Gott wieder Großes zutrauen lernen

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Predigt am 3. Advent 2020: Lk. 1, 67- 79

Liebe Gemeinde,

wir erleben in diesem Jahr zumindest von den äußeren Umständen her eine ruhigere Adventszeit. Keine Weihnachtsfeiern, keine Weihnachtsmärkte, verstärktes Onlineshopping und weniger volle Adventssamstage, weniger Besuche und durchgeplante Wochenenden und Feiertage. Das alles hat ganz schwere Seiten: wirtschaftlich, sozial, gesellschaftlich, familiär, psychisch. Wir wissen darum und leiden unterschiedlich stark darunter. Aber das Ganze bietet zumindest die eine Chance, dass wir eine Advents- und Weihnachtszeit erleben, in der wir mehr Ruhe und Zeit haben für das Wesentliche im Advent. Vom üblichen Weihnachtstrubel kann man in diesem Jahr jedenfalls nur bedingt reden.

Einer, der eine ganz besondere Adventszeit ohne Hektik erlebt hat, war Zacharias. Wer den Online- Adventskalender hört, der hat in der letzten Woche schon drei Tage sich mit ihm beschäftigen können.

Nochmal zur Erinnerung: Zacharias war schon ein bisschen älter, aus heutiger Sicht hätte er in den Ruhestand gehen können. Von Beruf war er Priester. Er tat seinen Dienst im Tempel des Herrn. Viele Jahrzehnte tat er das schon. Eigentlich nichts Besonderes mehr für ihn. Bis eines Tages ein Engel neben ihm stand. In der Situation, da half ihm alle Lebenserfahrung nicht: so was hatte er noch nicht erlebt. Und damit nicht genug. Was der Engel ihm zu sagen hatte, war genauso gewaltig wie die Gestalt, die da neben ihm stand. Er und seine Frau Elisabeth sollten ein Kind bekommen! Und er solle sich nur nicht fürchten.

Das war leichter gesagt als getan. Bleiben Sie mal ruhig, wenn so eine Lichtgestalt neben ihnen steht. Und lassen Sie sich mal sagen, dass Sie mit 60 plus noch Eltern werden. Da kann einem schon angst und bange werden oder? Dabei waren Zacharias und Elisabeth zwei Menschen, die ein Leben lang gewartet haben. Aber wenn es dann plötzlich so weit ist, ist man fast überrascht. Bei den beiden war immer Advent, aber nie Weihnachten. Immer das Warten auf ein Kind, aber nie die Freude über seine Geburt.

Damals waren Kinder das Lebensziel. Wer Kinder hatte, galt als gesegnet. Und sie waren auch die einzige Art der Rentenversicherung, das muss man so deutlich sagen. Heute ist das anders. Es gibt viele Formen, ein erfülltes Leben zu führen, mit und ohne Kinder. Und doch ist es mitunter auch heute eine große Not, die auch heute Menschen trifft, dass man sich Kinder wünscht und keine bekommt. Und diese Not ist so schwer zu tragen! So groß die Freude auch in unserer Gemeinde über neugeborene Kinder ist, so sehr haben wir auch seelsorgerlich die Paare zu begleiten, die gerne Kinder möchten und bis jetzt keine bekommen. Aus seelsorgerlicher Begleitung möchte ich an dieser Stelle wirklich auch Eltern erwachsener Kinder um ganz viel Behutsamkeit und Sorgfalt bitten. Es ist eine Gnade, wenn wir Eltern sein dürfen. Und es ist auch eine Gnade, Großeltern sein dürfen. Da verbietet sich jede Forderung und jeder Druck. Machen wir uns das bitte immer wieder bewusst und danken wir – allen Turbulenzen, die die Kinder auch mit sich bringen zum Trotz, doch täglich für unsere Kinder. Es ist nicht selbstverständlich, dass wir sie haben und dann hoffentlich auch lange begleiten dürfen als Eltern.

Zacharias und Elisabeth haben auch lange auf dieses Wunder der Geburt eines Kindes warten müssen. Dabei hatten sie doch Namen voller Hoffnung erhalten: Zacharias bedeutet- Gott denkt an mich. Elisabeth heißt: Gott schwört mir die Treue. Aber davon war so lange nichts zu sehen. Wie gesagt: für sie war es immer Advent, aber nie Weihnachten. Und irgendwann hatten Sie resigniert. Sie wissen vom Verstand her ganz klar: wir sind zu alt. Ich kann diese nüchterne Sicht schon auch gut verstehen.

Und dann diese Engelsbegegnung: Elisabeth soll schwanger werden. Und dann noch den Wegbereiter des Gottessohnes auf die Welt bringen. Den, der einmal Jesus, den Sohn Gottes taufen soll, nämlich Johannes den Täufer. Der Name wird Ihnen von Gott vorgegeben: Johannes: wieder ein besonderer Name: „Gott ist gnädig“, bedeutet er. An seinem Namen soll abzulesen sein, was der Grund seines Lebens ist und bleibt: Gottes Gnade. So einen besonderen Jungen sollen die beiden bekommen. Das übersteigt alle Vorstellungskraft des alten lebenserfahrenen Zacharias.

Wer kann so etwas glauben? Das fällt Zacharias schwer, der ja ganz gewiss ein frommer Mann war. Aber so viel traute er Gott dann doch nicht mehr zu nach der langen Wegstrecke, die sie bei dem Thema schon hatten. Da konnte er nicht mit. Da verschlug es ihm die Sprache.

Der Gott, wie Zacharias ihn sich vorstellte, der konnte so etwas nicht mehr. Zacharias hatte verlernt, Gott Großes zuzutrauen. Sein Gott war zu einem handlichen Alltagsgott geworden, der hier und da noch ein kleines Wunder tut, aber so richtig gewaltige Dinge, die hat er vielleicht früher getan, aber heute nicht mehr. Zacharias hatte zunehmend verlernt, Gott Großes zuzutrauen. Gott ist für ihn im Laufe seines Glaubenslebens berechenbar geworden. Zum Lückenbüßer, wo er selbst nicht mehr weiterkam. Zum Helfer in der Not, aber nicht mehr zum Lebensbegleiter in allen Lebenslagen. Zacharias war müde und ausgelaugt bei manchen Fragen geworden. Auch in geistlicher Hinsicht.

Ich schildere das heute, ohne in irgendeiner Weise ein Urteil über Zacharias zu sprechen. Der Zacharias bin ich und vielleicht bin ich gar nicht allein in dieser Kirche, ich weiß es nicht. Ich jedenfalls kenne Lebensphasen, da fühle ich mich dem Zacharias sehr nahe. Lange um etwas gebetet und es ist nichts passiert. Oder gar das Gegenteil! Vielleicht geht es uns auch in geistlicher Hinsicht so im Blick auf die Corona Pandemie. Ich weiß, es gibt sie in unserem Reihen, sogar zahlreich die sich im Gebet treu für ein Ende der Pandemie einsetzen. Aber das durchgreifende Wunder passiert nicht. Stattdessen verschlimmert sich die Lage wieder täglich. Und ganz allmählich werden die Erwartungen an Gott kleiner. Man rechnet sich aus, wo er denn vielleicht helfen könnte und wo es doch sehr unwahrscheinlich ist. Irgendwann verdrängt man die Sehnsucht auf Gott, weil man das Leben sonst nicht aushält. Das können ganz unterschiedliche Lebensbereiche sein, wo es uns geistlich so geht. Gott sieht unser Resignieren. Bei Zacharias und bei uns. Er ist der beste Seelsorger. Und er wählt bei Zacharias einen Weg, der zunächst sehr hart erscheint, aber im tiefsten Grund sehr fürsorglich ist: Gott führt Zacharias in die Stille. Er machte ihn stumm. Und Zacharias lernt in dieser Stille seine erste Lektion: Advent heißt: Gott wieder etwas zutrauen lernen.

Ich weiß um schwere Quarantäneerfahrungen und meine eigene Angst davor. Ich weiß, dass ich es in diesen Monaten sehr vorsichtig formulieren muss. Und doch ist es wahr: Wenn Gott uns mal auf die Seite nimmt, wenn wir am üblichen Geschehen mal nicht mehr so richtig teilnehmen oder mitmachen können, dann muss uns das nicht gleich schaden. Es kann auch eine Zeit sein, in der wir ins Nachdenken kommen, Dinge klarer sehen und ordnen können. Es kann auch in geistlicher Hinsicht eine Chance sein, wenn Gott uns mal aus der Betriebsamkeit herausnimmt.

Allerdings ist das nicht nur Gottes Aufgabe. Wir müssen auch selbst danach Ausschau halten, nach Orten und Zeiten der Stille. Das ist manchmal mühevoll, aber wichtig. Dem Zacharias wurde die Stille einfach auferlegt, indem ihm die Stimme genommen wurde. Uns wird es hoffentlich nicht so gehen. Wir müssen solche Orte der Stille vielleicht selbst bewusst suchen und gestalten. Als Kirchengemeinde können wir in diesem Jahr weniger dazu beitragen. Aber auch das häusliche Gestalten des Advents in ihrem Haus ist eine Möglichkeit zur Besinnung zu kommen. Ich konnte eine Nacht in dieser Woche mal nicht gut schlafen und habe mir am sehr frühen Morgen die Kerzen am Adventskranz angezündet. Es war alles still bei uns und um uns: alles schläft, einsam wacht… Und es war für mich eine ganz wertvolle Stunde der Stille vor Gott. Vermutlich haben Sie das auch schon gemerkt: Stille führt zur Klärungen, Stille verändert.

In der Stille, die neun Monate dauerte, reift bei Zacharias ein Ja heran. Ein Ja, zu dem Gott, dem alles zuzutrauen ist. Ein Ja zu Gottes Plan, dass er und seine Frau nun doch im Alter noch Eltern werden. Ein Ja zu Gottes Heilsweg. Neun Monate hat es bei Zacharias gebraucht, bis er Ja zu Gottes Wegen sagen konnte. Neun Monate ist ganz schön lang. Wie lange ringe ich in manchen Fragen mit Gott? Wie kurz- oder langatmig bin ich in geistlichen Dingen? Ich möchte von Zacharias neu Geduld lernen, auch in geistlichen Klärungen und Fragen.

Als Zacharias wieder reden kann, stimmt er erfüllt vom Heiligen Geist einen großen Lobgesang an, unseren heutigen Predigttext:

68 Gelobt sei der Herr, der Gott Israels! Denn er hat besucht und erlöst sein Volk 69 und hat uns aufgerichtet eine Macht des Heils im Hause seines Dieners David 70 – wie er vorzeiten geredet hat durch den Mund seiner heiligen Propheten -, 71 dass er uns errettete von unsern Feinden und aus der Hand aller, die uns hassen, 72 und Barmherzigkeit erzeigte unsern Vätern und gedächte an seinen heiligen Bund 73 und an den Eid, den er geschworen hat unserm Vater Abraham, uns zu geben, 74 dass wir, erlöst aus der Hand unsrer Feinde, 75 ihm dienten ohne Furcht unser Leben lang in Heiligkeit und Gerechtigkeit vor seinen Augen. 76 Und du, Kindlein, wirst ein Prophet des Höchsten heißen. Denn du wirst dem Herrn vorangehen, dass du seinen Weg bereitest 77 und Erkenntnis des Heils gebest seinem Volk in der Vergebung ihrer Sünden, 78 durch die herzliche Barmherzigkeit unseres Gottes, durch die uns besuchen wird das aufgehende Licht aus der Höhe, 79 damit es erscheine denen, die sitzen in Finsternis und Schatten des Todes, und richte unsere Füße auf den Weg des Friedens.

Zacharias stimmt ein Loblied an, obwohl von dem, was er da beschreibt, noch gar nichts zu sehen ist. Bisher war der verheißene Retter nur schon Jahrhunderte lang von den Propheten vorhergesagt worden. Micha, Jesaja, Sacharja hießen die, die schon lange Hoffnung auf den Messias gemacht hatten. Aber zu sehen war er deshalb noch lange nicht.

Auch zur Zeit Zacharias herrschten noch die Römer im Land. Israel war aus der Babylonischen Gefangenschaft zwar zurückgekehrt, aber von dem bisherigen Glanz des Volkes war nichts mehr zu sehen. Man erwartete nichts mehr von der Zukunft. Der Blick nach vorne war alles andere als hoffnungsvoll. Die Menschen waren resigniert. Sie hatten sich mit den schlimmen Zeiten abgefunden. Und Gott? Kaum einer glaubte noch im Ernst an eine herrliche Zukunft, die Gott schaffen würde. Und dann singt Zacharias solche Worte, sobald er wieder Stimme hat. Ob die Leute ihn für verrückt erklärt haben? Ich weiß es nicht.

Zacharias aber hat aus der Stille heraus erkannt: Nun ist doch wahr, dass Gott sich der Armen annimmt. Nun ist doch wahr, dass Gott Wunder tun kann. Nun ist doch wahr, dass Gott zu seinem Bund steht und den Retter schickt. Er vergisst seine Kinder nicht einfach. Nun ist doch wahr, dass nicht die Feinde, die gewissenlosen Typen, die Gewalttätigen und Machtbesessenen, die Gottlosen am längeren Hebel sitzen. Das gibt Hoffnung. Immer wieder ruft Zacharias: Er,er,er schafft Heil! Er gibt Licht. Gelobt sei der Herr, der Gott Israels! Denn er hat besucht und erlöst sein Volk.Er lenkt unsere Schritte auf den Weg des Friedens. Er, der lebendige Gott. Zacharias traut Gott wieder etwas zu. Aus seinem Kleinglauben ist in der Stille ein Großglaube geworden. Was für ein geistliches Geschenk, was für eine Geistesfrucht aus der Stille.

Im Advent richten wir uns auf Christus aus. Johannes, der Täufer, der verheißene Sohn von Zacharias und Elisabeth, wird später zu einem Wegweiser zu Jesus Christus. Übergroß ist der Zeigefinger des Täufers auf dem Isenheimer Altar von Matthias Grünewald. Es geht nicht um Johannes. Es geht um Christus. Johannes ist der Wegweiser zu Christus. Advent heißt: Jesus Christus soll uns wieder wichtig werden.

Zacharias hat nach der Stille Gott ein Loblied gesungen. Das ist uns heute und die nächsten Wochen verwehrt. Aber Gott danken können wir dennoch! Danken, dass er eine Zukunft für uns hat. Für jeden von uns. Da ist keiner in einer ausweglosen Lage und wenn es noch so scheint. Gott stellt auch dir unsichtbar Engel an die Seite, die zu Dir wie zu Zacharias sagen: „Fürchte dich nicht! Habe doch keine Angst. Auch dich wird die herzliche Barmherzigkeit unseres Gottes wieder neu besuchen. Herzliche Barmherzigkeit: zweimal steckt das Wort „Herz“ darin. Gott hat ein Herz für Dich! Glaub es doch! Darauf zu vertrauen, im Blick auf uns selbst und auch auf Menschen, die wir kennen, und die vielleicht gerade eine tiefe Krise durchleben, dazu soll uns die Adventszeit neu ermutigen. Gott gibt unserem Leben eine Richtung. Er hilft uns, ohne Angst nach vorne zu blicken.

Was liegt da näher als wie Zacharias Gott zu loben? Ganz sicher müssen wir es in diesem Jahr stärker in unserem Herzen und im Stillen tun. Aber davon lässt sich Gottes Segen und Eingreifen nicht abhalten. Amen.

Verfasser: Pfarrer Friedemann Wenzke, Dr. Martin Luther Str. 18, 95445 Bayreuth, Tel: 0921/ 41168