Gottes Wort hat Wirkkraft

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Gottesdienst Kreuzkirche Bayreuth am 12.02.2023: Predigt: Jes.55, 8-12

Liebe Gemeinde,

stellen Sie sich eine Mauer vor. Vielleicht haben Sie eine Gartenmauer. Mauern können schützen, Geborgenheit schenken. Mauern können aber auch unüberwindbar erscheinen und ausgrenzen. Donald Trump hatte die Idee, eine Mauer zu Mexiko zu bauen. Inzwischen ist die Baustelle stillgelegt. Und auch wir Deutschen haben unsere Mauergeschichte, zumindest die Älteren unter uns kennen sie und die Jüngeren sollten sie auch kennen. Auch wenn der Mauerfall bald 34 Jahre zurückliegt, die Bilder von damals sind vielen von uns noch präsent. Und auch die Erinnerung an die Zeit davor. Die äußerliche Macht der DDR-Führung schien stark. Wir sind als Familie jährlich mindestens einmal nach Westberlin, teilweise auch in die DDR gefahren, weil wir dort Verwandte hatten. Ich erinnere mich noch an die Grenzkontrollen, die ich als Kind immer als beängstigend empfunden habe. Ich erinnere mich, wie wir zur Seite gewunken wurden, mein Vater mit einem Polizisten in eine kleine Hütte musste und meine Mutter mit uns vier Söhnen ängstlich im Auto verharrte, nicht ohne Grund: Meine Mutter ist Jahre zuvor aus der DDR mit einem Schleuser geflohen, sie war im Kofferraum versteckt. Brenzlige Situationen. Die Mauer, die die beiden deutschen Staaten trennte, war unüberwindbar. Und die Parolen der Ost-Politiker ließen keine Zweifel aufkommen: Die Einheit und die Freiheit werden nicht kommen. Wie viele Hoffnungen waren im Laufe der Mauer-Jahre zerbrochen? Wie viele Familien waren getrennt? Wie viele Freundschaftsverbindungen von West nach Ost waren erlahmt oder gar zerrissen? Sechs Jahre mussten meine Eltern dadurch verlobt sein und wenn sie nicht durchgehalten hätten, gäbe es mich und meine Familie gar nicht. Nur wenige Menschen hielten die Zuversicht fest, dass einmal alles anders wird.

Blenden wir weiter zurück zu einer anderen Mauer in der Geschichte. Im sechsten Jahrhundert vor Christus war das Volk Israel aus seiner Heimat weggeführt worden nach Babylon. An eine Rückkehr in die Freiheit war nicht zu denken. An die Veränderung der so fest zementierten Verhältnisse dachte kaum einer. Wie viele Hoffnungen waren im Laufe dieser Gefangenschaft schon zerbrochen? Und bei wie vielen Israeliten war der Glaube an Gott angesichts der äußeren Not in eine tiefe Krise gestürzt?

Doch mitten in diese Krise hinein ergeht an die nach Babylon Verschleppten ein Prophetenwort, das aufhorchen lässt.

Wir hören den Predigttext – Worte aus Jesaja 55.

Suchet den HERRN, solange er zu finden ist; ruft ihn an, solange er nahe ist. 7 Der Gottlose lasse von seinem Wege und der Übeltäter von seinen Gedanken und bekehre sich zum HERRN, so wird er sich seiner erbarmen, und zu unserm Gott, denn bei ihm ist viel Vergebung. 8 Denn meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege, spricht der HERR, 9 sondern so viel der Himmel höher ist als die Erde, so sind auch meine Wege höher als eure Wege und meine Gedanken als eure Gedanken. 10 Denn gleichwie der Regen und Schnee vom Himmel fällt und nicht wieder dahin zurückkehrt, sondern feuchtet die Erde und macht sie fruchtbar und lässt wachsen, dass sie gibt Samen zu säen und Brot zu essen, 11 so soll das Wort, das aus meinem Munde geht, auch sein: Es wird nicht wieder leer zu mir zurückkommen, sondern wird tun, was mir gefällt, und ihm wird gelingen, wozu ich es sende. 12 Denn ihr sollt in Freuden ausziehen und im Frieden geleitet werden. Berge und Hügel sollen vor euch her frohlocken mit Jauchzen und alle Bäume auf dem Felde in die Hände klatschen.

Anhand von vier Punkten möchte ich mit Ihnen heute uns diesen Bibeltext erschließen:

1. Gottes Erlösung braucht unsere Umkehr.

Die Situation der Menschen, die durch den babylonischen König Nebukadnezar verschleppt worden waren, war der unseres geteilten deutschen Volkes vergleichbar. Natürlich hörten sie die tröstenden Worte der Propheten, die von einem Ende der Gefangenschaft sprachen. Aber – wer glaubte schon daran? Ihre »Berliner Mauer« waren die Truppen der Babylonier. Und hier wie dort kam niemand durch die Grenzbefestigungen unbeschadet hindurch. Ja, und auch damals gab es eine Mauer in den Köpfen. Darum rief Gott seinem Volk zu: »Zuerst muss die Mauer in euren Köpfen fallen, die Mauer, die euch von mir trennt!«

Ohne Zweifel hätte der allmächtige Gott Israel damals im Alleingang herausholen können. Doch er hat es nicht getan! Warum?

Weil unser Gott auf Glauben aus ist. Als er damals die Menschen schuf, machte er sie nicht als seine Spielzeuge, als Marionetten, die am Faden hängen und genau das tun, was der große Puppenspieler will. Nein, Gott ist kein Spieler. Wir Menschen sind viel mehr als nur Puppen in seiner Hand. »Ein Bild, das uns gleich sei« hat er damals geschaffen. Ein echtes Gegenüber. Und dieses echte Gegenüber kann sich immer auch entziehen.

Wir Menschen können »Nein« sagen zu Gottes Wünschen, können uns gegen ihn auflehnen und ihn ablehnen. Adam und Eva haben das getan.

Und wir alle tun es immer wieder: Wir kehren Gott den Rücken zu. Wir lassen ihn einen guten Mann sein. Wir trauen ihm nicht zu, dass er es wirklich gut mit uns meint. Darum gehen wir lieber unsere eigenen Wege, vertrauen lieber auf unsere selbst geschaffenen Sicherheiten.

Dies ist die Mauer in unseren Köpfen, die religiöse Mauer, die geistliche Mauer. Und eben diese Mauer muss fallen. Das meint Jesaja, wenn er sagt: »Suchet den Herrn!«

Doch weiß Jesaja auch, Gott so glaubend zu begegnen, das hat seine Zeit. »Suchet den Herrn, solange er zu finden ist«, sagt der Prophet. Solange Gott nahe ist, soll man ihn suchen.

Das ist so wie in der Natur. Dieser Sonntag steht immer unter dem Thema »Viererlei Acker«. In anderen Jahren ist an diesem Sonntag als Predigttext das Gleichnis Jesu vom vierfachen Ackerfeld vorgegeben. Es geht heute also um Saat und Ernte. In den nächsten Wochen sind ja viele Landwirte damit beschäftigt, das Sommergetreide auszusäen. Auch bei der Saat gibt es eine Zeitspanne, innerhalb derer etwa der Hafer gesät werden muss, soll er noch zur Reife kommen. Der Landwirt kann nicht sagen: »Ich warte noch bis in den Mai, da wird das Wetter wärmer sein.« Dann wäre es zu spät. Es gibt dieses »zu spät«, auch im Verhältnis zu Gott. So lange Gott durch sein Wort zur Umkehr ruft, so lange haben wir Menschen die Möglichkeit umzukehren, heimzukehren.

Dieser Gottesdienst ist Saatzeit Gottes. Jetzt in der Predigt streut er sein Wort aus. Und dieses Wort zielt auf unsere Umkehr.

2. Gottes Plan geht Gottes Wege.

Unserem menschlich-logischen Denken geht das nur sehr schwer ein. Wir stellen immer wieder die »Warum-Frage«: Warum musste Israel in die babylonische Gefangenschaft gehen? Warum hat Gott seinem Volk diesen schweren Weg nicht erspart? Ist das ein Gott, der sein Volk liebt?

Und nun können wir ganz unmittelbar die Brücke in unsere Gegenwart schlagen: Warum kommt es immer wieder zu Katastrophen und Unglücksfällen, bei denen unschuldige Menschen qualvoll zugrunde gehen, wie jetzt dieses schreckliche Erdbeben in Teilen der Türkei und in Syrien mit so vielen Todesopfern und Schwerverletzten? Warum tobt jetzt schon fast ein Jahr lang der Ukraine Krieg und bringt unendlich viel Leid in die ukrainische, aber auch die russische Bevölkerung? Warum können wir nicht einfach im Frieden leben, fragen mich meine heranwachsenden Kinder und können einfach nicht verstehen, warum sich Länder nicht einfach gegenseitig in Ruhe lassen. Wie ein bohrender Stachel sticht dieses Warum und lässt manche nicht zur Ruhe kommen. Wir können diese Frage auch nicht annähernd befriedigend beantworten. Auch unser Bibeltext will das nicht tun.

Jesaja hat die Situation der Israeliten in Babylon vor Augen und ihre Warum-Frage. Seine Antwort lautet: »Auch wenn äußerlich vieles dagegen spricht, hat Gott doch seinen guten Plan mit euch!«

Diese Antwort ist mutig! Nähern wir uns dieser an:

Es ist so: Gottes Heilsplan geht über alles hinaus, was wir Menschen uns ausdenken können. Seine Gedanken und seine Wege sind mit unserem Denken nicht zu fassen. »Denn meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und meine Wege sind nicht eure Wege, spricht der Herr.« (V. 8)

Gottes Denken, Planen und Handeln entzieht sich zu einem großen Stück unserem Einfluss und unserer Beurteilung. Gott mutet es uns zu, dass wir oft keine Antwort auf das Warum bekommen.

Der Apostel Paulus kann in ähnlichen Zusammenhängen von einem »Geheimnis« Gottes sprechen, das unsere Vorstellungskraft vollkommen sprengt. So schreibt er in Röm. 11, 33: „O welche eine Tiefe des Reichtums, beides, der Weisheit und der Erkenntnis Gottes! Wie unbegreiflich sind seine Gerichte und unerforschlich seine Wege.“

Doch, auch wenn wir nicht Gottes Ratgeber sind, auch wenn wir zuweilen seine Wege nicht verstehen: Gottes Wege sind keine Sackgassen. Er kommt auf seinem Weg zu seinem Ziel. Darum das Dritte:

3. Gottes Wort kommt an sein Ziel.

Gottes Wort kehrt nicht unverrichteter Dinge zurück, sondern es schafft, was Gott will. Das ist die Botschaft unseres Textes.

Wir müssen uns dabei klarmachen: Unser typisch deutsches Denken, bei dem Worte sprichwörtlich »Schall und Rauch« sind, die verhallen und verfliegen, diese Vorstellung trifft überhaupt nicht das, was in der Bibel mit dem Begriff »Wort« gemeint ist. Denn für einen Hebräer sind »Wort« und »Sache« und »Ereignis« eins. Gottes Wort ist nicht nur ein akustischer Laut, sondern sein Wort hat Kraft. Es schafft Fakten, es schafft Wirklichkeit, es verändert die Lage grundlegend.

Das gibt es auch bei uns, Worte, die eine neue Wirklichkeit schaffen. Denken wir nur an den Urteilsspruch eines Richters. Sein Urteil, im Namen des Volkes gesprochen, verändert die Lebenswirklichkeit des Angeklagten in einem Prozess. Ist es ein Freispruch, dann darf dieser ungehindert nach Hause gehen. Wird er aber schuldig gesprochen, dann wandert der Verurteilte unter Umständen auf Jahre ins Gefängnis. Boris Becker hat das erlebt. Und das junge Pärchen aus Mistelbach, das zwar mit unterschiedlicher Tatbeteiligung, aber eben doch die eigenen Eltern gewaltsam umbrachte, ebenso. Worte verändern manchmal unser Leben schwerwiegend. Die Worte eines Arztes manchmal auch.

Und auch und erst recht Gottes Wort verändert immer unser Leben, wenn wir uns ihm ehrlich aussetzen. Das muss uns auch klar sein, wenn wir in den Gottesdienst gehen. Es ist gut, wenn wir getröstet und gestärkt aus einem Gottesdienst gehen. Es kann aber auch mal sein, dass wir beunruhigt und aufgewühlt die Kirche verlassen. Dann war der Gottesdienst nicht schlecht. Sondern auch dann hat Gottes Wort gewirkt. Wenn das so ist, wenn Gottes Wort Gottes Plan in Tatsachen umsetzt, dann kann kein Zweifel daran sein, ob Gottes Wort sein Ziel erreicht. Er kommt gewiss zu seinem Ziel. Die Frage ist nur noch: Wann?

Das ist eine Ermutigung für uns heute Morgen. Wir kennen so viele Situationen, in denen uns das Glauben schwer fällt, in denen die Leere und der Zweifel nach uns greifen. Aber lassen wir es uns sagen und halten wir uns daran fest: Gottes Wort hat Veränderungskraft. Sein Wort hat Trostkraft und es hat Tragkraft. Gottes Verheißung gilt: »Das Wort aus meinem Mund wird nicht wieder leer zurückkommen, sondern wird tun, was mir gefällt und ihm wird gelingen wozu ich es sende.«

4. Gottes Rettung will unser Lob.

Allerdings sehen wir jetzt noch nicht viel davon, dass Gottes Pläne an ihr Ziel kommen, dass Gottes Wort hält, was es verspricht. Doch ein Wort des indischen Denkers Tagore bringt es auf den Punkt. Er sagt: »Der Glaube ist wie ein Vogel, der schon singt, wenn die Nacht noch dunkel ist.«

Paulus und Silas hatten solch einen Glauben. Mitten in der Nacht, mitten im Gefängnis, stimmten sie Psalmlieder an.

Solch ein Glaubensmut wird von den judäischen Exilanten in Babylon nicht erwartet. Aber die Aussicht auf Gottes Rettung, die soll ihnen die Zunge lösen. Aus der Klage, soll das Danklied werden. Ein Lob in der Hoffnung darauf, dass Gott eingreifen wird.

Und wenn es dann so weit ist, „dass sie »mit Freuden ausziehen und im Frieden geleitet werden« (V. 12a), dann soll Jubel nicht nur von ihnen gesungen werden. Die ganze Schöpfung gerät dann ins Singen und Schwingen. Berge werden frohlocken, Bäume werden jauchzen. Wie das wohl aussehen wird? Wir können es uns kaum vorstellen. Aber herrlich wird es sein, dieser Lobchoral der Schöpfung.

Die letzten Verse unseres Textes weisen hier zugleich über die konkrete Heimkehr der Judäer in ihr Land hinaus. Sie blicken voraus auf Vorgänge am Ende der Zeit. Die Aussagen über die Erlösung Israels und das Lob der Schöpfung werden transparent und zeigen die Zeit, wenn alle Kreatur erlöst wird. Am Ende der nicht verstandenen Wege Gottes steht also das große Staunen. Gott wird die Dinge zum Guten wenden – zu seiner Zeit – auf seine Art. Aber er wird! Jetzt schon hat er angefangen. Aber erst am Ende werden wir es recht sehen können. Und doch sollen gerade unsere Gottesdienste dieses Lob aufnehmen und schon ein Stück weit den Vorgeschmack auf die Vollendung geben. Amen.

Verfasser: Pfr. Friedemann Wenzke, Dr. Martin Luther Str. 18, 95445 Bayreuth; E-Mail: friedemann.wenzke@elkb.de