Gott nahe zu sein ist mein Glück

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Neujahr 2014 Andacht zur Jahreslosung Psalm 73,28

Gott nahe zu sein ist mein Glück 

Christoph Zehendner, Journalist, Theologe und Autor zahlreicher christlicher Lieder, erinnert sich in einem Büchlein zur neuen Jahreslosung (Hrsg. Christoph Morgner, „Gott nahe zu sein ist mein Glück, ein Lesebuch zur Jahreslosung 2014) an eine bewegende Begegnung mit einem behinderten Jungen, die er vor über 25 Jahren auf den Philippinen hatte:

Nur ein einziges Mal habe ich ihn gesehen und mit ihm gesprochen und doch hat der Junge in der armseligen Hütte irgendwo im Gewirr des philippinischen Regenwalds einen tiefen Eindruck bei mir hinterlassen. Denn er war, – so schien es mir und so bestätigte es seine Mutter – einfach richtig glücklich. Trotz allem. < >

Eine Sozialarbeiterin hatte Zehendner eingeladen mit zu einem Hausbesuch in einer ländlichen Gegend zu kommen. Mit einem Motorrad mit Seitenwagen ging es auf abenteuerlichen Straßen und Wegen bis mitten in den Dschungel.

Zehendner schreibt:

„Wir waren gespannt auf die Begegnung mit dem besonderen Jungen, den uns die Sozialarbeiterin vorstellen wollte. Doch als wir an einer Hütte am Rand einer Lichtung ankamen, war erst einmal nichts von ihm zu sehen. Nur seine Mutter begrüßte uns scheu. Eine hagere abgearbeitete Frau. In einer Ecke der dunklen Hütte stand ein einfacher Webstuhl, mit dem sie sich und ihre Familie ernährte. Wir spürten, dass sich in dieser abgeschiedenen und ärmlichen Umgebung nur sehr selten Besuch einfand. Wir konnten die Freude der Frau fast mit Händen greifen, obwohl wir nicht einmal ein kleines Geschenk für sie dabei hatten.

Und dann hörten wir eine helle fröhliche Stimme, die uns aus einer anderen Ecke der Hütte begrüßte. Wir drehten die Köpfe, sahen nach unten – und entdeckten George auf dem Boden. Er lag auf einem großen Kissen mit sauberem geblümtem Bezug. Seine riesengroßen Augen strahlten uns an. Und doch zuckten wir beim ersten Anblick zusammen – George hatte einen Wasserkopf, so riesengroß wie ein Basketball. Er konnte nicht stehen, nicht sitzen. Das Gewicht des gewaltigen Kopfes passte so überhaupt nicht zu dem schmalen Körper des etwa zehnjährigen Jungen.

Ich war vorher noch nie einem Menschen mit „Hydrocephalus“ (so der medizinische Fachausdruck) begegnet. In Ländern mit einer guten Gesundheitsversorgung ist diese Krankheit oft kein großes Problem mehr, weil es Behandlungsmethoden gibt.

Doch bei George im Urwald hatte kein Mediziner eine dieser Methoden anwenden können. Von Geburt an lag George einfach nur da, bekam von seiner Mutter oder seinem Vater zu essen, hörte zu, wie seine Geschwister vor der Hütte tobten, lauschte auf die Geräusche des Waldes.

‚Und wenn er alleine ist, dann singt er‘, berichtete uns seine Mutter. Ich begriff nur durch den Glanz in ihren Augen, dass sie uns damit ein ganz besonderes Geheimnis verraten wollte. ‚Mein George hat eine sehr schöne Stimme‘, sprach sie weiter und forderte ihren Jungen dann auf für uns zu singen.

George sang erstaunlich kräftig und sicher. Sein heller Knabensopran schien einen hellen Schimmer in das Dämmerlicht der einfachen Hütte zu werfen. George sang und sang und als er fertig war, lachte er laut, voller Freude, dass wir gekommen waren, um ihn anzuhören. Noch mehr freute er sich, als wir klatschten und sein Lied lobten. Die Worte sprudelten nur so aus ihm heraus, die Sozialarbeiterin kam kaum mit der Übersetzung nach. < >

Ich traute mich kaum zu fragen, wo dieses Glück denn seine Quellen hatte. Wenn ich mich recht entsinne, sprach die Mutter das Thema von sich aus an. ‚Wenn George allein ist, wenn niemand von der Familie bei ihm ist, dann singt er‘, wiederholte sie. ‚Dann singt George laut und kräftig und voller Freude. Denn er weiß, Gott hört ihm zu. ‘

Was für ein Glück in eigentlich unfassbarem Elend. Ich werde George und seine Stimme nie vergessen. Und auch nicht die Lektion, die er mir erteilt hat. Gott hört meine Stimme, wenn ich allein bin. Völlig unabhängig davon, wie meine Lebensumstände sind und wie ich mich gerade fühle. Gott hat ein Ohr für mich, was könnte mich glücklicher machen?“

„Christoph Zehendner schließt seine kleine Erinnerungsgeschichte mit den Worten: „Danke George! Egal, ob du dein Lied inzwischen im Himmel singst oder immer noch dort am Boden der Hütte. Deine Stimme und dein Lachen steigen von Zeit zu Zeit in meine Erinnerung und berühren mein Herz. Gott sei Dank für dich.“


Gott nahe zu sein ist mein Glück.“ Glück ist dabei eine tiefe Form von Geborgenheit, Freude und angenommen sein. Das ist mehr als das Glück eines wohlhabenden Lebens in Reichtum und Überfluss oder als das Glück im Spiel. Dieses Glück ist sehr zerbrechlich und vergeht oft sehr schnell.

Glück ist ebenso ein inflationärer Begriff wie Liebe. Alle reden davon. Es gibt inzwischen eine Glücksforschung, Glücksseminare und noch viel Glücksschrott, gerade in der Silvesternacht. Von Glückskeksen über Glückssymbole bis zu Glücksbringern. Alle suchen das große Glück. Sie suchen es in der Liebe, im Spiel, im Reichtum, im Luxus, im Extremsport. Alles, was unser Gehirn Glückshormone ausschütten lässt, verkauft sich gut.

Das ist aber eine andere Form des Glücks, als das Glück, von dem unsere Jahreslosung redet. Ein kurzer Gefühlsrausch, aus dem es meist schnell wieder auf den harten Boden der Realität geht. Solches Glück kann einen schnell wieder verlassen.

Das Glück von dem unsere Jahreslosung redet, hält an, geht tief und macht fröhlich. So war es bei George zu beobachten, bei dem behinderten Jungen in der armseligen Hütte. Die Rahmenbedingungen seines Lebens würden die meisten Menschen sicher nicht glücklich nennen. Und doch war ihm sein inneres Glück nicht zu nehmen. Er glaubte, ja er wusste, Gott ist bei mir. Er ist mir nahe. Er lässt mich nicht allein. Auch dann nicht, wenn ich von Menschen verlassen bin.

Schauen wir uns einmal an, aus welchem biblischen Umfeld diese Aussage stammt. Psalm 73, Vers 28. Ein Psalm Asafs. Dieser Asaf war ein begabter Junge, den König David etwa 1000 Jahre vor Christus im Jerusalemer Heiligtum als Sänger und Musiker eingesetzt hatte. Im 1. Chronikbuch erfahren wir außerdem über ihn, dass Asaf eine prophetische Gabe hatte und dass Gott durch ihn gesprochen hat.

Auch die äußeren Lebensumstände Asafs dürften nicht traumhaft gewesen sein. In der ersten Hälfte des 73. Psalms erzählt er dichterisch, dass er beinahe am Glauben irregeworden wäre. Er beobachtete um sich herum viele böse und gewissenlose Menschen, denen es offensichtlich gut zu gehen schien und die trotz ihrer Boshaftigkeit ihr Glück zu genießen schienen. Asaf beobachtet und beschreibt sie (Ps 73,4-7):

Ihr Leib ist gesund und wohlgenährt.
Sie kennen nicht die Mühsal der Sterblichen,
sie sind nicht geplagt wie andere Menschen.
Darum ist Hochmut ihr Halsschmuck,
wie ein Gewand umhüllt sie Gewalttat.
Sie sehen kaum aus den Augen vor Fett,
ihr Herz läuft über von bösen Plänen.
Sie höhnen und was sie sagen, ist schlecht;
Sie sind falsch und reden von oben herab.
Sie reißen ihr Maul bis zum Himmel auf
und lassen ihrer Zunge freien Lauf…

Das geht dann noch einige Zeilen so weiter. Asaf wird beinahe von seinen bitteren Erfahrungen überwältigt. Irgendwie ist er neidisch, aber gleichzeitig auch empört, dass Gott so viel Frechheit und Ungerechtigkeit nicht sofort straft. Er ist in Gefahr, wie wir manchmal auch, in Selbstmitleid zu verfallen oder bitter zu werden.

Aber solches Vergleichen zieht einen runter. Die, die sind so rücksichtslos, unehrlich, nützen andere aus und sie kommen durch damit, sie werden reich davon, setzen ihren Willen durch und genießen ihr Leben. – Und ich? Ich gebe mir Mühe, anständig zu leben, ehrlich zu sein, Gutes zu tun und dann ereilt mich immer wieder ein neuer Schicksalsschlag. Ich bleibe erfolglos, lebe nicht in einer glücklichen Beziehung, bin nicht so schön, nicht so klug, nicht so reich, nicht so angesehen, habe nicht so viele Freunde. Mir machen Schmerzen zu schaffen, mich drücken Schulden, erleide Schaden.

Mitten in seinen Vergleichen und seinen Klagen kommt die Wende in Asafs Psalm: (Vers 22) „Als es mir weh tat im Herzen und mich stach in meinen Nieren, da war ich ein Narr und wusste nichts. Ich war wie ein Tier vor dir.“ Oder in einer etwas moderneren Übersetzung: „Als ich verbittert war und mich vor Kummer verzehrte, da war ich dumm wie ein Stück Vieh.“ – Ja vielleicht wär so eine Erkenntnis manchmal angebracht: „Was bin ich doch für ein Rindvieh, wenn ich auf solche Leute neidisch bin und wenn ich mich so verbittern lasse. Das hab ich doch gar nicht nötig. Ich hab doch was ganz anderes. Ich hab doch den Reichtum, mein Gott, dass du bei mir bist, dass du mich lieb hast und mich mit deinem Frieden umgibst. Das ist doch viel mehr als aller Reichtum und Kick dieser Welt. Und das gilt auch, wenn es mir mal nicht so gut geht, wenn ich Schmerzen habe, Enttäuschungen erlebe oder Ungerechtigkeit erfahre. Trotzdem bin ich 1000 Mal besser dran als die Gottlosen.

(Psalm 73,23-28) Dennoch bleibe ich stets an dir, denn du hältst mich bei meiner rechten Hand; du leitest mich nach deinem Rat und nimmst mich am Ende mit Ehren an. Wenn ich nur dich habe, so frage ich nichts nach Himmel und Erde. Wenn mir gleich Leib und Seele verschmachtet, so bist du doch, Gott, allezeit meines Herzens Trost und mein Teil.

Und dann folgen die Worte unserer Jahreslosung, wie sie Martin Luther übersetzt hat: Das ist meine Freude, dass ich mich zu Gott halte und meine Zuversicht setze auf Gott, den Herrn, dass ich verkündige all dein Tun.

In Luthers Übersetzung wird noch deutlicher, dass wir auf das Glück des Glaubens nicht nur untätig warten können: Wenn es kommt, hab ich Glück, wenn nicht, dann eben nicht. Nein, ich darf auch etwas zu meinem Glück tun. Ich darf mich zu Gott halten, darf seine Nähe suchen, mich um Hilfe an ihn wenden. Jeder ist seines Glückes Schmied, heißt es.

Denken Sie an George! Der war nicht stumm auf seinem Kissen gelegen und hat gewartet, dass Gottes Glück über ihn kam, sondern er hat gesungen. Er hat Gott mit seiner schönen Stimme gelobt und gepriesen. Er hat mit seinem Lied seine Zuversicht auf Gott gesetzt und nicht über seine elende Situation geklagt.

Glück des Glaubens ist nicht der Zufall eines Schicksals, das es gut mit mir meint, sondern das Glück des Glaubenden hält sich an die Zusagen Gottes, lebt von seinem Wort, lässt nicht los, auch wenn es durch Tiefen geht. Trotzdem gilt: Das ist meine Freude, dass ich mich zu Gott halte und meine Zuversicht setze auf Gott, den Herrn. Wer das tut, bleibt nicht im Elend, sondern empfängt den Lohn seiner Zuversicht. Er wird nicht nur Glück und Geborgenheit erfahren, Gottes Frieden spüren, sondern immer wieder auch Hilfe von Gott bekommen und dann, wie es am Ende dieses Psalms heißt, davon auch erzählen, Anderen den Glauben bezeugen, seine guten Erfahrungen mit Gott nicht verstecken.

Ich hab in diesen Tagen eine ältere Frau besucht, die nach einem Schlaganfall im Rollstuhl sitzt, die eines ihrer zwei Kinder zu Grabe tragen musste und auch sonst manches Schwere erlebt hat. Sie ist aber trotzdem ein Mensch, der zufrieden ist, dankbar und jeden Tag mit Gott rechnet. Sie lacht, sie spielt, sie freut sich. Wie kann sie das? Sie setzt ihre Zuversicht auf Gott, den Herrn und sie spricht auch von dem Trost und der Hilfe, die sie im Glauben findet.

So dürfen wir es auch lernen, von Asaf, von George, von jener Frau und von unseren Vätern und Müttern im Glauben. Dann wird 2014 und jedes Jahr, das noch kommt vom tiefen Glück der Nähe Gottes erfüllt sein. Amen.

Verfasser: Martin Schöppel© , Dr.-Martin-Luther-Str.18, 95445 Bayreuth, Tel. 0921/41168