Gottesdienst – 1.Joh 1,5 bis 2,6

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3. Sonntag nach Trinitatis, 02.07.2006, 1.Joh 1, 5 bis 2, 6

Gnade sei mit euch und Friede, von Gott, dem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Amen.

Wir wollen in der Stille um den Segen Gottes für diese Predigt bitten: … Herr, wir bitten dich um deinen Heiligen Geist zum Reden und zum Hören. Amen.

Überall in der Stadt wehen die Fähnchen. Wir haben
gewonnen! Nach einem spannenden Spiel gegen Argentinien hat unsere
Nationalmannschaft das Halbfinale erreicht. Beim Elfmeterschießen
haben von der Oma bis zum Knirps alle mit gezittert. Haben Sie es auch
gesehen? Neuville, Ballack, Borowski und Podolski, haben ihre Elfmeter
sicher verwandelt und der Held im Tor Jens Lehmann hat die Chancen der
Südamerikaner zunichte gemacht.

Deutschland ist weiter, Argentinien ist raus. Ein bisschen tun sie uns
ja auch leid die Geschlagenen. Traurig sind sie vom Spielfeld
geschlichen, der Trainer hat seinen Rücktritt erklärt, die
Mannschaft fährt heim. Aus der Traum vom Titelgewinn. Aber so ist
das in den K.O.-Spielen der zweiten Runde. Hop oder Top. Sieg oder
Niederlage. Es gibt kein „Unentschieden“, keinen Kompromiss. Es muss
eine Entscheidung her und die hat Konsequenzen. Eine
Zwischenlösung ist nicht möglich.

Aber so ist das nicht nur im Fußball bei der Weltmeisterschaft,
sondern auch mit vielen anderen wichtigen Dingen im Leben. Examen,
Abitur, Führerschein, Aufnahmeprüfung, bestanden oder nicht,
dazwischen ist nichts. Vor dem Standesamt oder dem Traualtar gibt es
nur das Ja oder Nein, dazwischen ist nichts. Es muss eine Entscheidung
her.

Viele Leute drücken sich gern vor Entscheidungen. Sie würden
immer am liebsten einen Mittelweg gehen. Ein bisschen Ja und ein
bisschen Nein. Sie möchten dabei sein, aber auch wieder nicht.
Aber in vielen Lebensbereichen geht das nicht, da heißt es ganz
oder gar nicht. Auch im Glauben, in der Beziehung zu Gott und zu Jesus
Christus ist das so.

Ein halber Christ ist ein ganzer Unsinn, hat mal jemand
gesagt. Es ist ein Unsinn zu sagen: Ich glaube an Gott und sich dann im
Leben so zu verhalten als gäbe es ihn nicht. Wenn es Gott gibt,
wenn er der Schöpfer, der Herr des Lebens ist, dann kann unser
Leben nur gelingen, wenn wir uns nach ihm richten. Wenn er in Jesus
Christus Mensch geworden ist, einen Weg der Rettung und Erlösung
geschaffen hat, dann gibt es keinen anderen Weg zum Heil. Dann kann
kein Mensch aus eigener Kraft vor Gott recht werden.

Der Apostel und Jünger Johannes spricht das in dem Schriftwort
für die Predigt heute auch so an. Es steht im 1. Brief des
Johannes im ersten und zweiten Kapitel. Johannes schreibt:

Das ist die Botschaft, die wir von Christus gehört haben und die wir euch weitersagen: Gott ist Licht, bei ihm gibt es keine Finsternis. Wenn wir also behaupten, dass wir zu Gott gehören und dennoch in der Finsternis der Sünde leben, dann lügen wir und widersprechen mit unsrem Leben der Wahrheit.

Leben wir aber im Licht Gottes, dann sind wir auch miteinander verbunden. Und das Blut, das sein Sohn Jesus Christus für uns vergossen hat, befreit uns von aller Schuld.

Freilich werden immer wieder Leute behaupten, sie hätten das nicht nötig, sie seien frei von aller Schuld. Wer so etwas sagt, betrügt sich selbst. In ihm ist kein Fünkchen Wahrheit.

Wenn wir aber unsere Sünden bereuen und bekennen, dann dürfen wir darauf vertrauen, dass Gott seine Zusage treu und gerecht erfüllt; er wird unsere Sünden vergeben und uns von allem Bösen reinigen.

Doch wenn wir behaupten, wir hätten gar nicht gesündigt, dann machen wir Gott zum Lügner und beweisen damit, dass wir Christus noch gar nicht kennen.

Meine geliebten Kinder, ich schreibe euch, damit ihr nicht länger sündigt. Sollte aber doch einer Schuld auf sich laden, dann haben wir einen, der selbst ohne jede Sünde ist und beim Vater für uns Sünder eintritt: Jesus Christus. Denn Christus hat unsere Sünden, ja die Sünden der ganzen Welt auf sich genommen; er hat sie gesühnt.

Dass wir nun Gottes Gebote halten, ist der Beweis dafür, dass wir Gott kennen. Sollte allerdings jemand behaupten: „ich kenne Gott“, seinen Geboten aber trotzdem nicht gehorchen, so ist er ein Lügner, der Christus gar nicht kennt. Doch wer sich an Gottes Wort hält, und danach lebt, an dem zeigt sich Gottes ganze Liebe. Daran ist zu erkennen, ob wir wirklich Christen sind.

Wer von euch sagt, dass er zu Christus gehört, der soll auch so leben, wie Christus gelebt hat.

Das sind präzise, klare Aussagen von einer bestechenden Logik. Schwer, etwas dagegen zu sagen: Einen Christen erkennt man daran, dass er sich an Gottes Wort hält.
Legt der Lieblingsjünger Jesu da die Latte nicht ein bisschen
hoch? Zu hoch für mich! Muss der Ehrliche sagen. Das schaff ich
doch überhaupt nicht.

Das ist doch Schwarz-Weiß-Malerei protestieren die Kritiker.
Richtig antwortet Johannes. Es gibt nur diese zwei Farben in der Sache.
Er nennt sie Licht und Finsternis. Gott ist Licht. Alles was
ohne ihn oder was gegen seinen Willen geschieht ist Finsternis. Es wird
auch am Ende im Gericht Gottes nur die zwei Möglichkeiten geben:
Für immer ganz im Licht Gottes oder für immer ganz in der
Finsternis. Gerettet oder verloren. Die Bibel kennt keine
Zwischenlösung, auch wenn Menschen das gerne hätten und sich
allerhand Wege dazwischen ausgedacht haben. Darauf sollten wir uns
nicht verlassen, sondern uns klar auf eine Seite stellen. Auf die Seite
Gottes, in sein Licht. Auf die Seite des Lebens und der Wahrheit. Auch
wenn diese Wahrheit zunächst weh tut.

Zunächst provoziert die Behauptung des Johannes ja viele Menschen: Wenn wir sagen, wir haben keine Sünde, so lügen wir und die Wahrheit ist nicht in uns.
Zugegeben, das ist hart. Da sagt einer: Ich bin kein Sünder und
Johannes antwortet ihm: Du bist ein Lügner. Was ja nichts anderes
heißt, als: Du bist doch ein Sünder.

Ich treffe immer wieder auf Menschen, die das allen Ernstes
behaupten:Ich bin kein Sünder! Aber so etwas kann nur behaupten,
wer Jesus Christus überhaupt nicht kennt, argumentiert Johannes.
Wer das von sich meint, der hat noch nie richtig über die Gebote
Gottes nachgedacht, der hat ihren Sinn und ihre Tiefe noch nicht
verstanden und kennt wohl auch die Äußerungen des Herrn
Jesus nicht, die er über das Verständnis der Gebote macht.

In der Bergpredigt macht der Sohn Gottes klar, dass Töten nicht
nur mit der Waffe in der Hand geschieht, sondern auch mit der Zunge und
den Lippen, mit Worten und in Gedanken. Wer beleidigt, beschimpft,
verachtet, wer Not übersieht, Hilfe verweigert, zu Unrecht
schweigt, lebensverachtende Zustände billigt, der wird bereits
schuldig am fünften Gebot. Ganz zu schweigen von der
tatsächlichen Tötung menschlichen Lebens, auch des
Ungeborenen.

Beim sechsten Gebot, „Du sollst nicht ehebrechen!“, sieht Jesus das
nicht anders. Sünde ist nicht nur der vollzogene Ehebruch, sondern
schon das gedankliche Spiel damit. Und wenn er es gekannt hätte,
dann hätte Jesus sicher auch das zur Schau gestellte Spiel mit dem
Ehebruch so eingeordnet. Bewegte oder unbewegte Bilder, die Lust
machen, Vertrauen brechen, Scham verletzen. Sie sind der erste Schritt
und verführen dazu, gegen Gottes Gebot zu handeln, mit dem er
Liebe und Sexualität besonders schützt.

Oder denken wir an das erste Gebot. Ist das erst übertreten, wenn
ich einen heidnischen Gott anbete? Keineswegs. Auch da fängt
Sünde schon viel früher an: Woran du dein Herz hängst, das ist dein Gott.
Wenn die Nebensache Fußball zu großen Raum einnimmt,
über unsere Zeit, unsere Gefühle und unsere Lebensplanung
Macht gewinnt, dann wird sie zur Sünde. Das gilt natürlich
für alles andere auch, was sich zwischen uns und Gott schiebt, was
uns die Zeit raubt zu Gebet und Gemeinschaft unter dem Wort Gottes.

Aber auch wer immer an allem zweifelt, übertritt das erste Gebot,
denn er hört mehr auf die Vernunft und seine Gedanken oder auf
Kritiker, als auf Gottes Wort und Wahrheit. Wer Gott Grenzen setzt und
meint zu wissen, was Gott kann oder darf, der wird schuldig an diesem
Gebot. Auch wer immer sorgt und jammert über seine Probleme und
Schwierigkeiten, hat Gott das Vertrauen verweigert. Wenn er wirklich
der Herr, dein Gott ist, dann darfst du doch deine Sorge , dein Leid,
deinen Jammer an ihn abgeben und vertrauen, dass er für dich sorgt
und dir hilft. Bist du denn nicht viel mehr als ein kleiner Vogel am
Himmel oder eine von tausenden von Blumen auf einer Wiese, für die
Gott sorgt?, fragt der Herr Jesus die Leute, die immer von ihren
Existenzsorgen geplagt sind. Sorgengeist und Ängstlichkeit, auch
das ist Sünde. Leben, denken, erwarten ohne Gott mit
einzubeziehen. Als ob es ihn nicht gäbe.

Auch das nur an sich selbst denken, so leben als ob es die anderen um
mich herum nicht gäbe ist Sünde. Hauptsache ich komm nicht zu
kurz. Ich lass die Arbeit daheim die anderen machen, bleib im Bett
liegen, weil ich keine Lust habe aufzustehen. Ich lass die anderen den
Dreck wegräumen, den ich mit verursacht habe. Ich dreh die Musik
so laut auf, wie es mir gefällt. Interessiert mich doch nicht ob
ich andere damit störe. Solcher Egoismus ist doch Sünde. Das
geht doch am Gebot der Nächstenliebe voll vorbei.

Nein, wer behauptet, ohne Sünde zu sein, der hat wirklich nichts verstanden von Jesus und vom Wort Gottes

Aber vielleicht haben ja viele Angst davor sich und Gott einzugestehen,
dass sie Sünder sind, weil in ihnen eine Ahnung ist, dass
Sünde von Gott trennt und Gericht nach sich zieht. Und darum
belügen sie sich selbst und ihr Gewissen, reden sich heraus,
versuchen zu verdrängen und zu vertuschen und zu verharmlosen.
Warum denn? Das hilft doch nicht. Eine Gefahr kann ich nicht wegreden,
auf die muss ich aufmerksam machen, ich muss sie ernst nehmen, sehen,
Schutz suchen, Hilfe und Rettung suchen.

Johannes zeigt uns hier den richtigen Weg gegen die Sünde
anzugehen: Wir sollen unsere Sünden bereuen und bekennen. Bereuen?
„Es tut mir leid.“ Ist das nicht oft nur schnell dahingesagt? So als ob
ich einen Schwamm nehme und an der Tafel etwas Falsches wegwische. Tut
mir leid! Und damit muss dann der andere, der unter meiner Schuld zu
leiden hatte zufrieden sein. Ist es nicht mehr als ein schneller Satz,
eine Floskel, wenn mir etwas wirklich leid tut? Gehört dazu nicht
zuerst einmal, dass ich Meine Schuld wirklich erkenne und erfasse? Und
erkennen können wir Sünde nur dadurch, dass wir uns am Wort
Gottes prüfen und seine Gebote auf unser Leben anwenden und als
Werte gelten lassen.

Es heißt: Du sollst nicht stehlen! Wenn ich als Christ leben
will, dann soll das in meinem Leben die Vorgabe sein. Ich will
niemandem etwas wegnehmen. Keine materiellen und keine geistigen Werte.
Ich will mir nichts aneignen, was mir nicht gehört oder nicht
zusteht. Ich will anderen helfen ihr Eigentum zu schützen und zu
erhalten. Und wo ich in diesem Bereich Unrecht getan habe, will ich
versuchen es wieder gut zu machen, zu ersetzen, zurückzugeben.

Bereuen und Bekennen nennt Johannes hier die Voraussetzungen für
die Vergebung durch Jesus Christus. Vergebung wird nicht automatisch
erteilt, sondern dem geschenkt, dem seine Sünde leid tut und der
sie vor Gott bringt. Wenn das geschieht, erweist sich Jesus Christus
als treu und gerecht, dass er uns unsere Schuld vergibt. Wenn es einer
erkant hat, es ihm wirklich leid ist und wenn er es in Zukunft besser
machen will. Der Herr Jesus verdammt die Ehebrecherin nicht, aber er
sagt zu ihr: Geh, und sündige hinfort nicht mehr.

Vergebung ist gnädiges Handeln Gottes an Sündern, ein
unverdientes Geschenk. In seinem Auftrag hat Jesus Christus das Kreuz
getragen und unsere Schuld, unsere Sünde auf sich genommen. Wenn
er sie uns abnimmt, dann haben wir sie nicht mehr. Dann darf sie uns
nicht mehr belasten und verklagen, dann schließt sie uns nicht
mehr aus vom Reich Gottes. Ist dieser Abschnitt aus dem ersten
Johannesbrief eine Provokation für brave Leute, so ist er ein
wunderbarer Trost, für jeden, der sich täglich als
Sünder erlebt. Der darf Hoffnung schöpfen und sich darauf
verlassen: Jesus ist treu und gerecht. Er macht mich neu. Er reinigt
auch mein Denken. Er hilft mir bei meiner Wortwahl. Er spricht für
mich vor Gott. Das darf der Sünder glauben.

Das ist der Weg zur Freiheit und zum Frieden mit Gott. Der Weg, los zu kommen von Schuld: Erlösung durch Jesus Christus.
Wer dieses Geschenk Gottes erbittet und empfängt, in dem
wächst immer mehr der Wunsch, nach Gottes Willen auch zu leben.
Der lernt Gebote als Lebenswerte zu verstehen und zu achten. Das will
uns Johannes groß machen. Keiner ist schon fertig damit. Niemand
bleibt ohne Sünde. Darum brauchen wir den, der unsere Sünde,
der die Sünde der ganzen Welt trägt.

Das ist die Fahne unter der sich Christen sammeln. Das ist der Held,
dem sie zujubeln. Wenn wir das Gnadenangebot Gottes im Glauben
annehmen, dann wird uns das Banner des Lammes, das der Welt Sünde
trägt größer und wichtiger sein als alle anderen Fahnen
und Fähnchen der Welt.

Erdmann Neumeister betete in seinem Lied so und wir dürfen das auch tun:

Ich Betrübter komme hier und bekenne meine Sünden;

Lass mein Heiland mich bei dir Gnade zur Vergebung finden,

dass dies Wort mich trösten kann: Jesus nimmt die Sünder an.

(EG 353, 5)

Amen.

 

Verfasser: Pfarrer Martin Schöppel, Dr.-Martin-Luther-Str.18, 95445 Bayreuth Tel.O921/4l168