Gott weiß wie es dir geht
Zur PDFTrinitatis, 15.06.2014, 2.Korinther 13, 11 + 13
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen.
In der Stille bitten wir um den Segen Gottes für diese Predigt…
Das Schriftwort für diese Predigt steht im 2. Korintherbrief im 13. Kapitel und ist der kurze Schluss dieses Briefes:
Zuletzt, ihr Lieben,
freut euch
und lasst euch zurechtbringen,
lasst euch mahnen,
habt einerlei Sinn,
haltet Frieden!
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus
und die Liebe Gottes
und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes
sei mit euch allen!
Der Schluss seines Briefes an die Gemeinde in Korinth ist für Paulus die kurze Zusammenfassung seines Anliegens und im letzten dreiteiligen Satz ein Segenswunsch und Zuspruch, der unseren ganzen christlichen Glauben beinhaltet. Sie kennen ihn. Bei uns steht dieser Satz gewöhnlich am Anfang der Predigt und wird als Kanzelgruß bezeichnet:
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus
und die Liebe Gottes
und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes
sei mit euch allen!
Darum sind wir hier zusammen, darum feiern wir Gottesdienst um uns zu vergewissern, dass unser Christsein nicht das Ergebnis eigener Anstrengungen ist, sondern in der Gnade unseres Herrn Jesus Christus begründet ist. Weil der freiwillig unsere Schuld auf sich genommen und am Kreuz getilgt hat, darum sind wir angenommen und gehören zum Reich Gottes. Das Wort „Gnade“ drückt aus, dass es dabei nicht um einen verdienten Lohn oder einen berechtigten Anspruch geht, sondern um ein unverdientes Geschenk.
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus soll mit euch sein, soll in euch lebendig sein. Ihr sollt sie glaubend und dankend festhalten. Das ist das erste. Wenn du zum Gottesdienst kommst, sollst du das wissen: Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus gilt dir.
Gnade, das ist, wie wenn einer hungrig in den Bäckerladen kommt, verlangt Brötchen, Brezen und Gebäck. Als sie sauber eingepackt vor ihm auf der Theke liegen, muss er zugeben, dass er kein Geld hat, um zu bezahlen. Er will mit leeren Händen wieder gehen, aber die Bäckerin schenkt ihm, was er braucht.
Eine lange Passstraße in Italien. Schon lange fahre ich hinter dem hoch mit Brennholz aufgeladenen kleinen Dreiradlaster her. Es nervt. Aber nach der nächsten Kurve eine lange Gerade, in der Mitte ein Tunnel, aber man sieht die Straße auch noch nach dem Tunnel. Trotz Überholverbot ziehe ich vorbei. Freie Fahrt, endlich! Da tritt am Ende des Tunnels ein Carabineri auf die Fahrbahn und winkt mich raus. Das wird teuer! Er hält mir einen eindringlichen Vortrag auf Italienisch. Ich verstehe nicht viel, aber was ich verstehe genügt. Verboten! Gefährlich! Strafe zahlen! Der Beamte blickt in unseren Kleinbus, sieht meine erschrockene Frau, die ängstlichen Kinder in den Kindersitzen die besorgte Oma dazwischen. Schaut mich noch einmal mit gestrengem Blick an und bedeutet mir mit einer Handbewegung, dass ich weiterfahren soll. – Ohne Bußgeld! Ja, manchmal können Menschen gnädig sein. Noch viel, viel mehr unser Herr Jesus Christus.
Das zweite, woran der Kanzelgruß erinnert ist die Liebe Gottes. Wie wir auch gekommen sind zum Gottesdienst, was uns für Gedanken bewegen, welche Sorgen uns drücken, welche Zweifel uns quälen, das kann alles nichts daran ändern, dass wir geliebte Kinder Gottes sind. Nicht einmal unsere Schuld kann das aufheben. Nichts kann uns scheiden von der Liebe Gottes, die in Jesus Christus unserem Herrn ist, so hat es der Apostel damals an die Gemeinde in Rom geschrieben (Römer 8, 38f).
Paulus führt das dort noch weiter aus und sagt: Nichts! Wirklich nichts! Nichts aus unserer Vergangenheit, wie belastet oder gottlos sie auch gewesen sein mag. Nichts was uns heute zu schaffen macht, sei es Krankheit, Trauer, Verzweiflung, Sorge, Angst. – Gott weiß, was Ihnen zusetzt in diesen Tagen. Vielleicht wissen sie nicht, wie es mit Ihrer Familie oder Ehe weitergehen wird oder wie sie die Rechnungen bezahlen sollen oder ob die Behandlung anschlägt. Auch das kann sie nicht ausschließen von der Liebe Gottes, die Ihnen gilt.
Ob wir gerade ein Hoch erleben oder in einem Tief stecken, das ist kein Gradmesser für Gottes Liebe. Sie ist unkaputtbar, um es einmal mit einem ungewöhnlichen Ausdruck zu sagen.
Als Schüler war ich mal zu einer Geburtstagsfeier einer Mitschülerin aus hohem Haus eingeladen. Es war Sommer und der Tisch mit den Getränken und dem leckeren Kuchen war im großen Garten unter einem Dach aufgebaut. Wir wurden zum Zugreifen und Einschenken aufgefordert. Die Mutter der Gastgeberin erklärte stolz, dass auch gar nichts passieren kann, weil die neuen Gläser unzerbrechlich seien. Um das zu demonstrieren, nahm sie ein Glas und warf es mit Schwung auf den Steinfußboden. – Und – es zersprang sofort in 1000 Scherben.
So ist es ja mit vielem, was als unzerstörbar gepriesen wird. „Marmor, Stein und Eisen bricht, aber unsre Liebe nicht“, so tönte ein alter Schlager von Drafi Deutscher vor 50 Jahren. – Wie viele, so beschworene Beziehungen sind schon bald zerbrochen. Menschliche Liebe kann zerbrechen. Kein Mensch kann seine Liebe garantieren. Nicht die zu einem Menschen und nicht die zu Gott. Nur die eine göttliche Liebe können Menschen nicht zerstören. Sie können sie ablehnen, verachten, nicht ernst nehmen, aber niemals auslöschen.
Und wenn jemand ein ganzes Leben lang verächtlich darüber gespottet hätte und er würde umkehren und sich dieser Liebe öffnen, dann würde er von der Liebe Gottes mit offenen Armen aufgenommen: Wer zu mir kommt, den werde ich nicht hinausstoßen! verspricht Jesus im Johannesevangelium (Joh 6, 37).
Dieser Zuspruch der Gnade und Liebe steht am Anfang jeder Predigt. Manchmal enthält eine Predigt, wenn sie das Wort, das sie auslegen soll, ernst nimmt, ja auch scharfe und mahnende Worte: Tut Buße! Kehrt um! Hört auf mit eurer Ungerechtigkeit oder Selbstgerechtigkeit! Lasst Euch ermahnen! Lasst Euch zurechtbringen! – So schreibt Paulus in seinem Briefschluss den Korinthern, die ihn böse angegriffen hatten. Eine leidenschaftliche Liebe ist dahinter zu spüren. Wie eine Mutter, die zu ihrem heranwachsenden Sohn eindringlich sagt: Lass doch die Finger vom Alkohol! Geh doch nicht mehr mit diesen Halunken fort!
Die Propheten haben oft im Auftrag Gottes mit sehr deutlichen Worten die Missstände beim Namen genannt. Aber dahinter stand immer die suchende und zurechtbringende Retterliebe Gottes. Darum hat er ja seine Propheten berufen und geschickt. Darum hat er Warnungen und Mahnungen in seine Bibel hineingeschrieben.
Weil wir ihm nicht gleichgültig sind, darum wehrt Gott uns manches Verhalten, manchen Weg. Er lässt manches Leid und Unglück in unserem Leben zu, weil er uns damit zum Beten bringen will. Es ist seine Liebe, die uns ausrichten will und bereit machen für die Ewigkeit. Das ist der Hintergrund, die Basis, auf der unser Glaube wurzeln soll: Ich bin geborgen in und getragen von der Liebe Gottes. Ich bin ja sein Kind: Und wenn ich weiß, dass mich jemand sehr lieb hat, dann werde ich mir von dem doch auch etwas sagen lassen, seinen Rat hören und befolgen. – Weil du es sagst!
Als Jesus Petrus und seine Fischerkollegen aufforderte am späten Vormittag die Netze zum Fischfang auszuwerfen, da wusste er, dass das Quatsch ist, gegen alles Fischerwissen. Aber er gehorchte. Auf dein Wort, Herr, will ich es tun. Ich versteh es zwar nicht, es scheint mir auch falsch und nicht erfolgversprechend zu sein, aber weil du es sagst und weil hinter deinen Worten deine große Liebe steht, will ich es trotzdem tun.
Wenn uns Gebote Gottes und Ordnungen der heiligen Schrift nicht mehr einsichtig, nicht mehr zeitgemäß erscheinen, überholt, dann sollten wir auch so sagen: Ich versteh es zwar nicht, es scheint mir nicht notwendig, alle anderen halten sich auch nicht daran, aber auf dein Wort hin, will ich es tun:
Das ungeborene Leben achten und nicht abtreiben;
die schwere Krankheit tragen und nicht Hand an mich legen; bis zur Ehe warten und nicht meinen Gefühlen nachgeben;
mich der gleichgeschlechtlichen Beziehung verweigern;
das Horoskop nicht lesen, obwohl ich gerne wüsste…
Auf dein Wort, hinter dem deine Liebe steht, die es gut mit mir meint.
Die Gemeinschaft des Heiligen Geistes wünscht der Apostel der Gemeinde als Drittes. – Es gibt viele Gemeinschaften:
– Tippgemeinschaften, die Woche für Woche auf den großen Gewinn hoffen und dafür viel Geld ausgeben.
– Publik Viewing Gemeinschaften, die gebannt auf große Bildwände schauen, in der Erwartung, dass ihre Team siegt.
– Glaubensgemeinschaften, die durch einen bestimmten Glauben an eine Religion oder einen besonderen Stifter einander verbunden sind.
Wir alle sind eine Gemeinschaft des „Eiligen Geistes“ unserer Zeit geworden. Der „Eilige Geist“ des 21. Jahrhunderts hat keine Ruhe mehr, kann nicht mehr warten, muss alles sofort haben, alles immer schneller machen. Der „Eilige Geist“ spart ständig Zeit und dabei hetzt er sich und andere zu Tode.
Margret Birkenfeld, Chorleiterin beim ERF, hat schon vor einigen Jahrzehnten ein Lied gedichtet, in dem es heißt:
Gott hat die Zeit geschaffen, von Eile sprach er nicht,
die haben nur wir Menschen und reden stolz von Pflicht.
Der Heilige Geist ist der Geist Gottes ein Geist der Kraft, der Liebe, der Besonnenheit. Ein Geist, der nach dem Willen Gottes fragt. Ein Geist der Schwache schützt und Kranken beisteht. Löhe, Wichern, Bodelschwingh, Mutter Theresa, Albert Schweizer und vielleicht auch der eben verstorbene Karl-Heinz Böhm haben in diesem Geist gehandelt.
Nicht ein Kritikgeist, nicht oberflächlicher oder spöttischer Geist soll uns beherrschen und leiten, sondern der Heilige Geist Gottes. Wir dürfen ihn bitten, in uns zu regieren. In vielen Pfingstliedern geschieht das (EG 136,1):
O komm du Geist der Wahrheit und kehre bei uns ein,
verbreite Licht und Klarheit, verbanne Trug und Schein.
Oder auch mit eigenen Worten gebetet: Heiliger Geist, erfülle mein Denken und Handeln, leite mich bei meiner Arbeit und in Begegnungen und Gesprächen, dass ich nicht Unfrieden verbreite, sondern mit zum Frieden beitrage. „Habt einerlei Sinn, Haltet Frieden!“ schrieb Paulus den Korinthern am Schluss seines Briefes. Das kann niemand aus eigener Weisheit und Besonnenheit, das ist eine Gabe Gottes.
Trinitatis, das kirchliche Fest, mit dem die wenigsten etwas anfangen können. Es lässt sich nicht vermarkten. Es ist nicht mit dem Konsumgeist vereinbar und ist anders als Weihnachten und Ostern bisher auch dem Kitschgeist entkommen. Kein Weihnachtsmann, kein Osterhase ziert die Schaufenster, nicht einmal der Pfingstochse gibt sich dafür her.Trinitatis, das ist die Zusammenfassung aller christlichen Feste. Da feiern und preisen wir den dreieinigen Gott, der alles hervorbringt, der alle Macht hat, der alles umschließt und in seiner unermesslichen Liebe zu uns kommt:
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus
und die Liebe Gottes
und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes
sei mit euch allen!
Amen.
Verfasser: Martin Schöppel@, Dr.-Martin-Luther-Str.18, 95445 Bayreuth, Tel 0921/41168