Gott vergisst dich nicht!

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1. Sonntag nach dem Christfest 27.12.2015 Jes 49, 13-16

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen.
Wir wollen in der Stille um den Segen des Wortes Gottes bitten…

Verse aus dem 49. Kapitel Propheten Jesaja, aus der alttestamentliche Epistel, sind heute unser Schriftwort für die Predigt. Das Volk Israel war in großer Not. Teile der Bevölkerung in Babylon in Gefangenschaft. Jerusalem war halb zerstört, der Tempel in Trümmern, die Angst und Hoffnungslosigkeit der Menschen groß. Viel Leid hatten sie in den Jahrzehnten zuvor erfahren. Niemand wusste, wie es weitergehen sollte. In diese Niedergeschlagenheit hinein kommt die Botschaft des Propheten von der großen Freude und der nahen Hilfe. Jes.49,13-16:

Jauchzet ihr Himmel; freue dich, Erde! Lobet ihr Berge mit Jauchzen! Denn der Herr hat sein Volk getröstet und erbarmt sich seiner Elenden.
Zion aber sprach: “Der Herr hat mich verlassen, der Herr hat meiner vergessen!
Doch der Herr antwortet: „Kann eine Mutter ihren Säugling vergessen? Bringt sie es übers Herz, das Neugeborene seinem Schicksal zu überlassen? Selbst wenn sie es vergessen würde, – ich vergesse dich niemals!“
Unauslöschlich habe ich deinen Namen auf meine Handflächen geschrieben, deine zerstörten Mauern habe ich ständig vor Augen.

Haben Sie Weihnachten gut überstanden? Wie war das Weihnachtsfest 2015 für Sie? Wenn wir jetzt in kleiner Runde im Wohnzimmer zusammensitzen würden, könnten wir ein wenig erzählen. – Manche würden vielleicht mit strahlenden Augen von ihrem ersten Weihnachtsfest als jung Verliebte erzählen oder andere von ihrem ersten Weihnachtsfest mit dem Kind, das ihnen im Jahr 2015 geboren wurde. Oder von einem anderen besonders erfreulichen Umstand, der ihnen das Weihnachtsfest 2015 besonders schön in Erinnerung hält. Wenn das so ist, dann danken Sie dafür und freuen sich daran

Für viele war es vielleicht auch ein ganz normales Weihnachtsfest, das in gewohnten Bahnen verlief und nicht von besonderen Stimmungen und Ereignissen geprägt war. Dann ist auch das ein Grund dankbar zu sein, denn „normal“ heißt ja, dass nichts Unangenehmes oder Schlimmes passiert ist. Ihr Christbaum hat nicht gebrannt, die Weihnachtsgans ist nicht missraten und es musste niemand ins Krankenhaus aus der Familie. Auch das sollten wir dankbar wahrnehmen, wenn wir verschont geblieben sind von Traurigem oder Belastendem.

Da werden mir alle die zustimmen, für die das Weihnachtsfest heuer anders war als sonst, weil sie mit einer Not, einer Krankheit, einer Enttäuschung oder Traurigkeit zu kämpfen hatten. „Uns ist nicht zum Feiern zumute“, sagte kürzlich eine Ehefrau zu mir, deren Mann vor einigen Wochen als Notfall ins Krankenhaus musste. Nun muss sich erst zeigen, wie es bei uns weitergehen kann.

In den Tagen vor Weihnachten verschicken die Behörden zwar keine Bußgeldbescheide, aber bedrückende Ereignisse geschehen genauso wie zu anderen Zeiten des Jahres. Es passieren Unfälle im Straßenverkehr und in den Häusern, wir hören von schlimmen Verbrechen, wie vor einer Woche bei dem Eifersuchtsdrama in St. Johannis. Schreckliche Anschläge löschen Leben aus, die eben noch fröhlich und unbeschwert schienen. Wenn wir die Schlagzeilen längst vergessen haben, kämpfen Verletzte noch lange ums Überleben. Und Unverletzte gegen die Folgen für die Psyche. Gerade an Weihnachten. Es wird gestritten, gestohlen und gestorben, auch an Weihnachten.

Es macht uns betroffen und ratlos, wenn wir in den Medien von all dem Entsetzlichen hören. Am liebsten schieben wir es schnell wieder weg. Es will nicht recht zu unseren festlichen Gedanken und Gefühlen passen. Obwohl ja Betrübliches und Entsetzliches auch zu den weihnachtlichen Geschichten der Bibel gehört. Der 28. Dezember heißt auch der „Tag der unschuldigen Kindlein“ und erinnert daran, wie der herrschsüchtige König Herodes, nach der Geburt des Jesuskindes, in und um Bethlehem ein Blutbad anrichtete, indem er alle kleinen Jungen ermorden ließ, um nur ja den vermeintlichen Rivalen zu beseitigen. Die Heilige Familie musste auf die Flucht und ins Exil – wie so viele auch in unseren Zeiten, die fliehen, um dem Krieg und dem Morden islamistischer Fanatiker zu entgehen.

Auch die Heilige Nacht war ja damals geprägt von unerfreulichen Umständen und Erlebnissen. Wenn man müde und hungrig sein Reiseziel erreicht und trotzdem kein Quartier findet. Wenn die einzige Tür, die aufgeht eine Stalltür ist und man unter unwürdigen Umständen sein erstes Kind zur Welt bringen muss, dann ist das weder rührselig noch idyllisch. Wir haben sicher in diesen Tagen alle heiß und herrlich gespeist, für Maria und Josef war das Essen wahrscheinlich kalt und karg.

Unser bürgerliches Weihnachtsklischee hat mit der harten Realität des Lebens nicht viel zu tun. – Aber der Sohn Gottes ist auch nicht deshalb geboren, damit wir mal ein paar Tage nett zueinander sind und es uns so schön wie möglich machen. Dass Gott sich die Mühe macht Mensch zu werden, hat einen ganz anderen Grund: Er sieht die Not. Er sieht, dass wir oft nicht zurechtkommen mit unserem Leben, mit uns selbst, mit dem Leid, mit den Enttäuschungen und mit dem, was nicht gelingt. Er sieht, wie wir einander oft das Leben schwer machen, wie wir aus unseren Ängsten nicht herausfinden und wie wir uns sorgen um die Zukunft.

Er hört die lauten oder leisen Gebete, die aus verzagten und traurigen Herzen kommen. Er sieht nicht nur die offenen Tränen, sondern auch die verborgenen und heimlich vergossenen. Er weiß auch um unsere Schuld, mit der wir vielleicht sogar selbst zu unserer Lage beigetragen haben. Seien Sie sicher: Da ist nichts übersehen, nichts überhört.

Gott sieht uns Arme und Elende, uns Trotzige und Verbitterte, uns Zweifelnde und im Selbstmitleid Versinkende und sieht nur noch eine Möglichkeit um uns zu helfen: Da muss ich hin! Die lassen sich nicht mehr aus der Ferne trösten mit guten Worten. Die schaffen es allein nicht mehr. Die finden nicht mehr heraus ohne mich, aus dem Labyrinth ihres Lebens. Die brauchen mich. Die brauchen mein Mitleiden und mein Helfen, mein Erbarmen, meine Kraft, meine Erlösung. Wenn ich da nicht bald komme, so sagt sich der barmherzige Gott, dann denken die vielleicht noch, ich hätte sie vergessen.

Stimmt doch auch! Wie oft denken wir so! Wie oft höre ich das in meinen Gesprächen und bei meinen Besuchen: „Herr Pfarrer, ich glaub wirklich, der liebe Gott hat mich vergessen!“ Wenn eins zum andern kommt, wenn die Kette der schlechten Nachrichten nicht abreißt und ein Unglück dem anderen folgt, dann denken wir ja schnell so: Entweder hat Gott mich vergessen oder er ist ungerecht oder es gibt ihn vielleicht gar nicht. Manchmal verschlägt es selbst mir die Sprache, wenn ich höre, was Einzelne oder Familien alles durchmachen müssen.

Die Antwort Gottes durch den Propheten Jesaja hier ist kein Donnerwetter, sondern eine Liebeserklärung. Gott nimmt die an seiner Liebe zweifelnden Verzweifelten in den Arm, drückt sie an sich und sagt ihnen: Ich hab dich doch nichtvergessen! Denk doch nicht so was! Eine Mutter vergisst doch ihr Neugeborenes auch nicht einfach. – Normalerweise nicht! – Aber in Kenntnis dessen, was doch auf dieser Welt an Schrecklichem geschieht, fügt Gott hinzu: Selbst wenn so was in extremen Ausnahmefällen vielleicht doch geschehen könnte, dass eine Mutter ihr Kind vergisst: – Ich vergesse Dich nicht!

Das ist die Weihnachtsbotschaft: Ich hab Euch doch nicht vergessen! Das ist der Trost für alle, denen Weihnachten in diesem Jahr schwer gefallen ist, denen nicht zum Feiern zumute war, die mit Sorgen in die Zukunft schauen und die mit ihrer Hoffnung und Kraft am Ende sind: Gott sagt ihnen, sagt uns: Ich hab Euch doch nicht vergessen!

Noch mehr! Ich werd’ Euch auch nicht vergessen! Und ich hab Euch auch nicht verlassen! Schaut in die Krippe hinein und seht, wie ich zu Euch komme! Ich nehm’ Euch so an wie diese Maria ihr Kind angenommen hat und ich sorge so treu für Euch, wie es der Josef für das Jesuskind getan hat, der doch nicht einmal der Vater war.

Der Herr hat sein Volk getröstet und erbarmt sich seiner Elenden. So verkündete es der Prophet Jesaja gut 500 Jahre vor der Geburt des Heilands in Bethlehem den Menschen seiner Zeit. – Welcher Zeit? Einer Zeit, in der noch alles kaputt war in Jerusalem. Fremde Soldaten waren noch da, die Steuern hoch und das Einkommen gering. Liebe Angehörige waren weit weg in Babylon und die Sorgen um das Nötigste nah.

Da kommt diese Zusage gerade recht: Der Herr erbarmt sich seiner Elenden. Das heißt doch: Die Hilfe ist bereits eingeleitet. Die Rettung kommt. So haben es Schiffbrüchige auf hoher See erlebt, Durstige in Wüsten, Frierende in Gletscherspalten, Verunglückte in Straßengräben: Die allererste Hilfe und der erste Lichtblick war die Nachricht: Du bist gefunden! Wir haben dich entdeckt! Deine Not ist gesehen worden! Ein Winken aus der Ferne, ein Ruf, ein Lichtsignal: Wir haben dich gehört, wir haben wahrgenommen, dass du Hilfe brauchst. Schon daran kann man sich klammern, schon das gibt Kraft. Da hat jemand gesehen, in welcher Not ich bin und dass ich mir selbst nicht helfen kann. Das gibt dann wieder Mut, Kraft und Ausdauer zu warten, bis die Hilfe endgültig da ist und wirksam wird.

Wenn einer der große Schmerzen hat, vom Arzt eine Spritze bekommt, dann lässt der Schmerz schon etwas nach, bevor das Mittel richtig wirken kann. Paul Gerhard sagt es in seinem Adventslied so:

Das schreib dir in dein Herze, du hochbetrübtes Heer,
bei denen Gram und Schmerze sich häuft je mehr und mehr;

Seid unverzagt, ihr habet die Hilfe vor der Tür;
Der eure Herzen labet und tröstet steht allhier.

Das gilt doch auch uns in den letzten Tagen des Jahres 2015: Seid unverzagt, ihr habet die Hilfe vor der Tür! Der eure Herzen labet und tröstet steht allhier.

Es gibt keine tröstlichere Botschaft, keine bessere Nachricht als die: Es ist Hilfe da! Vielleicht siehst du sie noch nicht, vielleicht spürst du sie noch nicht, aber sie ist nah. Vielleicht kommst du dir noch verlassen und vergessen vor, aber du bist es nicht. Gott hat dich auf seinem Merkzettel, du stehst auf seiner Prioritätenliste und er vergisst dich nicht.

Wenn wir etwas nicht vergessen wollen, dann schreiben wir es uns auf. Ich mach’s jedenfalls so. Ich muss dann nur aufpassen, dass ich den Zettel nicht verlege oder dass er nicht unter irgendwelchen Stapeln verschwindet. Manche schreiben es sich auf die Hand. Ich such mir dann einen Platz, wo ich den Merkzettel immer wieder vor Augen habe, bis die Sache erledigt ist.

Gott ist zwar nicht vergesslich, wie wir, aber um uns zu zeigen, wie sehr er sich um uns kümmert, sagt Jesaja uns in seinem Namen: „Unauslöschlich habe ich deinen Namen auf meine Handflächen geschrieben.“ Oder wie es Martin Luther übersetzt hat: „Siehe, in die Hände habe ich dich gezeichnet.“

Manchmal lassen Liebende sich den Namen des/der Geliebten in die Haut tätowieren, um zu zeigen, was einem der geliebte Mensch wert ist und dass das für immer gelten soll. – Ich meine nicht, dass man nur so seine Liebe zeigen kann. – Es geht bestimmt auch anders als mit Tätowierung, aber Gott greift dieses Bild auf und will damit zeigen: So wertvoll, so wichtig bist Du für mich!

Auf den großen Händen des Heilands haben viele Namen Platz, auch Deiner und meiner und die Namen aller Armen und Elenden, aller Sünder und all derer, die sich verloren vorkommen. Die Liebe des Heilands hat unsere Namen nicht nur oberflächlich in seine Haut geritzt, sondern mit großen Nägeln am Kreuz eingeschlagen. Für Dich!

Damit wir nie mehr an seiner Liebe und Treue zweifeln. Damit wir nie mehr denken müssen, er hätte uns verlassen oder vergessen. Vielleicht ist das Bild des Kreuzes deshalb so von Gott gewählt, damit es uns unter die Haut geht. Wir sollen nicht vergessen: Das habe ich für Dich auf mich genommen. Dazu bin ich als Mensch geboren, um Dir meine Liebe und Nähe zu zeigen.

Jauchzet ihr Himmel; freue dich, Erde! Lobet ihr Berge mit Jauchzen! Denn der Herr hat sein Volk getröstet und erbarmt sich seiner Elenden.

Je elender eines ist, umso mehr wird es getröstet. Je größer die Traurigkeit war umso tiefer soll die Freude zu spüren sein. Es wird nicht dunkel bleiben! Wir dürfen uns jetzt schon freuen und jubeln, denn unsere Hilfe ist schon organisiert, unsere Rettung aus allen Unglücken und Tiefen ist schon eingeleitet.

Amen.

Verfasser: Martin SchöppelÓ , Dr.-Martin-Luther-Str.18, 95445 Bayreuth, Tel. 0921/41168