: „Es muss aus dieser Richtung kommen. Ich kann es riechen.“ Vorsichtig trug Freund Fuß die Gruppe in diese Richtung.

„Still!“ Flüsterte das Auge, „jetzt kann ich etwas sehen.“ Sofort blieb Fuß stehen und Hand umfasste den Speer und wartete auf genaue Anweisungen. Sofort, als die Hinweise von Auge kamen, reagierte Hand mit einem geschickten Wurf und erlegte das Wild.

Aber trotz des Erfolges entstand Streit zwischen den Freunden. Wer hatte denn nun das Besitzrecht über die Beute? Wer durfte nun bestimmen? Wie viel Anteil sollte jeder der Freunde an dem Fang und der Beute bekommen?

„Ich war der Erste“, meinte Ohr und wollte das Sagen haben. „Nein, ich hab das Recht“, widersprach Nase, „denn ohne meine Witterung hätte Auge gar nichts wahrgenommen“. Und so ging der Streit weiter. Auch Fuß, Auge und Hand forderten jeder für sich das Vorrecht, zu bestimmen.

Sie stritten, bis sie nicht mehr konnten und erschöpft zu Boden sanken. Da machte Freund Magen einen Vorschlag: „Gebt mir die Beute. Ich will sie essen und verdauen und ich verspreche euch, dass ihr bald darauf wieder zu Kräften kommen werdet.“ Die Freunde waren inzwischen so schwach, dass sie dem Vorschlag nicht widersprechen konnten und so verzehrte und verdaute der Magen die ganze schöne Beute. Die Freunde bekamen bald wieder Kraft und zogen friedlich weiter.

Soweit diese afrikanische Geschichte aus Zaire. Im 1. Brief des Apostels Paulus an die Korinther, im 12. Kapitel steht eine andere Geschichte, aber sie will uns dasselbe sagen:

So wie unser Leib aus vielen Gliedern besteht und diese Glieder einen Leib bilden, so besteht auch die Gemeinde Christi aus vielen Gliedern und ist doch ein einziger Leib.
Wir haben alle denselben Geist empfangen und gehören darum durch die Taufe zu dem einen Leib Christi, ganz gleich ob wir nun Juden oder Griechen, Sklaven oder Freie sind; alle sind wir mit demselben Geist erfüllt.
Nun besteht aber ein Körper aus vielen einzelnen Gliedern und Organen, nicht nur aus einem einzigen.
Leidet ein Teil des Körpers, so leiden alle anderen mit und wird ein Teil gelobt, freuen sich auch alle anderen.
An diesem Beispiel wollte ich euch erklären: Ihr alle seid der Leib Christi und jeder einzelne von euch gehört als Teil dazu.

Auch der Apostel Paulus verwendet das Beispiel eines Körpers, der viele Glieder hat und dessen Organen unterschiedliche Aufgaben zugewiesen sind. Aber wenn sie nicht zusammenarbeiten, kann der Körper nicht gesund agieren, sondern wird krank und nutzlos. Der Apostel spricht in diesem bildlichen Vergleich auch von dem einen Herrn, dem einen Geist, dem einen Gott. Der hält den Leib zusammen und bestimmt.

Es geht also hier um die Einheit der Christen, um die Einigkeit der Gemeinde im Glauben. Ein wichtiges Thema für zerstrittene Gemeinden und die zersplitterten Kirchen in einer Welt, in der die Christen immer kritischer und feindseliger beobachtet werden. Wie sollen Christen dieser Welt Frieden bringen, wenn sie unter sich gespalten und zerstritten sind? Wie sollen Gemeinden zum Glauben und zur Versöhnung einladen, wenn sich schon ihre Gruppen voneinander abschirmen und ihre einzelnen Glieder streiten und schlecht übereinander reden?

Die Einheit unter den Christen ist ein großes und wichtiges Thema. Wie kann sie nur hergestellt werden? „Herr Pfarrer, sind wir doch mal ehrlich, wir haben doch alle nur einen Herrgott!“ Diesen Satz habe ich schon oft gehört, wenn ich bei einem Besuch in einer Wohnung oder in einem Krankenzimmer auf Christen unterschiedlicher Konfessionen traf

Wenn ich alles weglasse, was uns unterscheidet, dann sind wir gleich. Wenn wir das Kirchenverständnis und die Abendmahlslehre, das Amtsverständnis, Bedeutung von Maria und den Heiligen nicht beachten, dann sind wir uns wirklich ziemlich einig. Wenn wir die Definition von Mensch sein auf die Anzahl unserer Knochen und Zähne reduzieren, dann sind auch alle Menschen gleich. – Wenigstens solange sie noch alle haben. Knochen und Zähne, meine ich. –

Ist das die Einheit, von der Jesus redet und die der Apostel Paulus meint? Begründet die Taufe schon die Einheit der Christen und die Einmütigkeit in der Gemeinde? Das kann ich mir nicht vorstellen. In einer Volkskirche wie unserer gibt es immer noch viele Getaufte, die an dem Herrn der Kirche trotzdem wenig oder überhaupt kein Interesse haben, die selten oder nie Gottesdienste besuchen, die kaum noch die zehn Gebote kennen und die nach ganz anderen Maßstäben leben. Wo, bitte, ist da die Einheit zwischen uns?

Wenn im Rahmen von ökumenischen Begegnungen und Gesprächen dieser Text des Apostels oft bemüht wird, vergisst man einen ganz gravierenden Unterschied zwischen unserer heutigen Situation und den Umständen unter denen Paulus diese Worte geschrieben hat. In der Mitte des ersten Jahrhunderts lebten in Korinth die Christen der ersten Generation. Das waren Menschen, die als Erwachsene durch missionarische Predigt zum Glauben gekommen waren und sich taufen ließen. In den meisten Fällen war damals die bewusst angestrebte und erlebte Taufe gleichzeitig die Erfahrung umfassender Vergebung, Lebensübergabe an Jesus Christus, Wiedergeburt, Neubeginn eines Lebens unter Jesus Christus, gewirkt durch den Heiligen Geist. Der Apostel schreibt seinen Brief also an Leute, die durch den Heiligen Geist zum Glauben gekommen sind, die sich ganz bewusst für ein Leben mit Jesus entschieden haben und die bereit waren dafür auch Nachteile, ja sogar Verfolgung zu erdulden.

Zu solchen Leuten sagt Paulus: „Wir sind durch einen Geist zu einem Leib getauft und mit einem Geist getränkt.“ Sie erinnert der Apostel in seinem Brief daran, die Einigkeit, die Gott gewirkt hat nicht durch kleinkarierte Streitereien und Profilierungssucht aufs Spiel zu setzen. Er spricht von unterschiedlichen Gaben und Aufgaben, die in jeder Gemeinde vorhanden sind und betont, wie Einigkeit nur dort sein kann, wo alle sich dem einen Herrn, Jesus Christus, unterordnen.

So gründet sich auch die Einigkeit in unserer Gemeinde nicht darauf, dass wir uns in dem selben Gotteshaus versammeln, das vor fast 48 Jahren seiner Bestimmung übergeben und zur Kirche geweiht worden ist, auch nicht darauf, das wir alle irgendwann und irgendwo einmal getauft worden sind. Sie kann sich nur darauf gründen, dass wir unsere Taufe leben. Was heißt das? Das heißt, Jesus Christus als Herrn haben, von seiner Vergebung leben, an seine Erlösung glauben. Glauben, dass er sein Leben für uns am Kreuz von Golgatha hingegeben hat, dass er den Tod besiegt hat, dass er auferstanden ist und als der erhöhte Herr alle Macht hat, nicht nur im Himmel, nicht nur irgendwo anders auf dieser Erde, sondern in Ihrem und meinem Leben, in unserer Gemeinde.

Es muss ja noch lange keine Einigkeit im Glauben vorhanden sein, wenn man nebeneinander in einer Kirche sitzt, miteinander im Posaunenchor bläst oder in der Kantorei singt. Einigkeit im Glauben wird auch nicht dadurch garantiert, dass man gemeinsam eine Jugendgruppe besucht oder einen Bibelkreis. So erschütternd das ist, Einigkeit besteht noch nicht einmal dadurch, dass man um den Altar steht und das heilige Abendmahl empfängt. Auch da geschieht es, dass man hinterher trotzdem über das alte Problem weiter streitet, dass alte Urteile und Vorurteile übereinander weiter im Herzen getragen und verbreitet werden und man ist nicht einig.

Einigkeit unter Christen kann man nicht mit Papieren herbeischreiben oder in großen Versammlungen und klugen Predigten beschwören. Sie entsteht schon gar nicht dadurch, dass man vereinbart Unterschiede zu verschweigen. Die Einheit kann nur der eine Herr selbst schaffen. Wahre Einheit geschieht nicht allein durch horizontale Bemühungen zwischen einzelnen Menschen, Gruppen oder Kirchen, sondern sie braucht immer zuerst und vor allem die vertikale Richtung. Die Einigkeit mit Jesus Christus, dem Herrn der Kirche.

Alle, die sich ganz unter den Herrn Jesus stellen, alle, die ganz seinem Wort vertrauen, die ganz von seiner Vergebung leben, die ihm allein die Ehre geben, die werden, wenn sie einander begegnen, schnell feststellen, dass sie einander tief verbunden sind. Die können sich dann auch in ihrer Verschiedenartigkeit annehmen, wie Christus sie selbst angenommen hat. Diese Einigkeit bleibt auch bestehen, wenn sie in unterschiedlichen Bereichen der Gemeinde zusammenkommen oder mitarbeiten. Sie geht quer durch die Generationen und Gesellschaftsschichten, Nationen und Hautfarben.

Wo diese von Jesus Christus gewirkte Einigkeit ist, kann man es aushalten, dass der andere anders ist als ich. Für diese Einheit ist es auch nicht erforderlich, dass die Ausdrucksformen der Frömmigkeit gleich sind. Die einen beten im Stehen, die anderen im Sitzen. Die einen falten die Hände, die anderen heben sie auf zum Himmel. Wir singen meist ruhig auf den Kirchenbänken sitzend, in afrikanischen oder amerikanischen Kirchen wird stehend mit viel Bewegung und Klatschen gesungen. Wenn ich das tue, wirkt das komisch und ich fühle mich nicht wohl dabei. Das Einheit stiftende Wirken des Geistes Gottes ist nicht ausschließlich an Bach oder Händel gebunden, aber auch nicht nur auf Musik von Siebald oder Fietz festgelegt.

In einem grundlegenden Dokument unserer Evangelisch Lutherischen Kirche, im Augsburger Bekenntnis, heißt es im Artikel 7, Von der Kirche:

Es wird auch gelehrt, dass allezeit eine heilige christliche Kirche sein und bleiben muss, die die Versammlung aller Gläubigen ist, bei denen das Evangelium rein gepredigt und die heiligen Sakramente laut dem Evangelium gereicht werden. Denn das genügt zur wahren Einheit der christlichen Kirche, dass das Evangelium einträchtig im reinen Verständnis gepredigt und die Sakramente dem göttlichen Wort gemäß gereicht werden. Und es ist nicht zur wahren Einheit der christlichen Kirche nötig, dass überall die gleichen von den Menschen eingesetzten Zeremonien eingehalten werden…

Nicht Liturgien oder Kirchentage machen den Glauben lebendig und stiften Einheit, sie können allenfalls die Vielfalt bis hin zu den Extremen deutlich machen. Der Glaube wird nur lebendig durch das unverkürzt verkündigte und geglaubte Evangelium und die im Vertrauen auf Gottes Macht und Handeln empfangenen Sakramente. Allein diese Elemente schaffen auch eine unsichtbare aber doch deutlich spürbare Einigkeit unter Christen. Auch unter Christen, die ganz verschiedenen Kirchen oder Gemeinschaften angehören können. Oder unter Menschen, verschiedenster Herkunft und Schichten.

Selbst dort, wo echter Glaube, wahre Kirche, tiefe Einigkeit da sind, sind Kirche und Gemeinde nie vollkommen. Auch dort müssen Christen einander immer wieder neu annehmen, neu vergeben, neu vertrauen. Zu dem Prediger und Evangelisten Spurgeon sagte einmal ein Kritiker nach einer Veranstaltung: „Niemals könnte ich mich dazu entschließen einer der bekannten Kirchen beizutreten. Keine von ihnen ist vollkommen.“ „Das ist wahr“, antwortete Spurgeon, „eine vollkommene Kirche gibt es nicht! Und wenn Sie warten wollen, bis Sie eine vollkommene Kirche gefunden haben, um sich ihr anzuschließen, so können Sie warten bis zu Ihrem Eintritt in dem Himmel.“ Und er fuhr fort: „Im übrigen, lieber Freund, wenn Sie jemals eine vollkommene Kirche fänden, würde sie sich weigern Sie aufzunehmen. Denn sobald dieselbe Sie aufgenommen hätte, würde sie aufhören, vollkommen zu sein.

Kirche muss und kann niemals vollkommen sein, weil keines ihrer Glieder vollkommen ist. Ich nicht, Sie nicht, auch nicht die, die heute nicht da sind. Gerade weil wir nicht vollkommen sind, sind wir Kirche Jesu Christi. Uns verbindet, dass wir Jesus Christus als unseren Heiland und Erlöser brauchen. Wir sind Sünder, die von Vergebung leben und zugleich sind wir Wartende und Hoffende, die darauf vertrauen, dass der eine Herr sie verändert, erneuert und zurecht bringt. Nur durch das Haupt Christus können wir in der Gemeinde so zusammenwirken, dass etwas geschieht. Nur so werden wir gesegnet und werden zum Segen. Wenn wir aufhören etwas gelten zu wollen und dafür unseren Herrn zur Geltung bringen.

Jesus Christus ist der Eine, der gegründet die Gemeinde,
die ihn ehrt als treues Haupt.
Er hat sie mit Blut erkaufet, mit dem Geiste sie getaufet
und sie lebet, weil sie glaubt.

Ich auch auf der tiefsten Stufen, ich will glauben, reden, rufen, ob ich schon noch Pilgrim bin: Jesus Christus herrscht als König, alles sei ihm untertänig; ehret, liebet, lobet ihn.

(EG 123, 6+11)

Amen.

 

Verfasser: Martin Schöppel, Dr.-Martin-Luther-Str. 18, 95445 Bayreuth, Tel. 0921/41168