Gott weicht nicht von seinem Volk
Zur PDFJahresschlussgottesdienst 2011, 2.Mose 13, 20-22
Gnade sei mit euch und Friede, von Gott, dem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Amen.
Wir wollen in der Stille um den Segen Gottes für diese Predigt bitten: … Herr, wir bitten dich um deinen Heiligen Geist zum Reden und zum Hören. Amen.
Jahreswechsel. Versetzt uns das nicht alle in eine besondere Stimmung? Irgendwie merken wir an diesen Tagen besonders die Bewegung und Veränderung in unserem Leben. Ein Jahr läuft ab, ein neues beginnt. – Die meisten von uns bleiben heute Nacht länger auf, bis zur letzten Minute des alten und der ersten Stunde des neuen Jahres.
Die 365 Tage von 2011 liegen nun hinter uns. Einer mehr, 366 Tage des Schaltjahres 2012 kommen auf uns zu. Wir wechseln die Kalender, denn sie sind bis zum letzten Monat, bis zum letzten Tag abgerissen oder umgeblättert. Wer ein Tagebuch schreibt, blättert vielleicht noch einmal die Seiten des vergangenen Jahres durch. Eine Fülle von Ereignissen und Begegnungen. Höhepunkte lassen noch einmal die Augen leuchten: Ein schöner Urlaub – Gestern kam ein lieber Freund und brachte mir einen selbstgestalteten Bildkalender von einer Bergtour in den Dolomiten, die wir im September miteinander gemacht haben. Beim Durchblättern kamen mir die schönen Eindrücke und das grandiose Bergerlebnis in den Dolomiten wieder in den Sinn.
Vielleicht war das Highlight 2011 bei Ihnen, ein besonderer Geburtstag, ein Jubiläum, der Eintritt ins Berufsleben oder in den Ruhestand, ein Wiedersehen, ein Erfolgserlebnis, die Geburt eines Kindes oder Enkelkindes oder eine andere gute Nachricht der Höhepunkt des zu Ende gehenden Jahres. – Da sind bei uns allen wohl auch Tiefpunkte gewesen. Besonders schwere Stunden, ein Abschied, ein Unglück, eine große Enttäuschung. Eine Operation oder Krankheit, die noch nicht ganz überwunden ist. Oder war da gar ein schwerer Gang auf den Friedhof. – Jemand der uns genommen wurde. Vater, Mutter, Ehepartner, Bruder Schwester, Freund, Freundin?
Die zahlreichen Einträge im Terminkalender, digital oder noch analog, mit Stift auf Papier lassen ahnen, was an Arbeit zu bewältigen war und wie viele Kilometer abgespult werden mussten, um das Jahrespensum zu bewältigen. Unser Herz hat in den vergangenen zwölf Monaten ungefähr 40 Millionen Mal geschlagen, ganz selbstverständlich, Tag und Nacht. Stunde um Stunde ist abgelaufen. Und die meisten von ihnen haben wir nicht so bewusst erlebt, wie wir vielleicht die letzten Stunden dieser Nacht erleben werden.
Es waren Stunden dabei, die uns vorangebracht haben, die ganz wichtig waren und die Sinn hatten und segensreich waren. Doch es waren auch viele Stunden, die wir nutzlos vertan haben und mit unwichtigem Geschwätz und seichtem Programm haben verstreichen lassen. – Warum fassen denn so viele Menschen in der Silvesternacht gute Vorsätze für das kommende Jahr? – Doch wohl nur, weil sie das Gefühl haben, dass vieles in der Vergangenheit nicht richtig oder nicht sinnvoll gewesen ist. Dass sie ihre Zeit nicht wirklich ausgekauft haben.
Es ist ja auch gar kein schlechter Gedanke, wenn man sich vornimmt dieselben Fehler nicht gleich wieder zu machen, sondern daraus für die Zukunft zu lernen und die Konsequenzen zu ziehen. Aber ob wir es schaffen werden? – Viele von uns trauen sich da selber nicht allzu viel zu. Sie kennen sich ja schließlich. Gute Vorsätze, die nur auf unserer eigenen Kraft gründen, – die halten meist nicht lang.
Wie gut, dass wir mit dem, was war und mit dem, was kommt nicht allein fertig werden müssen. Die Gottesdienste zum Jahreswechsel sind das Angebot, sich von Gott helfen zu lassen. Sie sind Zeichen Gottes, Erinnerung, dass wir nicht alles, was gelungen ist, nur unserer eigenen Leistung zurechnen sollen, sondern das, was gut war, unserem Gott danken sollten und das was sich als falsch erwiesen hat, mit der Bitte um Vergebung vor ihn bringen. Wir dürfen auch für alles, was im neuen Jahr auf uns zukommt um seine Hilfe und seinen Segen bitten. Herr, schließ du den Zug dieses Jahres ab – geh du uns voran in die neue Zeit. Am alten können wir nichts mehr ändern. Das neue liegt ungewiss vor uns. „Lass dein Antlitz mit uns gehen, bis wir ganz im Lichte stehn.“ Wie es in einem Lied von Otto Riedmüller heißt.
Genau davon berichtet das Schriftwort für die Predigt, das für diesen letzten Tag des Jahres vorgesehen ist. Es sind nur wenige Verse, die davon erzählen, wie das Volk Israel im Begriff war aus Ägypten auszuziehen. Viele Jahre Sklaverei lagen hinter ihnen. Angst und Schrecken. Immer neuer Terror der Unterdrücker. Ausbeutung, Demütigung, Schmerzen und Tränen. Schreie über Ungerechtigkeit und Sehnsucht nach Hilfe. Dann, als Mose den Pharao um die Freiheit für sein Volk bat, Hoffnung auf ein Ende der Qual. Hoffnung, die zunächst neunmal brutal enttäuscht wurde. Bis endlich, nach zehn schrecklichen Plagen der Pharao dem Mose die Erlaubnis erteilt hat, mit den Israeliten das Land zu verlassen.
Hinter den Frauen und Männern, Kindern und Alten lagen Zeiten der Angst und Unterdrückung, die sie nie wieder erleben wollten. Vor ihnen lag eine unbekannte Zukunft. Der Weg führt in die Wüste, durch die Wüste und sie wissen nicht, was sie auf dem langen Marsch erwartet. Diesen Moment schildert unser Bibelwort für den Jahreswechsel, 2.Mose 13, 20-22:
So zogen sie aus von Sukkot und lagerten sich in Etam, am Rande der Wüste.
Und der Herr zog vor ihnen her, am Tag in einer Wolkensäule und bei Nacht in einer Feuersäule, um ihnen zu leuchten, damit sie bei Tag und bei Nacht wandern konnten.
Niemals wich die Wolkensäule von dem Volk bei Tage, noch die Feuersäule bei Nacht.
Ein bedrohtes Volk auf dem Weg zwischen den Zeiten sieht die Zeichen der Gegenwart Gottes Tag und Nacht. Wolkensäule und Feuersäule sind Zeichen der Macht und Nähe Gottes. Sie sind nicht zu erklären, nicht zu verstehen, aber doch zu erkennen und wirksam. Jeder, der sie sieht und es annehmen will, weiß: Dahinter verbirgt sich Gott. Unser Gott geht mit. Unser Gott, der sich als mächtiger erwiesen hat als der Pharao mit seinen Legionen von Sklavenschindern und mit seinem Heer von Soldaten. Der Gott, der uns aus Ägyptenland geführt hat, wie es später in vielen Bekenntnissen und Dankgebeten dieses Volkes heißt.
Er ist der Gott, der aus Abhängigkeit und Unterdrückung in die Freiheit führt und der die Geschicke der Völker in seiner Hand hat. Der Gott, der sowohl in der Geschichte handelt als auch im Leben einzelner Menschen. Bis heute. Auch in Ihrem und in meinem Leben. Haben wir es nicht schon oft erfahren? Haben wir es nicht auch im vergangenen Jahr wieder erfahren?
Wenn ich daran denke, wie in den sieben Monaten unserer Kirchenrenovierung alles so gut gelenkt wurde und gelungen ist, ohne große Pannen, ohne Unfälle, Firmenpleiten oder böse bauliche Überraschungen. Der große Kran ist im Sturm nicht umgestürzt, das riesige Blechdach der Einhausung nicht davongeflogen, das Gerüst hier unter der Kirchendecke nicht eingestürzt. Sicher haben auch viele Menschen ihren Teil dazu beigetragen, aber Gott hat das Werk gelingen lassen und wir konnten dank seiner gnädigen Hilfe am ersten Advent den Altar wieder decken und schmücken und die Orgel, Sänger und Bläser wieder hören. Wir haben viel Grund zu danken! Ist der Herr nicht auch in Ihrem Leben und auf Ihren Wegen vor ihnen her gezogen? Hat er nicht auch Ihnen den Rücken frei gehalten?
Die Israeliten erleben, dass dieser Gott vor ihnen her zieht und ihnen den Weg zeigt, dass er hinter ihnen steht und sie schützt. Viele Wunder wird er in der Wüste tun und alle seine Zusagen einhalten. Er führt sein Volk, wenn es sein muss trockenen Fußes durchs Meer und sicher durch lebensfeindliche Wüsten. Er führt auch uns durch die Wüsten, die vor uns liegen, wenn wir auf seine Zeichen sehen.
Seine Zeichen? Was sind die Wolkensäulen der vor uns liegenden Tage und die Feuersäulen der kommenden Nächte? Sind es nicht die Verheißungen und Gottesworte, die Zusagen und Versprechen, die er uns gibt? Etwa mit der neuen Jahreslosung für das kommende Jahr: Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig. (2.Kor 12,9) Sie sagt uns doch, dass wir die Kraft nicht selber aufbringen müssen, um zu bestehen, sondern dass wir von der Kraft des Herrn leben und nehmen dürfen an jedem Tag.
Wolken- und Feuersäulen, die uns begleiten, sind auch die täglichen Losungen und die wöchentlichen Gottesdienste und die monatlichen Abendmahlsfeiern. Das können Bibelstunden oder Freizeiten sein oder das Kalenderblatt mit der Andacht, die ich täglich lese. Sie alle geben uns Zeichen: Er ist da! Er geht voran! Der mich bisher so gut geführt und begleitet, gesegnet und bewahrt hat, er ist da. Auch heute, auch jetzt, auch morgen und bei allem, was ich schaffen und leisten muss und was mit dem Weltgeschehen oder meinem Lebensschicksal auf mich zu kommt. Er ist da, hilft und rettet, tröstet und zeigt Auswege, selbst aus hoffnungslosen Lagen.
So hat es Gottes Volk zu allen Zeiten erlebt. Mose und die Israeliten und ihre Geschichte des Exodus sind uns Beispiel dafür: Gott rettet sie vor Verfolgern und Angreifern, aus Hunger und Durst, vor Aufrührern in den eigenen Reihen und vor giftigen Schlangen im Lager. Gott weicht nicht von seinem Volk, obwohl dieses Volk so oft von ihm abgewichen ist. Sie haben sich aufgelehnt und immer wieder gegen Gott gemurrt, aber er ist treu geblieben.
Was für eine großartige Verheißung für ein Volk unterwegs durch die Wüste, für Menschen ohne Heimat und Zukunft: Gott ist mit uns! Unser Herr ist da! Sei nur getrost! Er hat sich bisher als mächtig und gnädig erwiesen. Er hat unsere Schreie und Gebete gehört. Er wird auch weiter mit uns sein. Der Herr, der unserm Leben bis hierher Kraft gegeben, wird sich auch weiter als barmherzig und gnädig, geduldig und von großer Güte erweisen.
Diese Erfahrung des Volkes Israel soll uns Mut machen, wenn wir in dieser Nacht zwischen den Zeiten stehen und wenn wir zwischen die Räder von Vergangenheit und Zukunft geraten. Bilder des vergangenen Jahres sind uns in diesen Tagen in den Rückblicken der Medien genug ins Haus geliefert worden. Eine nochmalige Aufzählung der Ereignisse kann ich mir hier ersparen. Das können die Moderatoren und Regisseure mit ihren Rückblicken besser. – Nur, von dem, der uns Halt gibt und Hoffnung schweigen sie. Von ihm sagen sie den erschrockenen und geängsteten Zuschauern nichts. Sie zeigen Stürme und Fluten, Abstürze und Umstürze, Blut und Tränen, Kriege und Bürgerkriege, aber sie zeigen nicht den Weg durch diese Wüsten und sie wissen nichts von dem, der Halt und Hoffnung gibt.
Dabei wäre das dringend nötig in unserem Land, in dem viele Menschen Religion durch Geld ersetzt haben, wie es in diesen Tagen zu lesen war. Der Würzburger Wirtschaftsweise Professor Peter Bofinger sagte in einem epd-Gespräch am vergangenen Dienstag (NK 28.12.11), für viele sei Geld der höchste Wert, sie sähen in ihrem Vermögen „eine Art eigener Unsterblichkeit“. Tatsächlich sorgen sich viele um den Euro und ihr liebes Geld. Aber um ihre ewige Seligkeit machen sie sich keine Gedanken. Bofinger hat wohl recht, wenn er feststellt: „Mammon hat für viele die Religion abgelöst.“
Aber Mammon und goldene Kälber lassen einen schnell im Stich, wenn es ernst wird. Sie geben der Seele keine Kraft und können nicht trösten in Kummer und Krankheit. Das kann nur der Lebendige Gott. Durch alle Stürme und Beben der vergangenen zwölf Monate hat der Herr sein Volk, hat er uns geführt und bewahrt bis zum 365. Tag dieses zu Ende gehenden Jahres. Wieder und wieder hat er uns seine Treue bewiesen, auch wenn wir manchmal so undankbar, treulos und mürrisch waren wie das Gottesvolk vor mehr als dreitausend Jahren.
Der treue Gott will mit uns in das Jahr 2012 einziehen. Er will vor uns herziehen, um uns den rechten Weg zu führen. Niemals, an keinem Tag des vor uns liegenden Jahres will er uns verlassen. Vergessen wir es ja nicht! Immer dürfen wir wissen: Er ist da! Er ist treu! Er verlässt uns nicht!
War er nicht selbst dann noch da, als die Israeliten anfingen um das goldene Kalb zu tanzen und ihm die Treue brachen? Er war da! Er hat gestraft und gezürnt, aber nicht verlassen. Barmherzig und gnädig ist der Herr, geduldig und von großer Güte. Mit der Liedstrophe von Jakob Rambach dürfen auch wir beten und vertrauen:
Mein treuer Gott, auf deiner Seite
bleibt dieser Bund wohl feste stehn;
wenn aber ich ihn überschreite,
so lass mich nicht verloren gehn;
nimm mich, dein Kind, zu Gnaden an,
wenn ich hab einen Fall getan. (EG 200,4)
Amen.
Verfasser: Martin Schöppel, Pfarrer, Dr.-Martin-Luther-Str.18, 95445 Bayreuth, Tel. 0921/41168