Gottes große Überraschung!

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Predigt: Jes. 9, 1-6. Christvesper am 24.12.2024 – Kreuzkirche

Liebe Gemeinde,

»Weihnachten kommt überraschend!« Nicht nur im Sinne eines seltsamen Lebensgefühls, das viele Menschen bei uns kurz vor oder am Heiligabend beschleicht: Es ist noch so viel zu erledigen – und nur noch so wenig Zeit! Weihnachten ist lang schon angekündigt und eigentlich jedes Jahr am 24.12.– und trotzdem kommt es überraschend.

»Weihnachten kommt überraschend!« auch in einem viel tieferen Sinn. Die Weihnachtsgeschichte ist eine Geschichte voller Überraschungen. Maria wird überrascht von der Ankündigung des Engels. Josef, ihr Verlobter, wird überrascht von der Nachricht, dass seine Verlobte ein Kind bekommt. Dann folgt eine schwierige Herbergssuche und ein überraschender Geburtsort.

Und dann sind da noch die Hirten auf dem Feld. Nachts hüten sie ihre Herde. Mehr erzählt das Weihnachtsevangelium nicht von ihrer Situation. Vielleicht stimmt das idyllische Bild vom wärmenden Lagerfeuer, um das sie saßen mit leiser Flötenmusik. Es könnte aber auch ganz anders gewesen sein. Zum Beispiel so:»Es war Nacht und die Herde lag friedlich am Hang, / und die Welt trug ein mondweiches Kleid. / Aber wir hockten hier, und die anderen dort, / und man hörte nur manchmal ein drohendes Wort, / denn grad zwischen uns hockte der Streit. So dichtet der Liederdichter Manfred Siebald.

Hat der Streit heute auch schon unter ihnen gehockt? Die Online Ausgabe vom Stern hat vor einem Jahr eine Umfrage veröffentlicht, nach der 25 Prozent der Deutschen an Weihnachten besonders viel Streit und Konflikte erleben. Dabei wünschen sich doch eigentlich alle ein harmonisches Fest. Aber so einfach ist das nicht: Die Tanne ist krumm, der Braten verbrannt, das Geschenk passt nicht und der Besuch völlig schräg drauf. Frieden ist nicht selbstverständlich. Wir müssen an ihm arbeiten, ihm nachjagen. Das kostet Energie und Anstrengung, gerade auch im zwischenmenschlichen Bereich. Aber es lohnt sich. Am schwersten trägt man an einem Konflikt in der Regel selbst und nicht der andere. Und wie wichtig ist es, Konflikte zu lösen. Es wird nicht in allen Fällen gelingen. Aber so viel an uns liegt, sollen wir dazu beitragen.

Wie es auch immer es damals war, ob friedlich oder im Streit: Die Hirten wurden überrascht von dem Engel des Herrn, und derKlarheit des Herrn, die um sie leuchtete. »Weihnachten kommt überraschend!«

Vom überraschenden Weihnachtslicht, das die Finsternis erhellt, berichten auch Verse des Propheten Jesaja – mehrere hundert Jahre vor dem Ereignis in Bethlehem geschrieben: Jes. 9,1-6

Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell.

Du weckst lauten Jubel, du machst groß die Freude. Vor dir wird man sich freuen, wie man sich freut in der Ernte, wie man fröhlich ist, wenn man Beute austeilt.

Denn uns ist ein Kind geboren! Ein Sohn ist uns geschenkt! Er wird die Herrschaft übernehmen. Man nennt ihn „Wunderbarer Ratgeber“, „Starker Gott“, Ewiger Vater“, Friedensfürst“. Er wird seine Herrschaft weit ausdehnen und dauerhaften Frieden bringen.

Liebe Gemeinde,

das Volk, das im Finstern wandelt… »Finsternis« dürfte zu den Worten gehören, die in den meisten Menschen keine guten Gefühle auslösen. Ich bin erst kürzlich spät abends mit dem Fahrrad auf einem dunklen Feldweg heimgefahren ohne Straßenbeleuchtung, das war schon etwas furchterregend. Und genau so müssen auch die Worte von Jesaja wirken, dem Gerichtspropheten, der seinem Volk die Finsternis des Untergangs ankündigen muss. Diesem Volk, das sich in seinem Alltag von Gott und dem Licht seiner Gebote abgewandt hat und lieber seine eigenen dunklen Wege geht. Wege der Rechts- und Rücksichtslosigkeit; Wege des Egoismus und Eigensinns. Jesaja sieht und beschreibt eine düstere, ja finstere Zukunft für sein Volk.

Doch der Prophet Gottes sieht weiter. Er sieht tiefer. Er sieht, was Gott auch noch vorhat. Und das ist wirklich überraschend: Licht, Freude und Heil sieht er. Wann es kommt – das weiß Jesaja nicht – aber dass Gottes Heil kommt, das weiß er ganz sicher. Nicht weil die Menschen es verdient haben, sondern weil Gott sie liebt. Das überrascht!

Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht. Was Weihnachten zu Weihnachten macht, ist, was unser Gott tut. Wie gut, dass er seine Menschen immer wieder mit seiner Güte beschenkt. Wie gut, dass er uns eben nicht allein lässt; uns nicht im Finstern verzweifeln lässt, sondern sein helles Licht anzündet – gerade und immer wieder auch dort, wo wir es am wenigsten erwartet haben.

Gottes Heil kommt überraschend. Nicht weil die Menschen es verdient haben. Nach allem, was wir bei Jesaja lesen, könnte man sagen: »selbst schuld«, dass ihr im Finstern sitzt. Und damit basta! Doch Gott gibt nicht auf. Gott lässt seine Menschen nicht sitzen. Gott schenkt sein Heil. Unverdient, ohne Vorbedingung.

Das Heil, die Hoffnung, die Jesaja ankündigt, wird sehr konkret. Sie hat Hand und Fuß im wahrsten Sinne des Wortes:Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben und die Herrschaft ruht auf seiner Schulter.

Gottes Heil wird sichtbar, greifbar, fassbar in einer Person. Gott ist nicht weit weg. Sein Heil, sein Friede keine nebulöse Idee, keine unerreichbare Utopie – sondern Gottes Licht wird Mensch.

Viele hundert Jahre später sind es dann genau diese Hirten in Bethlehem, die als erste die Botschaft hören:Euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids.

Da geschieht es. Da macht Gott sein Versprechen wahr. Da, ganz unscheinbar: Im schummrigen Licht eines kleinen Stalles. Im Staub einer Höhle dort bei Bethlehem, in der man das Vieh unterstellte. Aber dort, dort in aller Unscheinbarkeit ist das größte Wunder aller Zeiten geschehen: Dort kam Gott zur Welt. Dort wurde das Wort Fleisch. Dort wurde Gott Mensch.

Dieses Kind, das Jesaja schon beschrieben hat, hat tiefgründige Namen.

Das mit den Namen ist eine komplizierte Sache: Meine Frau arbeitete viele Jahre in einer Kinder- und Jugendarztpraxis. Da bekam sie alle möglichen und unmöglichen Namen mit. Und sie kann sich für Namen und die Diskussion darüber begeistern. Entsprechend aufwändig war die Namenssuche für unsere drei Jungs vor vielen Jahren. Schließlich haben wir es geschafft: Simon, Linus und Jakob sind daraus geworden. Wir und sie sind glücklich damit. Und was wir nicht an Namen vergeben konnten, gerade auch an Mädchennamen, haben wir in den vergangenen Jahren an verschiedene Hühner und Kaninchen vergeben, die allerdings tragischerweise alle schon wieder von uns gegangen sind. Inzwischen haben wir einen Hund- aber erst nach dem alle Hasen und Hühner gestorben waren, nicht, dass Sie denken!

Aber zurück zu den Namen. Namen- sie sind eben mehr als Schall und Rauch. Namen sagen etwas aus: Felix der Glückliche, Dorothea- das Gottesgeschenk, Friedemann- so heiße ich – der friedliche Mann- ob das immer so stimmt?

Das Kind, von dem Jesaja redet, hat besondere Namen und sie passen alle auf das Jesuskind: „Wunderbarer Ratgeber“, „Starker Gott“, „Ewiger Vater“, „Friedefürst“.

Der Reihe nach:Wunderbarer Ratgeber: Jesus ist wunderbarer Ratgeber. Ein universaler Ratgeber für alle Situationen des Lebens. Und wer könnte uns besser beraten, wie das Leben funktioniert als der, der es erschaffen hat? Natürlich beraten heute auch viele andere. Inzwischen lassen sich Millionen followers von Megastar Taylor Swift in allen möglichen Lebensbereichen beraten. Oder wir hören auf andere Influencer. Und wer lässt sich von Jesus beraten?

Jesus besitzt nicht nur das Wissen des Erfinders, sondern er hat das Leben selbst getestet und gemeistert. Die Ratschläge von Jesus sind alle in der Lebenspraxis von ihm selbst erprobt. Er ist nicht nur der Erfinder und Schöpfer des Menschseins, sondern kam als Mensch auf diese Welt und hat alles am eigenen Leib erlitten und durchgemacht. Nichts Menschliches ist ihm fremd. Es lohnt sich, sich auf ihn als Berater und Coach einzulassen.

Was rät er denn? Fürchtet euch nicht! Sorgt euch nicht! Bittet, so wird euch gegeben! Folgt mir nach!

Vergebt! – Liebt einander, nicht nur euere Freunde und euere Nächsten. Auch euere Feinde. Tut denen Gutes, die euch hassen! Er rät uns auch, dass wir uns nicht nur mit Geld und Schätzen dieser Welt befassen sollen, sondern mit Worten Gottes und mit den Schätzen, die einmal im Himmel zählen.

Sein zweiter Name: „Starker Gott“, Jesus ist ein starker Gott, denn er ist anders als alle Götter, die von Menschen je verehrt wurden.

Jesus hat alle Kraft Gottes zur Verfügung, um diese Welt und uns persönlich zu retten. Mit dieser Kraft stellt er sich an unsere Seite. Und mit dieser Kraft wird er die Welt vor dem vorzeitigen Untergang retten und schließlich umwandeln in die neue Welt Gottes ohne Leiden, ohne Tod, ohne Sünde und Unterdrückung und Unrecht. Wer das Weihnachtsgeschenk Jesus, den starken Gott, in seinem Leben auspackt und anpacken lässt, wird seine erneuernde Kraft erleben. Vertrauen wir doch unser Leben diesem starken Gott an.

Der nächste Name istEwiger Vater: wenn der Gottessohn Jesus als Ewiger Vater zu uns kommt, wird deutlich, wo Gott unser eigentliches Problem sieht: im Tod. Ewiger Vater meint, dass Jesus zu uns kommt, um uns ewiges, unzerstörbares Leben zu eröffnen und vom Stachel des Todes zu befreien. Unsere tiefsten Nöte sind in Gottes Augen nämlich nicht gesundheitliche Probleme, Klimakatastrophen oder Weltkriege, sondern der Tod, dem wir alle einmal zum Opfer fallen. Den kann auch keine künstliche Intelligenz verhindern und unsere menschliche schon gar nicht. Dadurch dass Gott uns zu Weihnachten nicht eine weitere Lichterkette schenkt, sondern eine Blaulichtaktion zur Lebensrettung organisiert, legt er den Finger in unsere tiefste Wunde, unsere Sterblichkeit. Jesus kann und will uns die Ewigkeit öffnen: »Wer an den Sohn glaubt, der hat das ewige Leben« (Joh 3,34), sagt Jesus einmal selbst von sich und lädt uns zu diesem neuen Leben mit Ewigkeitswert ein.

Und schließlich noch der letzte Name:Friedensfürst: Ein Fürst ist der Erste. Allen voran will er den Frieden. Er will den Frieden unter den Völkern, zwischen den Menschen und in den Herzen. Er will den Frieden mit Gott schenken, aus dem aller andere Friede hervorgeht. Jesus zeigt uns: Gott ist bereit zur Versöhnung. Er verzichtet auf Strafe für die Verletzung seiner Autorität und Ehre durch uns Menschen. Er rechnet nicht mehr die Übertretung und Rebellion gegen seine Gebote auf und ist bereit, alle unsere Schuld zu löschen. Er ist bereit, die Strafe, die uns im letzten Gericht droht, selbst zu sühnen und zu tragen, damit wir nicht mehr Feinde und Gegner Gottes sind, sondern wirklich seine Kinder. Wenn wir uns darauf einlassen, dass Jesus durch seinen freiwilligen Tod am Kreuz unsere Strafe auf sich nimmt, sind wir mit Gott versöhnt. Durch seine Vergebung können und sollen wir dann auch anderen vergeben wie wir es im Vaterunser beten: wie auch wir vergeben unserem Schuldigern. So breiten sich Versöhnung und Frieden auf unserer Erde aus. Auch wenn wir uns das heute teilweise nur schwer vorstellen können.

Weihnachten kommt überraschend, so habe ich die Predigt begonnen. Überraschend für die damals direkt Beteiligten und vielleicht auch überraschend für uns heute. Die größte Überraschung ist, dass Gott uns so reich beschenkt mit seinem Sohn, dem wunderbaren Ratgeber, starken Gott, Ewigen Vater und Friedefürst.

Wie geht es Ihnen, wenn Ihnen jemand was schenkt? Viele von uns haben Probleme damit, sich beschenken zu lassen, weil sie sich dadurch verpflichtet fühlen. Man nimmt das Geschenk, aber vermutet Hintergedanken. Gott hat aber keine Hintergedanken bei seinem Weihnachtsgeschenk. Er weiß, dass wir ihm niemals auch nur ein annähernd so kostbares Geschenk zurückschenken können. Alle Geschenke, auch die der drei Weisen wirken irgendwie hohl. Es gibt nur ein Geschenk, über das sich Jesus wirklich freut: Wenn wir ihm unser Leben anvertrauen! Machen wir doch ihm diese Freude heute Abend!

Amen.

Bei Rückfragen bitte wenden an: Friedemann Wenzke, Dr. Martin Luther Str. 18, 95445 Bayreuth, Tel: 0921/41168; E-Mail: friedemann.wenzke@elkb.de