Gottes Wort verändert Leben!
Zur PDFPredigt am Sonntag Sexagesimae (20.02.2022) zu Hebr. 4,12-13
Liebe Gemeinde,
der Schriftsteller Adalbert Stifter hat in seiner Erzählsammlung »Bunte Steine« eine dramatische Erzählung veröffentlicht unter dem Titel »Bergkristall«: Zwei Kinder, Konrad und Susanne, werden von ihrer Mutter am Heiligen Abend früh morgens zu den Großeltern geschickt, die in einem anderen Alpendorf über den Berg hinweg wohnen. Sie sollen dort etwas für Weihnachten abgeben und sich die Geschenke der Großeltern abholen. Am frühen Nachmittag schickt die Großmutter die Kinder wieder zurück nach Hause, weil sie befürchtet, dass es Frost gibt und es anfängt zu schneien und die Kinder den Weg verfehlen könnten.
So treten die beiden Kinder fröhlich den Heimweg an. Als sie auf die Anhöhe kommen, beginnt es tatsächlich leicht zu schneien. Die Kinder freuen sich zunächst an den Schneeflocken. Doch dann wird der Schneefall heftiger, so dass sie bald den Weg nicht mehr sehen können. Sie irren auf dem Berg umher und werden müde. Sie setzten sich zum Ausruhen in eine kleine Berghöhle, essen und trinken etwas von dem, was die Großmutter ihnen mitgegeben hat. Das verstärkt noch die Müdigkeit. Sie drohen einzuschlafen. Doch der ältere Bruder Konrad weiß: Genau das darf auf gar keinen Fall passieren! Einschlafen – das wäre der sichere Tod. So versucht er sich und seine kleine Schwester wach zu halten. Aber Susanne wird immer wieder von der Müdigkeit übermannt. Konrad setzt alles daran, um sie wach zu halten. Er schüttelt sie, geht ganz unsanft mit ihr um, um seine Schwester am tödlichen Schlaf zu hindern. In wirklich dramatischer Weise versteht es Stifter, diese lebensbedrohende Situation darzustellen.
Um eine lebensbedrohende Situation geht es auch dem Verfasser des Hebräerbriefes als er seine Adressaten warnt, nicht die Ruhe zu suchen, ehe das Ziel erreicht ist. Und er tut dies, indem er auf das Wort Gottes und seine Wirkungen verweist. Das Wort Gottes bewahrt uns vor geistlichem Einschlafen. Ich lese aus Hebr. 4, 12-13:
Das Wort Gottes ist lebendig und kräftig und schärfer als jedes zweischneidige Schwert und dringt durch, bis es scheidet Seele und Geist, auch Mark und Bein, und ist ein Richter der Gedanken und Sinne des Herzens.
13 Und kein Geschöpf ist vor ihm verborgen, sondern es ist alles bloß und aufgedeckt vor den Augen dessen, dem wir Rechenschaft geben müssen.
Liebe Gemeinde, was waren das für Menschen, die diese Worte als erstes zu lesen bekamen? Die Menschen, an die dieser Brief gerichtet ist, hatten zum Glauben an den Herrn Jesus Christus gefunden. Auf die Dauer waren sie in ihrer nichtchristlichen Umgebung unter Druck geraten. Was ihr Leben verändert hatte, was ihrem Leben Sinn und Ziel gab, wird plötzlich zur Belastung; um ihres Glaubens willen müssen sie Nachteile in Kauf nehmen. Für manche wird es lebensbedrohlich, so dass sie sich entscheiden müssen, entweder den Weg des Glaubens zu gehen oder wieder einzutauchen in die Welt der Menschen ohne Gott.
Ob nun auf dramatische Weise unter Druck geraten oder auf sanfte Weise müde geworden, gleichen sie den Kindern in der Erzählung von Stifter. Fasziniert von dem, was das Leben bietet, merken sie nicht, dass die anfängliche Faszination des Schneefalles ihnen den Blick trübt für den Weg, auf dem sie unterwegs sind, um das Ziel zu erreichen. So werden sie müde zum Weitergehen und suchen die Ruhe, ehe sie das Ziel erreicht haben. Wenn sie dem erliegen, sind sie Kandidaten des Todes.
Deshalb müssen Menschen, die mit Jesus Christus im Glauben aufgebrochen sind, daran erinnert werden, damit sie nur ja nicht das Ziel aus den Augen verlieren. Hier kommt dem Wort Gottes eine entscheidende Bedeutung zu.
1. Dem Wort Gottes mit seinen unterschiedlichen Wirkungen Raum geben
Das Wort Gottes schafft neues Leben, auch dort, wo es keiner für möglich hält. Ich denke dabei an die brennenden Kerzen und die scheinbar ohnmächtigen Gebetstreffen Ende 1989 in der früheren DDR. Aber das Wort Gottes kann nicht nur Systeme und Völker verändern, es wirkt vor allem zuerst beim Hörer des Wortes selbst. Oft brauche ich Zuspruch und Ermutigung und ein Bibelwort, sei es die Losung oder ein gesprochenes und geschriebenes Wort in einer Lebenssituation gibt mir Mut und Halt.
Aber es deckt auch auf. Mein Leben wird ins Licht Jesu gestellt. Wie das scharfe Skalpell eines Chirurgen tief einschneidet, um ein krankes Geschwür zu entfernen, so dringt das Wort Gottes bis zum Kern meiner Seele vor, damit nichts mehr bleiben kann, was mich von Gott trennt. Das hört sich hart und einschneidend an. Ist es auch.
Möchte ich das überhaupt? Gott soll gerne in mein Haus kommen, z. B. ins Wohnzimmer wo alles schön aufgeräumt ist, aber bitte nicht in meine Rumpelkammer, wo alles ungeordnet ist, oder in mein Schlafzimmer, wo mich die Sorgen nachts nicht in Ruhe lassen oder die Eheprobleme noch deutlicher werden als sonst. Oder er darf gerne meine wunderschöne neue Küche bewundern, aber ja keinen Schritt ins Kinderzimmer tun, weil die Kindererziehung nur Frust verursacht. Das geht doch niemand etwas an. Vielleicht will ich nicht, dass Gott mir so nahe kommt. Womöglich möchte ich ihn lieber auf dezentem Abstand halten.
Es hat einmal jemand gesagt: Gott und der Heilige Geist sind Gentlemans. Sie treten nur dort ein, wo sie auch eingelassen werden.
Gottes Anrede an uns ergeht in Liebe. Er zwingt uns nicht. Aber da, wo Liebe spürbar ist, geht es nicht allein darum, sich bestätigen zu lassen. Die Liebe kann uns auch mit Gedanken konfrontieren, dass in unserem Leben mehr möglich ist als wir denken, sie kann uns vor negativen Denkstrukturen und Abwegen bewahren, genauso wie uns Mut machen, traditionelle Grenzen zu sprengen und frei zu werden von falschen Bindungen. Und da rüttelt uns unser Bibeltext heute auf.
2. Das Wort Gottes führt zur Entscheidung
In Stifters Erzählung rüttelt Konrad seine Schwester Susanne immer wieder unsanft wach. Er schlägt sie sogar mitunter, gibt ihr starken Kaffeesud zu trinken, den die Großmutter mitgegeben hat, alles mit dem einen Ziel: »Wach bleiben!« Denn nur wer wach bleibt, überlebt!
In eindringlicher Weise rüttelt das Wort Gottes damals und heute uns wach, doch nur ja nicht unterwegs zum Ziel, d.h. vorzeitig einzuschlafen.
Die Gefahr des Einschlafens besteht darin, dass der Glaube versandet, dass er im Alltagsleben nicht mehr der bestimmende Faktor ist, dass das Wort Gottes nicht mehr absolute Richtschnur für unser Denken, unsere Meinungsbildung, unsere Einstellungen zu bestimmten Ereignissen, unsere Willensbildung, unser Reden und Handeln ist.
Toleranz und Kompromissbereitschaft in Alltagsfragen sind wichtig für das Zusammenleben der Menschen, absolut. Es kann zwischenmenschlich sehr anstrengend mit Menschen sein, die sich mit Kompromissen schwer tun oder sie gar grundsätzlich als negativ sehen. Aber zugleich kann es sein, dass von mir Konsequenz gefordert ist und ich auch gegen den Strom schwimmen muss, wenn das Wort Gottes es fordert. Ein paar Beispiele:
Gerade am Beginn und am Ende des menschlichen Lebens und allen gesellschaftlichen Diskussionen sind von Christen klare Bekenntnisse zum Lebensrecht des Menschen gefordert.
Aber auch Schwarzarbeit – ein vermeintliches Kavaliersdelikt – deckt sich nicht mit dem Wort Gottes. »Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist und Gott, was Gottes ist.« in den letzten Wochen haben wir uns z.b. im Konfi mit dem 7. Gebot: Du sollst nicht stehlen beschäftigt und ganz praktische Beispiele durchgesprochen. Ist in der Schule abschreiben Diebstahl? Wie sieht es aus mit dem Kopieren fremder Daten? Oder ein Beispiel zum 5. Gebot: Du sollst nicht töten. Ich erinnere mich an einen Geburtstagsbesuch. Als ich das Zimmer betrat, sagte mir die Jubilarin: „Herr Pfarrer, ich habe nur einen Wunsch: geben Sie mir doch bitte die Spritze.“ Ich bin sehr erschrocken, aber habe mich dann doch gefangen und bewusst der Situation gestellt. Es wurde ein intensives seelsorgerliches Gespräch und wenige Wochen später feierten wir ein Hausabendmahl.
Ja, das Wort Gottes rüttelt auf, bringt in Bewegung, hat verändernde Kraft in sich. Es verändert Leben, wenn ich es in mein persönliches Leben hineinbuchstabiere.
Es ist also eine Fehleinschätzung, wenn Menschen meinen, schon irgendwie automatisch Christ zu sein und Gottes Wort gar nicht achten: Ich bin ja getauft und konfirmiert, ich halte den Pfarrer für einen ehrbaren Bürger und zahle meine Kirchensteuer! Das muss doch genügen!
Das alles ist gut. Und zugleich genügt es nicht. Sondern Gottes Wort muss uns ergreifen. Es ist energiegeladen und ist deshalb in der Lage, in unserem Leben Fuß zu fassen, uns aufzuschließen für das, was Gott mit uns vor hat. Das Wort Gottes lässt keine Verstecke in unserem Leben zu, die wir für uns behalten und vor ihm verbergen könnten. Weil es lebendig ist, kann es Leben schenken und unserem Leben Ewigkeitswert geben. Es kann aber auch tödlich sein, wo Menschen sich vor ihm verbarrikadieren und seine prägende Wirkung nicht in sich hineinlassen.
Vielleicht sind wir jetzt überrascht. Wir sind es vielleicht nicht mehr gewohnt, das Wort Gottes so zu sehen, wie es der Hebräerbrief hier schildert: lebendig. Den Menschen heute erscheint es eher tot, verstaubt, von gestern. Vielleicht gelegentlich den Christen auch. Kräftig? Ist es heute nicht eher umgekehrt? Kraftlos, ohne Bedeutung für das Leben? Schärfer als ein zweischneidiges Schwert? Können wir es jemand verübeln, wenn er darüber lacht?
Haben Sie schon mal einen Döner bestellt? Da sagen Sie: „Ein Döner bitte!“ Der Mann fragt zurück: „Und wie?“ „Mit allem!“ Der Mann an der Imbiss Bude beginnt, den Brotfladen mit allem zu füllen, was sich in den Schüsseln vor ihm befindet: Fleisch, Gurken, Tomaten, Krautsalat, Zwiebeln, Knoblauchsoße. Dann wird er von dem Kunden gestoppt: »Mit allem, aber ohne scharf!« »Ohne scharf« heißt ohne Chilipulver.
Und so, »ohne scharf« hätten viele auch die Religion, auch den christlichen Glauben. Mit allem, aber ohne scharf. Religion, die Kirche und die Gottesdienste mit allem, mit schönen Gebäuden, mit ansprechender Musik, mit Gefühl, Trost, mit Stille und der Chance, zu mir selbst zu kommen.
Mit allem, aber »ohne scharf!« Eine angenehme, nette Gemeinschaft und Predigt, nur scharf soll sie nicht sein.
3. Gott ist anders, als wir denken
Es ist lebensgefährlich, das, was hier angesprochen ist, zu übersehen. Das gilt im Blick auf das Wort Gottes, aber auch im Blick auf Gott selbst. Da wird oft nur noch vom lieben Gott gepredigt und geredet. Folgende Alltagsbegebenheit dazu:
Ein Mann ist auf dem Weg von seiner Arbeit nach Hause. Da kommt ihm ein Pitbull Terrier entgegen, ein muskulöser Hund mit fletschenden Zähnen.
Der Mann denkt panisch: »Hoffentlich lässt der mich in Ruhe.« Sein Herrchen ruft ihm beruhigend zu: »Der ist lieb. Der tut nichts.«
Lieb sein heißt hier also oft nichts anderes als nichts tun. Der liebe Gott ist lieb, weil er nichts tut. Die Bibel redet jedoch von Gottes Liebe, nicht vom lieben Gott. Gottes Liebe, sein grundsätzliches Ja zu uns Menschen, kann uns auch als Nein begegnen, uns mit ganzer Schärfe treffen und herausfordern. Die Propheten sagen zum Beispiel in Gottes Namen Nein zur Unterdrückung der Armen. Sie kritisieren Wucher und Geldgier. Sie entlarven religiösen Kult, der zum sozialen Unrecht schweigt, mit dem kein entsprechendes Handeln verbunden ist. Gottes Wort ist nicht immer lieb, im Sinne von: es tut nichts. Gottes Wort kann uns treffen, kann durch Mark und Bein, kann uns an die Nieren gehen.
Gott sieht genau hin, weiß, was bei uns los ist, auch wenn wir meinen, vieles überspielen und verheimlichen zu können. Gott sieht und schweigt nicht dazu. Gott wagt das offene Wort, auch wenn es weh tut.
Wir merken in diesen ernsten Worten Gottes, wie Gott selbst Sorge um uns hat, dass wir auf der Strecke bleiben, einschlafen und das Ziel nicht erreichen. Er lässt uns dies sagen, damit wir wach bleiben, sein Rufen, auch sein ernstes Rufen in seinem Wort hören und nicht in den Teilstrecken zum Ziel vorzeitig ausruhen. Denn er hat unbedingt vor, mit Dir und mir die Ewigkeit zu verbringen. So sehr liebt er dich, dass er ewig mit Dir Gemeinschaft haben möchte.
Konrad und Susanne in unserer Eingangsgeschichte haben übrigens das Rufen der Bewohner des Heimatdorfes gehört und gemerkt: Sie suchen uns. Sie lassen uns nicht sterben. So wurden sie am Weihnachtsmorgen zur großen Freude des gesamten Dorfes nach Hause gebracht und durften erst einmal richtig ausschlafen.
Zu Hause bei Gott zur Ruhe kommen. Das ist das Ziel Gottes mit denen, die sein Wort an sich wirken und arbeiten lassen. Schlafen wir nicht unterwegs auf dem Weg zu Gottes Herrlichkeit schon ein. Es könnte tödlich sein. Amen.
Verfasser: Pfarrer Friedemann Wenzke, Dr. Martin Luther Str. 18, 95445 Bayreuth, Tel: 0921/41168; E-Mail: friedemann.wenzke@elkb.de