Gott kennt kein Ansehen der Person!
Zur PDF18. Sonntag nach Trinitatis 30.09.2018 Jak 2, 1-13
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen. Wir wollen in der Stille darum beten, dass der Herr diese Predigt an uns segnet. … Herr, wir bitten dich, gib deinen H. Geist zum Reden und zum Hören. Amen.
Unser Schriftwort für die Predigt heute ist aus dem 2. Kapitel des Jakobusbriefs:
Sehr direkt und deutlich spricht Jakobus vom praktischen Verhalten in der Gemeinde und im Leben der Christen. Dass er in seinem Brief als Anrede immer die lieben Brüder nennt hat nichts damit zu tun, dass er ein Frauenfeind wäre, sondern allein damit, dass die Gemeindeleiter damals nur Männer sein konnten. Vom Inhalt her sind die Frauen genauso angesprochen. Jakobus schreibt:
Liebe Brüder, wenn ihr wirklich an Jesus Christus glaubt, den Herrn aller Herrlichkeit, dann lasst euch nicht vom Rang und Ansehen der Menschen beeindrucken! Stellt euch einmal vor, in eure Gemeinde kommt ein vornehm gekleideter Mann mit dicken, goldenen Ringen an den Fingern. Zur selben Zeit kommt einer, der arm und schäbig gekleidet ist. Wie würdet ihr euch verhalten? Ihr würdet euch von dem Reichen beeindrucken lassen und ihm eilfertig anbieten: „Hier ist noch ein guter Platz für Sie!“ Aber zu dem Armen würdet ihr sicherlich sagen: „Bleib stehn oder setz Dich dahinten auf den Fußboden.“ – Dürft ihr als Christen solche Unterschiede machen? Dann wären doch menschliche Eitelkeit und Geltungssucht euer Maßstab! Hört mir einmal gut zu, liebe Brüder: Hat nicht Gott gerade die erwählt, die vor der Welt arm, aber im Glauben reich sind? Sie wird Gott in sein Reich aufnehmen, das er allen zugesagt hat, die ihn lieben. Wie töricht also von euch, dass ihr die Armen verachtet und geringschätzig behandelt. Habt ihr denn noch nicht gemerkt, dass es gerade die Reichen sind, die euch unterdrücken und vor die Gerichte schleppen? Wie oft sind gerade sie es, die Jesus Christus verhöhnen, den Namen, auf den ihr getauft seid. Lebt nach dem wichtigsten Gebot, das Gott uns gegeben hat: „Liebe deinen Mitmenschen wie dich selbst!“ Wenn ihr das in die Tat umsetzt, handelt ihr richtig. Beurteilt ihr dagegen Arme und Reiche nach unterschiedlichen Maßstäben, dann verstoßt ihr gegen Gottes Gebot und werdet schuldig. Es hilft dann nichts, wenn ihr alle anderen Gebote Gottes genau einhaltet. Wer nämlich auch nur gegen ein einziges seiner Gebote verstößt, der hat das ganze Gesetz übertreten. Denn Gott, der gesagt hat: „Du sollst nicht ehebrechen!“, der hat auch bestimmt: „Du sollst nicht töten!“ Wenn du nun zwar keine Ehe zerstörst, aber einen Menschen tötest, so hast du Gottes Gesetz übertreten und bist damit schuldig vor ihm. Maßstab eures Redens und Handelns soll das Gesetz Gottes sein, das euch zur Liebe verpflichtet und euch Freiheit schenkt. Danach werdet ihr einmal gerichtet. Ohne Gnade wird dann über den das Urteil gesprochen, der selbst kein Erbarmen gehabt hat. Wer aber barmherzig ist, braucht das Gericht nicht zu fürchten.
Hier geht es nicht um schwierige Glaubenslehren, sondern um ganz praktische Hinweise zu einem glaubwürdigen Leben als Christ. Das Thema dieses Sonntags sagt uns, dass es im christlichen Glauben um eine doppelte Liebe geht: Die Liebe zu Gott und die Liebe zum Nächsten. Also zu den Menschen mit denen wir leben und mit denen wir im Alltag zu tun haben.
Jakobus meint nun, dass wir als Christen grundsätzlich keine Unterschiede machen sollen. Wir sollen allen Menschen mit derselben Freundlichkeit, Ehrlichkeit, Achtung, Hilfsbereitschaft begegnen. Stellung, Alter, Geschlecht, Besitzverhältnisse, Herkunft, Hautfarbe und Bankkonto dürfen keine Rolle spielen, sonst wird unsere Beziehung zu Gott in Frage gestellt.
Ein ganz schön hoher Anspruch. Wer seine eigenen Kontakte mal kritisch daraufhin überdenkt, dem wird wahrscheinlich schon die eine oder andere Person einfallen, bei der es schwer fällt, liebevoll, geduldig und freundlich zu bleiben und das Anliegen das sie hat genauso ernst zu nehmen wie das eines einflussreichen Bekannten.
Als ich an dieser Predigt arbeitete, klingelte das Telefon und riss mich aus meinen Gedanken – ich war gerade auf der Suche nach lebensnahen Beispielen – . Es meldete sich ein alter Bekannter, der gelegentlich mal anruft und der ein nicht ganz einfacher Zeitgenosse ist. Oft sind seine Anliegen doch recht zeitaufwändig und etwas speziell. Ich dachte im ersten Moment: Ach, das hat mir gerade noch gefehlt, dass der jetzt anruft. Aber im selben Augenblick war dieses Anliegen des Jakobus da: Wenn mein Glaube echt ist, dann muss ich auch diesen Anrufer und sein Anliegen, auch wenn es mir gerade nicht passt, jetzt ernst nehmen. – Es war dann auch gar nicht schwierig und langwierig. Er wollte nur eine sinnvolle Anregung geben.
Manchmal fällt es mir auch schwer freundlich zu bleiben und den gebotenen Respekt aufzubringen, wenn es am Samstagabend um sieben oder am Sonntagmittag um eins am Pfarramt klingelt und ein Bettler draußen steht, der kaum deutsch spricht oder ein Nichtsesshafter, der eine Unterstützung haben möchte. Die kommen immer zu unmöglichen Zeiten und sind oft sehr hartnäckig. – Aber darf ich denen die Tür vor der Nase zuschlagen? Darf ich die mit leeren Händen wieder wegschicken? – Was würde Jesus tun? – Hat er sich nicht besonders den Armen zugewendet? Was sind wir denen schuldig, die nichts zurückgeben können? – Gar nichts, sagt die Welt. – Und Jesus, was sagt er? Ist es im Sinn Gottes, hart zu bleiben?
Identifiziert sich der Herr nicht gerade mit den „geringsten Brüdern und Schwestern (Matthäus 25,40)? Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan! So im Gleichnis vom Weltgericht. Jesus sagt nicht: Wenn da jemand was von dir will, dann erkundige dich erst einmal nach den Gründen, warum der arm ist, warum er keinen festen Wohnsitz hat, warum er so schäbig rumläuft. Sein oberstes Kriterium ist die Barmherzigkeit. Danach wird das Urteil ergehen, das betont auch Jakobus hier in seinem Brief.
Kein Ansehen der Person! – Nicht so, wie ich es mal in einem Kleinstädtchen in der Nähe einer früheren Gemeinde erlebt habe: Ich ging in das einzige Schreibwarengeschäft um mir einen neuen Stempel machen zu lassen. Als die Kunden vor mir bedient waren, widmete sich die Seniorchefin mir, etwas kühler, nicht so freundlich, wie zu den ihr bekannten Leuten, die sie gerade verabschiedet hatte: „Bitte!“ Ich brachte mein Anliegen vor, dass ich einen Stempel bräuchte. Sie griff nach Block und Stift: „Name!“, ich nannte meinen Namen. „Adresse!“, brav gab ich Auskunft. „Telefon!“, ich gab die Nummer an. „Sonst noch was?“, sie blickte mich streng durch ihre Brillengläser an. „Ja“, sagte ich, „unter den Namen müsste noch ´Pfarrer`.“ Kaum hatte ich das Wort Pfarrer ausgesprochen, veränderte sich ihr Gesichtsausdruck zum liebenswürdigsten Lächeln, das man sich vorstellen kann. Die alte Dame legte ihren Stift zur Seite, kam hinter dem Ladentisch vor und reichte mir freundlich die Hand: „Grüß Gott, Herr Pfarrer!“ Auf einmal war ich in ihren Augen wer. Nicht ein unbekannter Zufallskunde, sondern ein „Herr Pfarrer“:
Noch mehr als im privaten Bereich muss dieses „kein Ansehen der Person“ in einer christlichen Gemeinde gelten, meint Jakobus. Wenn vor Gott alle Menschen gleich sind, dann dürfen doch in einer Gemeinde unter Christen soziale Unterschiede keine Rolle spielen. Dann darf es keine „besseren“ und „schlechteren“ Plätze im Kirchenschiff oder im Gemeindesaal geben. – Die Reichen vorne, die Armen hinten.
Aber in der Kirche ist es ja ohnehin so, dass die meisten hinten sitzen wollen. – Woran das wohl liegt? – Bei uns stehen die besten Plätze vorne den Konfirmanden zu und den Kindergottesdienstkindern. Aber das hat doch wohl andere Gründe…
Worum geht es denn dem Jakobus? Worum geht es Jesus? Geht es nicht darum, dass kein echter Christ sich über einen anderen stellen soll. Dass niemand zurückgesetzt oder verachtet werden soll. Warum? Weil die Liebe des Heilands auch dem ärmsten Schlucker, dem größten Sünder, dem ärgsten Versager gilt. Haben es nicht gerade die am schwersten, die nichts haben, die keinen Respekt erfahren, denen niemand freundlich und mit Achtung begegnet?
Oder anders gefragt: Ist es wirklich unser Verdienst, wenn wir in geordneten Verhältnis aufgewachsen sind, eine gute Schulbildung und Berufsausbildung genossen haben? Können wir uns was einbilden auf unsere Gaben und Talente, auf die günstigen Umstände, die unsere Karriere gefördert oder erst möglich gemacht haben? War es unsere Leistung, ein Haus, einen gut gehenden Betrieb oder ein Vermögen geerbt zu haben? – War es nicht vielmehr unverdiente Gnade?
Jakobus warnt hier vor unbarmherziger Überheblichkeit. Ja er weist sogar darauf hin, dass Unbarmherzigkeit in jeder Form Gericht zur Folge hat. Jesus hat das mit einigen Gleichnissen unterstrichen: In dem vom reichen Mann und armen Lazarus (Luk 16,19-31): Der Arme lebt, um nicht verhungern zu müssen, von den Abfällen des Reichen. Um seine Krankheiten und um die unzureichenden hygienischen und medizinischen Verhältnisse, in denen er lebt, kümmert sich der Reiche nicht. Das ignoriert er unbarmherzig. Das bringt ihn am Ende seines Lebens in die Hölle, während der arme Lazarus in Abrahams Schoß für sein erbärmliches Leben entschädigt wird.
In dem Gleichnis vom „Schalksknecht“ (Matthäus 18,21-35) zeigt Jesus, dass einer, der die Vergebung, die er selber erfahren hat und nicht an andere weitergibt, seine alte Schuld wieder zurückbekommt. Da wird von einem König berichtet, der seinem unehrlichen Verwalter die immensen Schulden erlässt, weil er so bettelt. Der Verwalter aber, der mit denselben Worten um Geduld gebeten wird, bleibt anschließend ohne Erbarmen und lässt seinen Schuldner für eine geringe Summe einsperren.
Unbarmherzig mit anderen kann eigentlich nur umgehen, wer noch nicht gemerkt hat, wie groß die Barmherzigkeit Gottes über ihn selbst ist. So oft hab ich Gott vergessen, nicht gedankt, seinem Wort nicht gehorcht, gleichgültig in den Tag hinein gelebt, meine Talente nicht für andere eingesetzt, war stolz, überheblich, lieblos, unehrlich…, dann hab ich ihn um Vergebung gebeten, im Vaterunser, beim Abendmahl, im Gebet und er hat mir meine Schuld abgenommen. Er ist dafür ans Kreuz gegangen, hat sein Blut vergossen, sein Leben hingegeben, für mich.
Was für eine Liebe! Was für eine Barmherzigkeit! Was für eine Wertschätzung begegnet mir da! Wenn der heilige Gott, wenn der Herr aller Herren sich mir gegenüber so verhält, mit welchem Recht setze ich dann einen anderen zurück, verachte jemanden, grenze einen aus, weil er weniger ist oder hat oder scheint als ich?
Wer sich über andere erhebt, hat seine eigene Verlorenheit noch nicht erkannt. Wer aber seine Verlorenheit erkennt, dem wird die Liebe des Heilands so unendlich groß, dass sie aus seinem Herzen überfließt und sein Verhalten gegenüber anderen prägt, ob sie nun etwas sind vor der Welt oder nicht.
Jakobus redet in seinem Brief vom „Gesetz der Freiheit“. Was meint er damit? – Sicher nicht die Freiheit, in deren Namen Revolutionen alles umgestürzt und viel Blutvergießen angerichtet haben. Christliche Freiheit ist etwas völlig anderes. Freiheit zu der Christus durch Barmherzigkeit und Vergebung befreit, bewirkt, dass man bereit ist zu jedem Dienst, auch dann wenn er unter meiner Würde ist. Ich müsste nicht Stühle stellen, eine Jungschar leiten und mit Kindern ein Wochenende im Zelt verbringen. Ich könnte mir wahrlich was Besseres leisten, aber ich esse mit von dem Eintopf, dessen Erlös für eine gute Sache ist.
Wie steht es mit deiner christlichen Freiheit? Wozu macht dich die Liebe fähig, die du empfangen hast? Es hat mal jemand gesagt: Das vollkommene Gesetz der Freiheit ist das königliche Gesetz der Liebe. Nicht gequält und gezwungen, sondern fröhlich und gern. – Ob das ein Kuchen ist, den man für das Gemeindefest oder den Förderverein backt oder die halbe Stunde, die man sich Zeit nimmt, der Nachbarin geduldig zuzuhören oder dem schlichten Gemüt hilft, ein kompliziertes Formular auszufüllen.
Jakobus meint, man darf es nicht nur merken, nein, man muss es merken, dass wir als Christen anders sind als Zeitgenossen, die mit Jesus Christus nichts verbindet. Nur wenn wir einladende, mitfühlende, hilfsbereite Menschen sind, können wir auch einladende Gemeinde sein. – Ist da nicht doch noch viel mehr möglich als schon geschieht? Glocken kann man hören, Kirchtürme sind nicht zu übersehen, aber die Liebe Jesu und die Barmherzigkeit Gottes, die zu Jesus einlädt, kann man spüren. Sie bewirkt Großes und sie geht allein von unserem Verhalten aus.
Herr, ich danke dir für die Liebe und Barmherzigkeit, die du mir in meinem Leben schon erwiesen hast und täglich neu erweist. Und ich bitte dich, mach doch einen Menschen nach deinem Sinn aus mir. Schenk mir die Freiheit, nicht zuerst an mich selbst zu denken, sondern die zu sehen und denen zu helfen, die mich brauchen und die für die ich etwas tun kann.
Amen.
Verfasser: Martin Schöppel, Dr.-Martin-Luther-Str.18, 95445 Bayreuth, Tel.0921/41168