Gottes Liebe wird oft nicht erkannt

Zur PDF

Christvesper Matthias Claudius Kapelle 2012 Joh 7, 28f

Das mit der Krippe war nur der Anfang. Wäre es dabei geblieben, wäre die Geschichte wohl in Vergessenheit geraten. Aber es ging weiter mit diesem Jesus. Weil er von Gott war, redete er vom Vater im Himmel, heilte und half, tat Wunder und vergab Sünden. Und die Menschen fragten sich: Woher kommt der und woher hat er diese Macht und diese Liebe? Das Johannesevangelium berichtet uns von einer Antwort, die Jesus im Jerusalemer Tempel einmal selbst auf diese Fragen gegeben hat. Johannes 7,28-29:

Da rief Jesus, der im Tempel lehrte: Ihr kennt mich und wisst woher ich bin. Aber nicht von mir selbst aus bin ich gekommen, sondern es ist ein Wahrhaftiger, der mich gesandt hat, den ihr nicht kennt.
Ich aber kenne ihn, denn ich bin von ihm und er hat mich gesandt.

Das ist seine Antwort: Jesus ist von Gott. Niemand von uns kennt Gott, weiß wie er aussieht. Willst du Gott kennenlernen, musst du auf Jesus sehen! So hat einmal ein Weiser gesagt. Und das tun wir. Besonders an Weihnachten. Wir sehen in die Krippe, sehen das Kind, die Engel und hören ihre Botschaft. Am liebsten hören wir die Geschichte, wie der Evangelist Lukas sie erzählt hat. Eben haben wir sie wieder gehört.

Eine schöne Geschichte. Wir kennen sie, sie ist uns vertraut, sie gehört für uns einfach zu Weihnachten. Aber haben wir auch verstanden, was dahinter steht? Bedeutet uns diese Geschichte etwas? Verändert sie uns? Hilft sie uns Wichtiges zu erkennen? Das ist ja nicht zwangsläufig so, dass Geschichten, die einen Hintergrund haben, auch verstanden werden.

Das hab ich jetzt selbst erst wieder erlebt. Ich will es Ihnen erzählen: Heute vor einem Jahr habe ich in der Christmette um 22 Uhr eine Geschichte erzählt, die mich dann vor einigen Wochen wieder eingeholt hat. Ich will Ihnen sagen wie. Dazu muss ich aber den Teil meiner letztjährigen Christmettenpredigt noch mal wiederholen, damit sie verstehen:

Ich will ihnen eine kleine Geschichte erzählen, die erst gestern (23.12.2011) in meinem Email-Briefkasten gelandet ist, als ich an dieser Predigt gearbeitet habe. Sie stand im Oktober 2008 in der Thüringer Allgemeinen Zeitung und ich nehme an, dass sie sich tatsächlich so zugetragen hat und zwar in einem ICE zwischen Berlin und Leipzig:

„Da betrat eine Frau Anfang 30 mit zwei etwa zehn und zwölf Jahre alten Kindern den gut besetzten Speisewagen, am Arm einen großen Korb voller Rosen. Mit freundlicher Stimme fragte sie, ob ihr die Anwesenden einen Moment Aufmerksamkeit schenken würden. Nein, die Geschichte geht keinesfalls so weiter, wie Sie jetzt glauben.

Sie sei, sprach die Frau in die Runde, die Tochter des Lokführers. Und ihr Vater habe just in dieser Stunde im Führerstand der Lok seine allerletzte Fahrt, und diese ende in Leipzig. Er habe zeit seines 40-jährigen Berufslebens bedauert, dass er nie die Fahrgäste sehen könne, die er tagaus, tagein befördere. Und so habe sie sich gedacht, dass heute eine gute Gelegenheit sei. Und ob sie denn allen Fahrgästen eine Rose aushändigen dürfe, die diese wiederum bei der Ankunft in Leipzig ihrem Vater überreichen würden?

Es war einen Moment still im Speisewagen, erst sah man erstaunte Gesichter, dann viele nickende Köpfe. Es hat jeder eine Rose genommen. Bundeswehrsoldaten, Manager, Geistliche, Monteure, Laptop-Klapperer, Studenten, Omas und Enkel.

Als der Zug in Leipzig einfuhr, war alles anders als sonst, wenn ein Zug ankommt. Besonders auffällig: die Abwesenheit von Hektik. Der sonst so eilig fließende Strom der Reisenden schob sich gemächlich dahin, er tröpfelte nur. Zahllose Menschen bewegten sich auf die Lok zu, vor der sich in kürzester Zeit eine Schlange bildete. Und jeder sagte dem nach kurzer Zeit tränenüberströmten Lokführer einen kleinen Spruch ins Gesicht.

Schon bald war der Führerstand übersät mit Rosen. Das dreiköpfige Empfangskommando der Bahn, das am Bahnsteig gewartet hatte, um dem Lokführer-Jubilar einen kleinen Strauß zu überreichen, starrte fassungslos auf den Auflauf und heulte wenig später selber mit. Und mehrere Reisende aus Indien und Japan zückten nach wenigen Sekunden des Überlegens die Kamera und hielten drauf, was das Zeug hielt.

Kann sein, sie erzählen jetzt zu Hause, dass es in Deutschland so wenig Bahnunfälle gibt, weil die Reisenden den Lokführer nach jeder Tour mit Blumen überschütten.

Birgit Kummer, Thüringer Allgemeine, 25.10.2008

In meiner Predigt im vergangenen Jahr fügte ich dieser Geschichte noch die Sätze hinzu:

Das ist Liebe, die ansteckt. Sicher sind all die Rosenüberreicher fröhlich heimgegangen und der Lockführer war überwältigt von der Liebe seiner Tochter, die Phantasie und Mut bewiesen hat. Weihnachten, das ist auch Phantasie und Mut. Sich in die Geschichte hineinzudenken und mitzumachen. Die Zugreisenden mussten die Rose annehmen und weitergeben. So dürfen wir die Liebe des Heilands auch annehmen und weitergeben.

Eine wunderbare Geschichte. Aber nun kommt eine Fortsetzung, die betroffen macht. Vor 5 Wochen, fast ein Jahr, nachdem ich diese Geschichte am Heiligen Abend um 22 Uhr in der Christmette erzählt habe, erreichte mich wieder eine Email. Diesmal von der Frau selbst, die damals im Zug die Rosen verteilt hatte:

Guten Abend,

nach langer Zeit habe ich heute einer Freundin erzählt, dass sie mal googeln sollte „Rosen für den Lokführer“ und danach mein Verhältnis zu meinem Vater zu beurteilen, der dazu meinte: „Dann bin ICH ja jetzt berühmt“.

Sie hatte mehrere sehr unterschiedliche Texte gefunden; unter anderen auch Ihre Predigt im letzten Jahr. Als ich sie mir eben durchlas, dachte ich mir, „Ja, eigentlich hätte mein Vater meine Liebe spüren müssen.“

Nun, hat er nicht! Ich habe das nicht gemacht, um berühmt zu werden; ich habe es gemacht, um ihm seinen Wunsch zu erfüllen, dass sich die Reisenden mal bei ihm bedanken. Und habe mich gegen alle Widerstände der Deutschen Bahn zum Trotz durch den gesamten ICE mit meinen übrigens 3 Kindern (1 Kind musste ja auf die restlichen Rosen aufpassen) hindurchgeschlängelt und in jedem Wagen aufs Neue gesagt, warum ich mit den Rosen im Arm komme.

Ich wollte meinem Vater meine Liebe zeigen und die Reisenden sollten ihn wertschätzen. Er hat sich natürlich sehr gefreut und war überwältigt; aber den eigentlichen Kern hat er nicht begriffen. – Wie gesagt „ER ist jetzt berühmt.“

Ich wollte Ihnen das mitteilen.

Viele Grüße von …

Als ich das las, war ich sehr betroffen, ja erschüttert und dachte mir: Kann das sein, dass der Vater nicht gemerkt hat, welche Liebe seiner Tochter hinter dieser Aktion stand? Es muss wohl so sein, sonst hätte mir die Tochter das nicht mitgeteilt. Ich kann sehr gut verstehen, dass sie traurig darüber ist, dass ihre Liebestat unverstanden blieb. Das tut schon weh.

Aber als ich noch darüber nachdachte, kam mir den Sinn: Ist nicht das, was an Weihnachten geschieht eine ähnliche Geschichte? Gott hat sich in der Fantasie seiner Liebe eine wunderbare Geschichte einfallen lassen: Er hat sich in die Gestalt eines kleinen Kindes verkleidet, in den Schoß einer jungen Mutter begeben, ist unter dramatischen Umständen und in schäbiger Umgebung zur Welt gekommen. Er hat sich den Blicken, den Fragen, den Klagen, den Vorurteilen, dem Misstrauen der Menschen ausgesetzt, hat seine Liebe an sie verschenkt, aber viele haben ihn nicht verstanden. Sie haben ihn beschuldigt, beleidigt und schließlich sogar beseitigt.

Aber Gott hat trotzdem nicht aufgegeben den Menschen seine Liebe zu bringen. Er hat diesen Jesus von den Toten auferweckt und den Menschen zum Heiland gegeben, der alle Macht im Himmel und auf der Erde hat. Wer an ihn glaubt, hat nicht nur ein sinnvolles Leben in Geborgenheit, sondern hat sogar das ewige Leben. Auf der ganzen Welt hat Gott seine Geschichte bekannt gemacht. Überall wird sie in Szene gesetzt. Seit Jahrhunderten werden weltweit Krippen gebaut und Figuren geschnitzt und gegossen. In Peru und bei den Eskimos. In Italien und in der Mongolei. In Franken und Altbayern, bei den Ostfriesen und in Papua Neuguinea. In Bindlach, Mistelbach, im Kreuz und in der Herzoghöhe.

Die Menschen hegen und pflegen ihre Krippen, bauen sie auf und packen sie nach dem 6.Januar wieder sorgsam ein bis zum nächsten Jahr. Sie hören die Geschichte. Vorgelesen oder gespielt von Kindern oder Erwachsenen. – Und dann gehen sie wieder heim, essen und trinken gut, beschenken sich reich, hören schöne Musik dazu – manchmal streiten sie auch dabei furchtbar und schreien sich an und heulen. – Es gibt in vielen Familien diese Weihnachtstragödien. – Und die meisten leben dann einfach so weiter als gäbe es diese Geschichte gar nicht.

Viele erkennen die Liebe nicht, die dahinter steckt. Die Liebe eines menschenfreundlichen suchenden werbenden Gottes, der etwas verändern will durch seine Liebe. Der die Beziehung zwischen ihm und uns heilen will.

Es ist ein Ros entsprungen, aus einer Wurzel zart, haben wir vorhin gesungen. Jesus ist die Rose der Liebe, die uns der barmherzige Gott an Weihnachten überreicht, damit wir durch sie verändert werden zu Menschen, die von seiner Liebe leben und sie an die anderen in unserer Umgebung weitergeben.

Schauen sie doch nicht nur auf die romantische Szene, die in Wirklichkeit gar nicht so romantisch war. Nein, sie war voller Bitterkeit und Hartherzigkeit. Eine Weihnachtstragödie. Das ist doch nicht romantisch, wenn man eine Mutter in ihren Wehen nicht ins Haus lässt, sondern in einen dreckigen Stall schickt, wo sie ihr erstes Kind unwürdig, in Kälte und unter unhygienischen Umständen zur Welt bringen muss. Es ist bitter, wenn man ein Neugeborenes in einen Futtertrog legen muss und Stroh die einzige weiche Unterlage ist, die man finden kann.

Es ist die Bitterkeit der Armut, die auch bei uns leider immer mehr zunimmt. Armut, in der immer noch viele, zu viel Menschen auf dieser Erde leben müssen und auch Kinder bekommen und großziehen müssen. Und manchmal müssen sie auch heute noch, wie damals Maria und Josef mit Jesus bald nach Geburt ihres Kindes fliehen vor Krieg und Terror und ins Asyl gehen, weil man ihnen nach dem Leben trachtet.

Das alles nimmt Gott in Kauf, weil seine Liebe so stark ist und weil er hofft und darauf wartet, dass wir endlich die Liebe erkennen, die hinter seiner Geduld und Leidensfähigkeit steckt. Seine Liebe zu uns, zu ihnen und zu mir.

O, wenn wir es doch nicht so machen würden wie der Lockführer, der nur an sich und seine eigene Berühmtheit denkt und die Liebe seiner Tochter dabei übersieht. Müsste er ihr nicht eigentlich um den Hals fallen und ihr danken für diese Liebe, die keine Mühe und Kosten scheut, die bürokratische Hürden und menschliche Hemmungen überwunden hat, um zu erfreuen und zu versöhnen.

Ja, versöhnen will auch Gott uns mit sich. Dazu ist er in Jesus Mensch geworden. Wir singen es ja jedes Jahr an Weihnachten in der einfachen und klaren Botschaft von Daniel Falk und Heinrich Holzschuher mit dem Lied, das wir auch nachher anstimmen werden: „O du fröhliche, o du selige, gnadenbringende Weihnachtszeit! Christ ist erschienen, uns zu versühnen: freue dich Christenheit.“

Liebe Weihnachtsgemeinde, wenn wir das mit dem Verlorensein und mit dem Versöhnen nicht kapieren, kann das doch auch mit der Freude nichts werden. Nehmen Sie sich Zeit für die Geschichte. Lesen Sie das kleine Weihnachtsheftchen, das ich Ihnen am Ende dieses Gottesdienstes mitgeben werde. Denken sie nach über den Hintergrund der Weihnachtsgeschichte. Reden Sie mit Gott. Bitten Sie ihn, dass er Ihnen diese Geschichte aufschließt und seine Liebe zeigt. Dann wird Weihnachten für Sie zu einem revolutionären Ereignis, das ihr ganzes Leben verändert. Dann erweitern Sie Ihren Horizont bis in die Ewigkeit.

Nur so erfassen Sie das Wunder der Heiligen Nacht, von dem Franz Xaver Gruber in seinem Weihnachtsklassiker in der letzten Strophe dichtet:

Stille Nacht, heilige Nacht, Gottes Sohn, o wie lacht
Lieb aus seinem göttlichen Mund
,
da uns schlägt die rettende Stund, Christ in deiner Geburt,

Christ, in deiner Geburt.

Sehen und hören Sie auf Jesus und sie lernen Gott kennen und seine große Liebe.

Wunderbarer Gnadenthron, Gottes und Marien Sohn,
Gott und Mensch, ein kleines Kind, das man in der Krippe findt
Du bist arm und machst zugleich uns an Leib und Seele reich.
Du wirst klein, du großer Gott und machst Höll und Tod zu Spott
Aller Welt wird offenbar, ja auch deiner Feinde Schar,
dass du, Gott, bist wunderbar.

(EG 38, 1+2)

Amen.

Verfasser: Martin Schöppel, Dr.-Martin-Luther-Str.18, 95445 Bayreuth, Tel.0921/41168