Gottes Hausgenossen
Zur PDF2.Sonntag nach Trinitatis, 05.06.2016 Epheser 2, 17-22
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Wir wollen in der Stille um den Segen des Wortes Gottes bitten … Herr, wir bitten dich um Heiligen Geist zum Reden und Hören. Amen.
Im 2.Kapitel des Epheserbriefes lesen wir das Schriftwort für die heutige Predigt. Der Apostel Paulus schreibt: Jesus ist gekommen und hat im Evangelium Frieden verkündigt euch, die ihr fern wart und Frieden denen, die nahe waren. Denn durch ihn haben wir alle beide in einem Geist Zugang zum Vater.
So sind wir nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen, erbaut auf den Grund der Apostel und Propheten, da Jesus Christus der Eckstein ist, auf welchem der ganze Bau ineinandergefügt wächst zu einem heiligen Tempel in dem Herrn. Durch ihn werdet auch ihr mit erbaut zu einer Wohnung Gottes im Geist.
„Ich bin der Martin und da bin ich daheim!“ – Kommt Ihnen das irgendwie bekannt vor? – Richtig! – Werbung des Bayerischen Fernsehens seit einigen Jahren. – Ein Geigenbauer irgendwo in Oberbayern mit Schleifpapier und feinem Fichtenholz in der Hand. – Ein Winzer mit Würzburger Kulisse im Hintergrund und echt unterfränkischem Akzent. – Aber auch ein dunkelhäutiger Fußballspieler mit oberbayrischen Lauten, mit dem Fuß auf dem Ball und dem Tor hinter sich. – „Ich bin der Joshua und da bin ich dahoam.“ -Dreht sich um und schießt den Ball elegant ins Dreieck.
Die Verantwortlichen des Bayerischen Rundfunks wollen mit dieser Art von Werbung deutlich machen, dass Bayern ein gastfreundliches Land ist, in dem man gern zuhause ist. Und dass es in dem Sender zwar häufig um regionale Themen geht, aber man trotzdem weltoffen ist.
Daheim sein, eine Heimat haben, das sind positiv besetzte Vorstellungen. Der Oberfranke sagt, während er die Krawatte aufzieht, den Kragenknopf öffnet und in seine Schlappen schlüpft mit einem wohligen Seufzer: „Daham is halt daham!“ So ein Satz ist fast nicht übersatzbar ins Hochdeutsche. Man braucht jedenfalls sehr viel mehr Worte dafür.
Eine Heimat haben ist etwas sehr Wertvolles. Wie viele sind in unseren Tagen nicht daheim. Sie haben ihre Heimat verlassen, weil sie dort Angst um ihr Leben hatten. Aus Furcht vor Gewalt, aus Hungersnot oder weil es keine Arbeit und keine Zukunftsperspektive gab. So sind sie auf der Suche nach Heimat, nach Geborgenheit, nach Zukunft. – Noch heimatlos.
Wer keine Heimat hat, wer nicht daheim ist, kann nur Gast sein oder ist ein Fremder. Jeder Gast weiß, hier werde ich nicht bleiben. Den Ort und die Menschen muss ich früher oder später wieder verlassen. Ein Fremder spürt oft Ablehnung. Man signalisiert ihm: Du gehörst hier nicht her. Du bist keiner von uns.
Für alle, die igendwo daheim sind, ist es schwer nachzuvollziehen, wie das sein muss und was das mit einem macht, wenn man kein Zuhause hat. – Sicher können wir nicht unbegrenzt Fremde bei uns aufnehmen. Aber wir sind es doch jedem Fremden, dem wir begegnen schuldig, dass wir ihn achten, dass wir ihm helfen, dass wir ihn behandeln, wie wir auch behandelt werden möchten. – Und wenn wir selbst Heimat haben in einem Land, in dem wir nicht bedroht sind und ausgegrenzt werden, sollten wir Gott dafür danken.
Paulus, der um Gottes willen die Heimat verlassen hat, legt Wert darauf zu sagen: Im Reich Gottes sind wir keine Fremden, keine Gäste, sondern bei Gott sind wir daheim! Wir gehören, wenn wir glauben, zu ihm, zu seiner Familie, zu seinen Hausgenossen. Er schließt die Tür nicht vor uns zu, und wir müssen uns vor ihm nicht verstellen. Er kennt uns doch, so wie wir sind. – Hausgenossen kennen einen auch ungekämmt, unrasiert oder ungeschminkt.
Mit Hausgenossen setzt man sich an einen Tisch und teilt miteinander, was man hat. Wenn ich wirklich Hausgenosse bin, dann darf ich ohne langes Fragen an den Kühlschrank gehen und mich bedienen. Ich darf leben von dem, was im Haus ist. Ich habe nicht nur Schrank und Bett, sondern es steht mir alles zur Verfügung, was da ist. – Hausgenosse sein ist eine Gleichstellung mit den anderen, die da leben. Man kann sich das nicht erarbeiten oder verdienen. Das ist eine Gabe. Ins Haus der Eltern hineingeboren und zu Hause.
Was macht uns denn zu Hausgenossen Gottes? Unser stets korrektes und liebevolles Verhalten? – Dass wir immer total ehrlich sind und einander Achtung und Anerkennung entgegenbringen? – Dass wir uns für gute Christen halten? – Da sind doch wohl Zweifel angebracht.
Zu Gottes Hausgenossen macht uns nur eines oder besser gesagt: Nur einer: Jesus. Wenn er, der Sohn Gottes, mein Bruder ist, dann bin auch ich logischerweise auch ein Kind Gottes. Und wie wird Jesus mein Bruder? Er wird es nicht, er ist es schon! Er kommt so auf uns zu, freundlich, offen, liebevoll und spricht uns an: Mein Bruder, Meine Schwester, du bist willkommen! Du bist daheim im Vaterhaus, wenn du mich als deinen Bruder ansiehst, der alles für dich getan hat und noch tut, dann bist du Gottes Hausgenosse.
Ja mehr noch: Mitbürger der Heiligen! Da sind noch andere Hausgenossen. „Heilige“, solche denen die Familienzugehörigkeit auch geschenkt ist. Da wohnen mit uns und neben uns solche, die Großes geleistet haben: Die treu geblieben sind in Verfolgungszeiten, die geteilt haben, was sie hatten, die ihre eigenen Interessen zurückgestellt haben um anderen zu helfen.
Als Mitbürger im Reich Gottes haben wir Nachbarn, die sich bewährt haben im Leben und im Glauben, von denen uns die Bibel erzählt oder die Kirchengeschichte berichtet: Den Hauptmann von Kapernaum, der Jesus um Heilung für seinen todkranken Knecht gebeten hat und den jungen Mann aus Nain, dem Jesus das Leben wiedergegeben hat; Frauen und Männer, die bei der großen Speisung der 5000 dabei waren und sich satt gegessen haben; die Frauen, die am Ostermorgen das leere Grab vorfanden und es kaum fassen konnten, dass Jesus auferstanden ist aber auch die Frau vom Jakobsbrunnen, die mit vielen Männern gelebt hatte.
Unter den Bürgern des Reiches Gottes sind viele interessante Leute. Es ist eine internationale Gemeinschaft, ein buntes Völkchen. Hugenotten und Waldenser, Salzburger Emigranten und Widerstandskämpfer. Solche die Großes geleistet haben und auch solche, die nur Bettler um Gnade waren, die auf ein verpfuschtes Leben zurückblicken und die in letzter Stunde das Heil angenommen haben, das Jesus am Kreuz schenkt. Das macht ja zu Heiligen. Das macht zum Mitbürger! Nicht die heldenhafte Tat. Ja dort haben auch der arme Lazarus dasselbe Bürgerrecht und der mit Jesus gekreuzigte Schächer und die große Sünderin. Sie alle sind als Gottes Hausgenossen, keine Bürger zweiter Klasse im Reich Gottes.
Angenommen und gleichgestellt, geachtet und geliebt. Die Mitbürger und Hausgenossen Gottes werden keine Unterschiede machen und sich über niemanden erheben. Das würde nicht in dieses Haus passen, in dem sich der Sohn Gottes erniedrigt und sich für nichts zu schade ist.
Stellen Sie sich vor! In diesem Haus dürfen wir Mitbürger und Hausgenossen sein. Sie und ich! – Wenn wir nur in Jesus unseren Bruder erkennen. Den Bruder, der uns aus Liebe beschenkt und befreit. Der uns das neue Kleid schenkt, das ohne Flecken und Risse ist. Nicht wir müssen uns durch Anstrengung und Perfektion zu seinen Brüdern und Schwestern machen, sondern ER ist uns Bruder geworden aus freien Stücken und allein aus Liebe.
Der Apostel Paulus verwendet hier in diesen wenigen Zeilen nicht nur den Vergleich zwischen Gästen und Fremden mit Mitbürgern und Hausgenossen. Er gebraucht noch ein anderes anschauliches Bild aus dem Hausbau. Er sagt: Ihr seid „erbaut auf den Grund der Apostel und Propheten, da Jesus Christus der Eckstein ist, auf welchem der ganze Bau ineinandergefügt wächst zu einem heiligen Tempel in dem Herrn. Durch ihn werdet auch ihr mit erbaut zu einer Wohnung Gottes im Geist.
Das Haus Gottes darf man sich ruhig auch mal ganz schlicht als Gebäude vorstellen. Jedes Gebäude braucht ein Fundament. Paulus nennt hier die Apostel und Propheten. Man könnte sicher auch die Erzväter und Psalmbeter dazu nehmen. Aber dann gibt es die ganz wichtigen Teile, die das Gebäude zusammenhalten und vor dem Einsturz bewahren. Früher waren das die Ecksteine oder die Schlusssteine, die ein Gewölbe oder einen Torbogen zusammenhielten.
Ich hab mir mal von meinen Enkelkindern ihre Legosteine ausgeliehen für meine Predigt. Manchmal erklärt etwas Anschauliches Praktisches einen Sachverhalt besser als eine lange theoretische Abhandlung.
Lego-Torbogen bauen zur Demonstration eines „Ecksteins“.
Erst wenn der letzte Stein den Bogen schließt, bekommt die Sache Halt. Wenn ich jetzt mit genug Steinen ein Haus bauen würde, dann könnte ich zeigen, dass das Dach erst dann hält, wenn der Schlussstein drauf ist. Unser Leben hat erst mit Christus einen Halt, will der Apostel damit ausdrücken. Wenn Jesus der wichtigste Stein in unserem Lebensgebäude ist, dann wohnt Gott bei uns. Dann fügen wir uns bestimmungsgemäß ein in einen Gesamtplan der Stadt Gottes, die zum großen Tempel des heiligen Gottes wird. Das wird erst vollendet werden in Gottes Zukunft, aber es fängt hier und jetzt schon an.
Wir dürfen hier schon daheim sein. In den wunderbaren Liedern, in den Gleichnissen und starken Bibelworten, in den Gebeten, Psalmen, in den wiederkehrenden Zusprüchen der Liturgie: Der Herr sei mit Dir! – Der Herr hat sich über uns erbarmt! – Der Herr segne dich und behüte dich! – Im Abendmahl: Christi Leib, für dich gegeben! – Christi Blut, für dich vergossen, zur Vergebung deiner Sünden!
Wir dürfen daheim sein in den Kirchenbänken und vor dem Altar, verbunden mit dem Vertrauen: Ich bin kein Fremder für Gott. Ich bin auch nicht nur seltener Gast. Ich gehöre dazu hier! Ich bin gern gesehener Hausgenosse Gottes!
Wenn ich so lebe, dann verlasse ich am Ende meines Lebens diese Welt zwar wie ein Gast, dem nichts hier gehört, aber ich gehe heim, ich darf heimkommen zu dem Herrn der mir alles schenkt, was ich brauche, bei dem mir alles gehört! – Ist das nicht wunderbar! – Kann man damit nicht getrost leben?
Machen wir uns also fest an Jesus, überprüfen wir immer neu unsere Verbindung zu ihm. Wie kann man das? Im Hören auf Gottes Wort. Im Lesen der Bibel. Im Blick auf Jesus, sein Kreuz und seine Auferstehung. In und mit den Gaben des Abendmahls, in denen sich Jesus selber uns schenkt. Das ist wie eine Veredelung. Durch das edle Reis wird der wilde Baum veredelt und kann gute Früchte tragen. Durch die Vergoldung wird das Silber, das immer wieder anläuft und schwarz wird und geputzt werden muss, rein und schön.
Beim Propheten Jesaja steht das starke Wort (Jes 42,3): „Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen.“ – Das Rohr wird wieder aufgerichtet und die Stelle an der es geknickt war gerichtet und geheilt. – Der glimmende Docht erhält neue Nahrung und kann wieder hell und warm brennen, kann Licht und Wärme geben.
Vielleicht fühlt sich der eine oder die andere unter uns so: Geknickt von den Stürmen des Lebens. Nur noch rauchend und ein bisschen glimmend, weil kein Brennstoff mehr da zu sein scheint. – Manchmal fühle ich mich auch so, das dürfen Sie mir glauben. – Aber dann ist da diese Kraft, die mich wieder aufrichtet. Dann hat das Wort Gottes, hat der Bruder Jesus ein Wort für mich, das mich stärkt. – Er hat ganz gewiss auch für Sie genug Kraft! Seine Worte gelten auch Ihnen.
Brauchst du Kraft? Bei ihm ist Stärke.
Brauchst du Hilfe? Er ist da:
Er wird nie sein Kind verlassen,
nein will bei der Hand dich fassen.
Fürchte nichts, er ist ganz nah!
(Text Hedwig von Reedern)
Amen.
Verfasser: Martin Schöppel ©, Dr.-Martin-Luther-Str.18, 95445 Bayreuth, Tel. 0921/41168